Geistliche Texte

Wir stellen hier in regelmäßigen Abständen eine Auswahl an kirchlichen und geistlichen Texten, die in unser Kirchenzeitung Weg und Ziel erschienen sind, zur Verfügung.

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2023

Aus dem Glauben an Gott handeln – Ohne unseren Schöpfer können wir die akuellen Probleme nicht bewältigen

Von Friedhard Werner

Großes hat der liebe Gott mit unserer Erde und mit uns Menschen vor, schon immer und immer noch, doch wie viel nehmen wir davon wahr? Vielleicht hilft es, immer mal die Sicht zu wechseln oder, wie es umgangssprachlich heißt, die Dinge mit anderen Augen zu sehen, um davon etwas mehr zu erfahren.

In unserer modernen Zeit sehen wir hin und wieder Bilder aus dem Weltall mit dem Blick auf unsere Erde, den faszinierenden blauen Planeten. Ein Blick, den wir sonst nicht haben und der uns herausnehmen kann aus dem alltäglichen Geschehen, in das wir Menschen sonst gestellt sind, und uns zeigen kann, wie wunderbar die Schöpfung auch ohne uns Menschen funktionieren würde. Aus der Ferne sieht vieles zwar gut aus, das hilft jedoch nicht, unsere Aufgaben zu lösen.

Gerade ist wieder ein Kalenderjahr vergangen, in dem unser Erdball einmal die Sonne umkreist hat. Ein Jahreswechsel ist auch Anlass, die Gelegenheit zu finden für andere Sichtweisen. Wir sehen unser kurzes Erdendasein im Verhältnis zu den Millionen Jahren, die es unsere Erde schon gibt. Wir sehen die gewaltigen Veränderungen, die wir Menschen an diesem Erdball in den wenigen zurückliegenden Jahrzehnten vorgenommen haben, die großen Einfluss auf die Zukunft haben werden für die Menschen, die nach uns noch diese Erde betreten.

Die Ressourcen, die Schätze, die in Millionen von Jahren gewachsen sind, haben wir in einem Jahrhundert zu großen Teilen aufgebraucht. Jetzt, wo die Vorräte knapper werden und die Folgen immer sichtbarer, kommt es zu Rettungsversuchen, wie wir sie gegenwärtig erleben. Doch glauben wir wirklich, so wie wir Menschen derzeit miteinander und mit der Erde umgehen, dass wir den schlimmen Folgen des Klimawandels entgehen? Wir wissen nicht, ob es gelingen wird, dass Energievorräte bleiben und im großen Umfang Alternativen erschlossen werden, die dann eine positive Auswirkung auf unsere Erde haben. Gegenwärtig geben die politischen Verhältnisse Anlass zur Skepsis, und wenn wir erleben, wie das Miteinander der Menschen benachbarter Nationen derzeit gestört ist, lässt das Hoffnungen eher schwinden. Aber auch hier kann eine andere Sichtweise wieder Zuversicht schenken: die geistige Sichtweise auf die Dinge, die uns umgeben.

Es geht bei all den Auseinandersetzungen auch um unser Verhältnis zu Gott. Wir können ohne Gott und den Glauben an unseren Schöpfer nicht aus eigener Kraft die Dinge in den Griff bekommen. Darum ist es bedeutsam, wenn wir aus dem Glauben an Gott handeln und unsere Verantwortung für unser Leben und das Miteinander unter uns auch aus diesem Glauben wahrnehmen. Gott können wir um seinen Segen für unser Tagewerk bitten oder um den Segen für ein ganzes Jahr. Ohne diesen Glauben können wir leicht dem Irrtum verfallen, es wäre alles unser Verdienst oder unsere Klugheit. Wir selbst können nichts segnen. Ohne Gott können wir zu falschem Stolz geführt werden. Egoistisches Denken kann Einzug halten, das anderen zu imponieren sucht. Dabei verstreicht unsere Lebenszeit.

Von den Gottgesandten sind wir immer wieder darauf hingewiesen worden, auf den Segen für unser Tun zu achten. Wenn dieser uns geschenkt wird, ist auch das ein Beitrag, der sich auf unsere geistige Umgebung sowie unsere irdische Umgebung und damit die Schöpfung positiv auswirkt. Daher ist es immer gut, all das Schöne in der Schöpfung nicht nur zu bewundern, sondern auch dem Schöpfer selbst Ehre zu geben und den Geschöpfen und irdischen Gütern Achtung zu schenken.

Die Jahreslosung 2023 zitiert erstmals das Wort einer Frau: „Du bist ein Gott, der mich sieht“

Von Siegrun Mauske

Im 1.Buch Mose finden wir dieses Wort: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“

Es wird am Anfang der Bibel das Leben von Menschen erzählt, die Geschichte von Abraham und Sara, die Erwartungen haben, die glauben und zweifeln und dergleichen mehr. Abraham und Sara stammen aus Ur in Mesopotamien, dem heutigen Irak. Auf Gottes Zusage hin wagen sie den Aufbruch in ein fremdes Land: „Und der Herr sprach zu Abraham: Gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und sollst ein Segen sein.“

Da steht Gottes Versprechen und dann jene Tatsache: „Aber Sara war unfruchtbar und hatte kein Kind.“ Steht Gott zu seinem Wort, muss gewartet und gehofft werden oder muss eine Lösung gesucht werden? Seit Abraham und Sara als Fremdlinge in Kanaan wohnen sind zehn Jahre vergangen, und sie haben eine ägyptische Magd, Hagar. Sara erhofft sich von ihr das Ende des Wartens und will Gott so auf die Sprünge helfen. Sara schickt ihren Mann zu Hagar, um so eventuell einen Sohn zu bekommen. Die Idee Saras ist verständlich und auch verachtenswert und Abrahams Gehorsam befremdlich? Die Magd als Leihmutter ist wiederum nicht unüblich. Wird das Kind der Leihmagd auf dem Schoß der Herrin geboren, wird es als vollberechtigtes Glied der Familie anerkannt. Hagar wird schwanger.

Ein Wendepunkt, der nachwirkt. Wie oft werden Entscheidungen nicht nur für uns selbst, sondern mit weitreichenden Folgen auch für andere gefällt?!

Hagar als Magd – eine Geflüchtete, eine Fremde, sonst nur demütig und gehorsam, lässt aber nunmehr ihrer Herrin gegenüber ihre besondere Position spüren. Das eskaliert, gegenseitige Demütigungen sind an der Tagesordnung. Bevor ihre Herrin Maßnahmen gegen sie ergreift, flieht die Schwangere in die Wüste. Erschöpft, allein, verzweifelt lässt sie sich an einer Wasserquelle zu Boden fallen. Leise nähert sich ein Engel: „Der sprach zu ihr: Hagar, Saras Magd, wo kommst du her, und wo willst du hin? Sie sprach: Ich bin von meiner Frau Sara geflohen.“ Hier passiert Unglaubliches im Leben von Hagar. Sie wird von Gott durch seinen Boten mit ihrem Namen angesprochen, wird gefragt, wahrgenommen und bekommt so ihre Würde zurück. Bisher hatte sie nur zu gehorchen.

„Wo kommst du her, und wo willst du hin?“, allein dieser Frage sollte sich jeder einmal stellen, auch wenn er nicht am „Boden liegt“.

Hagars kurze Antwort zeigt, in welcher Misere sie steckt. Der Engel schickt sie dennoch zurück, damit ihr Sohn, den sie Ismael heißen soll, als legitimer Sohn Abrahams anerkannt werden kann, und ihnen wird Segen verheißen. In der Begegnung mit dem Boten Gottes erfährt sie Gott selbst und kommt zu der Erkenntnis: „Und sie hieß den Namen des Herrn, der mit ihr redete: Du Gott siehest mich [Du bist ein Gott, der mich sieht].“ Sie fasst wieder Mut und fühlt sich unter Gottes Schutz. Diese Erkenntnis richtet sie auf und verwandelt sie von der Dienerin Saras zur von Gott angesehenen und gesegneten Hagar. Gott sieht sie nicht nur, sondern hat sie auch erhört und ihr Elend in Segen verwandelt. Und damit sie das nie vergisst, soll das Kind Ismael heißen, den der Name bedeutet genau das: Gott hört.

Sie kehrt zurück: „Und Hagar gebar Abraham einen Sohn; und Abraham hieß den Sohn, den ihm Hagar gebar, Ismael.“

Endlich trifft auch das längst Versprochene und bisher vergeblich Erhoffte ein: „Und der Herr suchte heim Sara, wie er geredet hatte, und tat mit ihr, wie er geredet hatte. Und Sara ward schwanger und gebar Abraham einen Sohn in seinem Alter um die Zeit, von der ihm Gott geredet hatte. Und Abraham hieß seinen Sohn, der ihm geboren war, Isaak, den ihm Sara gebar.“ Gott ist treu, auch das lehrt diese Geschichte.

In der Summe erfahren wir wie so oft im Leben: „Immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Gott erbarmt sich der Schwachen, sieht, erhört dich und ist da, er ist treu.

Eine Frau in der Wüste: verstoßen, schutzlos, orientierungslos, verdurstend. Das Ich wird klein, alle Hoffnungen, Wünsche schwinden. Hier kann Gott eingreifen, weil wir so aufnahmefähig sind und Neues auch zulassen. Hier beginnt alles bei Null.

„Du bist ein Gott, der mich sieht“, ist ihre Stärkung, ein Moment, der die Seele erreicht und den neuen Menschen gebiert.

Zum neuen Jahr: Mit Zuversicht – Gemeinsam die Welt etwas besser machen

Von Rainer Gerhardt

Wer den Jahreswechsel vom Gebet begleitet und mit dem Bild einer noch weihnachtlich geschmückten Kirche vor Augen oder im Herzen hatte, durfte oftmals ein warmes Gefühl verspüren, das man mit liebevoller Zuversicht umschreiben kann. Obwohl es ja nur von einer Sekunde zur anderen geht, ist solch ein Jahreswechsel mit verschiedenen Emotionen, Erinnerungen oder Erwartungen verbunden: Was wird kommen, was wird bleiben, was soll werden?

Das Licht der Weihnachtszeit, diese zwölf Tage und Nächte vom 25. Dezember bis zum 6. Januar, das den Jahreswechsel begleitet, ist ein so anderes Licht als das kunterbunte Feuerwerk, mit dem viele gern das neue Jahr begrüßen. Das Weihnachtslicht macht vieles in unserem Leben deutlich: das, was wir gern sehen, aber auch das andere. Doch es ist nicht nur hell, sondern es ist auch warm, und mit dieser Wärme können wir eigene Herzenskälte angehen, und von dieser Wärme können wir anderen abgeben, die innerlich oder äußerlich frieren.

Lichtvoll und voller Herzenswärme waren auch die Worte des Geistfreundes am Silvesterabend im Berliner St.-Michaels-Heim, und auch sie lassen sich mit dem Wort „Zuversicht“ umschreiben. Dazu gehört die Aufforderung, das Neue nicht zu fürchten, sondern sich auf Ereignisse und Menschen einzulassen, sich auf Begegnungen zu freuen und sie auch zu suchen.

Von geistiger Seite wird auch immer wieder die kirchliche Gemeinschaft als unser aller Kraftquelle angesprochen, und jeder Einzelne kann in sich beleuchten, was diese Gemeinschaft für ihn oder sie bedeutet. Drei Jahre der Pandemie haben uns gerade in puncto Gemeinschaft vieles vermissen lassen. Es ist unsere Zuversicht, dass im neuen Jahr 2023 viele äußere Beschränkungen aufgehoben werden, und so ist es an uns zu schauen, welche inneren Beschränkungen vorhanden sind.

Gemeinschaft ist nicht mit einem Hundertmetersprint zu vergleichen, sondern mit einem Marathonlauf. Es geht nicht um den kurzzeitigen hohen Energieeinsatz, der uns hinterher atemlos zurücklässt, sondern um das kontinuierliche Dabeisein und Durchhalten. Für die Gemeinschaft und für den Sport gilt: Wir müssen uns warm machen, erwärmen, damit nicht unsere irdischen und geistigen Muskeln reißen. Das Ziel müssen wir im Herzen und vor Augen haben, sonst wird unsere Kraftanstrengung orientierungslos und verpufft. Im Gegensatz zum Laufsport ist Gemeinschaft aber kein Einzelkampf, sondern ein Mannschaftsspiel: Alle sind wichtig, die Unterschiedlichkeit bereichert, und nur gemeinsam geht es vorwärts.

Zuversicht heißt im Angesicht des Unbekannten nicht, dass alles rosarot wird und das Dunkle ausbleibt. Zuversicht bedeutet, dass uns Gott im Dunklen nicht allein lässt: Er ist bei uns und schickt uns Engel und Menschen in unser Leben. Er schickt voller Zuversicht aber auch uns selbst in diese Welt, um mit vielen Gleichgesinnten daran zu arbeiten, dass sie besser wird.

Eine große Zuversicht vermitteln uns auch die Worte des 23. Psalms, und sie können gerade im vor uns liegenden Jahr 2023 unseren Weg erleuchten:

„Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele; er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“

2022

Zum Heiligabend: Sein Friede sei mit euch – Der Herr kommt in einfacher Gestalt auf uns zu

Von Claudia Brunner

In einer Geistfreundrede zur Weihnachtszeit heißt es:

„Sein Friede sei mit euch und mit all denen, die noch auf dem Weg sind, noch im Kampf sind, frei zu werden für die Weihnacht.“ Und an anderer Stelle heißt es: „Alle Jahre wieder durch die gleichen Kämpfe! Der Herr kommt so oder so: Ob ihr nun bereit seid oder nicht.“

Das Weihnachtsfest steht kurz bevor, und die Zeit der Vorbereitung, des Advents, liegt hinter uns. Wie in jedem Jahr geht es wieder darum, trotz der vorweihnachtlichen Hektik in sich zur Stille zu finden und Raum zu schaffen für das Licht, das zu uns kommen möchte. Auch ich bin durch diese Wochen geeilt und habe versucht, alles zu schaffen. Es fühlte sich wie ein Countdown an. Mitten in dieser hektischen Zeit habe ich ein Erlebnis geschenkt bekommen, von dem ich berichten möchte:

Ein älterer Herr erzählte mir von seinen Erlebnissen, die er als Kind zur Weihnachtszeit gehabt hatte. Sein Vater war Schulrektor einer kleinen Grundschule im Hochschwarzwald. Sie lebten ganz abgeschieden im großen Schulgebäude hoch auf dem Berg. Der untere Gebäudeteil diente der vierköpfigen Familie als Wohnung, der obere Teil war die Schule. In dem Wohnbereich gab es nur zwei Öfen, die zum Heizen genutzt wurden. Einer davon stand in der Küche und der andere im sogenannten Weihnachtszimmer. Zum Einschlafen bekamen die kleinen Jungen ein in Zeitung eingewickeltes Brikett, das sie sich an die Füße legen konnten.

Näherte sich nun das Fest des Heiligen Abends, wurde es geheimnisvoll im Haus. Der sonst nie genutzte Raum war plötzlich hell erleuchtet und die Vorbereitungen voll im Gange. Die Vorfreude der Kinder wuchs mit jeder Stunde. Rascheln zog durch die Gänge, gute Gerüche zogen durch die Flure, und manchmal fand sich sogar eine Nuss oder ein roter Apfel vor dem verschlossenen Weihnachtszimmer.

Endlich war es soweit: Der Heilige Abend war da! Eine unbeschreibliche, einzigartige Freude und Wärme stieg in den Jungen auf. Aber zunächst musste die Familie in das Dorf, in das Tal gelangen, um zur Christmette in die Kirche gehen zu können. Um dorthin zu kommen, mussten sie zunächst fast zwei Stunden auf Skiern fahren und dann noch eine Weile zu Fuß gehen. Die kleine, weiße Kirche war hell erleuchtet und strahlte weit in die wunderschöne Schneelandschaft. Sie war bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Gottesdienst dauerte für die Kinder endlos lange. Es wurde gebetet und gesungen, die Kinder schauten in die vielen Kerzen und die rotbackigen Gesichter der anderen Dorfkinder. Nach der Andacht musste die Familie den weiten Weg zurück wandern, mit den Skiern auf dem Rücken.

Dann endlich – das Weihnachtszimmer wurde geöffnet: ein großer strahlender Baum mit bunten Holzkugeln, die handgeschnitzte Krippe und das tiefe Empfinden der Heiligkeit und Glückseligkeit. Gekaufte Geschenke gab es keine, vielleicht selbstgebasteltes Holzspielzeug. Den ganzen Abend wurde gesungen, gelacht und gut gespeist…

Soweit diese Erzählung. Ich bin ganz ruhig geworden und dachte an die oben zitierte Geistfreundrede, in welcher es auch heißt:

„Je weniger ihr Äußerliches tut, um zum Fest zu kommen, desto näher kommt es in euch. Die Ärmsten der Armen, die nichts weiter haben als ihre Gemeinschaft, sie erleben Weihnachten noch am ehesten.“

Weiter heißt es in der Geistfreundrede: „Der Herr kommt in einfacher Gestalt, und er stellt sich wieder vor einen jeden von euch hin. Und seinem Blick standzuhalten in dem Augenblick der Begegnung ist entscheidend dafür, wie viel Liebeskraft ihr aufnehmen könnt. … Es wird wieder klar um euch und die Wärme der Heimat erfüllt euch, und ihr könnt endlich wieder von euch sagen: Es ist Weihnacht geworden, der Herr hat mich erreicht, mich und die Meinen.“

Versuchen wir also, das Wesentliche des Weihnachtsfestes zu erfassen, in dem wir Stille in uns schaffen und dem Weihnachtslicht Raum geben. Jesus ist in einfacher Gestalt in einem Stall geboren worden – verletzlich und doch in der Allgewalt Gottes. Je ruhiger wir in uns werden und je weniger wir an den Äußerlichkeiten arbeiten, desto mehr können Friede und Liebeskraft in uns einziehen. Dieser Friede soll von uns in die dunkle Welt strahlen und sie ein Stück heller und liebevoller werden lassen.

Was schenken wir? – Dem Heiland eine Freude machen

Von Rainer Gerhardt

Geschenke – viele von uns machen sich zum bevorstehenden Weihnachtsfest Gedanken über eine Liebesgabe für den Partner, die Kinder, Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde. Aber was ist mit dem, dessen Geburtstag der Anlass dieses Festes ist? Was schenken wir Jesus Christus, unserem Heiland?

Im Matthäus-Evangelium lesen wir, dass die drei Weisen dem Jesuskind Weihrauch, Myrrhe und Gold brachten. Diese kostbaren Geschenke sind auch als Symbole zu verstehen.

Gold steht für das Bekenntnis, dass der Neugeborene ein König ist. Weihrauch steht für seine herausragende Bedeutung als Sohn Gottes. Und Myrrhe ist das Symbol dafür, dass das Kind als Erwachsener am Kreuz sterben wird.

Nach seiner Geburt mussten Jesus und seine Eltern vor den Todesschwadronen des Herodes nach Ägypten fliehen, die kostbaren Geschenke werden ihre Flucht und ihren Start in der Fremde erleichtert haben.
Was schenken wir dem Jesuskind?

Es müssen nicht Weihrauch, Myrrhe und Gold sein, aber es darf schon etwas Wertvolles sein: unsere Zeit, unsere Geduld, unser Zuhören und unsere Solidarität. Der Wert eines Geschenks misst sich nicht allein im Materiellen. Angesichts der Millionen Kinder und Familien und anderer, die auch heute fliehen müssen, könnten wir ihnen – im Gedenken an die Flucht Christi – mit einer Spende, mit einem herzlichen und nachhaltigen Willkommen, mit guten Gedanken und Gebeten helfen.

Wir könnten uns mit Achtung jenen zuwenden, die von uns, von unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt werden, weil wir sie als ungebildet, ungehobelt, unangenehm einstufen, denn es waren die Hirten, die damals ebenfalls als ungebildet, ungehobelt und unangenehm empfunden wurden, denen als Erste die frohe Botschaft der Geburt Christi kundgetan wurde.

Wir könnten nicht nur, wir können!

Die Bibel sagt nichts darüber aus, ob die Hirten dem Heiland Geschenke mitgebracht haben, doch es gibt viele schöne Geschichten, die davon erzählen, wie diese: Ein kleiner Hirte schläft tief und fest. Er bemerkt nicht, dass die Engel auf dem Feld die frohe Botschaft verkünden, er hört nicht, dass die anderen Hirten aufbrechen, um das Kind im Stall zu suchen. Als er aufwacht, ist er allein. Mit seinem Esel macht er sich auf die Suche nach den anderen Hirten. Schließlich findet auch er das kleine Jesuskind. Doch er hat kein Geschenk wie die anderen Hirten. Traut er sich, das zu verschenken, was ihm am meisten bedeutet? – Diese Frage wird auch an uns gerichtet.

Was schenken wir dem Jesuskind?

Wenn wir – gerade jetzt in dieser Adventszeit – unsere Sinne, unsere Herzen, unsere Hände öffnen für unseren Mitmenschen, für unseren Nächsten und liebevoll teilen, was wir haben, was uns sogar lieb und teuer ist, dann sind das Geschenke, über die sich der Heiland freut.

Und was bekommen wir?

In unser geöffnetes Herz können das Licht und die Liebe des Heilands einziehen und uns Kraft, Mut und Zuversicht in dunklen Zeiten geben. Das ist ein großartiges Geschenk!

Adventswege sind Herzenswege – Zur Ruhe kommen

Von Siegrun Mauske

Wieder will uns die stille Zeit Advent aufnehmen und jedem Einzelnen sagen: Schließe dich innerlich an; komm, wir gehen nach Bethlehem! Da steht die Bitte: „Komm, o mein Heiland, auch zu mir, geöffnet ist des Herzens Tür.“ Stille schenkt es, tief im Innern erreicht und bewegt zu werden; denn Adventswege sind Herzenswege.

Hier will Gott mit uns sprechen. Da werden wir dann selbst mit Dingen berührt, die uns umtreiben, die nach Veränderung, Erneuerung rufen, da Gedanken, Gefühle, Lebenshaltungen angesprochen werden. Denen gilt es, sich zu stellen. Dieser innere Hausputz ist sicher nötig, um den Segen, den Frieden, der mit dieser Zeit in besonderer Weise geschenkt wird, auch aufnehmen zu können. Die Fragen bleiben: Wie empfange ich Gott, wo stehe ich, was tue ich, was ist mir wichtig? Wäre Christus tausendmal geboren und nicht in unser Herz hinein, so hätten wir nicht teil an ihm.

