Von Dirk Hartmann
Die Friedensstadt Weißenberg ist für Johannes-Christen mehr als eine bloße Siedlung, sie ist Ausdruck des johannischen Glaubens, geprägt von Nächstenliebe und einem starken Gemeinschaftssinn. Und auch das „Technikgelände Ost“ – kurz „TGO“ –, ein Teilbereich der heutigen Friedensstadt, ist weitaus mehr als nur ein ehemals vom Militär benutztes und auch verschmutztes Stück Land.
Das TGO steht stellvertretend für die Verwandlung von Vergangenem in Zukünftiges, in einen Ort mit gemeinschaftlichem, friedlichem Leben. Wo früher sowjetische Fahrzeuge gewartet wurden, wird seit rund 15 Jahren – Schritt für Schritt – an dieser Vision gearbeitet, trotz aller bürokratischen und finanziellen Hürden, und dass dank des unermüdlichen Einsatzes Ehrenamtlicher – vor allem aus der Johannischen Jugend – und der Spendenbereitschaft vieler Johannes-Christen. Dieser Bericht blickt zurück auf das, was auf dem TGO geschafft wurde und was aktuell für die Zukunft geplant ist.
Doch gehen wir zunächst et was weiter zurück: Das Jahr 1994 ist für Kirchenmitglieder und Glaubensfreunde besonders bedeutend, da sie sich wenige Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands über die Rückgabe des Siedlungsgebiets der Friedensstadt freuen können. Zwischen 1920 und 1935 von Kirchengründer Joseph Weißenberg und seinen Anhängern erbaut und 1935 nach dem Kirchenverbot durch das Nazi-Regime beschlagnahmt, folgen in der DDR-Zeit über 40 Jahre der Nutzung durch die Rote Armee als Garnison. 1994 können Johannes-Christen die Friedensstadt dann wieder frei betreten und beginnen, sie zu entwickeln.
Ein Erbe aus der Militärzeit
Während der historische Kern der Friedensstadt durch das große Engagement der Geschwister zügig wieder auflebt, wartet ein angrenzendes Areal noch auf seine Bestimmung: Ursprünglich gehört das heute TGO genannte Gelände nicht zur Siedlung und somit auch nicht zu den 1994 zurückgegebenen Flächen. Die Rote Armee nutzt das Areal zur Wartung und Reparatur für Panzer und Fahrzeuge, und als die sowjetischen Truppen abziehen, bleibt eine verwahrloste Industriebrache zurück. Die Johanni- sche Kirche hat jedoch ein Vorkaufsrecht und ist bereits für die Verkehrssicherung des Geländes zuständig.
Ende der 1990er-Jahre deklariert das Land Brandenburg neben vielen Siedlungsflächen auch einen Großteil des TGO-Areals als Landschaftsschutzgebiet „Nuthetal-Beelitzer Sander“. Nur noch ein schmaler Streifen im Norden angrenzend an die Blankenseer Chaussee darf zukünftig als Bauland dienen.
2008 bis 2012: Der Aufbruch und der „symbolische Euro“
Mit der Absicht das Vorkaufsrecht auf das TGO zeitnah in Anspruch zu nehmen, startet die Kirche bereits vor der offiziellen Bekanntmachung mit ersten Aufräumarbeiten auf dem Gelände. Die gezielte Entwicklung beginnt dann Ende 2009.
Kirchenoberhaupt Josephine Müller sowie die Vorstände der Johannischen Kirche und des Johannischen Sozialwerks beschließen am 26. Oktober 2009 die Kaufoption für das Technikgelände Ost wahrzunehmen und das Grundstück vom Land Brandenburg zu erwerben. In den folgenden jahrelangen Verhandlungen werden folgende Vertragsinhalte vereinbart: Der Kaufpreis beträgt ein Euro, und die Kirche verpflichtet sich, fast alle Flächen mit Gebäuden und Bauwerken innerhalb von zehn Jahren zu beräumen. Der Wert der Beräumung wird durch Angebotseinholung auf rund 600.000 Euro geschätzt und umfasst auch notwendige Firmenkosten und Sicherheitsbeiträge für noch nicht erkannte Schäden. Abrissarbeiten sollen auch als Eigenleistungen erbracht werden können.