Das Licht dieser Adventszeit hilft, gibt Sicherheit, verschafft einen Überblick, lässt manches besser oder anders sehen und gibt immer wieder Mut für die nächsten Schritte, die zur Erkenntnis der Wahrheit führen. Unser Funke Gottesgeist wird letztlich berührt. Die Brücke zu den helfenden Himmlischen ist so hergestellt. Es geht um dieses Empfinden, von himmlischen Kräften berührt zu werden und das in unseren Alltag hineinzutragen, davon abzugeben.

Diese Berührung und Verwandlung, die uns der Herr, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, schenken möchte, wollen wir zulassen, dann kann es in uns friedvoller werden. Es ist kein Friede, in dem alle die gleiche Meinung haben müssen oder keine Schwierigkeiten im Miteinander da wären, sondern einer, in dem man sich offen, ehrlich, respektvoll und liebevoll gegenübersteht. Darum: „Freuet euch in dem Herrn […] Eure Lindigkeit [Güte] lasst kund sein allen Menschen.“ So lesen wir es in dem Brief des Apostel Paulus an die Philipper.

Das Gespräch unseres Herzens vor Gott und das wohlwollende Gespräch mit dem Nächsten, die ehrliche Auseinandersetzung mit dem, was ansteht, kann die Liebe fließen lassen. Lassen wir es zu, dass sich alle Jahre wieder das gleiche Wunder erfüllt, dass Seelen berührt werden und Frieden Einzug halten kann. Lasst uns stille werden und zum Hören bereit. Lassen wir die Botschaft aufklingen: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!

Advent ist, wenn Herz und Sinne erfüllt werden von einer nicht erklärbaren Wirklichkeit, die aber ein Gefühl der Geborgenheit hinterlassen möchte. Spürt man dieses, dann ist man im Advent angekommen, dann können sich alle Lichtpunkte der Seelen miteinander verbinden und zu einer hellen Straße werden, die vielen eine Orientierung sein kann.

Der Weg im Advent ist und bleibt ein Weg der stillen Vorbereitung und der Verinnerlichung dessen, worauf wir zugehen. Es ist ein gelebtes Beispiel der Nachfolge im Glauben, ein Weg, der über das Kreuz in die Vergebung und Auferstehung führt, ein Weg der Liebe, menschlich und barmherzig.

Gott will sich uns schenken. Advent möchte uns darum immer wieder neu dafür die Weite des Denkens und Empfindens schenken.

Was ist Reformation? – „Dass es werde, ein Hirt und eine Herde“

Von Olaf Börner

Es naht wieder der Tag, an dem wir dem Beginn der Reformation durch Martin Luther gedenken, und wie in jedem Jahr gehen mir Gedanken durch den Kopf, was Reformation eigentlich für mich bedeutet. Ich verstehe mein Leben als Teil eines Erlösungswerkes, in das Gott mich gestellt hat, um mein Leben besser gestalten und liebevoller werden zu können, aber nicht, indem ich mir durch Geld Erlösung kaufe oder die Vergebung von Sünden. So etwas ging zur Zeit Martin Luthers aber sehr wohl. Ein Gedanke, der uns heute abwegig erscheint, aber erst durch das Wirken Martin Luthers ein Ende fand. In seinen 95 Thesen, die er verfasste, nahm er unter anderem darauf Bezug, wurde in der Folgezeit verfolgt und sollte seine Worte widerrufen, was er aber nicht tat.

Immer wieder ist es die Unnachgiebigkeit von Einzelnen, die für ihre Meinung eintreten, die eine starke Wirkung nach sich zieht, weil sich andere Menschen an dem guten Beispiel und der verkündeten Wahrheit ein Vorbild nehmen und dem nacheifern. In Luthers Fall war es unter anderem Kurfürst Friedrich der Weise, der seine Hand schützend über ihn hielt, so dass Luther aus Worms freies Geleit erhielt, wo er auf dem Reichstag im Beisein des Kaisers seine Schriften nicht widerrufen hatte. Auf dem Rückweg nach Wittenberg wurde er zum Schein entführt und zu seiner eigenen Sicherheit für fast ein Jahr auf die thüringerische Wartburg gebracht, wo er in dieser Zeit das Neue Testament in verständliches Deutsch übersetzte.

Wir nehmen jeden Abend die Bibel zur Hand, um der Verordnung unseres Kirchengründers Joseph Weißenberg zu folgen, und darin zu lesen. Diese Selbstverständlichkeit wäre ohne den Reformator nicht möglich, der, anfangs allein und dann mit Mitstreitern, die Bibel übersetzte. Durch dieses Werk wurde auch unsere deutsche Sprache vereinheitlicht, weil viele Worte aus der nun für viele lesbaren Bibel in den Sprachgebrauch übergingen.

Wie wir wissen, war es aber nicht allein der Zugang zur Bibel für jedermann, der Martin Luther umtrieb. Viele alte Strukturen in seiner Kirche waren ihm aus tiefstem Herzen zuwider. Das Wort Reformation sagt aus, etwas auf die ursprüngliche Form zurückzuführen. Und wenn wir in die Zeit der Reformation schauen, dann hatte sich die christliche Kirche weit von ihrem Ursprung entfernt, es ging in den Führungskreisen oftmals nur noch um Macht und Politik.

Dies ist und bleibt für mich ein stetiger Grund, nach der Einfachheit in meinem Glauben zu suchen, den ich bei Jesus Christus mit seinen eingängigen, schlichten Worten finde. Der Weg, einfach in der Erklärung des Glaubens zu sein, setzt sich für mich in unserem Meister Joseph Weißenberg fort, der dem Wirken Martin Luthers eine sehr große Bedeutung auch für sein Wirken zuschrieb. – Wir werden am Ende unseres Lebens durch Gottes Gnade selig werden, aber nichts und niemand sollte uns davon abhalten, gute und liebevolle Werke in unserem Leben zu stiften, die Gottes Herz erfreuen, weil diese Werke uns nachfolgen und ihren Lohn in der Ewigkeit haben. Reformation ist für mich auch der Wunsch, eine einige Kirche anzustreben, in der sich alle Kinder Gottes zu Hause fühlen können – aus freiem Willen. Joseph Weißenberg bezog sich auf Worte Jesu mit seinem Wunsch: „Dass es werde, ein Hirt und eine Herde.“

Erntedank möchte die Herzen erreichen – Die Erde ist gesegnet

Von Siegrun Mauske

„Er sendet Tau und Regen und Sonn und Mondenschein und wirket seinen Segen gar zart und künstlich ein und bringt ihn dann behände in unser Feld und Brot. Es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott“, lässt uns der deutsche Dichter Matthias Claudius wissen. Es ist uns gegeben, das uns anvertraute Stück Erde zu nutzen, aber auch zu bewahren und sorgsam zum Wohle aller damit umzugehen. Der darin liegende Segen möchte sich als fruchtbringende Kraft entfalten. Es werden uns Arbeitsfelder, aber auch Nahrung für Mensch und Vieh geschenkt.

Sehen wir doch diese Schöpferkraft, die in einem Samenkorn liegt: Herrliche Pflanzen, Früchte, Blüten und Ähren entstehen und ermöglichen eine neue Saat. „Herr, die Erde ist gesegnet von dem Wohltun deiner Hand.“ – Das darf uns als gesetzte Sachwalter mit Dankbarkeit erfüllen, die ihrerseits zu einer Kraft wird, die aufhilft und verbindet und zudem die Seele schützend umhüllt. Und diese mit einem Funken Gottesgeist stellt wiederum die Verbindung zu den himmlischen Kräften her, ohne welche nichts ist, was ist. Das möchte dann auch die Bitte um das tägliche Brot mit einschließen, das nicht selbstverständlich zur Verfügung steht.

Schauen wir aber in unser Heute, dann sind Anspruch, die Gier nach mehr, Hunger, aber auch die Vernichtung von Nahrungsmitteln nicht zu übersehen. Ungerechtigkeit und Unfrieden greifen dadurch um sich, denn wenn der andere außen vor bleibt, hat die Liebe als überbrückende, helfende Kraft keine Chance. Wo die Liebe erkaltet, tun sich viele katastrophale Situationen im Miteinander auf: 800 Millionen Menschen leiden an Hunger, Land wird ausgedörrt, Fluchtbewegungen sind die Folge. Schritte zu einer nachhaltigen, einfachen, solidarischen Lebensweise, um die man weiß, sind Notwendigkeiten, die uns bewusster denn je werden sollten. Aber: „Wir können keine Welt ändern, es sei denn, dass ein jeder in sich selbst zur Erkenntnis der Wahrheit kommt und sich bessert“, sagt Joseph Weißenberg. Viele kleine Schritte der Einkehr und Umkehr, wenn sie denn jeder ernsthaft und verantwortungsvoll geht, alles gute Wollen und jedwede Erfahrung dürfen zu einem hilfreichen Zusammenklang werden und auch die soziale Schieflage abbauen helfen. Jede gewonnene Einsicht wird zu einem Licht auf dem eigenen Weg. Der Herr will all das Bemühen segensreich begleiten, „schön, dass auch du dazu gehörst.“ Wir haben mit unserem Verhalten Einfluss auf Richtung und Tempo einer Umgestaltung der jetzigen Situation in vielen Bereichen, nicht nur für unser Miteinander, wo alles anfängt. Es ist unser Konsumverhalten zum Beispiel, oder ob es um eine gesunde Bodenbestellung und eine artgerechte Tierhaltung oder regionale Kreise der Bewirtschaftung und Verarbeitung der Produkte geht und vieles mehr.

Der Segen, die helfende Kraft, geht nicht verloren, wenn wir göttliche Ordnungen und ursprüngliche Gleichgewichte wieder achten lernen und wenn wir teilen, einander zuhören, den anderen einbeziehen und auch die kleine Seele stützen helfen. Im verinnerlichten Wort Gottes und im innigen Gebet bleiben wir in Verbindung mit dem Geber aller guten Gaben. Am Ende geht es dabei um unsere geistige Reife, um ein Werden, in das wir alle gestellt sind, das der Herr ebenso segnend begleitet. Der Liederdichter und Theologe Dietrich Trautwein bringt es auf den Punkt: „Keiner kann allein Segen sich bewahren. Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen. Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen, schlimmen Schaden heilen, lieben und verzeihn.“

Über allem steht, was im ersten Korintherbrief zu lesen ist: „Es sind mancherlei Gaben, aber es ist ein Geist. Und es sind mancherlei Ämter, aber es ist ein Herr. Und es sind mancherlei Kräfte, aber es ist ein Gott, der da wirket alles in allem. In einem jeglichen erzeigen sich die Gaben des Geistes zum gemeinsamen Nutzen.“

Zum 24. August: Die Liebe muss größer werden – Es ist wichtig, an der Beziehung zu Joseph Weißenberg zu arbeiten

Von Marcel Heß

Nun ist es soweit, wir stehen in einer Kirchentagswoche, kommen zusammen und dürfen gemeinsam unseren Glauben erleben, stärken und feiern. Am heutigen 24. August feiern wir den Geburtstag unseres lieben Meisters Joseph Weißenberg. Ohne ihn gäbe es keine Johannische Kirche, keinen johannischen Glauben und auch keinen johannischen Kirchentag. Schon zu seinen Lebzeiten zog der Wunsch, seinen Geburtstag zu feiern, Hunderte, wenn nicht gar Tausende seiner Anhänger in die Friedensstadt. Eine Vielzahl der Berichte aus jener Zeit schildern uns, wie eindrucksvoll, liebevoll und besonders eine persönliche Begegnung mit Joseph Weißenberg gewesen sein muss.

Als ich vor einigen Tagen während der Vorbereitung auf einen Gesprächskreis in der Kirchentagswoche einer Freundin einen solchen Erlebnisbericht vorlas, äußerte sie spontan den ehrlichen Wunsch: „Ich hätte ihn auch gerne einmal persönlich kennengelernt.“ Damit sprach sie mir und vermutlich fast jedem heutigen Johannes-Christen ganz tief aus der Seele, denn diese Erlebnisse scheinen zu fehlen. Es gibt inzwischen nur noch wenige Zeitzeugen, die tatsächlich von persönlichen Begegnungen mit Joseph Weißenberg berichten können, und wenn sie dies tun, sind dies ganz besondere und erfüllende Momente für die Vielzahl ihrer Zuhörer. Auch gibt es noch Menschen, die aus Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern gewissermaßen „stellvertretend“ berichten können, doch auch ihre Zahl ist abnehmend, und für kommende Generationen werden auch sie nicht mehr persönlich zur Verfügung stehen. Hinzu kommt, dass sich die hochgradig emotionalen Eindrücke und Gefühle des tatsächlichen und unmittelbaren Erlebens über schriftliche oder mündliche Berichte allenfalls begrenzt übertragen lassen.

Da es sich nach unserem Glauben sowohl bei unseren Seelen als auch bei Joseph Weißenberg um Ewigkeitswesen handelt, dürfen wir manchmal vielleicht Berührungen zwischen diesen verspüren, dann, wenn wir das Gefühl haben, der Meister ist uns in einem Gottesdienst oder in einem anderen besonderen Moment ganz nahe. Dies sind kraftspendende und segensreiche Gnadenstunden, die aber mehr die Seele als den körperlichen Menschen ansprechen und betreffen. Ich wünsche daher vielen Besuchern der diesjährigen Kirchentagswoche das Geschenk, eine solche Begegnung erleben zu dürfen.

Die Wirkung und den Eindruck, den ein Blick unseres Meisters auf den empfangenden Menschen gemacht haben mag, wie es beispielsweise Eliese Ulrich aus Stade in ihrem Erlebnisbericht „Alles wird gut“ beschreibt, werden wir heute nicht physisch erleben können – diese Art des Zugangs zu ihm wird uns leider nicht mehr geschenkt. Daher ist es meines Erachtens insbesondere für die Zukunft wichtig, dass wir an unserer Beziehung zu Joseph Weißenberg intensiv arbeiten. Ich kann mir vorstellen, dass sich eine solche Aussage für Menschen, die ihre Verbindung zu ihm noch in einer von seiner physischen Präsenz geprägten Zeit aufbauen durften, zunächst befremdlich anfühlen mag. Andersherum weiß ich auch, dass manche jüngere Menschen schon mit der Bezeichnung „der liebe Meister“ Schwierigkeiten haben, weil diese nicht dieselbe erlebensbasierte Beziehungsgrundlage für sich zur Verfügung hatten wie des Meisters Zeitgenossen.

Wichtig ist es zu erkennen, dass über die Zeit vielleicht ein Wandel des Zugangs zu Joseph Weißenberg erfolgt, der aber nichts mit einer Änderung von Werten oder Wertschätzung zu tun hat, sondern einer Änderung der Erlebnisrealität der Menschen geschuldet ist. Ich schätze diese erforderliche Veränderung mit zunehmendem zeitlichen Abstand der Beziehung als naturgegeben und normal ein. Welcher Christ heute kann von sich behaupten, dass er eine auf die gleiche Weise berührende Beziehung zu Jesus Christus haben kann wie seine Jünger, die ihn zu Lebzeiten hautnah begleiten durften?

Diese fehlende materielle Nähe muss uns jedoch keine Angst für die Zukunft machen, können wir doch sehen, welche Wirkung und Glaubenskraft beispielsweise ein Paulus, der Christus nie persönlich getroffen hat, sondern ihn „nur“ aus spirituellen Begegnungen erlebte, in seiner ehrlichen Nachfolge entfalten konnte.

Wenn wir an einer ernsthaften Entwicklung unserer Beziehung zu unserem Kirchengründer arbeiten wollen, ist es wichtig, dass wir uns darüber Gedanken machen, was er für uns individuell bedeutet und welche Aspekte unseres Lebens durch ihn auch heute beeinflusst werden. Ich glaube, wir müssen uns um diese Beziehung bemühen, und hierbei werden wir nicht alleine, sondern nur im gemeinsamen Austausch Puzzleteile zusammenfügen können, um für uns ein Bild gewinnen zu können.

Ich bin Joseph Weißenberg unbeschreiblich dankbar für seine in seinem Brief festgehaltene Lehre der „verschiedenen Wege“, die zu Gott führen, da mich dieser von ihm aufgestellte Glaubensgrundsatz als johannischen Christen vom Diktat eines alleinseligmachenden Glaubens befreit. Er gestattet mir, anderen Gläubigen respektvoll als Weggefährten zu begegnen, statt in unnötigen weltlichen Kämpfen darum, wer nun den richtigen Weg zu Gott kennt, Kraft und Zeit zu verschwenden.

Die Einblicke, welche er uns in den Aufbau einer jenseitigen Welt schenkte, machen ihn als Gründer der „Vereinigung ernster Forscher von Diesseits nach Jenseits, wahre Anhänger der christlichen Kirchen“ – die Gründung einer Kirche als Religionsgemeinschaft war gar nicht die ursprüngliche Intention Joseph Weißenbergs – für mich zu so etwas wie einen Expeditionsleiter, der ein unentdecktes oder vergessenes Land für mich zugänglich gemacht hat. Wie der Kapitän eines Forschungsschiffes ordnet er Prioritäten, etwa durch seinen Ausspruch „Meine größte Freude ist die Zukunft des ewigen Lebens“ und gibt eine Richtung für meine Lebensreise vor. Seine Ausführungen und Erklärungen zu einem göttlich-geistigen Naturgesetz, welches die Tragweite und Wirkung von Gedanken auf Menschen, Geister und Umwelt erläutert, machen ihn für mich zu einem wichtigen Lehrer. Und Joseph Weißenberg war noch mehr: Heiler, Prophet, Seelentröster – und er vermittelte immer die klare Priorität, Gott zuerst die Ehre zu geben.

Ein natürlicher Wandel unseres Verständnisses vom Meister hin zu einer intensiveren Betrachtung seiner Lehre soll und darf jedoch nicht theoretisch und kalt werden, sondern muss immer von praktisch gelebter Nächstenliebe, wie sie Christus und Weißenberg den Menschen nahebrachten, geprägt sein, damit es weiterhin lebendig seinem Wesen entspricht. Immerhin sagte Joseph Weißenberg selbst: „Mein Werk ist umsonst, wenn die Liebe nicht größer wird.“

Der 13. August 1935 mahnt uns – Freier Glaube

Von Rainer Gerhardt

Religionsfreiheit gehört zu den großen Errungenschaften unseres Landes in heutiger Zeit. Das war nicht immer so und ist auch weltweit die Ausnahme. Im 2. Bericht der Bundes­regie­rung zur welt­weiten Lage der Re­li­gions­frei­heit, der im Oktober 2020 vorgestellt wurde, heißt es:

„Die Lage der Religions- und Weltanschauungsfreiheit hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert. ... Drei Viertel aller Menschen leben in einem Land, das ihre Religions- und Weltanschauungsfreiheit einschränkt. Und diese Einschränkungen nehmen zu.“

Opfer und Täter entstammen fast allen Religionen und Konfessionen. Unterdrückung und Gewalt gibt es sowohl zwischen unterschiedlichen Richtungen einer Religion als auch zwischen den Religionen oder seitens totalitärer Staaten, die jegliche freie Religionsausübung verbieten.

Von 1933 bis 1945 zählte auch Deutschland zu diesen totalitären Staaten. Das Deutsche Historische Museum beschreibt die Situation der Kirchen im NS-Regime wie folgt: „Der Anspruch des NS-Regimes, alle Bereiche des öffentlichen wie des privaten Lebens mit nationalsozialistischer Ideologie zu durchdringen, erstreckte sich auch auf das Religiöse.“

Der Druck auf kleine Kirchen und Religionsgemeinschaften nahm ab 1933 früher und stärker zu als auf die evangelische und katholische Kirche: Die Zeugen Jehovas waren die erste Religionsgemeinschaft, die durch die Nationalsozialisten verboten und verfolgt wurde. Manche Führungen kleinerer Gemeinschaften gaben dem immensen Druck nach und erklärten öffentlich ihre Loyalität zum Nationalsozialismus – durchaus im Gegensatz zur Meinung ihrer Mitglieder. Auch in der Johannischen Kirche hofften damals so manche auf eine Verbindung zwischen „Kreuz und Hakenkreuz“, in der bereits gleichgeschalteten Kirchenzeitung Der Weiße Berg wurden entsprechende Leitartikel veröffentlicht. – Gleichschaltung bezeichnet die erzwungene Eingliederung aller sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Kräfte in die einheitliche Organisation einer Diktatur, die sie ideologisch vereinnahmt und kontrolliert.

Käthe Seidel berichtet aus dieser Zeit: „Der Meister sagte 1934 zu einer Schwester aus Frankfurt/Oder, die zu ihm gefahren war, um wegen der Hitler-Regierung und dem sogenannten „Tausendjährigen Reich“ mit ihm zu sprechen, Folgendes: ,Nach der Zahl der Jünger werde aus dem Hakenkreuz wieder das Kreuz!‘ Hitler, also das Hakenkreuz, regierte von 1933 bis 1945, nämlich zwölf Jahre.“

1934 begann die großangelegte Repression und Verleumdungskampagne gegen die Johannische Kirche, ihre Mitglieder und vor allem gegen ihren Gründer, Joseph Weißenberg, die am 17. Januar 1935 zum Kirchenverbot und dann am 13. August 1935 zur Verurteilung des Meisters führte. Mit der Verurteilung als Sittlichkeitsverbrecher hebelte das NS-Regime die garantierte Religionsfreiheit aus und schaffte es bei großen Teilen der Bevölkerung, das Ansehen des Meisters zu diskreditieren.

Auch nach pandemiebedingten  Einschränkungen unserer kirchlichen Aktivitäten können wir es uns nicht vorstellen, was es für unsere Vorfahren bedeutete, zwölf Jahre Kirchenverbot erleiden zu müssen. Ebenso bleibt uns die weltweite Verfolgung aus religiösen Gründen wohl unvorstellbar. Umso mehr können wir alle Jahre den 13. August nutzen, um uns an das Schicksal aller – nicht nur religiös – Verfolgten zu erinnern und als Einzelne sowie als Gemeinschaft versuchen, durch Gebet und Tat ihre Not zu lindern.

Religionsfreiheit ist keine Selbstverständlichkeit – weder 1935 noch 2022.

Zum 15. Juli: „Wir durften Freunde werden“ – Dankbarkeit für Schwester Josephines Wirken

Von Claudia Brunner

Nach dem Heimgang unseres Oberhauptes Josephine Müller am 30.12.2019 schrieben einige Geschwister ein Abschiedsgedicht, welches mit folgenden Worten beginnt: „Ein Kämpfer stand auf Erden, vom Himmel uns gesandt; wir durften Freunde werden an treuer Hirtenhand.“

Wenn wir gut zweieinhalb Jahre später wieder auf Schwester Josephines Geburtstag am 15. Juli zugehen, dann durchströmen uns viele Gedanken. Bei all der Unterschiedlichkeit der Erinnerungen bleibt uns vor allem die Dankbarkeit für ihr lebenslanges Schaffen und Helfen im Kopf.

Ihre Worte „Kirche ist das, was der Einzelne ausstrahlt, inwieweit der Einzelne Gott durch sich wirken lässt“ und ferner „Möchte das einfache, unkomplizierte, liebevolle Handeln unsere treibende Kraft sein“ entsprachen ihrer Lebensart.

Während der Abschiedsfeier am 11. Januar 2020 waren unzählige Geschwister, Wegbegleiter und Freunde anwesend. Sie alle verbanden mit Schwester Josephine ihre eigenen Erlebnisse und Begegnungen. Die große Dankbarkeit war über allem Geschehen deutlich spürbar.

Schwester Josephine hatte sich für ihre Abschiedsfeier bestimmte Lieder gewünscht vom Chor, aber auch von der Gemeinde. Diese Lieder haben mich sehr beeindruckt, denn sie drücken ihre Einstellung und Wünsche aus und geben einen Schwerpunkt und eine Richtung an, in die sich die Kirche weiter entwickeln soll. So wurde das Lied „Ich geh’ in die Berge“ gesungen. Es ist ein Gemeindechoral von Eberhard Köhler. Dieses Lied drückt in ganz inniger Weise die Dankbarkeit für die Friedensstadt und das Wirken des Meisters in derselben aus. Die Arbeit in dieser Stadt wird als Geschenk und große Freude und Aufgabe empfunden. Eine Stadt in den Bergen, für die unser Meister gewirkt und geschafft hat.

25 Jahre, von 1994 bis 2019, hat Schwester Josephine an dem Wiederaufbau der christlichen Siedlungsgenossenschaft, also für das Werk unseres Meisters Joseph Weißenberg, gearbeitet. Am 29. März 1994 war der Tag der Übergabe des symbolischen Schlüssels für die Friedensstadt durch Vertreter der abziehenden russischen Armee.

Zuvor an diesem Tag sprach Schwester Josephine an der Gedenkstätte des Meisters im Lindenhof folgende Worte: „Möchten wir sehende Augen bekommen für die Nöte der Menschheit und Gefahren erkennen und abwehren lernen, schon im Ansatz … Möchte uns recht bewusst werden, dass dein Geschenk der Friedensstadt uns die letzte Chance bietet, auf Gott unser Leben auszurichten, und die für uns und die gesamte Menschheit eine Entscheidung abverlangt, die die Umkehr oder den Untergang dieses Sterns zur Folge hat … dass es einmal dazu kommen darf, dass es werde: Ein Hirt und eine Herde …“

Für Schwester Josephine lag der Aufgabenbereich klar und deutlich fest. Lösungen und Wege sollten durch das christliche Zusammenleben der Geschwister entwickelt werden, durch liebevolles und hilfreiches Handeln von Menschen, die guten Willens sind. Sie konkretisierte diese Gedanken über die Zukunft der Friedensstadt in ihren Worten nach der symbolischen Schlüsselübergabe wie folgt: „Die Hoffnung ist, dass sich in der Friedensstadt Weißenberg in der Gemeinschaft vieler Menschen, die guten Willens sind, und unter Einbeziehung heutiger Erkenntnisse Lösungen für drängende Fragen und Probleme der Menschen erarbeiten lassen.“

Die Friedensstadt soll also Hilfe sein und zur Gesundung einer immer kränker werdenden Erde beitragen. Diese Überlegungen drückte unser Oberhaupt bereits 1994 aus – in einer Zeit, in der noch keine deutliche Zuspitzung der Klimakrise, noch keine Pandemie und noch kein Krieg in Europa stattfanden! Ihr Blick war schon damals in die Zukunft gerichtet, ihre Worte sind richtungsweisend und lösungsorientiert. Sie hat uns eine Hilfestellung gegeben für die Wege, die wir zur Gesundung dieser Erde gehen sollen. Ein Prozess soll in Gang gesetzt werden, der schon viel früher seinen geistigen Beginn, seine Planung, die Planung Gottes, hatte.

Während der Sarg unseres Oberhauptes zum Friedhof geleitet wurde, erklang das Lied „We are the World“. Zu diesem Lied sagte unser heutiges Oberhaupt Stefan Tzschentke folgende Worte: „Im Lied geht es um etwas Internationales, das uns mit allen Völkern dieser Erde verbindet. Da werden wir aufgerufen, als einzelner Mensch über uns nachzudenken, unser Handeln zu überdenken und es besser zu machen, damit es allen Menschen dieser Erde gut gehen kann.“

Das Lied „We are the World“ ist der Beitrag der USA zu einem Song-Projekt, in dem Geld gesammelt wurde, um gegen die weltweiten Hungerkatastrophen, vor allem in Äthiopien, anzukämpfen. Das Lied wurde 1985 von Michael Jackson und Lionel Richie geschrieben. Es zählt zu den weltweit am häufigsten verkauften Singles. Die Botschaft des Liedes ruft jeden zur Mitveranwortung für diese Welt auf. So heißt es zum Beispiel „Wir sind alle ein Teil von Gottes großer Familie“ und weiter „Wir sind die, die einen besseren Tag schaffen“. Das Lied ruft uns zur Aktion auf, indem es heißt: „Lasst uns realisieren, dass ein Wandel nur kommen kann, wenn wir eins werden.“

Nach der feierlichen Andacht und der Beisetzung von Schwester Josephine wünschte sie sich als letztes Lied den Gemeindechoral „Nun danket alle Gott“. Dankbarkeit als Abschiedsgruß, als eine Aufforderung, Gott an die erste Stelle zu stellen und ihm zu dienen. – Dankbarkeit erfüllt uns auch heute für alle Hilfe, Liebe und Führung und für die über Schwester Josephines Abschied weit hinaus ragenden Leitlinien, die uns und unsere Kirche durch diese schwierigen Zeiten führen können.

Werden wir tätig und rege, leben wir Nächstenliebe, ganz praktisch, ohne viele Worte oder Erklärungen. Schauen wir in unser Leben: Was können wir ändern, verbessern oder abschaffen, um diese Welt heller, liebevoller und gerechter zu machen. „We are the World“, auf uns kommt es an. Zeigen wir uns würdig und beginnen wir jetzt.

Pfingsten kehrt wieder – O Herr, führ zusammen

Von Marcel Heß

Nach zweijähriger pandemiebedingter Pause werden wir am kommenden Wochenende wieder ein gemeinsames Pfingstfest in Präsenz im Waldfrieden erleben dürfen. Vorträge wurden geschrieben, Dienstlisten gefüllt, das eingelagerte Geschirr für das traditionelle Mittagessen wurde abgewaschen und vom Staub befreit, ein großer Chor der Gemeinden übt bereits seit Wochen für ein abendliches Konzert, und Weg und Ziel hat uns in das geplante Programm blicken lassen.

Meine Sehnsucht ist groß. Ich sehne mich danach, endlich wieder in großer Gemeinschaft Kirche zu erleben – mit Glaubensgeschwistern, die ich lange nicht gesehen habe, mit Freunden, die ich so lange nicht treffen konnte. Ich freue mich darauf, mit ihnen zu essen, zu reden, zu singen, zu feiern, zu beten. Ich freue mich darauf, im Gottesdienst endlich wieder Choräle in ihrer gewaltigen Ausprägung des gemeinschaftlichen Gesangs zu erleben.

Und doch bleibt nach dieser langen Zeit ein wenig Zweifel, ob wirklich alles so stattfinden kann, wie so manche Gewissheit in den letzten Monaten oft auch wieder verloren gegangen ist. Wir erinnern uns, wie schmerzhaft es war, als wir im Frühjahr 2020 erfahren haben, dass ein Pfingstfest in der gewohnten Form nicht stattfinden kann. In meiner Erinnerung war es für mich der erste wirklich schmerzhafte Einschnitt  während der Pandemie. Diese Erinnerung gebiert die Sorge: Es könnte erneut so kommen – doch nein, in diesem Jahr wird ein Pfingstfest im Waldfrieden stattfinden!

Es ist also alles bereit, und wir sind eingeladen. Fassen wir neuen Mut und machen wir uns auf den Weg, um ein Pfingstfest mit Freude, aber auch Verantwortung zu feiern. Mut zu haben und sich aus der Deckung seiner gewohnten Umgebung zu wagen, passt, wie ich finde, ziemlich gut zum Pfingstgeschehen.

Denken wir einmal zurück an die Jünger und versuchen uns in ihre Gefühlswelt zu versetzen. Viele von ihnen hatten Jesus Christus lange Zeit begleitet, waren mit ihm durch das jüdische Land gezogen, hatten seine Predigten gehört, miterlebt, wie er Kranke heilte.Vielleicht hatten sie gesehen, wie er über das Wasser lief oder waren unter den 5000, die er speiste. Sie erlebten, wie seine Bekanntheit und sein Zuspruch im Volk von Tag zu Tag wuchsen, und so muss auch ihre Begeisterung immer weiter angewachsen sein. Als sie schließlich zum Pessach-Fest nach Jerusalem kamen, der Heiland dort Palmenzweige auf den Weg gelegt bekam und mit „Hosianna“-Rufen empfangen wurde, kann ich mir vorstellen, dass sie hofften, bald schon ein Himmelreich auf Erden anzutreffen. Doch dann kam alles anders und ganz entgegen ihren Erwartungen. Wie erschütternd müssen die Ereignisse vom Karfreitag auf sie gewirkt haben! Wie verheerend muss ihre Verzweiflung in den darauffolgenden Tagen gewesen sein! Hatten sie sich nicht für unaufhaltsam gehalten, und plötzlich fühlten sie sich selbst verfolgt und mussten sich verstecken?

Zunächst konnten sie den Berichten, die von Jesu Auferstehung erzählten, etwa von Maria oder den beiden Brüdern, die nach Emmaus wollten, gar nicht glauben. Erst am Abend des Ostertages, als Jesus durch die geschlossene Tür mitten unter sie trat, erkannten sie, dass Christus lebt. Der Heiland schien jedoch in dieser Zeit nicht durchgehend bei ihnen zu bleiben. So berichtet der Evangelist Johannes, dass es anschließend acht Tage dauerte, bis auch Thomas auf Christus treffen durfte.

Im nächsten Abschnitt lesen wir, dass Petrus mit anderen Jüngern fischen ging. Immer wieder offenbarte sich Jesus in dieser Zeit seinen Jüngern, sprach ihnen Mut zu, forderte sie auf, das Evangelium zu verkünden und beauftragte Petrus, seine Schafe zu weiden – von entsprechenden Aktivitäten der Jünger lesen wir jedoch nicht.

Dann sagte Christus ihnen noch einmal zu, dass sie die Kraft des Heiligen Geistes empfangen werden und er fuhr gen Himmel. Und die Jünger? Sie standen da und sahen hinterher. Was sollten sie auch anderes tun? Wie sollte es nun für sie weitergehen? Sollten sie zurück in ihre alten Berufe, wieder als Fischer oder an der Zollschranke arbeiten? Nach alldem, was sie mit Jesus erlebt hatten? Vermutlich wird ihnen in diesem Moment auch Gewissheit gefehlt haben.

In der Apostelgeschichte lesen wir, dass die Jünger nach dem Erleben der Himmelfahrt nach Jerusalem zurückkehrten und in das Obergemach des Hauses stiegen, „wo sie sich aufzuhalten pflegten“ und einmütig, „fest am Gebet“ hielten. Ich kann mir vorstellen, dass genau dies die richtige Entscheidung von ihnen war, sich zusammenzufinden und aus dem gemeinsamen Gebet Kraft zu schöpfen.

Schließlich geschah das Pfingstwunder, ohne das es heute vielleicht keine Kirchen und keine Gemeinden gäbe. Ein Brausen erfüllte das Haus und erfasste alle, die darinnen waren. Der Heilige Geist kam über die Jünger und gab ihnen die Inspiration zu predigen. Petrus predigte an diesem Tag so beeindruckend, dass sich bis zum Abend etwa 3000 Menschen taufen ließen und Teil der Gemeinde wurden.

Ich glaube, der Heilige Geist gab den Jüngern an diesem Tag nicht nur Inspiration, er gab ihnen auch Mut: den Mut, den sie brauchten, um ihr „Versteck“ zu verlassen und in die Öffentlichkeit zu treten. Mut, um sich den Menschen, vor denen sie sich versteckt hielten, wieder anzunähern. Mut, den sie brauchten, um sicheren Schrittes in eine ungewisse Zukunft zu gehen.

Ich glaube, diesen Mut will uns der Heilige Geist auch am kommenden Pfingstfest schenken. Nehmen wir seine Einladung an.

Schwerter zu Pflugscharen – Was schafft wirklichen Frieden?

Von Rainer Gerhardt

Wenn wir jeden Abend in der Heiligen Schrift lesen, wie unser Meister Joseph Weißenberg es uns aufgetragen hat, werden wir darin viele Begebenheiten finden, die von Not, Krieg, Flucht, Vertreibung und Hungersnot berichten. In den vielen Jahren, in denen diese Dinge weit von uns entfernt waren, haben wir diese Bibelstellen vielleicht leicht überlesen. Aber seitdem die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine uns und unsere Welt erschüttert haben, lesen wir diese Stellen vielleicht mit anderen Augen und anderen Herzen.

Die Geschichte der Menschheit, wie sie in der Bibel beschrieben wird, war auch immer von Gewalt, Krieg, Flucht und Vertreibung geprägt. Joseph­s Familie floh nach Jahren der Missernte vor Inflation und Hungersnot ins reiche Ägypten. Jahrhunderte später mussten ihre Nachkommen aus der ägyptischen Sklaverei fliehen. Nach 40 Jahren Wüstenwanderung drangen die Kinder Israels in das Land Kanaan ein, wo sie dann auf Gottes Befehl das Land eroberten und die einheimische Bevölkerung vertrieben oder töteten.

Auch die umliegenden Völker griffen die Kinder Israels immer wieder an, und nach der Teilung des Königreichs wurden zunächst die Bewohner des Nordreichs und dann die Bevölkerung des Königreichs Juda verschleppt. Erst nach 70 Jahren durften diese in ihre alte Heimat zurückkehren, aber in der Zwischenzeit lebten dort andere Menschen.

Jesus Christus musste als kleiner Junge vor dem Kindermörder Herodes fliehen und konnte erst nach dessen Tod mit seinen Eltern aus Ägypten zurückkehren – in ein von den Römern besetztes Land.
Joseph Weißenberg sah die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und auch die anschließende Vertreibung von Millionen Menschen voraus. Das betraf auch seine schlesische Heimat, die von Deutschland abgetrennt und Polen zugeschlagen wurde, und so sagte der Meister: „Ihr werdet meinen Leichnam eines Tages aus dem Ausland holen.“ Aus der vom Meister gegründeten Friedensstadt wurden die Bewohner von den Nazis vertrieben; die Siedlung wurde fast 60 Jahre lang besetzt, erst von der SS und dann von der Sowjetarmee.

Die im Alten Testament beschriebenen Kriege, teils von Gott befohlen, sind für viele Menschen unverständlich und manchmal auch ein Grund, sich vom Herrn abzuwenden. Ihnen gegenüber stehen aber immer auch die Friedensappelle Gottes und der Segen, der mit den Anweisungen des Herrn einhergeht. Eine eindrucksvolle Vision von einer Zeit des Friedens finden wir im Buch des Propheten Micha. Dort heißt es:
„In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des Herrn Haus ist, fest stehen, höher denn alle Berge, und über die Hügel erhaben sein, und die Völker werden dazu laufen, und viele Heiden werden gehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des Herrn gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir auf seiner Straße wandeln! Denn aus Zion wird das Gesetz ausgehen und des Herrn Wort aus Jerusalem. Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden strafen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere ein Schwert aufheben und werden nicht mehr kriegen lernen. Ein jeglicher wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen ohne Scheu; denn der Mund des Herrn Zebaoth hat‘s geredet.“
Der Spruch „Schwerter zu Pflugscharen“ ist ein Slogan der weltweiten Friedensbewegung. In den 1980er Jahren war er das recht bald verbotene Glaubensbekenntnis der christlichen geprägten Friedensbewegung in Ostdeutschland. In Westdeutschland trafen sich Menschen zu Protesten unter dem Motto „Frieden schaffen ohne Waffen“. Hunderttausende protestierten damals dort und in vielen anderen demokratischen Staaten für den Frieden und gegen Nach- oder Aufrüstung mit Atomwaffen.

In diesen Tagen wurde berichtet, dass die weltweiten Ausgaben für Waffen im vergangenen Jahr erstmals die Marke von 2 Billionen US-Dollar, also 2.000 Milliarden US-Dollar, überschritten haben. Zum Vergleich: Würde die internationale Gemeinschaft im nächsten Jahrzehnt jährlich 14 Milliarden US-Dollar für die Bekämpfung von Hungersnöten ausgeben, könnte dieses Problem gelöst werden und alle würden genug zu essen haben. – Unser bewaffneter Friede ist teuer erkauft.

Der Angriffskrieg auf die Ukrai­ne hat zur Folge, dass Hunderte von Millionen US-Dollar an Militärhilfe und Rüstungsgütern in dieses Land fließen. Das hat auch in Deutschland die Friedensbewegung gespalten in der Frage: Darf man ein Land, das mit Waffen angegriffen wird, unterstützen oder nicht? Wir, die wir weit weg von diesen Kriegsereignissen leben, haben den Betroffenen wenig zu raten.

Werden mehr Waffen den Frieden sichern? Ist es notwendig, sich und andere vor Gewalt mit Gegengewalt zu schützen? Auch ich habe keine Antworten auf diese Fragen, aber wie so oft, wenn ich im Leben keine Antwort finde, denke ich: Was hätte Jesus Christus getan?

Das Johannes-Evangelium berichtet von den folgenden Worten des Erlösers: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“

Mit seinem gelebten Beispiel der Vergebungsbereitschaft, der Feindesliebe, der Hilfe für die Armen hat uns der Heiland eine klare Richtung und einen großen Auftrag gegeben. Er tat dies bis zur letzten Konsequenz, als er – unschuldig ans Kreuz geschlagen – zum Herrn betete: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Oft fühlen wir uns angesichts der weltweiten Kriege zu schwach, um wirklich helfen zu können. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Mit diesen Worten will Christus uns ermutigen, dass er in unserer Mission immer an unserer Seite ist. Doch wie sehr vertrauen wir seinen Worten?

Mich wundert immer wieder, wie schnell in unserem Land die Ereignisse der Jahre 1989/1990 vergessen worden sind. In Ostdeutschland protestierten Menschen friedlich; sie kamen aus den Kirchen, hatten Kerzen in den Händen und sangen Choräle. Etliche wurden anfangs zusammengeprügelt und eingesperrt. Doch es wurden immer mehr, und sie riefen lautstark: „Keine Gewalt!“ Und so ist ohne Gewalt – aber mit Gesang und Gebet – erst eine Mauer und dann ein ganzes Unrechtssystem zusammengebrochen.

Doch gewaltloser Widerstand ist nicht zu einer sozialen oder gar politischen Option in unserem Land geworden, anders vielleicht als die US-Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren, die öffentlicher Gewalt mit zivilem Ungehorsam begegnete. Stattdessen müssen wir oft erleben, wie der Kampf für Gerechtigkeit missbraucht wird, um Menschen – den politischen „Feind“ – anzugreifen und zu verletzen. Da geht es nur noch um die Ausübung von Gewalt, und das sind die gleichen Mechanismen, die auch zu Kriegsverbrechen in der Ukraine oder sonst wo führen, denn es ist der gleiche Ungeist, dem sich die Menschen öffnen.

Das Gut und Böse, das wir in der Welt finden, steckt auch in uns. Dazu passt folgende Erzählung: „Eines Abends erzählte ein alter Cherokee-Indianer seinem Enkelsohn am Lagerfeuer von einem Kampf, der in jedem Menschen tobt. Er sagte: ,Mein Sohn, der Kampf wird von zwei Wölfen ausgefochten, die in jedem von uns wohnen. Einer ist böse. Er ist der Zorn, der Neid, die Eifersucht, die Sorgen, der Schmerz, die Gier, die Arroganz, das Selbstmitleid, die Schuld, die Vorurteile, die Minderwertigkeitsgefühle, die Lügen, der falsche Stolz und das Ego. – Der andere ist gut. Er ist die Freude, der Friede, die Liebe, die Hoffnung, die Heiterkeit, die Demut, die Güte, das Wohlwollen, die Zuneigung, die Großzügigkeit, die Aufrichtigkeit, das Mitgefühl und der Glaube.‘ Der Enkel dachte einige Zeit über die Worte seines Großvaters nach, und fragte dann: ,Welcher der beiden Wölfe gewinnt?‘ Der alte Cherokee antwortete: ,Der, den du fütterst.‘“

Wir leben in dieser Welt, aber wie weit leben wir mit dieser Welt? Bei meiner Abiturverleihung sagte der Schuldirektor zu unserem Abiturjahrgang: „Ich wünsche mir, dass wir uns in 25 Jahren wiedersehen. Ich möchte dann nicht fragen ‚Was haben Sie geschafft? Wie viel verdienen Sie?‘, sondern ich möchte fragen: Wie viel Frieden haben Sie in Ihrem Umfeld verbreitet?‘“

Das ist nun bald 40 Jahre her, und die Frage steht weiterhin im Raum, in meinem, wie vielleicht in unser aller Leben. Ich habe in dieser Zeit erfahren dürfen: Was mich bewegt, das bewege ich auch mit – im Guten wie im Unguten. Das ist das, was der Meister mit den Worten beschrieb: „Gedanken sind Gewalten, sind Gestalten.“ Das steht in enger Verbindung mit seinem Ausspruch: „Wir können keine Welt ändern, es sei denn, dass ein jeder in sich selbst zur Erkenntnis der Wahrheit kommt und sich bessert.“ Ebenso mahnend sind seine Worte: „Ich habe keine Feinde, die Feinde haben mich. Denn meine Feinde schließe ich in meine Gebete ein, was jeder wahre Christ auch tun sollte.“

Wenn wir es schaffen, in uns mit der Friedfertigkeit, mit der Feindesliebe anzufangen, wenn wir den ersten Schritt auf unseren Schuldiger zugehen, wenn wir also mit unserem christlichen Glauben Ernst machen, dann kann das die Welt friedlicher machen – weit über unseren unmittelbaren Lebenskreis hinaus.

„Selig sind die Friedfertigen“, sagte der Heiland in der Bergpredigt. „Man kann nicht nach der Bergpredigt regieren“, sagte 2.000 Jahre später ein deutscher Regierungschef. Ein paar Wochen später wurde er abgewählt.

Vielleicht kann man wirklich nicht nach der Bergpredigt Christi regieren, aber wir können nach ihr leben. Oder wir können es zumindest versuchen.