Beim Reformationstreffen der Jugend im Jahr 2009 bittet Schwester Josephine die Jugendlichen persönlich, sich für dieses Projekt zu engagieren und mitzuhelfen, das kontaminierte Gebiet wieder gesunden zu lassen, da es vor allem die zukünftige Generation betrifft. Sie beschreibt der Jugend, dass auch das Berliner St.-Michaels-Heim durch Spenden finanziert wurde, indem die Geschwister von Kirchenoberhaupt Frieda Müller angehalten wurden, zum Beispiel auf eine Packung Zigaretten in der Woche zu verzichten, um das damit eingesparte Geld zum Wohle des Werkes mit einfließen zu lassen.
In den Jahren 2010 bis 2012 folgen dann gezielte Aufräumarbeiten, um das Gelände von jahrzehntelangem Unrat zu befreien: Schutthaufen werden beseitigt und baufällige Gebäude für den Abriss vorbereitet.
Im März 2012 erwirbt die Kirche das TGO offiziell durch den unterschriebenen Kaufvertrag und wird durch die Eintragung in die Grundbücher Eigentümerin. Ein weiterer Vertragsinhalt ist, dass den Gebäuden auf dem Gelände einzelne Abbruchkostenschätzungen zugeordnet werden. Sollte die Kirche bestimmte Gebäude in diesem Zeitraum nicht beräumen, so muss sie die zugeordneten Ab- bruchkosten an das Land Brandenburg dann als nachträglichen Kaufpreis entrichten. Mit dieser Vereinbarung liegt die Verantwortung für die Gestaltung des Geländes nun vollständig in den Händen der Johannischen Kirche.
2014 bis 2016: Spiel-, Sport- und Erholungsanlage geplant – Beräumung schreitet voran
Zwischen 2014 und 2016 entwickeln Planer unter Einbeziehung der Johannischen Jugend ein städtebauliches Konzept, das das TGO in einen Ort der Begegnung verwandeln soll. Geplant sind einen Informationspunkt mit Fahrradverleihstation, ein weitläufiges Parkgelände mit Naturlehrpfad sowie Sportflächen inklusive Umkleiden und Duschen. Für die Kleinen soll ein Abenteuerspielplatz unter anderem mit Spielburg und Rutsche entstehen.
Doch die Planung stößt auf eine rechtliche Hürde, da das Gelände sich ja seit geraumer Zeit in einem Landschaftsschutzgebiet (LSG) befindet, obwohl es jahrzehntelang eine Militärbrache war. 2015 stellt die Stadt Trebbin im Auftrag der Johannischen Kirche beim Land Brandenburg den Antrag, die Fläche aus dem LSG auszugliedern. Zwar signalisiert das zuständige Ministerium 2016 prinzipielle Zustimmung, mahnt aber umfassende Prüfungen an. Schnell wird klar: Auch bei einer Ausgliederung bleiben die strengen gesetzlichen Naturschutzvorgaben zum Ausgleich von Eingriffen in die Landschaft bestehen.
Die Aufräumarbeiten gehen in den Jahren hingegen stetig voran. Durch Spendengelder, den Verkauf von verwertbaren Materialien auf dem Gelände und durch die Pachteinnahmen der Fotovoltaikanlage auf dem Technikgelände West können anstehende Kosten für die Entsorgung von Müll und kontaminierten Materialien beglichen werden. Auch die Johannische Jugend beteiligt sich am Spendensammeln durch Aktionen unter dem Motto „TGO soll grüner werden“, „TGO sucht Helfer und Co“, und mit dem Verkauf eines Kalenders oder Benefizkonzerten des Jugendchores.
Ein Höhepunkt findet am 8. August 2014 statt: Rund 700 Menschen sind dabei, als die zwei Türme der auf dem TGO befindlichen Heizwerke mit Hilfe von rund neun Kilo Sprengstoff planmäßig gefällt werden. Das Besondere an der Veranstaltung ist, dass die Knopfdrücke für die Sprengungen von der Jugend verlost werden. So können weitere 25.000 Euro für die Beräumung eingesammelt werden.
Durchgehend wird bei regelmäßigen Arbeitseinsätzen auf dem TGO – darunter auch auf Zeltlagern und bei Osterseminaren der Jugend – wertvolle ehrenamtliche Arbeit geleistet. Das Frühjahr und der Sommer 2014 werden vielen in Erinnerung bleiben, da die meisten Militärgebäude in dieser Zeit abgebrochen und entsorgt werden können. Auch die vielen unterirdischen Überraschungen – kleine Bunker, Keller, Gänge, Müll, Übungsmunition oder Heizleitungen – werden geborgen und sachgerecht der Entsorgung zugeführt. Im Jahr 2016 können große Mengen von Asbestplatten, die vorher für diverse Hallen als Dachhaut dienten, fachgerecht entsorgt werden.