„Herr, lehre uns beten“ – Das Gebet ist das Einmaleins der Christen

Von Siegrun Mauske

Das Gebet ist eine Kraft, ein Schutz, ein Händedruck mit Gott, eine Verbindung zwischen Himmel und Erde und zum Licht; zumindest Beruhigung und Aufrichtung wird dem Gebet auch von Nichtgläubigen zugesprochen.

In einer weisen Bibelstelle schrieb Paulus an die Epheser:

„Vor allen Dingen aber ergreifet den Schild des Glaubens, mit welchem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösewichtes; und nehmet den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes. Und betet stets in allem Anliegen mit Bitten und Flehen im Geist, und wachet dazu mit allem Anhalten und Flehen für alle Heiligen und für mich, auf dass mir gegeben werde das Wort mit freudigem Auftun meines Mundes, dass ich möge kundmachen das Geheimnis des Evangeliums, dessen Bote ich bin in der Kette, auf dass ich darin freudig handeln möge und reden, wie sich’s gebührt.“

Zunächst haben wir alle mit  Gott eine Art Vater-Kind-Beziehung und in ihm eine Adresse, an die wir uns in Freud und Leid mit dem vertrauensvollen Du wenden können, und das in jeder Situation. Gott hat alle seine Kinder lieb, er ist der gute Hirte, der mit ausgebreiteten Armen für uns da ist. Es verschwinden nicht sofort alle Sorgen, aber der Herr ist bei uns. Auch steht der Wunsch Jesu da: „Betet und wachet, auf dass ihr nicht in Anfechtung fallet!“

So wollen wir uns von Herzen der Bitte der Jünger anschließen: „Herr, lehre uns beten!“ Wir rufen die höchste Instanz an, die es auf dieser Welt gibt. Das Gebet ist und bleibt das Einmaleins der Christen. Wir müssen es beherrschen, damit sich schwierige Aufgaben bewältigen lassen, aber auch, um mit dem Zweifel umgehen zu können: Hat das Gebet geholfen, oder wäre es auch so gut geworden? Es gibt Erlebnisberichte, wie bei einer Gebetsverordnung und einem einsetzenden Zweifel daran eine Besserung einer Krankheit zunichte gemacht wurde. Das spiegelt sich auch in den Worten wider, die Martin Luther sagte: „Beten gehört zum Handwerk des Christen!“ Auch Handwerkszeug will benutzt und gepflegt werden, damit es parat und gebrauchsfähig ist in den Situationen, wenn es darauf ankommt. Das Gebet soll die Kraft sein, die in uns wohnt, die unsere Entscheidungen lenkt. Es soll der Maßstab sein für alle Gedankengänge und Lehren, die über diesen Stern gehen, ein Prüfstein für die eigenen Worte, eine Art Besen, der Ungutes auskehrt.

Diese Wirkungen hängen ab vom Gottvertrauen. Jemand hängt am Abgrund und kann gerade noch einen Ast greifen. Er ruft Gott an und betet. Der gibt zu verstehen, dass er schon oft geholfen habe, aber das Versprechen, für Gott, den Glauben, den Nächsten einzustehen, ist immer schief gelaufen. Nein, diesmal bestimmt nicht! Daraufhin spricht Gott: „Dann lass los, ich fange dich auf.“ Die Antwort: „Ich bin doch nicht verrückt!“ Dabei war das doch die Rede von unserem Vater, und doch ist das Ergebnis mangelndes Vertrauen.

Über das Gebet – das ist das Großartige – wird jeder in eine Aktivität genommen. Er kann sich mit der Gemeinschaft verbinden und Fäden zum himmlischen Vater spinnen, aber auch alles irdische und praktische Tun begleiten. Das Beten kann eine Schwerstarbeit sein. Es ist wichtig, bei Bauten, Feldern und Unternehmungen das Gebet zum Grundstock zu machen, damit Gottes Segen präsent sein möchte. Gebet und Arbeit sind ein immerwährender Übungsstand, gehören zusammen und sollen zu einem Gottesdienst werden.

Es geht aber auch darum, mit dem Vaterunser ein Schwert in die Hand bekommen zu haben, um damit Geister zu scheiden, Gedanken zu trennen. Da heißt es: Denke gut vom anderen, denke überhaupt an den anderen, und es werden heilsame, spürbare Ströme auf den Weg gebracht – Beten als Liebesdienst, wodurch Lasten geteilt werden. Wer könnte es nicht nachvollziehen, dass so Gedankengänge parallel laufen und damit ein aufgeschlossenes Herz in der größten Entfernung darüber wahrhaftig zu erreichen ist? Gerade die Welt der Gedanken, die da lose um uns herumschwirrt, können und dürfen wir nicht unterschätzen; Gedanken belagern uns förmlich, positive wie negative. Ungute Gedanken sind wie dunkle Vögel, die uns umkreisen und auf einen Moment warten, dass sie nisten können. Das gilt es zu verhindern, und genau das können wir mit der geistigen Waffe des Gebets.

Wie schnell verselbstständigen sich Gedanken, werden zu einem Wort, zu einer Tat, zu einer Handgreiflichkeit. Es bedarf nur gewisser Geneigtheiten, Schwächen oder Leidenschaften, die von den unguten Gedanken zu einer Einflugschneise genutzt werden können, um uns dann zu bedrängen und zu beherrschen. „Gedanken sind Gewalten, sind Gestalten.“ – Eine einfache Wahrheit unseres Meisters Joseph Weißenbergs. Schon ein Vorurteil, ein verleumderischer Gedanke kann wie ein geistiger Totschlag wirken. So darf das Gebet Waffe und Schutz zugleich sein. Ein Schutz, den wir wie eine Art Wall aufziehen, um Ungutes nicht einzulassen.

Wir finden über das Gebet auch zur Ruhe und erhalten Antwort auf so manche Frage, weil Stille einkehrt und eine Geistigkeit umgepolt werden kann. Das Vaterunser wird zu einem ganz entscheidenden Fundament gläubiger Menschen, von dem die unterschiedlichsten Wege durch das Leben gehen können, und es bleibt die belastbare, tragfähige Verbindung von einem zum anderen. Wir können das Vaterunser wie Leitplanken begreifen, die einen Weg begrenzen; und wenn ein wenig Licht auf diese Seitenmarkierungen fällt, strahlt etwas zurück und der Weg wird hell und übersichtlich. Wer bräuchte nicht so einen Hinweis im Durcheinander unserer Gedanken und all der Einflüsse auf dem Lebensweg?

Im entscheidenden Moment, wenn es darauf ankommt, gilt es, das Gebet parat zu haben, wenn Worte aufeinanderprallen, Gedanken aufeinanderfließen und alles zu eskalieren droht. Durch das Gebet hat dann das Böse in dem Moment keine Chance; und unter eine Situation kann ein Punkt gesetzt werden. Nicht, dass die Lösung gleich da wäre, aber man kann dann neu anfangen. Wir können aber auch ungute Gäste, die sich schon eingenistet haben, darüber unseres Hauses verweisen.

Denken wir an unsere Leidenschaften. Es gibt ja viele, ob es Eitelkeit, Eifersucht oder dergleichen mehr sind. Die Geister, die an diesen Leidenschaften hängen, machen sich so richtig breit in unserem Herzen und in unserer Seele, und auf diesem unguten Nährboden sammelt sich immer mehr an. Wenn es uns dann gelingt, diese Geister aus unserem Haus zu vertreiben durch die Kraft der Gebete, dann müssen sie weichen und durchwandern dürre Stätten. Das sind dann jene, die auf einen schwachen Moment lauern, um uns wieder zu überfallen, und sie kommen dann meist mit noch ärgeren Gesellen.

Bei Leid und Krankheit ist das Gebet Trost und Halt. Auch beim Sakrament der geistigen Heilung wird erst der Heilgeist mit dem Gebet gerufen, um zu wirken, zu lindern, alles erträglich zu machen, zu erlösen. Wir sind darum gut beraten, wenn wir des Morgens mit dem Gebet starten, um dem Tag eine gewisse Richtung zu geben, damit uns nicht der Morgenmuffel vereinnahmt und den Tag welken lässt, ehe er überhaupt begonnen hat, damit wir die guten Kräfte als Helfer und Begleiter rufen. Genauso sollte des Abends ein Tag mit der gemeinsamen Feierstunde beendet werden. Auch da sind manche Überwindungsarbeiten nötig, denn der Tag bringt viele Höhen und Tiefen, da gibt es auch Konfrontationsstimmungen, und da heißt es, den ersten Schritt der Überwindung zu tun, um sich vernünftig im Gebet zu versammeln. Da, wo zwei oder drei ehrlich versammelt sind, ist der Herr gegenwärtig, und man kann ihm alles antragen, jedoch nicht mit einer Forderung per Knopfdruck.

Wenn unsere Meinung verfestigt ist, wir nicht offen und aufnahmebereit sind, wie soll uns dann Gottes Licht erreichen und vielleicht Wunderbares auf den Weg bringen? Nein, Herr, dein Wille geschehe! Denn: Millionen von Gebeten werden nicht erhört, jedoch vermag des Gerechten Gebet viel, jenes, das von Herzen kommt. Wir wollen das Gebet nicht missbrauchen, nicht immer nur plappern, sondern bitten und flehen und den Worten Kraft zutrauen. Der Herr schaut das Herz dabei an, mit dem man erst recht gut sehen kann. „Ich weiß, mein Gott, dass du das Herz prüfest, und Aufrichtigkeit ist dir angenehm“, denn: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein.“

Verschüttetes wird beim Gebet wieder freigelegt. Es wirkt als eine Art Sprengkraft, die Erinnerungen und Erlebtes wieder wachruft. Viele dürfen sich an die Kindheit und daran erinnern, dass das gemeinsame Gebet immer einen festen Platz im Ablauf des Tages hatte. Da blieb vor allem auch das Gefühl der Gemeinsamkeit, der Gemeinschaft. Die Eltern beteten mit einem als Kind, das war wichtig, man fühlte sich geborgen. Dann konnte man das Gebet schon fragmenthaft mitsprechen, ohne alles zu verstehen. Es war etwas Wohltuendes, dieses Gefühl blieb. Dann verstand man die selbst gesprochenen Worte und hatte Erfahrungen im Umgang damit gesammelt. Sich hinter die Worte des Gebetes zu stellen, dazu zu stehen, war der nächste Schritt, bis dahin, dass es ein Herzensbedürfnis wurde. An die beschützende Stelle der Eltern trat der himmlische Vater, dessen Führen man auch erleben durfte. So manchen ist dieses verlorengegangen, was für andere eine Fortsetzung guter erlebter Augenblicke blieb. Aber vielleicht bringen Situationen die Erinnerung an solch Erleben wieder und es wird geweckt, was verloren schien: die wache Erinnerung an Kindertage als Triebfeder.

Es tut unserer Zeit auch gut, überhaupt einmal ehrlich zu bitten und zu danken. Dankbarkeit ist wie ein Schutzmantel für die Seele. Aber wer kann das heute in der Zeit des Anspruchs und der Forderungen? Unser täglich Brot gib uns heute! Wer bittet um das Brot? Es wandert ganz leichtfertig irgendwo in die Mülltonne. Tonnenweise werden Lebensmittel entsorgt. Es wird damit die Arbeit des Landmannes genauso geschmäht wie die Kraft, die der Herr schenkte, damit Saat, Früchte und Getreide heranwachsen. Ganz abgesehen von all dem Hunger und Elend, ganz abgesehen davon, dass man auch nach dem Brot des Lebens, nach der geistigen Speise fragen müsste.

Jener wichtige Satz: „Vergib uns unsere Schuld“, heißt auch, wir sollen zum Vergeben bereit sein, immer wieder Vertrauen einräumen und voller Verständnis auf den anderen, gerade auf den anderen, zugehen. Das Gebet darf wie ein Keil sein, der einer Aufgabe, einem Gang vorweggeschoben wird; ein Keil, der licht ist und eine Bresche in das Finstere oder was sich festgefahren hat, hineintreiben kann. Es geht aber noch um viel mehr.

Da sagt das Vaterunser: Bewahre uns überhaupt vor dem Bösen! Lass uns so wachsam sein, dass wir gar nicht erst zum Spielball einer unguten Geistigkeit werden! Und noch ein Schritt davor: Führe uns nicht in Versuchung! Lass uns nicht all den Verlockungen, dieser schillernden Farben erliegen! Die Sprache der anderen Welt klingt auch sehr schön und hat viele Versprechungen parat. Aber davor möge uns der Herr bewahren. Wird richtig gebetet, so bleibt der Segen nicht aus.

Wenn wir sagen, dass „Sein Reich kommen“ möchte, dann heißt das: Ja, Herr, du sollst in mir Wohnung nehmen. Ich möchte deine Gesetze immer mehr begreifen und erfüllen lernen. Wir setzen laufend das „Amen“ unter diese Worte, und „Amen“ heißt: So sei es!

Der Apostel Paulus schreibt dazu den Kolossern: „Haltet an am Gebet und wachet in demselben mit Danksagung, und betet zugleich auch für uns, auf dass Gott eine Tür des Worts auftue, zu reden das Geheimnis Christi, darum ich auch gebunden bin, auf dass ich es offenbare, wie ich sollte reden. Wandelt weise gegen die, die draußen sind, und kaufet die Zeit aus. Eure Rede sei allezeit lieblich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisset, wie ihr einem jeglichen antworten sollt.“

Eigentlich werden wir am Tag sehr viele Male meineidig und begeben uns in die Rolle eines anderen Werkzeuges, anstatt der Verkünder Gottes Evangeliums, Gottes froher Botschaft zu sein in allen Lebenslagen. Es soll so weit kommen, dass wir dieses vornehmste Gesetz, das diese Welt kennt, erfüllen: Seinen Nächsten, wie sich selbst zu lieben. „Ein neu Gesetz gebe ich euch; tut es, wie ich es euch getan habe.“ Aber dazu muss ein neuer, besserer Geist in uns auferstehen, beginnend mit einer völlig neuen Denkungsart, mit gereinigten, vom Gebet gefilterten Gedanken, die unsere Worte und unser Verhalten durchdringen. Nur dann kann Gottes Licht greifen, und wir empfinden eine Wohligkeit, die sich auf andere überträgt, denen wir dann auch Hilfe, Trost, ein Zuhören anbieten können. Seelentrost, darum geht es bei der Erdenwanderung, darum, dass wir unsere Gedanken und Gotterfahrungen, Wahrheiten, Sichten austauschen und zusammentragen, weil die Vielfalt Reichtum und Horizonterweiterung bedeutet. Er in uns und wir in ihm.

Ja, der Herr ist Geist, und die ihn anrufen, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anrufen, so kann der Funke Gottesgeist in uns erreicht und sogar wieder freigelegt werden. Und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit, da ist Frieden, anders als ihn diese Welt definiert. Danken wir dem Herrn, und werden wir frohe Verkünder seines Evangeliums, und greifen wir weiterhin nach dem Schild des Glaubens, mit dem wichtigen Vaterunser, dieser Brücke von mir zum himmlischen Vater, aber auch von mir zu dir. Mit der Bitte um Gnade, Kraft, Weisheit und Verstand vor dem Gebet des Gottesdienstes, welche für das Leben und Zusammenleben von Bedeutung ist oder auch das Gebet um Frieden in uns und der Welt erkennen wir: Beten bleibt eine Herzensangelegenheit. Es ist die Kraft, die in uns mächtig sein will. Zu allen Zeiten gab und gibt es Beispiele, wo Gebete erhört wurden, wo diese Kraft und Trost waren, wenn beten ein Bitten war.

Zum Osterfest: „Hast du mich lieb?“ – Wie antworten wir unserem Heiland?

Von Paul Schuchardt

Jesus fragte Petrus nach seiner Auferstehung dreimal: „Hast du mich lieb?“ Und auf sein „Ja“ forderte er ihn auf: „Weide meine Schafe.“ Ein wunderbarer Auftrag. Ein Hirte sorgt dafür, dass es seiner Herde gut geht. Er wird ihr keine Angst einjagen, sondern sie vor Gefahren schützen.

Jesus spricht mit seiner Frage den innersten Kern in Petrus an, seine Liebe. Alles Versagen, was jemals war, tritt zurück. Wichtig bleibt für das weitere Leben: „Hast du mich lieb?“

Jesus ist mit allen Menschen verbunden, auch mit den Geringsten. So sagte er: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Die Liebe in uns ist entscheidend, sie ist das Gottesgeschenk, welches jeder Mensch bekommen hat. Diese Liebe ist ewig, unzerstörbar, das Gesunde im Menschen und immer mit dem Vater im Himmel verbunden. Sie ist auch das Verbindende zu allen Menschen und zu allem Leben, was Gott geschaffen hat. Sie ist uns oft nicht bewusst, sondern verdrängt, verschüttet. Weil dieses Bewusstsein fehlt, empfinden Menschen gegenüber anderen Trennung, Gleichgültigkeit, Angst oder sogar Feindschaft bis hin zu Hass.

Im Leben werden uns jedoch Gelegenheiten geschenkt, in denen uns Gottes Liebe in besonderer Weise berührt und wir wieder etwas fühlen können, was und wer wir eigentlich sind. Wenn wir uns dafür wirklich öffnen, dann werden die Funken des reinen Gottesgeistes in unseren Seelen hell leuchten. Hat das Jesus gemeint, als er sagte „Ihr seid das Licht der Welt“?

Wie schwer fällt es mir zu sagen: Ich bin ein Licht, ein strahlendes ewiges Licht, von Gottes Liebe geschaffen und gesandt, Licht und Wärme auszustrahlen. Doch ich kann jederzeit die Quelle aller Liebe aufsuchen und mich stärken lassen. Das können wir Menschen auf verschiedene Weise tun. Die Form ist dabei unbedeutend. Jeder Mensch kann darauf vertrauen, dass er seinen Weg dahin findet. Wichtig ist, immer wieder neu zu dem Bewusstsein zu kommen: Ich bin ein Gotteskind, in Liebe geschaffen und bedingungslos geliebt. Und genauso ist es bei jedem anderen Menschen auch.

Vielen Menschen fällt es so schwer zu glauben, von Gott immer und unter allen Umständen geliebt zu sein. Wir glauben so oft, wir müssten bestimmte Bedingungen erfüllen, um Gottes Zuneigung zu gewinnen. Das hat aber nichts mit dem Geist der Liebe zu tun. Gottes Liebe ist wie ein Magnet, der seine Willkommensbotschaft zu allen Geschöpfen immer ausstrahlt. Wo auch immer in uns die Angst vor dem Gotteslicht schwindet, gibt es ein freudiges Erkennen des eigenen inneren Kerns der Seele. Und die Sehnsucht nach einem immerwährenden Verbunden-sein mit ihm ist wieder geweckt.

Nachdenklich haben mich die Worte eines Gedichts von Marianne Williamson, einer Aktivistin und Autorin aus Amerika, gemacht, die auch Nelson Mandela in seiner Antrittsrede als Präsident von Südafrika zitierte:

„Unsere tiefste Angst ist es nicht, ungenügend zu sein. Unsere tiefste Angst ist es, dass wir über alle Maßen kraftvoll sind. Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, was wir am meisten fürchten. Wir fragen uns: Wer bin ich denn, um von mir zu glauben, dass ich brillant, großartig, begabt und einzigartig bin? Aber genau darum geht es: Warum solltest du es nicht sein? Du bist ein Kind Gottes. Dich klein zu machen nützt der Welt nicht. Es zeugt nicht von Erleuchtung, dich zurückzunehmen, nur damit sich andere Menschen um dich herum nicht verunsichert fühlen. Wir alle sind aufgefordert, wie die Kinder zu strahlen. Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes, die in uns liegt, auf die Welt zu bringen. Sie ist nicht in einigen von uns, sie ist in jedem. Und indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen, geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis, das Gleiche zu tun. Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unser Dasein automatisch die anderen.“

Stellen wir uns in dieser Osterzeit einmal vor: Jesus kommt zu mir und fragt: „Hast du mich lieb?“ Was sage ich ihm?

Palmsonntag gibt eine vielfältige Ausrichtung – Frust oder Zuversicht?

Von Rainer Gerhardt

Wenige Dinge frustrieren uns so sehr, wie es enttäuschte Erwartungen tun. Wir stellen uns etwas vor, haben bestimme Ideen und Hoffnungen – gerade in Verbindung mit einem anderen Menschen, und dann platzt unsere Hoffnung wie eine Seifenblase. Wie sehr hatten wir uns schon über eine Verbesserung unserer misslichen Lage gefreut, diverse Pläne für unsere schöne Zukunft geschmiedet.

Und dann das!

Wut kommt in uns hoch, und der oder die Schuldige ist schnell ausgemacht: der Nachbar, die Kollegin, das Gemeindemitglied, die Amtsträger, die Politiker, unsere Regierung oder die EU – am Ende sogar Gott. Alle, nur nicht wir.

Enttäuschung – was ist das eigentlich? Früher hatte das Wort die positive Bedeutung von „aus einer Täuschung herausreißen“, „eines Besseren belehren“, eine Desillusion. Der negativen Bedeutung von „täuschen“ folgend, entwickelte sich der Sinngehalt in die Richtung „bewusst täuschen“, „einer Erwartung nicht entsprechen“.

Es gibt also mindestens zwei Arten, mit einer Enttäuschung umzugehen: Entweder sehen wir das Ende einer Selbst-Täuschung, oder wir fühlen uns getäuscht. Beim ersten Weg müssen wir Gründe auch bei uns selbst suchen, beim zweiten Weg ist nur der andere schuld, ich bin das arme Opfer.

Welcher Weg scheint wohl der einfachere zu sein und wird öfter gegangen – der schöne breite Weg, oder dieser Dornenpfad?

Der Krieg in der Ukraine ist für viele von uns in Deutschland nicht nur – gelinde gesagt – eine Enttäuschung, sondern eine Katastrophe, der Beginn einer Sinnkrise. Hoffnungen auf Frieden und Wohlstand platzen angesichts der mörderischen Kämpfe. Die Verantwortung für diesen Krieg, den mancher nicht einmal so nennt, wird immer dem anderen zugeschoben. Oder eben Gott. Wie kann es einen Gott geben, der so etwas zulässt?! Dann lieber ohne Glauben durchs Leben.

Der Mensch ist von Gott enttäuscht. – Aber ist Gott auch von uns Menschen enttäuscht? Hätte er nicht genug Gründe dafür?

Gottes Sohn Jesus Christus kam vor 2000 Jahren kurz vor dem Passahfest nach Jerusalem und wurde dort wie ein König empfangen. Er war in den Augen vieler der Wunderheiler und Heilsbringer, der Erlöser in dieser Welt. Die Begeisterung war riesig! Doch seine Worte waren: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ „Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.“ Statt Befreiung von den Römern predigte und lebte er Feindesliebe, und nach wenigen Tagen wurde aus dem begeisterten „Hosianna!“ das von Enttäuschung und Wut durchsetzte „Kreuzige ihn!“

Eben noch auf einem Esel in die auserwählte Stadt Jerusalem einreitend, nun von Soldaten verhaftet und gefoltert. Von den Seinen verraten und verleugnet. Was mag im Heiland vorgegangen sein? Enttäuschung, Wut, Hass? Vielleicht eine gewisse Traurigkeit, wie wenig die Menschen – wir Menschen – doch auf das Geistige blicken und nur das Irdische sehen. Traurigkeit auch darüber, dass der Heiland als Konsequenz dieses entfesselten Hasses den Untergang der Stadt Jerusalem voraussah, der fast 40 Jahre später durch die Römer erfolgte.

Auch unser Meister Joseph Weißenberg, den wir als weitere Offenbarung Gottes erkennen und bekennen, hat solch ein Karfreitagserlebnis durchleiden müssen. Als einmal eine große Festgemeinde, deren Zahl in die Zehntausende ging, um ihn versammelt war und ein enger Mitarbeiter voller Begeisterung darauf hinwies, sagte der Meister: So viele Menschen, so wenig Weißenberger. Nach Kirchenverbot, Verrat, Verleumdung und Unrechtsprozess wandten sich auch viele vom Meister und seiner Lehre ab.

So wie einst der Heiland verspottet wurde, warum er sich nicht selber helfe, fragten auch viele, warum dieser Weißenberg denn von Menschen verurteilt werden könne, wenn er doch so allmächtig wäre.
Allmächtig ist Gott allein, der Liebe ist. Und so ist das Einzige, was im Menschen allmächtig ist und wovon Gottes Offenbarungen voll und ganz durchdrungen sind, diese Liebe, von der der Apostel Paulus sagt: „Sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.“ Und diese Liebe lässt keinen Raum für Enttäuschung.

Aus dieser Liebe heraus hat der Heiland das Kreuz getragen, dessen wir schuldig waren. Aus dieser Liebe heraus hat Joseph Weißenberg gesagt: „Ich habe keine Feinde, die Feinde haben mich. Denn meine Feinde schließe ich in meine Gebete ein, was jeder wahre Christ auch tun müsste.“ Deswegen kann uns nur diese Liebe Gottes aus unseren Enttäuschungen heraushelfen. Wenn der Liebesfunke in uns groß wird, dann können wir Feindschaft überwinden und zu einer Grundvoraussetzung des von Christus verheißenen Friedens kommen: zur Vergebung.

Im Moment ist es die Zeit, denen zu helfen, die vor Not und Elend fliehen, und das sind nicht nur unsere europäischen Nachbarn aus der Ukraine. Die ersten Helfer werden bereits müde, die Hilfe droht hier und da einzubrechen. Jetzt heißt es durchhalten, denn helfen ist auch Mühe.

Wenn eines Tages endlich die Waffen schweigen und das ganze schreckliche Ausmaß dieses Krieges offensichtlich wird, was soll dann geschehen? Rache, Mauerbau, Feindschaft über Jahrzehnte, eine fortlaufende Spirale der Gewalt?

„Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“, sprach der Heiland am Kreuz. Gott wird uns vergeben, so wie wir unseren Schuldigern vergeben. Wer vergeben kann, wird nicht von Gott enttäuscht.

Zum 6. März: „Es ist der Herr!“ – Glauben ist Gnade und Kraft für die Seele

Von Detlef Nagel

Am 6. März 1941 ist unser lieber Meister Joseph Weißenberg heimgegangen in sein himmlisches Reich. Am 6. März feiern die johannischen Christen einen besonderen Gottesdienst, in dem alle gemeinsam das Glaubensbekenntnis sprechen: „Ich glaube an Gott, den Vater, ich glaube an Gott, den Sohn, ich glaube an Gott, den Heiligen Geist und an Gottes Offenbarungen durch Mose, Jesus Christus und Joseph Weißenberg!“

Was ist Glaube eigentlich? „Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht“, schreibt Paulus in seinem Brief an die Hebräer. An diesen Worten wird deutlich, dass nur die eigene Erfahrung, das eigene Fühlen und Heimatempfinden ausschlaggebend sind für das Bekenntnis. Niemand kann Beweise liefern für seinen Glauben, und niemand kann die ganze Größe Gottes erfassen oder gar erklären. Man sollte es sich aber trotzdem nicht zu leicht machen mit dem Aussprechen des Glaubensbekenntnisses, aber auch nicht zu schwer. Immerhin ist Glaube Gnade und Kraft für die Seele.

„Wir haben erkannt, dass Jesus Christus die Liebe ist, dass Jesus Christus sich uns offenbart hat im Heiligen Geist; und dass der Weiße Berg die Wahrheiten Jesu Christi auf den Scheffel der letzten Zeit gestellt hat. Und wo dieses Licht erstrahlt, da sammeln sich die Seelen, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit. […] Es werden die Bekenner des Glaubens herzueilen und werden ihre wahren Erlebnisse zu Gehör bringen, denn nicht nur in eurem kleinen Kreis sind die Wahrheiten des Heiligen Geistes zu Gehör gekommen, nein, meine Freunde, in jenen fernen Staaten, die ihr nicht kennt, und die ihr noch nicht betreten habt, da kommen jene Offenbarungen zu Gehör. Und wenn diese Kräfte sich miteinander verbinden, dann wird diese Erde ihre neue Gestalt und ihre neue Form angenommen haben. […] Es ist der Herr! Ich kann es glauben. Ich darf es glauben, es ist der Herr, derselbe Herr und Gott, der einst für uns den Weg nach Golgatha gegangen ist.“

Vor vielen Jahrzehnten haben uns die Geistfreunde bereits auf die Wichtigkeit des Glaubensbekenntnisses und die daraus resultierende Entwicklung der Erde aufmerksam gemacht, um unseren Glauben zu stärken, weiterhin Hoffnung zu vermitteln und die Größe des Werkes Joseph Weißenbergs erneut deutlich zu machen. Wenn wir in Einigkeit unseren Glauben gemeinsam bekennen, spüren wir sofort, dass alle kleinen oder größeren Differenzen im Miteinander keine Bedeutung mehr haben.

„Der Tag des Heimgangs Joseph Weißenbergs ist nicht mehr fern, und dieser Tag ist ein Erlösungstag, an dem unendlich vieles zu Licht gehen darf. Aber, ihr lieben Freunde, seid euch immer wieder dessen bewusst, dass ihr euren Glauben nicht nur an diesem Tag bekennen sollt: kräftig, wahr und klar, sondern dass euer Leben ein Bekenntnis werden soll.“

Diese Worte aus lichten Höhen führen uns einmal mehr vor Augen, dass nicht nur im Gottesdienst, sondern auch in unserem Alltagsleben das Verbindende und nicht das Trennende an erster Stelle stehen soll und kleine Widerwärtigkeiten immer mit der größeren Liebe, so wie er es vorgelebt hat, überwunden werden müssen.

„Es ist ein großes Werk, in dem ihr mithelfen dürft, und es wird vieles bewegt werden. Aber ein jeder möchte immer wieder Bekenntnis ablegen mit seinem Wesen, Bekenntnis zur Johannischen Kirche, Bekenntnis ablegen: Ja, ich glaube und vertraue Joseph Weißenberg, dem, der Jesus Christus noch einmal den Menschen näherbringen konnte; dem, der vieles, was im Geiste geschieht, den Menschen gesagt und gelehrt hat.“

„Es wird in einer neuen Zeit mehr Klarheit von euch verlangt, ein klares Bekenntnis zu dem, was ihr im Glaubensbekenntnis sprecht, ein klares Empfinden: ‚Ich glaube an Gott, den Vater, ich glaube an Gott, den Sohn, ich glaube an Gott, den Heiligen Geist und an Gottes Offenbarungen‘ – nicht Inkarnationen, meine Lieben, Offenbarungen! – ‚durch Mose, Jesus Christus und Joseph Weißenberg!‘ Es ist lange an diesem Glaubensbekenntnis gefeilt worden von geistiger und irdischer Seite, und es hat das Wesentliche gebracht, auch wenn es in ein Glaubensbekenntnis hin-ein geht, in dem es noch kürzer wird. Weniger wird immer mehr werden. Je kürzer ihr euch fasst in allem, was inhaltlich Gott darstellen soll, desto besser. Und so wird auch dieses Glaubensbekenntnis einmal enden in einem: ‚Ich glaube an Gott, der Liebe ist! Amen.‘ Und so wird es Fuß fassen auf dieser Erde, dass alle glaubensgetriebenen Menschen in dieses eine Bekenntnis finden. Sie werden nicht mehr in Streitereien kommen, was Kleinigkeiten angeht, Äußerlichkeiten, das ganze Drumherum. Es wird auf den Kern kommen, und der Kern ist Gott, und diesen Kern müsst ihr jetzt empfinden lernen: Kürzer, kürzer in allem, und die Kraft fließt!“

Das gemeinsam gesprochene Glaubensbekenntnis schenkt allen Segen, Freude, Glaubensmut und -stärke. Paulus schreibt in seinem Brief an die Römer: „Denn so man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und so man mit dem Munde bekennt, so wird man selig.“

Der 3. Februar prägte die Johannische Kirche – Dankbarkeit möchte immer wieder unser Antrieb sein

Von Rainer Gerhardt

„Am 3.2.1946 Wiedereröffnung der Kirche mit dem 1. Gottesdienst. Die Geschwister voller Dank und Freude, es waren gesegnete Stunden der Begegnung und des Wiedersehens und Wiederfindens. Möge diese Freude alle Herzen wieder so öffnen wie damals diese Begeisterung und alles neu anfachen zu wirklichen Arbeitern für den Meister und sein Werk.“

Diese Worte schrieb Frieda Müller am 3. Februar 1992 einem Mitarbeiter zum Antritt seiner neuen Arbeitsstelle in der Kirche. Sie zeigen, welch hohen Stellenwert Schwester Friedchen diesem Tag auch nach damals 46 Jahren beigemessen hat. Um dies zu verstehen, ist es hilfreich, sich in die Situation vor heute 76 Jahren hineinzuversetzen: Es war ein Tag, der für johannische Christen und ihr Oberhaupt eine geistige Zukunft und Zuversicht ausstrahlte in einer Nachkriegszeit, in der an materielle und politische Zukunft und Zuversicht nicht zu denken war: der Krieg entfacht und verloren, die Städte ein Trümmerhaufen, Millionen von Toten und Verletzten, unzählige Heimatvertriebene, Deutschland geteilt. Joseph Weißenberg war 1941 in Schlesien heimgegangen, seine Grabstätte lag mittlerweile in Polen und war damit für seine Anhänger ebenso unerreichbar wie die von ihm erbaute und nun nach der SS von russischen Soldaten besetzte Friedensstadt.

Dennoch: Der 3. Februar 1946 war eine Befreiung für die Johannische Kirche, die nach elf Jahren des Verbots und der Verfolgung von Mitgliedern endlich wieder Gottesdienste abhalten durfte. Die dankbare Freude darüber hat Schwester Friedchen auch nach Jahrzehnten empfunden. Dass es dazu kommen durfte, war vor allem ihrem Engagement zu verdanken, mit dem sie nach Kriegsende unermüdlich Kirchenmitglieder sammelte und bei den alliierten Behörden um eine Aufhebung des Kirchenverbots rang.

Vier Tage vor ihrem 35. Geburtstag eröffnete sie den ersten Gottesdienst mit dem großen Gebet Joseph Weißenbergs, ihres Vaters. „Wir bekommen alles wieder“, hatte ihr der Meister in seinen letzten Tagen als Zuversicht mitgegeben, verbunden mit der Mahnung: „Lass dir die Zeit nicht lang werden.“

Vor 76 Jahren bestand Kirche äußerlich betrachtet aus einem Handwagen, in dem Schwester Friedchen das Altargerät zum ersten Gottesdienst in die Aula der Grundschule Lassenstraße transportierte. Innerlich bestand Kirche aus Dankbarkeit und Freude, die zum Segen werden durften. – Dieser Segen ist heute noch wirksam und spürbar, und so möchte Dankbarkeit immer wieder unser Antrieb sein.

Zum 7. Februar: „Verzweifle nicht, alles wird gut!“ – Persönliche Erinnerungen an Kirchenoberhaupt Frieda Müller

Von Erhard Marek

Am 7. Februar feiern wir Johannes-Christen den 111. Geburtstag unseres im Juni 2001 heimgegangenen Oberhauptes Frieda Müller. Feiern? Oder gedenken wir ihrer, erinnern uns an sie?

Ich erinnere mich an viele persönliche Begegnungen mit Schwester Friedchen, die mein Leben stark beeinflusst haben. Das fing schon in meiner Kindheit an. Eine Verordnung von Minna Golz, zu der wir als Familie immer zum Sakrament der geistigen Heilung in die Gleimstraße fuhren, lautete: „Du fährst regelmäßig zu Schwester Friedchen in die Sprechstunde!“ So geschah es. Stolz „wie Bolle“ fuhr ich als Kind allein in Berlin noch vor dem Mauerbau mit der S-Bahn über die Sektorengrenze nach Nikolassee, kaufte mir am Bahnhof eine Tüte Sprotten und ging langsam zur Teutonenstraße, damit ich die Fische in aller Ruhe essen konnte.

In der Sprechstunde betete Schwester Friedchen mit mir und sagte mir manchmal Dinge, die ich bis heute nicht vergessen habe. Einige Male schimpfte sie mich fürchterlich aus und ich wusste manchmal überhaupt nicht, warum. Zwei Wochen später nahm sie mich dann in den Arm und sagte mir, dass es überhaupt nicht um mich ging, aber der Mensch, den es betraf, hätte diese Worte nicht verkraftet. Man müsse die Geister, die dahinter stehen, ansprechen. „Du aber kannst das verkraften.“ Das ist mir bis heute eine Erfahrung. Wenn Menschen schimpfen oder mich „anmachen“, denke ich: Es muss gesagt werden, aber sei nicht beleidigt oder sauer. Wenn es anderen hilft, ist es in Ordnung! – Mit einer geschenkten Schokolade ging es dann wieder zurück zur S-Bahn, langsam, denn die musste ja auch erst einmal aufgegessen werden.

Dann kam 1961 der Mauerbau, und meine Kontakte zu Schwester Friedchen waren nur noch per Brief möglich. Ich schrieb häufig Briefe, denn ich musste 1964 eine Berufsausbildung machen, was fast aussichtslos war, denn ich war nicht bei den Jungen Pionieren, nicht in der FDJ. Ich erhielt nicht die Jugendweihe, sondern die Konfirmation. Ich war kirchlich aktiv, mein Vater war selbstständig und zwei Jahre vor dem Mauerbau ging ich in West-Berlin zur Schule. Alle meine Berufsträume waren so hinfällig. Viele Briefe gingen an die Teutonenstraße, ebenso viele kamen zurück. Der Inhalt war immer der, dass ich nicht verzweifeln sollte, mein Beruf kommt noch. Die Zeit war noch nicht reif. Als ich nicht mehr glaubte, dass irgendetwas klappt, ergab es sich an einem Freitagnachmittag, dass ich Kirchenmusik studieren könnte. Sonnabendfrüh war die Aufnahmeprüfung und alles war geklärt. Schwester Friedchens Antwort war: „Ich habe dir doch gesagt: Verzweifle nicht, alles wird gut!“

Dann kam mein Studium in Görlitz. Schwester Friedchen hatte sich per Brief immer wieder erkundigt, ob alles gut ist und wie es mir geht. Dann hatte ich ein großes Problem mit der Staatssicherheit der DDR. Auf dringendes Anraten meines Professors habe ich alle „Westkontakte“ abgebrochen. Schwester Friedchen schickte mir daraufhin ein großes Paket, in dem allerdings bei Ankunft nur noch eine aufgebrochene und eingedrückte Packung „Edle Tropfen in Nuss“ war. Den Rest des Inhalts hatten wohl andere aufgebraucht. Aber über Boten und meine Eltern hat sie mich wissen lassen, dass sie ganz lieb an mich denkt und alles wieder gut werden würde – was ja dann auch so kam.

Ich wurde Kirchentag 1969 zum Prediger berufen. Da studierte ich noch in Görlitz. Ein erstes Treffen mit dem Oberhaupt fand danach während der Leipziger Messe statt. Wir saßen in einem Hotel zum Abendessen zusammen. „Wann fährt dein Zug?“, fragte sie mich. „Nach Berlin fährt immer ein Zug“, war meine Antwort. Das wiederholte sich noch zweimal. Willi Görike schickte mich dann zur Rezeption, um einen Zug zu suchen. Als ich in den Raum zurückkam, war der leer. Alle waren abgereist. Ich fuhr dann etwas verwirrt über Berlin nach Görlitz, um zwei Wochen später nach Berlin zu meiner ersten Predigt zu reisen. Ich traf mich am Samstagabend in Mahlsdorf mit Willi Görike in seinem Haus, um mit ihm den Gottesdienst abzusprechen. Die Begrüßung war so: „Einen schönen Gruß von Schwester Friedchen. Sie hat sich sehr über dich geärgert. Wenn du so mit deinen Zugverbindungen umgehst, kann sie dich als Prediger nicht gebrauchen!“

Wumms! Das hat gesessen! Ich bin jetzt über 52 Jahre Prediger, ich habe einen (!) Gottesdienst nicht erreicht, weil ich von meinem Trabant auf der Autobahn die Lichtmaschine verloren hatte. Ansonsten bin ich auch heute noch lieber zwei Stunden zu früh zu einem Gottesdienst, als eine halbe Minute zu spät. Danke, Schwester Friedchen!

Dann kamen die 1970er- und 1980er-Jahre. Schwester Friedchen regte an, im Waldfrieden pro Jahr einen „Empfang“ zu veranstalten, zu dem die Personen eingeladen wurden, mit denen unsere Kirche in der DDR „politisch“ zu tun hatte. Sie kamen aus Berlin, Luckenwalde, Potsdam, und die Kirche hatte die Möglichkeit, zu diesen Menschen auch einen persönlichen Kontakt aufzubauen. Ich durfte dabei sein, weil ich im offiziellen Teil für die Musik verantwortlich war. Ich erinnere mich an eine Rede einer sehr hochgestellten Person, die Folgendes sagte: „Frau Müller, ihr Ja ist ein Ja, ihr Nein ist ein Nein! Bei ihnen weiß man immer, woran man ist. Das macht die Zusammenarbeit mit ihnen immer angenehm!“

Nächstes Erlebnis: Predigerweihnachtsfeier in der Gottesdiensthalle im Waldfrieden. Ich frage Schwester Friedchen: „Wenn wir einen Geburtstagswunsch an dich übermitteln dürfen, willst du uns doch ganz bestimmt eine Freude machen. Richtig?“ Es kam ein fragendes: „Ja, wieso?“ Ich erwiderte: „Ich brauche keinen Anzug oder ein Hemd oder Schuhe. Ich möchte gerne eine Lokomotive für meine Eisenbahn.“ Pause. „Was kostet denn die?“ Ich: „Weniger als ein Anzug.“ Frieda rief daraufhin mit lauter Stimme durch die Halle: „Fine, der wünscht sich eine Lok.“ Ich habe im März Geburtstag, in den ersten Januartagen hatte ich meine Lok! Sie ist heute noch mein Stolz und meine „Friedalok“.

Schwester Friedchen konnte dann in jedem Jahr eine einwöchige Dienstreise durch die Gemeinden der DDR machen. Es war eine wunderschöne Zeit, aber manchmal war die Stimmung auch schwer. „Erhard, sing ein Lied!“ oder „Erhard, erzähle mal einen Witz!“ habe ich dann oft gehört. So durfte ich oftmals helfen, eine schwierige Situation etwas zu entspannen.

Es war im Jahr vor dem Mauerfall. Schwester Friedchen hatte alle Inhaber eines DDR-Dienstreisepasses, also auch mich, ins St.-Michaels-Heim eingeladen. Nach einem Gottesdienst und einem Mittagessen sagte sie, dass sie großen Wert auf den sich anschließenden Arbeitsnachmittag legt und dass sich alle zur Verfügung halten sollten. Dann ging sie vor dem Dank-Tischgebet zu Günter Schermutzki, neben dem ich saß, tuschelte etwas mit ihm, drückte ihm etwas in die Hand und sagte dann zu mir: „Ihr beide fahrt jetzt los. Günter zeigt dir alle Eisenbahnläden, die du sehen möchtest, und zum Abendbrot seid ihr wieder da.“ Traumhaft! Als wir wieder da waren, ging sie auf mich zu und fragte mich: „Bist du glücklich?“ Ich sagte natürlich: „Vollkommen. Ich habe für meine Loks eine Drehscheibe.“ Ihre Antwort war: „Das ist gut so.“ Sie konnte sich so richtig mitfreuen.

Nun bin ich bei meiner letzten Erinnerung. Es war das letzte oder vorletzte Silvester vor ihrem Heimgang. Auf ihren Wunsch sind wir von Berlin in den Stempferhof gefahren, um einen fröhlichen Abend zu gestalten. Ich erinnere mich an Helmut Raeschke und seine Kabarettgruppe „Schräge Rampe“, an Siegfried und Sigrid Lehmann, Ruth Heinrich. Gemeinsam durften wir einen wunderschönen Abend gestalten.

Am Neujahrsmorgen saßen wir dann im alten Speiseraum zum Frühstück. Schwester Friedchen kam mit Ewald Müller dazu und sprach Worte zum Jahresanfang, in denen sie fürchterlich über Süchte und Leidenschaften der Menschen schimpfte und anregte, im kommen Jahr dagegen anzukämpfen. Wir ließen alle die Köpfe hängen und waren bedrückt. Ich dachte, jetzt musst du die Stimmung retten! Als sie eine Atempause machte, sagte ich: „Ich habe auch eine Leidenschaft.“ Ihren Blick spüre ich noch heute und ihre Worte auch: „Was denn?!“ Ich sagte: „Meine Eisenbahn!“ Ihre Mundwinkel gingen nach oben, sie nahm mich in ihren Arm und sagte: „Das brauchst du.“

All diese Erinnerungen an Schwester Friedchen werde ich nie vergessen. Sie hat immer zu mir gestanden, mir geholfen, mich auf den Weg gebracht, den ich gehen soll und mir immer das Gefühl gegeben, dass sie für mich – aber auch für alle anderen – da ist! Dafür kann ich ihr nur danken.

Liebe Schwester Friedchen! Mit viel Liebe, Menschlichkeit und Verständnis hast du unzähligen Menschen den richtigen Weg gezeigt. Mit Konsequenz hast du den Glauben und die Kirche gelebt. Lass uns deinem Vorbild folgen. Danke, dass es dich gegeben hat!