2017 bis 2021: Ökologische Herausforderungen
Biotop-Kartierungen und Grünordnungspläne bringen zutage, dass das Gelände Lebensraum für seltene Arten ist und wertvollen Sandtrockenrasen beherbergt. Das Umweltministerium und die Untere Naturschutzbehörde Brandenburg (UNB) machen deswegen strenge Auflagen, die die Johannische Kirche beim Fortschreiten der ursprünglichen Bebauungspläne geschätzte 600.000 Euro kosten würde; eine Summe, die die Kirche nicht investieren kann.
Vorbereitende Arbeiten in den Jahren 2017 und 2018 ermöglichen, dass 2019 eine aufstehende Lagerhalle, Fundamente und diverse befestigte Wege abgerissen und entsorgt werden konnten. Auch bei diesem Abrissvorhaben werden unterirdische „Überraschungen“ entsorgt.
2023: Ein neuer Weg und ein Hoffnungsschimmer
Kurz vor der Kirchentagswoche im August 2023 können die letzten Aufräumarbeiten in Form des Abrisses eines letzten Lagergebäudeteils und des Rückbaus von Betonwegen auf dem TGO abgeschlossen, die vertraglichen Pflichten erfüllt und somit ein wichtiges Teilziel für das Gelände erreicht werden. Weil die Corona-Pandemie die Entsorgungsarbeiten etwas eingeschränkt hatte, kann mit dem Land Brandenburg ein zeitlicher Aufschub für die Fertigstellung vereinbart werden. So wird nicht schon nach zehn Jahren 2022, sondern erst 2023 gefeiert.
Am 24. August, dem Geburtstag Joseph Weißenbergs, lädt die Johannische Kirche dann alle, die das Projekt über zehn Jahre lang durch tatkräftige Mitarbeit, finanzielle Hilfe, Gebete und gute Gedanken unterstützt haben, zu einem Fest mit Musik, Speis und Trank auf das TGO ein. Auch politische Entscheidungsträger der Region sind vor Ort und feiern mit. In ihrer Ansprache drücken Daniel Stolpe und Stefan Tzschentke von der Kirchenleitung noch einmal persönlich ihren Dank an alle Beteiligten für das jahrelange Engagement aus. Ein besonderer Dank geht an alle, die sich bereits ganz zu Beginn des TGO-Projekts angenommen und die Arbeiten begonnen hatten.
Ein Vor-Ort-Termin im November 2023 mit der Unteren Naturschutzbehörde bringt einen Hoffnungsschimmer für die Planungen zur zukünftigen Nutzung: Statt eines starren Bebauungsplans könnte das Gelände eventuell schrittweise über Einzelbauanträge entwickelt werden. Dieser Kompromiss würde es der Johannischen Kirche erlauben, die ökologischen Auflagen in einem handhabbaren Rahmen zu halten und dennoch nach und nach neue Angebote für Sport, Spiel und Naturerlebnisse auf dem TGO zu schaffen.
Ausblick und Schlusswort: Mit Geduld und festem Glauben ans Ziel
Noch ist auf dem Technikgelände Ost Geduld gefragt. Die bürokratischen Hürden sind weiterhin hoch, und der finanzielle Spielraum bleibt eine Herausforderung.
Im Rahmen der Kirchentagswoche 2025 wendet sich die Kirchenleitung an die Johannische Jugend und bittet um Unterstützung. Die Entwicklung auf dem TGO soll wieder stärker durch ehrenamtliche Arbeit gefördert werden, wenn auch kleinteiliger als einmal geplant. Im laufenden Kirchenjahr gibt es nun zwei Schwerpunkte, die als Ziel formuliert sind: die Begrünung durch Baumsetzlinge und der Beginn des Neubaus eines Spielplatzes.
Johannes-Christen wissen aus Erfahrung, dass Entwicklungen auch einmal etwas länger dauern können. Schon unser Meister Joseph Weißenberg sagte zu Schwester Friedchen in Bezug auf die Friedenstadt: „Lass dir die Zeit nicht lang werden.“ Auf dem Technikgelände Ost wurde für jeden sichtbar in den letzten Jahren sehr viel erreicht, und Schritt für Schritt wird nun ganz sicher etwas Neues auf diesem Gelände entstehen.