Fröhlich und zuversichtlich in jedes neue Jahr – Auf dem Weg

Von Norbert Teschke

Der Januar hat bei vielen von uns mit dem Rückblick auf das vergangene Jahr und Plänen für das kommende Jahr begonnen. Wir sehen in der Rückschau, welche Wege uns in die Irre geleitet und welche uns in unserem Erdenleben voran gebracht haben. Und jeder von uns beschreitet seinen eigenen Weg, um im Leben voranzukommen.

Leider vergessen wir häufig, dass unser Weg nur dadurch „erfolgreich“ gewesen ist, weil wir von Gott durch unsere unsichtbaren Begleiter geleitet worden sind. Sie haben uns vor vielem bewahrt, in das wir durch unsere menschliche Unzulänglichkeit geraten wären. Sie haben uns gewarnt, wenn wir falsche Wege gehen wollten. Sie haben uns geholfen, wenn wir mit Schwierigkeiten auf dem dornigen, aber richtigen Weg gegangen sind.

Einst, vor unserer Geburt, haben wir uns entschieden für unseren Lebensweg. Wir haben ihn bejaht, obwohl wir schon im Vorfeld viele Stolpersteine erkennen durften. Nun leben wir und sind auf dem Weg, für den wir uns entschieden hatten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass dieser nicht nur mit Rosenblättern bedeckt ist, dennoch bin ich dankbar. Dankbar sein für all die Probleme? Dankbar für die negativen Erfahrungen? Dankbar gar für Leiden und Sorgen und die Krankheiten, die uns das Leben oft schwer machen? Es mag aus menschlicher Sicht unverständlich sein, auch für dies alles zu danken und nicht nur für die erfreulichen Ereignisse und liebevollen Weggenossen. Es ist aber, so glaube ich, ebenso wichtig.

Gott hat uns die Möglichkeit gegeben, erneut die Erde zu betreten, uns auf den Weg zu machen, das Gute, die Liebe zu vermehren. Er hat uns den freien Willen gegeben, an jeder Wegkreuzung oder jedem Abzweig zu entscheiden, wohin wir uns bewegen wollen. Außerdem stellt er uns Helfer an die Seite, die warnend und unterstützend unseren Weg begleiten. Ein Geistfreund hat einmal gesagt, dass, wenn wir als Kind geboren werden, bereits das Ende unseres irdischen Lebens festgelegt ist, die Stunde, in der wir unseren Weg beenden dürfen, um vor unseren liebevollen Gottvater zu treten. Er wird uns trotz aller Irrwege, die ein jeder für sich zu verantworten hat, dann in seine väterlichen Arme nehmen und uns einen neuen Weg in seinem Reich weisen.

Auf unseren weiteren Wegen mögen uns Worte unseres Meisters Joseph Weißenberg begleiten: „Von Diesseits nach Jenseits ist nur ein Schritt“ und „Meine größte Freude ist die Zukunft des ewigen Lebens“.

Diese Worte weisen uns den Weg und das Ziel und lassen uns unsere irdischen Leiden leichter werden. Lasst uns fröhlich und zuversichtlich unsere Wege beschreiten, in jeder neuen Stunde, an jedem neuen Tag, in jedem neuen Jahr und uns freuen, wenn wir unseren letzten irdischen Schritt erreicht haben.

Jahreslosung 2022: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen

Von Siegrun Mauske

Die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen hat den folgenden Bibelspruch aus dem Johannes-Evangelium als Losung für 2022 gewählt: „Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Gott ist da, er klopft an, wird ihm aufgetan? Er lädt auch ein. Wer ihn sucht, wird ihn finden, auch das ist ein Weg, Gottes unmittelbare Nähe zu erfahren.

Wir wissen um die Endlichkeit unseres Lebens, um bestimmte Aufgaben, die dem Sein einen Sinn und ein Ziel geben. Wir wissen um Zeit und Ewigkeit, um Körper, Seele und Geist und um eine Speise, die nicht von dieser Welt ist. Der Evangelist Johannes schreibt: „Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben…“ Gott ist bei den Menschen und möchte alle erreichen, ihnen Sicherheit geben, ihnen helfen, sie trösten. Doch er zwingt sich nicht auf. Wer sich ziehen lässt, dem gilt Jesu Zusage:„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Warum steht Gott aber allzu oft vor verschlossenen Türen, vor verriegelten Herzen? Man weiß nie, was passiert, wenn jemand Einlass begehrt, was einen hinter der Tür erwartet. Wer kennt nicht die unterschiedlichen Gefühle, wenn man vor Entscheidungen steht, vor Arztzimmern und der Schritt hinein getan werden muss. Der Empfang, die Nachrichten sind nicht immer gut und freundlich. Wir erleben solches oft im Laufe unseres Lebens, hinter und vor Türen, wunderschöne und unangenehme Momente. Türen können trennen und verbinden. Meist hängt es von beiden Seiten ab – vor und hinter der Tür. Jesu Zusage heißt jedoch: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Die Menschen seiner Zeit wollten Zeichen, Beweise haben, um dem Herrn, seinen Worten zu glauben, und das bis heute. Jesus gibt aber mit seinem Leben zu erkennen: Ihr habt meine Worte gehört und meine Taten gesehen und glaubt mir trotzdem nicht und seid voller Zweifel. „Kommt zu mir, vertraut mir, ich stille euren Hunger und Durst nach Leben, auch über den Tod hinaus.“ Das ist seine immerwährende Botschaft. Sein Wort, seine Einladung möchte unser Herz erreichen und bei uns mitten im Alltag ankommen. Verbindet sich der Wille Gottes mit unserem, damit wir seine Einladung hören und ihr folgen können? Ist mein Glaube eine geöffnete Tür, die den Herrn einlässt? Der Glaube ist ein Geschenk, glauben dürfen ist Gnade und stets getragen von göttlicher Liebe. Seine Worte vermitteln Trost: „Ich bin das Brot des Lebens.“ „Ich bin das Licht der Welt.“ „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ „Ich bin die Auferstehung und das Leben!“ Das sind Angebote, Einladungen. Und doch bleiben die Menschen zwiespältig, damals wie heute, und seine Worte bleiben zu oft ungehört.

Das gilt zum Beispiel für Jesu Einladung zum Abendmahl. Er ist gegenwärtig. Er möchte in unsere Herzen aufgenommen werden und uns im Hier und Jetzt nahe sein. Es ist an uns, in dem Moment da zu sein, wenn er uns anspricht, und wir wollen zum Hören bereit, aufnahmefähig für seine Kraft sein. Das gilt für jeden Gottesdienst, das ist im Umgang mit seinem Wort so. Das sind Begegnungen, die uns berühren, die etwas von Nächstenliebe spürbar machen oder auch enttäuschen und frösteln lassen.

Er ist aber da. Nichts kann uns von seiner Liebe trennen, auch nicht der Tod, wenn wir es zulassen, wenn wir ihn suchen und einlassen. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Sind wir bereit? Das bleibt die Frage, die der Einzelne für sich beantworten muss. Er ist uns nahe und verheißt Sicherheit, Zuwendung, Zukunft. Jesus steht vor jeder Herzenstür, tritt aber nur ein, wenn er nicht abgewiesen, sondern willkommen geheißen wird.

2021

„WILL EIN NEUES JAHR UNS LEITEN“ – GOTT IST BEI UNS AN JEDEM NEUEN TAG

Von Rainer Gerhardt

„Will ein neues Jahr uns leiten, schauen wir zum Himmel auf und gedenken alter Zeiten und der Welten Gang und Lauf. Ach, wie oft gab’s Wind und Wetter, Stürme, die den Weg umtost! Doch der Herr war Schutz und Retter und den Seinen ewger Trost.“

Diese Strophe aus einem Lied von Eberhard Köhler begleitet mich schon seit langem am Beginn eines neuen Jahres. Neue Dinge können uns mit Zuversicht aber auch mit Sorge erfüllen. Das hängt sowohl von unserer Grundstimmung als auch von äußeren Bedingungen ab. Eine vom Glauben erfüllte oder geprägte Grundstimmung ist meist verbunden mit Hoffnung und Liebe; sie kann aus dem Glauben die Kraft für ein Vorwärtsgehen schöpfen, die Hoffnung auf einen guten Weg und die Liebe, die sich anderen mitteilt.

Die Advents- und Weihnachtszeit ist von einem Aufbruch erfüllt, vom Sich-auf-den-Weg-Machen zum Kind in der Krippe. Mit diesem Aufbruch können wir auch in das neue Jahr gehen. Ein hierzu hilfreiches Wort der Bibel lautet: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die völlige Liebe treibt die Furcht aus.“

Die zweite Strophe des Kirchenliedes beschäftigt sich auch mit der Furcht: „Glaube fürchtet nicht Geschicke, die sich mit der Zukunft nahn; Glaube richtet seine Blicke auf den Herrn und seine Bahn. Glaube kennt kein banges Sorgen, wenn ein neues Jahr beginnt: Gott war gestern und ist morgen allen Menschen wohlgesinnt.“

Das neue Jahr können wir uns wie ein leeres Buch vorstellen, in das Gott mit uns die Seiten unseres Lebens schreibt. Dabei geht es nicht um Termine, die schon jetzt unsere Kalender füllen. Ein kluger Mitmensch hat einmal gesagt: „Ein voller Terminkalender ist kein Indiz für ein erfülltes Leben.“ Es geht um Inhalte, um Möglichkeiten und um den Willen, diese Möglichkeiten zu nutzen.

Von unserem Meister Joseph Weißenberg stammt der Satz: „Wir können keine Welt ändern, es sei denn, dass ein jeder in sich selbst zur Erkenntnis der Wahrheit kommt und sich bessert.“ Im Umkehrschluss heißt das: Wir können eine Welt ändern, wenn wir uns ändern. Und zwar dort, wo wir leben und stehen, in unserem Alltag, in der Familie, auf der Arbeit, in der Schule – überall.

Wir können uns jeden Tag ändern – im Sinne von weiterentwickeln, Gott und unseren Mitmenschen näherkommen. Wenn wir es wollen. Und zum Wollen schenkt uns der Herr das Vollbringen, und wir können sagen: Wir schaffen das – mit Gott!

Das neue Jahrbuch unseres Lebens wird auch wieder von einem Auf und Ab gekennzeichnet sein, das hat uns gerade das vergangene Jahr gelehrt. Das haben wir auch nicht immer in der Hand. Was wir aber in der Hand haben, ist die Nähe zu Gott, zu seinen Werten, die wir empfinden und ausstrahlen. Und dieser Gott, der Liebe ist, geht mit uns – auch im neuen Jahr. Das ist die Zuversicht der dritten und letzten Strophe des Kirchenliedes: „Gott kann wenden, Gott kann wandeln, er macht Bösgemeintes gut, und in seinem Geiste handeln, gibt uns Freude, Schwung und Mut. Mit ihm schaffen, mit ihm gehen, macht das Herz voll Zuversicht; treu in seinem Werk bestehen, führt aus aller Nacht zum Licht.“

So bleibt der Wunsch an uns allen, dass der Funke der Hoffnung in uns zu einem Licht wird, das uns und viele andere den Weg im neuen Jahr erkennen lässt. Möchte es erfüllt sein von Gottes Frieden, seiner Liebe und seiner Gerechtigkeit.

Weihnachten verbindet – Mensch und Geist treffen sich an der Krippe

Von Johannes Franke

„Wie in einem jeden Jahr wandern wir gemeinsam in der Adventszeit und suchen den Stall und die Krippe. Wir kommen alle aus den Ängsten und Wirrnissen unserer dunklen Nacht, der Lieblosigkeit dieser Zeit und möchten ihn finden und in uns aufnehmen. Wir sind müde geworden. Der Friede kann keinen Einzug halten, weil die Freude im Herzen verloren gegangen ist.“

Diese Worte schrieb unser ehemaliges Kirchenoberhaupt Frieda Müller einmal zu Weihnachten; in dem Buch „Auf der Wanderschaft zu Gott“ kann man ihre Worte nachlesen. Vielleicht zum ersten Mal kann ich diese Gedanken vollständig nachempfinden, und ich denke, vielen Menschen – zumindest in meiner Generation – geht es ähnlich. Weihnachten war für mich immer ein Fest des Zaubers, der Fröhlichkeit, des Gemeinsamen und der Verbundenheit.

Sicher, es gab Herausforderungen, alle Termine zu bewältigen, bei dem ganzen Trubel drum herum das Wesentliche von Weihnachten nicht aus dem Blick zu verlieren und auch manche Sorge, die einen umtrieb. Aber Freudlosigkeit und Müdigkeit sind Zustände, die ich erst seit diesem Jahr mit Weihnachten in Verbindung sehen kann. Auch die Ängste und Wirrnisse sowie die Lieblosigkeit dieser Zeit sind mir in diesem Jahr deutlicher vor Augen als jemals zuvor.

Und doch bleibt Weihnachten, was es war und immer sein wird: Die Berührung der Menschen und der gesamten Schöpfung mit Gottes heilender Liebe, die er jedes Jahr aufs Neue schenkt!
Wir wissen von unseren geistigen Freunden, dass sich die Geschehnisse der großen Feiertage im Geiste jedes Jahr aufs Neue vollziehen. So sendet Gott wiederum aus gütiger Liebe im Geiste seinen Sohn. Mit ihm kommt erneut der heilende Strom, der so viel Zuversicht, Trost, Heilung, Ausrichtung und Leichterwerden der Last bedeutet. All das, was Christus auf diese Erde bringen durfte, von dem wir in der Heiligen Schrift lesen, in Liedern singen und in den Gottesdiensten erfahren dürfen, wird wieder der Erde und den Menschen zuteil.

Dabei ereignet sich Weihnachten für alle, die sich angesprochen fühlen. Schon die Weihnachtsgeschichte schildert so wunderbar eindrücklich, dass Christus für alle Menschen gekommen ist. Zu dem Stall in Bethlehem eilen sowohl die Hirten – einfache Menschen des Volkes, ohne irdische Reichtümer, Bildung und Macht – als auch die drei Weisen aus dem Morgenland, die sehr wohl über irdische Reichtümer, Bildung und Macht verfügten. Trotzdem wurden sie angezogen von dem besonderen Ereignis.

Gott rief sie, jede Gruppe in der Sprache, die sie gut verstehen konnte. Die einen durch Engel, die ihnen erschienen, die anderen durch ein Zeichen am Himmel, den sie gewohnt waren zu beobachten und zu deuten. So spielen an Weihnachten alle Unterschiede, die den Menschen manchmal so wichtig scheinen, keine Rolle. Ob das Herkunft, Sprache, Bildungsgrad, Berufsstand oder Klassenzugehörigkeit sind, kein vermeintlicher Unterschied wirkt mehr trennend, wenn wir uns von Gottes Liebe gerufen fühlen und uns von ihr erfüllen lassen.

So heißt es in dem bereits erwähnten Buch „Auf der Wanderschaft zu Gott“ weiter: „Der Stall von Bethlehem, der einfache Hirten und gelehrte Weise in sich vereinte, ist auch heute noch der geistige Ort, an dem Gott alles Getrennte in der Welt zusammenführt. So unterschiedlich der Adventsweg anfängt: Das Ziel ist dasselbe, und es macht uns alle gleich, wenn wir es erreichen.“

Was für ein großer Trost in unserer Zeit, in der die Uneinigkeit so groß scheint. Nutzen wir das Weihnachtsfest, seine Kraft und Fröhlichkeit, um neuen Mut zu fassen, Vertrauen aufzubauen, Zuversicht und Weite in uns einziehen zu lassen und Einigkeit zu schaffen.

Das gelingt uns alle Jahre wieder, wenn wir in uns leise werden lassen, was mit Gebet, Lob und Dank nicht im Einklang steht, und unser Streben im Sinne der himmlischen Botschaft ausrichten: „Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen.“

Advent findet in unserem Herzen statt – Zum Licht werden

Von Rainer Gerhardt

„Mache dich auf, werde licht! denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“

Diese Worte des Propheten Jesaja richten sich alle Jahre im Advent an uns und in diesem Jahr ganz besonders. Ob es das Schicksal der Flüchtlinge ist, das uns erschüttert, ob es die Folgen des Klimawandels sind, die uns ängstigen, ob es die Pandemie und ihre Auswirkungen sind, die uns mit Sorge erfüllen oder ob es das oft auch eigene schwere Schicksal ist, das uns belastet: überall scheinen Finsternis und Dunkelheit zu regieren.

Und genau in dieser Dunkelheit erscheint ein strahlendes Licht: erst eines, dann zwei, drei, vier und dann ganz viele. Es sind nicht nur die Lichter des Adventskranzes, die jede Woche eines mehr werden, sondern es sind viele Seelen, aus denen das Licht des Sohnes Gottes erstrahlt.

Manchmal ist es für uns fast schmerzhaft, wenn plötzlich solch ein Licht erstrahlt. Wir sind im ersten Moment geblendet, und dann werden die Unebenheiten, Risse und Brüche des Lebens deutlich sichtbar. Wir erkennen sogar eigene Untiefen. Ist es da nicht besser, das ganze Elend nicht sehen zu müssen?

Das Licht des Heilands, das diese Adventszeit Tag um Tag stärker erhellt, ist kein kaltes, hartes Licht, sondern es strahlt warm und voller Liebe. Es ist heilsam. Es lässt uns nicht nur Not erkennen, sondern auch Hilfe. Wir erkennen, dass wir nicht allein sind – weder in Leid und Sorgen noch in unseren Möglichkeiten, anderen zu helfen.

Wir erkennen auch: Advent ist kein statischer Moment, Advent ist Bewegung, ist Aufbruch: Wir sollen uns aufmachen und werden! Das erinnert uns an die Worte unseres Meisters Joseph Weißenberg: „Wir leben nicht, um zu sein, sondern wir leben, um zu werden.“ Ein anderes Wort von ihm ist: „Licht allein ist Jesus Christus!“

Geistfreunde haben uns vor kurzem zugerufen: „Und nun geht es in die Zeit, die äußerlich dunkel ist, und es werden immer mehr Lichter entzündet. Aber die Lichter in euren Herzen möchten entzündet werden! Dann werdet ihr auch dankbaren Herzens den Weg zur Krippe gehen können.“ – Licht bringt auch Verantwortung mit sich: In Urzeiten war es eine wichtige Aufgabe, das Licht, das Feuer nicht ausgehen zu lassen, denn ein neues Feuer anzuzünden ist ungleich schwerer, als vom vorhandenen Feuer – oder von der Restglut – zu  nehmen. Lassen wir das Licht des Glaubens nicht ausgehen.

Advent gibt uns mit seiner zunehmenden Lichtfülle nicht nur Erkenntnis, sondern auch Orientierung. Das Ziel wird klar: der Stall von Bethlehem, das Kind in der Krippe. Das ist kein rührseliges Kitschgemälde, sondern Hoffnung schlechthin: In die größte Finsternis, in die schwärzeste Dunkelheit sendet Gott sein größtes, stärkendstes Licht – in Form eines kleinen, hilfsbedürftigen Kindes. Dieses Kind möchte Teil unseres Lebens werden. In einem alten, bekannten Weihnachtslied heißt es: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit, der König aller Königreich, ein Heiland aller Welt zugleich, der Heil und Leben mit sich bringt; derhalben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich an Gnad.“

Geistfreunde sagen dazu: „Öffnet eure Herzenstüren, damit das Licht, das auf diese Erde gesendet wird, auch zum Strahlen kommt! ,O wohl dem Land, o wohl der Stadt, die diesen König in sich hat‘, so wird es gesehen im Geiste. Aber ihr steht nicht im Schauen und seht das, was sich vor euren Augen abspielt: Das hat nicht viel zu tun mit dem Öffnen der Tore, damit Gottesgeist einziehen kann. Aber lasst euch nicht erschrecken, fürchtet euch nicht! Der Herr zieht wieder ein auf diesem Erdenstern, und vieles findet auch jetzt schon zur Erlösung. Jeder, der diese Erde betritt in dem Sinne, Gott zu dienen, kann so viel bewegen, egal, wo ihr steht, in welchem Land und in welcher Hautfarbe oder in welcher Religion dieser Weg gegangen wird – Gott wirkt überall! Der dreieinigstarke Gott bringt das Licht auf diese Welt, und ihr könnt und möchtet es mit auf diese Erde ziehen.“

Dieses Licht will uns erreichen. Es will uns unsere Möglichkeiten erkennen lassen, selbst zu einem Licht zu werden, um anderen Schutz, Hilfe, Hoffnung und Trost zu geben – und das nicht nur im Advent.

Gedanken zum Ewigkeitssonntag – Eine geistige Sicht

Von Gerhard Roscher

In fast allen Bereichen des Lebens hat die Menschheit in den hinter uns liegenden Jahrzehnten immer wieder große Fortschritte gemacht. Wir können zum Mond fliegen und Nachrichten in Sekundenschnelle um den ganzen Erdball schicken. Die Medizin hat in einer Rekordzeit einen Impfstoff gegen Corona entwickelt. Das Leben für einen Großteil der Weltbevölkerung ist in vielen Aspekten nachhaltig verbessert worden.
Vergessen dürfen wir dabei aber nicht, dass viele dieser Fortschritte mit negativen Begleitumständen verbunden sind. Noch hungern viele Menschen auf dieser Erde, Rohstoffe werden ausgebeutet, und das Thema Klima wird uns in den nächsten Jahrzehnten beschäftigen.

Doch unabhängig von diesem Geschehen hat sich ein Gedanke im Leben der Menschen so gut wie gar nicht verändert – ihr Verhältnis zum Sterben und zum Tod. Sicher gibt es auf diesem Gebiet eine Reihe von neuen Erkenntnissen, doch im Großen und Ganzen ist das Thema immer noch vom Schleier des Ungewissen bedeckt.

Eine große Anzahl von Menschen auf unserer Erde hat Angst vor dem Sterben und dem Tod. Sie wissen nicht, was sie erwartet und fürchten sich vor dem Ende des Lebens. Das resultiert natürlich auch aus der Tatsache, dass es für diesen letzten Schritt keine allgemeingültigen Regeln und Beweise gibt.

Die Ungewissheit ist da und beeinträchtigt in gewisser Weise auch die Lebensqualität in den letzten Lebensjahren. Doch gegen diese negativen Gedanken kann man etwas tun, wenn man dazu bereit ist, sich über Erkenntnisse auf diesem Gebiet zu informieren.

Seit den Achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat es weltweit eine Fülle von Berichten über sogenannte Nahtoderlebnisse gegeben. Angestoßen von Dr. Elisabeth Kübler-Ross und Dr. Raymond Moody gibt es inzwischen Tausende von Berichten von Menschen, die klinisch tot waren und ins Leben zurückgerufen wurden. Diese Berichte gibt es aus allen Teilen der Welt.

In Nuancen abweichend, in den Kernaussagen aber immer wieder mit einer an Wunder grenzenden Übereinstimmung, erzählen die Menschen von den Erlebnissen, die sie nach ihrem klinischen Tod hatten. Alle sind ja wieder in das Leben zurückgekehrt und konnten ihre Eindrücke schildern.

Zu den immer wieder berichteten einzelnen Stationen ihrer Wanderung im jenseitigen Bereich gehören folgende Situationen: Am Anfang schreitet man durch einen dunklen Tunnel. Am Ende dieses Tunnels wird man von einer überirdischen Lichtfülle, die aber nicht blendet, empfangen und nimmt eine Lichtgestalt wahr. Begleitet wird das von einem überwältigenden Gefühl von Liebe und Wärme, die einem entgegengebracht werden. Das Lichtwesen zeigt dem Menschen dann in einer Rückschau sein gesamtes Leben, wobei er erkennt, wo er falsch gehandelt hat und andere verletzt hat. Es werden keine Worte gesprochen, alles wird gedanklich übermittelt. Am Ende gibt das Lichtwesen dem Menschen zu verstehen, dass seine Mission auf der Erde noch nicht beendet ist, und er kehrt zurück ins Leben.

Alle diese Menschen haben nach diesen Erkenntnissen ihr Leben geändert. Sie haben die Furcht vor dem Tod verloren und sich in Liebe geübt. Übereinstimmend führen sie aus, dass ihre menschliche Sprache nicht in der Lage ist, die Schönheit und Erhabenheit der jenseitigen Welt wirklichkeitsgetreu zu beschreiben.

Natürlich wurden und werden alle diese Berichte von Theologen, Medizinern und Wissenschaftlern immer wieder in Frage gestellt und angezweifelt. Mediziner sprechen von der Ausschüttung von Endorphinen. Doch es gibt eine Vielzahl von eindeutigen Beweisen. So haben viele Ärzte feststellen können, dass die Betroffenen alle Maßnahmen zur Reanimierung detailgetreu schildern konnten.

Für uns Johannes-Christen ist die geistige Welt ja kein Neuland. Schon am Beginn des 20. Jahrhunderts hat Joseph Weißenberg die Erkenntnis vom Fortleben der Seele nach dem Tode den Menschen nahegebracht. Er ließ Geistwesen durch Werkzeuge sprechen, die eine Seelenwanderung erlebten und davon berichteten. In dem Buch „Das Fortleben“, das 2005 neu herausgegeben wurde, wurden die Berichte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In diesem Buch finden wir eine Fülle von Parallelen zu den einzelnen Beschreibungen von Nahtoderlebnissen.

Ganz besonders können wir das auch in dem Buch „Licht am Ende des Lebens“ von Betty J. Eadie feststellen. Sie hatte im Jahre 1973 ein Nahtoderlebnis und hat 1992 ein bewegendes Buch darüber geschrieben. Ganze Passagen daraus, ihre Begegnung mit den Lichtwesen und die Beschreibung der Welt im Jenseits könnten dem „Fortleben“ entnommen sein.

Wir dürfen dankbar diese Entwicklung betrachten und uns darüber freuen, wie ein wesentlicher Bestandteil unserer johannischen Glaubenslehre eine Bestätigung in der Öffentlichkeit gefunden hat. Wir haben fast alle die Angst vor dem Tod verloren und sehen dem Leben in Gottes Welt der Liebe und des Friedens zuversichtlich entgegen.

Reformation statt Ablenkung – Wesentlich werden

Von Ulrike Gehde

„Sie können keine deutschen Feiertage löschen!“ Diese Nachricht übermittelt mir mein Smartphone, als ich versuche, Halloween aus meinem Kalender zu löschen. Aber erstens wollte ich überhaupt keinen deutschen Feiertag löschen, sondern nur einen für mich unbedeutenden Termin aus meinem Kalender entfernen. Zweitens scheint der Betreiber der smarten Kalender-Software nicht zu wissen, dass Halloween kein deutscher Feiertag ist. Es ist wahrscheinlich kein verrückter Geisterglaube, hier gewisse kommerzielle Interessen zu vermuten.

Ablenkung ist in der Tat ein großes Problem unserer Zeit. Ablenkung – sie zeigt sich nicht zuletzt an unseren Feiertagen: Vor lauter Lichterketten, Geschenkekauferei und kulinarischen Höhepunkten fragen viele Menschen kaum noch nach dem ursprünglichen Sinn des Weihnachtsfestes. Auch Ostern scheint fest in der Hand eifriger Hasen- und Blümchen-Dekorateure und der Süßwarenindustrie zu sein. – Aber wie war das eigentlich mit diesem Mann, der sich kreuzigen ließ, und was bedeutet das Wort „Auferstehung?“ Nur zu Pfingsten, zu „Pfingsten waren die Geschenke am geringsten“, wie es Bertold Brecht notierte. – Der Heilige Geist ist anscheinend nicht leicht zu vermarkten.

Und nun heute: der 31. Oktober. Reformationstag und/oder Halloween? Die Erinnerung an den Aufruf Martin Luthers, seine 95 Thesen zu Glaube und Ablass zu diskutieren. Der Mut, mit dem er sich den Mächtigen und Gewaltigen der Kirche seiner Zeit entgegenstellte, hat langwierige Umwälzungen und Erneuerungen der religiösen, politischen und sozialen Verhältnisse hervorgebracht. Als Beispiele seien hier die Trennung von Kirche und Staat sowie die Einrichtung staatlicher Schulen erwähnt.

Und Halloween? Ein sozusagen verballhornter christlicher Feiertag – der Vorabend von Allerheiligen, dem Gedenktag für die Märtyrer des frühen Christentums – heute mit Mummenschanz und Gummibärchen in Teufelsgestalt ein Heidenspaß, vor allem für die Süßwaren- und Unterhaltungsindustrie.

Dank der Religionsfreiheit mögen in Deutschland alle Menschen nach ihrer Façon selig werden. Für mich als johannische Christin ist der 31. Oktober ein Tag des Gedenkens an Martin Luther und die Reformation und außerdem an den ersten Kirchentag der Johannischen Kirche. Reformatorischer Geist findet sich auch im Wirken unseres Kirchengründers Joseph Weißenberg: Er brachte den Menschen die ursprüngliche Kraft Jesu Christi wieder nah, und er lehrte, dass es keine allein seligmachende Kirche gibt, sondern Religionen und Konfessionen „verschiedene Wege Gottes zur Führung des Menschengeschlechts“ sind. 
Ich wünsche uns allen den Mut zur Besinnung auf das Wesentliche.

Erntedank: Wo ist die Frucht des Menschen? – Gott hat uns als guten Samen ausgesät

Von Rainer Gerhardt

Vor Kurzem haben viele Menschen in Gottesdiensten Erntedank gefeiert. Es wird in den verschiedenen Ländern und Religionen ganz unterschiedlich begangen, aber eines ist gemeinsam: Überall wird dem Herrn gedankt, dem Schöpfer aller guten Gaben!

Erntedank wurde in früheren Zeiten vielleicht noch etwas inniger begangen als heute. Unsere Vorfahren waren den Naturgewalten viel direkter ausgeliefert, als wir es heute sind. Aber sind wir nicht mehr und mehr in gleicher Weise betroffen? Die Flutkatastrophe des vergangenen Sommers hat in unserem Land nicht nur viel Leid mit sich gebracht. Mit den Fluten ist auch ein großer Teil unserer Selbstsicherheit weggespült worden.

Wir glauben oft, dass alles selbstverständlich ist: unser tägliches Brot, unser sicheres Dach über dem Kopf, unsere Gesundheit, die Liebe unserer Familienmitglieder oder die Zuneigung unserer Freunde. Die letzten Monate haben uns aber etwas anderes gelehrt: Vieles kann sich von einem Moment zum anderen radikal ändern.

In Zeiten des Umbruchs und des Zweifels suchen wir Sicherheit, und im Erleben des Erntedankfestes können wir erkennen: Das Einzige, was unvergänglich ist, ist die Liebe Gottes. Sie ist ein Fundament, das nicht weggespült wird.

Geistfreunde haben uns einmal zugerufen: „Was in Dankbarkeit empfangen und sorgsam gehütet wird, das wird immer von Segen begleitet. Und was als Selbstverständnis genommen wird und verschwendet wird, das verliert automatisch seinen Segen.“ Vielleicht sind wir alle - jeder für sich und wir alle zusammen - in den letzten Jahren manchmal zu selbstbewusst und zu wenig dankbar gewesen. Selbstvertrauen ist wichtig, wenn es aber zu Selbstüberschätzung führt, dann kann es problematisch werden. Vielleicht müssen wir die Dankbarkeit neu entdecken.

In den Erntedankgottesdiensten unserer Johannischen Kirche haben die Teilnehmer gesegnete Früchte erhalten. Sie sind nicht nur ein Symbol, sondern ein Stück greifbarer Segen, den alle mit nach Hause nehmen können. Aber wir sollen nicht nur Segen empfangen, sondern wir sollen selbst zum Segen werden!

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Diese Worte werden Martin Luther zugeschrieben und stehen für die Hoffnung auch in scheinbar ausweglosen Situationen. Wer einen Baum pflanzt, der macht das in der Gewissheit, dass erst eine zukünftige Generation die Ernte nutzen kann; solch ein Mensch handelt im besten Sinne vorausschauend und nachhaltig; solch ein Mensch glaubt an eine Zukunft. Das ist gelebte Hoffnung.
Auch in der Heiligen Schrift, die uns Dank Martin Luthers Übersetzung zugänglich und verständlich geworden ist, finden sich viele Worte, die in uns Hoffnung wecken wollen. Nachfolgend einige Beispiele entsprechender Bibelverse:

„Christus spricht: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,29)

„Ich harre des Herrn; meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort.“ (Psalm 130,5)

„Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht.“ (Hebräer 11,1)

„Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leidens.“ (Jeremia 29,11)

„Du bist mein Schirm und Schild; ich hoffe auf dein Wort.“ (Psalm 119,114)

„Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.“ (Klagelieder 3,24)

„So wir aber des hoffen, das wir nicht sehen, so warten wir sein durch Geduld.“ (Römer 8,25)

„Der Gott aber der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr völlige Hoffnung habet durch die Kraft des heiligen Geistes.“ (Römer 15,13)

Hoffnung schafft Trost und Mut. Gott kann durch einen mutigen Menschen auch sehr viel besser wirken als durch einen ängstlichen. Manchmal muss man einfach sagen: „Wir schaffen das!“, und dann können andere mutig folgen. Diesem zuversichtlichen Satz möchte ich hier noch zwei Worte hinzufügen: „Wir schaffen das: Mit Gott!“

Gott hat uns als Samen in diese Welt gepflanzt, damit wir gute Früchte bringen. Joseph Weißenberg, der Gründer der Johannischen Kirche, fragte oft nach dem Erntedankgottesdienst: „Wo ist die Frucht des Menschen?“ An anderer Stelle sagte er: „Was der Mensch sät, das wird er ernten.“

Jesus Christus gab uns im Umgang mit unseren Mitmenschen die Ausrichtung: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ Auch wir werden an unseren Früchten erkannt werden.

Möchten wir daran arbeiten, dass wir gute Früchte ernten, denn Gott hat einen guten Samen in uns gesetzt. So können auch wir zu einem Apfelbäumchen werden.

Neues Kirchenjahr: Geistige Weckrufe – hören wir hin!

Von Paul Schuchardt

Ein neues Kirchenjahr beginnt. In der Kirchentagswoche haben wir in vielen Begegnungen und Gesprächen Gedanken ausgetauscht und geistige Impulse aufnehmen können. Sind das nicht in erster Linie Weckrufe an jeden von uns? Mache dich auf in deinem Leben, und lass das Licht deiner Seele leuchten, lass die Liebe, die von Gott geschenkt in dir ist, erkennbar werden.

Überall in der Welt erreichen Menschen Weckrufe aus der geistigen Heimat. Manche Menschen erleben diesen Weckruf aus ihrem Inneren heraus, andere berührt eine Begegnung oder ein Ereignis so sehr, dass sie spüren, hier bin ich angesprochen. Wenn wir aufmerksam sind, können wir auch solche Rufe hören. Zahlreiche Ereignisse halten uns Spiegel vor und scheinen uns zu fragen: Wo bist du in dem Geschehen zu finden? Welcher „Ruf“ geht von dir aus? Fühlst du die liebevolle Kraft, die du in dir hast? Ist sie die treibende Kraft für deine Entscheidungen?

Viele junge Menschen übernehmen heute Verantwortung, zum Beispiel wenn sich die Folgen der Klimaveränderungen immer deutlicher zeigen. Sie spüren, dass wir alle dafür Verantwortung tragen, uns aber meist dessen nicht bewusst sind. Kinder und Jugendliche in vielen Ländern fordern uns beständig auf, unsere Lebenshaltungen zu überdenken und unsere Gleichgültigkeit aufzugeben. Was tun wir damit, wenn wir ihre Botschaften hören?

In der ganzen Welt merken Menschen, dass die auf menschliche Kraft beruhende Sicherheit nur scheinbar unverletzbar ist. Auch die Krankheitswelle durch die ganze Welt, die wir jetzt erleben, kann helfen, Zusammenhänge zu erkennen, die nicht an Ländergrenzen haltmachen. Oder denken wir an die zahlreichen Ströme flüchtender Menschen, die der Gewalt, Krieg und Zerstörung, aber auch existenzieller Not und massiven Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen entkommen wollen. Kann Wegschauen und „Festung bauen“ helfen? Anzeichen der Verletzlichkeit der selbstgeschaffenen Wohlfühlzone gab es seit vielen Jahren. Wie weit geht die Bereitschaft zu Solidarität, zu wirksamer Menschlichkeit?

In vielen Teilen der Welt rufen geistig geweckte Menschen auf, Trennungen und Feindschaften zwischen Völkern, Religionen und Kulturen aufzugeben. Sie leben das meist mit persönlichem Einsatz in ihrem Umfeld vor, auch wenn sie bedroht und verfolgt werden. Sie sind getrieben durch die Erkenntnis, dass alles von Gott Geschaffene zusammengehört, alle Menschen eine große Familie sind und dass jeder Mensch von Gott gleich geliebt wird.

Wir sind keine einsamen Vertreter des Glaubens, dass wir nach dem Tod in einer geistigen Welt weiterleben. Doch ist uns wirklich bewusst, dass Gott Liebe ist? Viele Menschen fürchten sich vor Gott. Doch Jesus nannte ihn „Abba“, liebevoller Vater. Von ihm geht beständig unfassbare bedingungslose Liebe aus. Zu ihm gehören wir. Seine Liebe wohnt auch in uns. Sie ist die eigentliche Kraft unseres Lebens und wird dennoch so oft vergessen, übertönt, nicht beachtet. Für unsere Entscheidungen ist sehr hilfreich, wenn wir an diesen hellen Liebesfunken in unserer Seele glauben. Wir brauchen das Erlebnis, dass wir Liebe in uns haben und dass wir von Gott bedingungslos geliebt sind. Das können wir in unserem Alltag ausprobieren: Handele nicht aus Furcht vor Strafe, sondern aus dem Glauben an die Liebe in dir.

Gott ist Liebe. Alles, was er getan oder geschaffen hat, ist gut. Wieso sollte das bei bestimmten Menschen nicht gelten? Was sind mögliche Gründe dafür, dass das gut Geschaffene so verformt wurde? Wieso glauben viele, dass wir nur durch strenge Erziehung zu „guten“ Menschen werden? In vielen Fällen stellt die Erziehung eher eine Konditionierung für eigene Lebensstrukturen dar. Die Liebe bringen die Kinder bei ihrer Geburt bereits mit. Sie suchen bei ihren Eltern Resonanz, die Liebe aus der Heimat. Wenn sie diese nicht wahrnehmen können, kommen von ihnen oft Signale, die ebenfalls Weckrufe sind. So fragen sie manchmal nur mit ihren Augen: Habt ihr vergessen, dass ihr Liebe in euch habt?

In unserem Leben sind wir immerzu in Aktion, stellen etwas her, bauen oder erfinden etwas. Wir bereisen ferne Länder, kaufen viele Dinge usw. Viele klagen über Hektik und Stress, doch es fehlt der Mut zu neuen, liebevolleren Ansätzen. Machen wir uns bewusst, dass alles, was wir tun, Teil des großen Ganzen ist und Auswirkungen darauf hat! Somit hat jeder einen wertvollen Anteil an notwendigen Veränderungen in der Welt. Unser Tun wird eine gute Wirkung haben, wenn es mit Liebe geschieht.

So ist sicher auch für das beginnende Kirchenjahr der Wunsch unseres Meisters der gleiche: „…dass die Liebe größer wird.“ Wir brauchen nicht darauf zu warten, dass irgendein anderer damit anfangen soll. Der Weckruf kommt aus jedem einzelnen Herzen. Hören wir hin!

Kirchentag 2021: Alle unter einem Dach – große Geschenke: Gemeinschaft und Gebet

Von Johannes Falk

Das große Fest der Gemeinschaft, unser johannischer Kirchentag, hat uns alle wieder vereint, wo wir auch waren, besonders zu den großen Gottesdiensten am Geburtstag des Meisters und dann zum Festgottesdienst am Sonntag, dem 29. August. Ob in der großen Hallenkirche im Waldfrieden der Friedensstadt, im immer wieder heimatlichen St. Michaels-Heim, in den Gemeindehäusern nah und fern oder am Bildschirm oder Telefon rings um den Erdball: In all diesen Stunden und ganz besonders zum gemeinsamen Händefalten im Bitt- und Dankgebet vereint, das gleichsam jubelnd und aus tiefstem dankbaren Herzen als ein Bekenntnis zur Gemeinschaft des Meisters, zum himmlischen Vater emporgesandt wurde, in diesen Minuten, Stunden, Tagen waren wir alle eins, wie unter einem weltumspannenden, schützenden Kirchendach!

Gerade das kraftvolle gemeinsame Vaterunser ist in unserer Gemeinschaft, seit es unser Meister und Kirchengründer Joseph Weißenberg vorgelebt und als Verordnung in Herz und Seele gelegt hat, ein starkes, festes und verbindendes Element unseres Glaubenslebens. Bereits vor über hundert Jahren hat er es allen, die zum ihm kamen, ans Herz gelegt: das heilige Vaterunser als tägliche Verordnung. Und er hat uns gelehrt, es in des Heilands Namen zu beten mit dem Schluss: „In Christo Jesu. Amen!“ So wie es Jesus Christus einst seinen Jüngern für diese kommende Zeit sagte: „An dem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen.“

Das tägliche Gebet ist für uns und unsere Gemeinschaft zu einer Lebensordnung geworden, die einfach zu unserem Tagesablauf gehört, wie auch der Hinweis unseres Meisters Joseph Weißenbergs, morgens nie ohne ein kurzes Gebet aus dem Hause zu gehen. Ja, wir haben es gut in unserer johannischen Kirchenheimat: In allen johannischen Häusern beginnt der Arbeitstag für die Mitarbeiter mit einem Vaterunser. In meiner Gemeinde Gößweinstein wurde dies selbst während der heißen Umbauphase des Stempferhofes nie versäumt: Oft standen wir dabei mitten in einer Baustelle und manchmal auch unter freiem Himmel davor.

Doch wir beten dabei nicht nur für das Tagesgeschehen. Oft war es schon so und seit einiger Zeit wieder ganz gezielt: Wir denken dabei ganz besonders innig an unsere Schwestern und Brüder, die heute in ihrem Glaubensleben nicht so frei sind wie wir. Und wir denken ebenso an die vielen Menschen, Seelen und besonders die Kinder in Kriegsschrecken, Hunger, Angst, Verzweiflung, Not und Tod und Naturkatastrophen.

Am Schluss dieser Gedanken soll unser aller Dank stehen für die großen Geschenke unseres Meisters: unsere Gemeinschaft und das immer wieder stärkende Band des gemeinsamen Gebetes. Und dazu ein Gebet unseres Meisters, das er oft gesprochen hat, und so glaube ich, ganz besonders in unsere heutige Zeit passt, soll uns hier ans Herz gelegt sein:

„Du allmächtiger Gott und Vater, Du hast die Herzen alle in Deiner Hand, Du lenkest sie wie Wasserbäche; so lenke es für jedes Menschen Wohl, für jede Familie, für jedes Vaterland, auf dass Friede werde auf dieser dunklen Erde und bald ein Hirt und eine Herde. Amen.“

„Ein Hirt und eine Herde!“ Unter diesem schützenden, weltumspannenden Kirchendach der Ewigkeit dürfen wir uns alle dankbar und gläubig geborgen wissen!

Kirchentag 2021: Frohe Botschaften – die Kirchentagswoche lädt alle ein

Von Rainer Gerhardt

Wer schon einmal fern von Zuhause in einer Botschaft seines Heimatlandes war, hat es vielleicht auch erlebt: Man fühlt sich dort von den Menschen verstanden und der Heimat ein Stück näher; alles ist irgendwie vertraut. Solch ein Gefühl können wir auch bekommen, wenn wir ein Gotteshaus betreten, egal, ob es ein johannisches Gemeindehaus, eine kleine Dorfkirche, eine große Kathedrale, eine Moschee oder ein Tempel ist. Orte, an denen der Geist Gottes zu spüren ist, sind so etwas wie Botschaften des Himmels, und vielleicht fühlen wir uns auch in ihnen ein Stück besser verstanden und der Heimat näher.

Doch es gibt nicht nur diese Botschaften aus Stein, sondern auch die aus dem Geist und den Worten des Herrn. Uns Menschen ist die frohe Botschaft Gottes auf vielerlei Arten entgegengetreten, und wir dürfen immer daran denken, dass Evangelium genau das bedeutet: Frohe Botschaft!

Am kommenden Sonntag beginnt der diesjährige johannische Kirchentag, und das Motto, unter dem diese Gotteswoche steht, ist ebenfalls eine frohe Botschaft: „Voneinander –  Füreinander – Miteinander“. Alle sind hierzu eingeladen: Kirchenmitglieder und Glaubensfreude, Partner, Nachbarn, Gäste und Interessenten.

Nach langen Monaten der pandemiebedingten Einschränkungen dürfen wir uns auf ein vielfältiges Programm freuen, das wieder viele Präsenzveranstaltungen mit sich bringt. Wir dürfen gemeinsam singen, beten, reden, arbeiten und uns vor allem gemeinsam freuen.

Diesmal sind nicht nur unsere Kirchenzentren Friedensstadt und St.-Michaels-Heim in das Kirchentagsgeschehen einbezogen, sondern auch unsere Gemeindehäuser. Dieses Zusammenkommen – ob in Präsenz oder virtuell – ist, als ob man wieder zu Hause ist, sozusagen auf heimatlichem Boden Gottes Botschaft ungestört empfangen darf.

Doch was machen wir – wo immer wir nun herkommen – eigentlich mit Gottes Botschaft? Durchdringt sie unser Leben? Macht sie es erfüllter, freudiger, hoffnungsvoller? Ich glaube, ja. Vielleicht nicht in jedem Moment, aber doch immer wieder und, wenn wir uns Gott nähern, immer öfter. Wenn wir beginnen, die frohe Botschaft nicht nur mit den Lippen zu bekennen, sondern zu leben, dann durchdringt sie uns so sehr, dass wir eines Tages selbst zu Botschaftern Gottes werden dürfen.
Wer sagt da: Unmöglich?!

Wir kennen bestimmt Menschen, in deren Gegenwart wir uns verstanden und der himmlischen Heimat ein Stück näher fühlen. Sie sind schon Botschafter der Liebe Gottes, und es gibt sie in allen Landen, in allen Konfessionen und Religionen.

Voneinander – Füreinander – Miteinander: Diese Botschaft ist nicht auf die Kirchentagswoche beschränkt, sondern möchte alle unsere Lebensbereiche ansprechen. Wir können voneinander lernen, füreinander da sein, miteinander etwas bewegen.

Gerade in einer Zeit, wo es scheinbar mehr Gegeneinander als Miteinander gibt, ist es wichtig, gute Botschaften zu verbreiten, in dem man sie lebt.

Joseph Weißenberg, um dessen Geburtstag am 24. August die Kirchentagswoche stattfindet, hat sich nie gescheut, die frohe Botschaft Gottes zu verbreiten und für sie einzutreten. Mit seiner Friedensstadt, einer „Hütte Gottes bei den Menschen“, hat er darüber hinaus eine „Botschaft des Himmels“ errichtet. Viele Menschen empfinden hier ein Gefühl von Geborgenheit, fühlen sich verstanden und zu Hause.

Dieses Gefühl ist nicht auf einen Ort beschränkt, und das Erleben des Kirchentags ist es auch nicht. Das ist die frohe Botschaft im Jahr 2021. Tragen wir sie freudig in die Welt hinaus.

Zum 14. Juli: 25 Jahre Heilinstitut in der Friedensstadt – „Wir kommen mit nichts, wir gehen mit nichts. Im Tode sind wir alle gleich.“

Zur Einweihung veröffentlichte Kirchenoberhaupt Frieda Müller bereits am 14. Juli 1996 die folgenden Worte:

„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Gott ist der Urstrom allen Lebens. Unser Meister sagt: ,Mein Gedanke war nur der, Menschen zu helfen, die da leidend, elend und krank waren. Ich bin fest überzeugt: Das, was ich tue, tue ich in göttlicher Allmacht, aber nicht aus mir, sondern es ist eine Kraft, die durch mich arbeitet.‘

In diesem Hause lebte und wirkte unser Meister Joseph Weißenberg. Sein Wunsch war es, dass einmal Ärzte, Heilpraktiker, Missionshelfer, Therapeuten mit den geistigen Helfern im gemeinsam gesprochenen Vaterunser zusammenstehen, um für eine gesunde Heil- und Lebensweise zu bitten. Am Dachgesims dieses Hauses stehen die Worte: ,Zwei Lebensstützen brechen nie, Gebet und Arbeit heißen sie.‘

Das ist unser Leben. Die ausgleichende Gerechtigkeit Gottes steht am Anfang jeden Menschenlebens und an seinem Ende: Wir kommen mit nichts, wir gehen mit nichts. Im Tode sind wir alle gleich.“

Zum 20-jährigen Bestehen des Heilinstituts nach der Wiedereröffnung gab Kirchenoberhaupt Josephine Müller am 16. August 2016 die folgenden Worte mit auf den Weg:

„Es ist kein Bau aus Steinen, es ist ein Dom der Kraft“, in dem er mit den Seinen in steter Arbeit schafft. – Ihr Lieben! Ihr seid aufgerufen, den Strom zu ergreifen, die Kraft zu ergreifen und als Heiler wirken zu können. Es werden von hier aus die Ströme des Heiligen Geistes fließen, und Erlösung wird geschehen in einem Maße, wie ihr es euch nicht vorstellen könnt. – Es muss von euch alles getan werden, um diesem Strom den Weg zu bereiten, und das muss in euch geschehen, in einem jeden einzelnen, dass ihr euch öffnet seinem Strom. Oft begreift ihr es gar nicht, was es bedeutet, sich seinem Strom zu öffnen, sich ihm, dem Heiland und Herrn der Welt ganz hinzugeben!

„Die Arbeit, die ihr vollbringen dürft, ist nicht immer vor Augen zu sehen. Das, was irdisch geschaffen werden kann, sind teilweise nur Ergebnisse, die Mittel zum Zweck sind, um eure geistige Arbeit voranzubringen.
Ihr braucht als Menschen immer wieder etwas, was sichtbar ist; deswegen wird gebaut, deswegen wird etwas verändert, was vor Augen steht. Aber der Weg dorthin, ihr lieben Freunde, das ist die eigentliche Arbeit. Wie geht ihr an diese Aufgabe heran, wieweit lasst ihr den anderen gelten? Das ist die Aufgabe, die geschafft werden soll. Und dann können schöne Bauten entstehen, die auch den Menschen wiederum dienen, zur Ruhe zu kommen, zur Gesundung zu finden.“

Oft steht noch so viel in euch gegen das Werk, was ihr in euch freikämpfen müsst. Der Herr möchte euch diese Lasten abnehmen; und er kann sie euch abnehmen, wenn er sieht, dass ihr mit ganzem Herzen, mit allen Fasern eures Körpers und eures Geistes ihm helfen wollt und dienen wollt. Mehr ist nicht vonnöten. Und er wird dann auch euch das Verständnis und das Verstehen schenken untereinander, füreinander.
Auch ihr, die ihr von verschiedenen Seiten an dieses sein Werk geführt werdet und aus verschiedenen Gesichtsfeldern handelt, auch ihr werdet es lernen, was es heißt: „Krankheit ist Geist.“ – Der Geist steht über allem. Und wenn ihr den Herrn anfleht im Geist und in der Wahrheit, um Verständnis zu erlangen, dann kann er euch die Augen öffnen. Noch steht ihr scheinbar gegeneinander, weil euch das Verständnis fehlt, was das Ganze betrifft. Aber ihr lieben Freunde, wenn ihr die Gnade empfangen dürft, so klein zu werden, um in diesem Werk aufzugehen, in seinem Geist aufzugehen, dann werdet ihr sehen, was es heißt: „Krankheit ist Geist“.

Die Eröffnung des Heilinstitutes wird ein Schlüssel sein für den Geist, der einziehen muss. Solange wissenschaftlicher Geist noch über göttlichen Heilgeist gesetzt wird, solange die Schulmedizin in euren Köpfen noch höher eingeschätzt wird als die wahre, erlösende Heilungskraft Gottes, solange wird es noch nicht frei und licht in johannischen Praxen. Aber es kommt, und der Geist drängt und er steht da und er macht sich bemerkbar.

„Dieses Haus soll sich unterscheiden von allen Heilinstituten, in denen kranke Menschen zur Gesundung gebracht werden sollen. Es soll sich insoweit unterscheiden, dass die Betonung auf dem inneren Frieden, auf der inneren Ordnung liegt, aus der Gesundheit kommt, Gesundheit, die Gott ist. Dass niemand den Geist beleidigt, der das Haus zusammenhält, den Heilgeist, der alles führen und leiten soll! Und wer in diesem Haus die Hände auflegt, darf vor Geistern keine Angst haben, muss so wirken können, dass er überzeugend mit Mensch und Geist reden kann.

Ihr braucht nur eines: euch führen und leiten lassen. Die Menschheit bedarf der Heilung des Geistes. Denn alles, was geschieht, alles, was an Ungutem geschehen kann, beruht auf den Geisteskrankheiten, die auf dieser Welt lasten. Die Bannungen, die auf diesem Stern liegen, müssen Stück für Stück abgetragen werden. Und so werden die Menschen hierher geführt in seine Stadt, um gesund zu werden am Körper, aber in erster Linie am Geist, damit der Strom wieder zum Fließen kommt, der Strom, der gesund macht. Das Handauflegen wird auch hier das A und O sein. Denn dadurch werden die Ströme wieder geordnet, die in Unordnung geraten sind, und die Menschen dürfen diesen Ort verlassen, gesund an Geist und Körper, und dürfen selbst als Werkzeug wieder in die Welt treten.

Die Welle des Lichts kommt, und sie ist viel größer als die Welle der Finsternis. Wenn das nicht so wäre, dann wäre ohnehin all unser Wirken umsonst, aber göttliches Wirken führt immer zu Ende, was angefangen wurde, und so geht es auch hier weiter. Auch wenn der Mensch sich manchmal noch so erbärmlich fühlt, so unzulänglich, so nicht würdig seiner Rolle, der Herr wirkt doch durch ihn. Und wenn ihr manchmal alles hinwerfen wollt, weil ihr an euch selbst zweifelt, weil ihr euch nicht mehr lieben könnt, weil ihr euch selbst nicht mehr achten könnt, der Herr wirkt trotzdem durch euch, und gerade dann! Zu eurem großen Erstaunen werdet ihr merken, dass eure Glaubwürdigkeit steigt, dass man euch mehr zuhört und dass ihr selber auch Kräfte gewinnt. Ihr werdet härter gegen euch selbst und weicher gegen den Nächsten, und das ist es ja, meine Lieben, das Ziel, das es zu erringen gilt: Härter gegen sich selbst zu werden und weicher mit dem Nächsten!

Das Institut soll den Menschen bewusst machen, wie vergänglich das irdische Dasein ist, wie wenig wert der Körper ist, und doch, welche Verantwortung damit verbunden ist, ihn zu tragen. Wenn der Mensch die Verantwortung richtig trägt für diesen seinen Körper, dann wird auch das erlösend wirken. Ein jeder Mensch steht für sich selbst, ein jedes Gewissen ist unaustauschbar, eine jede Erkenntnis ist nicht übertragbar. So soll euch nur eins einen, das eine Ziel: die gemeinsame Heimat, die Freude an dem Gott, der Liebe ist, die Freude an dem Vater, der wartet, und das Bewusstsein: Es ist es wert, hier zu leben, es ist es wert, hier zu kämpfen, ein jeder Tag war es wert!“

Der 30. Juni bleibt ein besonderer Tag – vor 75 Jahren fand im Waldfrieden der erste Gottesdienst nach dem Kirchenverbot statt

Von Rainer Gerhardt

Am 30. Juni ist es 75 Jahre her, dass sich nach der Zeit des Verbotes der Johannischen Kirche die Tore des Gotteshauses auf dem Waldfrieden wieder für alle Gläubigen öffneten. Nach elf Jahren konnten johannische Christen an jenem Junitag zum ersten Mal wieder eine Andacht auf ihrem eigenen Kirchengelände durchführen. Seitdem versammeln sich jeden Sonntag die Mitglieder der Urgemeinde Friedensstadt und Gäste um 11 Uhr zum Gottesdienst.

Der Tag des ersten Gottesdienstes nach dem Kirchenverbot ist bis heute für viele ein besonderes Datum geblieben. Ermöglicht wurde dies durch den sowjetischen Kommandanten der Garnison Glau, die auf dem Gelände der Friedensstadt lag. Er hatte wenige Wochen zuvor verfügt: „Die sowjetische Armee gibt Ihnen Ihr Kirchengelände hiermit zurück.“ Diese Rückgabe verband er mit dem Wunsch: „Beten Sie auch für Russland.“

Nach Verhandlungen mit Besatzungs- und Zivilbehörden wurde schließlich im Dezember 1948 das große Gotteshaus mit dem dazugehörigen Areal von der Landesregierung Brandenburg an die Johannische Kirche als Eigentum zurückgegeben. Als erstes mussten im Gotteshaus die Spuren des militärischen Missbrauchs und des Krieges beseitigt werden. Dann ging es an umfangreiche Neugestaltungen, die immer auch Entwicklungsabschnitte der Johannnischen Kirche widerspiegelten. Am 20. Juni 1948 weihte Kirchen­oberhaupt Frieda Müller ein neues Kruzifix. Dabei sprach sie die Worte: „Unter dem Kreuz Jesu Christi finden wir uns dereinst alle einmal wieder.“

Der Altarraum erhielt eine neue Gestalt in den Jahren 1961/62 auf Grundlage der Entwürfe des Architekten Götz Keller und der Arbeiten des Bildhauers Hans-Joachim Roszinski, der die beiden Altarfenster und die Bronzebüste Joseph Weißenbergs schuf.

Den Auftrag der Johannischen Kirche zur „Überbrückung der Konfessionen durch die Liebe“ machte Kirchenoberhaupt Josephine Müller im März 2002 mit der Umgestaltung des Kirchenaltars deutlich. Dieser besteht als tragende Konstruktion aus einem dreifachen W für Weißenberg. Darüber steht das alle Menschen verbindende Bibelwort „Gott ist Liebe“.

Schwester Friedchen drückte ihre Verbundenheit mit diesem Ort einmal so aus: „Hier bin ich wirklich zu Hause."

20 Jahre am 10. Juni: Erinnerungen an den Heimgang von Schwester Friedchen – Überbrückung bis zuletzt

Von Johannes Falk

Am 10. Juni jährt sich zum 20. Mal der Heimgangstag unseres Oberhauptes Frieda Müller, unserer von uns allen geliebten Schwester Friedchen. Wir, die wir noch ganz fest die überwältigend schöne und von großer Dankbarkeit erfüllte Abschiedsfeier von unserer lieben Schwester Josephine im Januar vor einem Jahr im Gedächtnis und im Herzen haben, möchten hier einmal für diejenigen sprechen, die damals vor 20 Jahren bei der Abschiedsfeier für Schwester Friedchen auf dem Schönhof nicht dabei waren oder sich nicht mehr so genau daran erinnern können:

Es hat in unserer Johannischen Kirche in der Vergangenheit schon manche Abschiedsfeier gegeben, bei der Schmerz und Trauer vom gläubigen, himmlischen Trost überstrahlt wurden und in eine große Dankbarkeit mündeten. Doch dieser 16. Juni 2001 war keine wie die bisher erlebten. Hier spürten alle Teilnehmer der Abschiedsfeier: Die Tore des Himmels waren weit aufgetan, es war ein großes Heimgangsfest, wie es unser Meister Joseph Weißenberg prophetisch verheißen hat: dass wir uns freuen und Feste feiern, wenn einer heimgeht! Und wie er dazu sagte: „Meine größte Freude ist die Zukunft des ewigen Lebens.“

Mir war an diesem Tage, als ständen wir zunächst im großen, feierlichen Kreis der zum Teil noch den Abschiedsschmerz spürenden Menschen – und dann auf einmal auf der Seite der himmlischen Engel, der geistigen Freunde und Kameraden von alters her, die diese Heimkehr und Ankunft nun in unaussprechlicher und unbeschreiblicher Freude und Seligkeit feiern! Ja, dieser Tag war ein Erlebnis, das es bisher weder hier noch irgendwo gegeben hatte! Dies empfanden nicht nur die johannischen Teilnehmer, die in großer Zahl erschienen waren. Auch viele Freunde und Bekannte aus der näheren und weiteren Umgebung waren tief bewegt und angerührt von der großen Würde und zugleich hohen Dankbarkeit dieses Tages.

Auch eine Anzahl von Vertretern der Behörden, aus Politik und Verwaltung waren gekommen, die Schwester Friedchen seit Beginn des Schönhofs aus mancher Begegnung achtungsvoll gewogen waren. Dabei ist an erster Stelle zu nennen der ehemalige Regierungspräsident von Oberfranken, Wolfgang Winkler, der Schwester Friedchen von der ersten Begegnung an spontan zugetan war. Er war als treuer Berater und Helfer Schwester Friedchen und vielen von uns in herzlicher Freundschaft verbunden und ist dann noch als exzellenter Jurist ein erfolgreicher Mitkämpfer für den Schönhof-Friedhof gewesen. Mehrmals konnten wir uns noch mit ihm und seiner Frau auf dem Schönhof sehen, wo er auch die Grabstätte von Schwester Friedchen aufsuchte. Einige Jahre später durfte er sich dann selbst nach schwerer Krankheit in die himmlische Heimat verabschieden.

Noch lange nach diesem Abschied von Schwester Friedchen wurde ich damals immer wieder auf diesen Tag angesprochen, darunter von vielen, die Schwester Friedchens Leben in der Fränkischen Schweiz in fast drei Jahrzehnten mit Sympathie, Achtung und herzlicher Freundschaft begleiteten. Alle zeigten sich bewegt über die große Gemeinschaft von Jung und Alt.

Mit großer Freude und Befriedigung war von ihnen zu hören, dass nun „genau zum Heimgang von Frau Müller der Friedhof genehmigt wurde“. Ja, so haben wir alle das damals auch mit allergrößter Dankbarkeit gesehen und erlebt. Und somit war dieser erste Gang auf „unseren Friedhof“ für uns alle ein sehr prägendes Ereignis! Nach jahrelangem Ringen und Kämpfen um diesen Gottesacker hat Schwester Friedchen bis in ihre letzten Tage zu jedem Abendgebet zum Schluss die Bitte ausgesprochen: „... für unser deutsches Volk und Land und um Freiwerden für den Friedhof!“
Drei Jahre zuvor hatte Schwester Friedchen dem Bayreuther Landrat Dr. Klaus-Günter Dietel in ihrem Dank für seine Geburtstagsgratulation zum Schluss geschrieben: „... es ist auch mein Wille und größter Wunsch, auf dem für unseren Friedhof erwählten Schönhof-Grund meine letzte Ruhestätte zu finden. Diese Hoffnung werde ich nie aufgeben.“

Zwei Tage vor dem Heimgang Schwester Friedchens durfte ich dann das Genehmigungsschreiben vom Landratsamt Bayreuth in ihre Hände legen. „Geschafft“ waren ihre letzten Worte.

Viele Siege, irdische wie geistige, konnte sie in ihrem langen Wirken als Oberhaupt erringen. Diese Genehmigung war wie ein Symbol für ihren letzten Kampf und Sieg!

Schwester Friedchen hatte einst bei einem 1. Spatenstich für den Friedhof die Bitte zum Meister geschickt: „Bereite diesen Ort zu einer Erlösungsstation für viele Seelen und Geister!“ Und sie hatte dazu gewünscht: „Möge dieser Gottesacker nicht konfessionsgebunden, sondern für alle zugänglich sein.“ Einst vor vielen Jahren hatte sie uns hier auf die neuen Arbeitsfelder in der Fränkischen Schweiz gestellt, um mit uns gemeinsam die vom Meister übertragene Aufgabe der „Überbrückung“ hier vor Ort zu leben. Dazu können wir nun heute nach zwanzig Jahren Friedhof dankbar und freudig bezeugen: Auch und gerade dieser Gottesacker ist zu einer segensreichen Stätte der „Überbrückung“, ja, vieler „Überbrückungen“ geworden!

Zum 7. Juni: 20 Jahre Friedhof auf Gut Schönhof

Von Klaus Ritter

Nach langjährigen Mühen und Kämpfen genehmigte das Landratsamt Bayreuth am 7. Juni 2001 den Friedhof auf Gut Schönhof. Am folgenden Tag konnte Prediger Johannes Falk Oberhaupt Frieda Müller das Genehmigungsschreiben in ihre Hände legen. Zwei Tage später, am 10. Juni 2001, ging Schwester Friedchen heim. Ihr Wunsch, ihre sterbliche Hülle auf dem johannischen Friedhof im Frankenland beigesetzt zu bekommen, ging am 16. Juni 2001 in Erfüllung.

Am 18. Juni 2001 konnte noch eine Glaubenschwester auf dem Friedhof beerdigt werden, aber bereits kurz darauf erhielt die Kirche die offizielle Mitteilung, dass gegen den Genehmigungsbescheid ein Widerspruch erhoben wurde. Die mit einem derartigen Rechtsmittel verbundene „aufschiebende Wirkung“ bedeutete: Bis zur endgültigen Entscheidung über den Widerspruch durften keine weiteren  Beerdigungen stattfinden.

Der Köttweinsdorf und Eichenbirkig mit Trinkwasser versorgende Wasserzweckverband hatte Widerspruch erhoben und ihn mit der Behauptung begründet, vom neuen Friedhof könnten Schadstoffe ins Grundwasser gelangen und das von ihm geförderte Wasser verunreinigen.

Dass das vom Landratsamt bereits dreimal eingeschaltete Wasserwirtschaftsamt eine solche Gefahr ausgeschlossen hatte, konnte den Verband nicht beeindrucken, auch nicht die Tatsache, dass wegen der schwierigen Bodenverhältnisse als zusätzliche Maßnahme Grabkammern aus Beton gewählt wurden.

Sowohl das Landratsamt Bayreuth als auch die Regierung von Oberfranken lehnten die Anträge der Kirche ab, die „sofortige Vollziehung“ des Genehmigungsbeschlusses anzuordnen. So musste das Verwaltungsgericht angerufen werden, das dann nach dreimonatigem Wechsel umfangreicher Schriftsätze erlaubte, auf dem johannischen Friedhof auf Gut Schönhof Beerdigungen durchzuführen. In der juristischen Fachsprache: Das Gericht ordnete die „sofortige Vollziehung“ des Bescheides des Landratsamtes Bayreuth vom 7. Juni 2001 an. Den Beschluss konnten Kirchenvertreter am 5. November 2001 in den Händen halten.

Ende November 2001 fand dann die dritte Beisetzung auf dem Friedhof statt.

Zum Pfingstfest: Einmütig sein – Mit Gottes Kraft Gegensätze überwinden

Von Rainer Gerhardt

„Einigkeit macht stark“, sagt der Volksmund, und wenn wir in die Bibel schauen, dann finden wir für diese Aussage viele gute Beispiele. Am eindrucksvollsten ist wohl das Pfingstgeschehen, von dem die Apostelgeschichte berichtet.

Nach der Himmelfahrt Jesu folgten die Jünger dem Aufruf der Engel, nach Jerusalem zu gehen, um dort die frohe Botschaft – das Evangelium – zu predigen. Aus einer Gruppe verängstigter Menschen, die sich nach dem Kreuzestod des Heilands noch heimlich hinter verschlossenen Türen getroffen hatten, ist im Laufe der 40 Tage zwischen der Auferstehung und der Himmelfahrt des Herrn eine Gruppe mutiger Bekenner seines Namens und seiner Lehre geworden: Jünger wurden zu Aposteln.

Die Bibel schreibt: „Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen; und sie wurden alle voll des heiligen Geistes und fingen an, zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen.“

Das Schlüsselwort dieser Zeilen lautet „einmütig“, es bedeutet: völlig übereinstimmend, einer Meinung, eines Sinnes sein. Wie ist es dazu gekommen? Die Jünger hatten endlich die Beispiele der Nächstenliebe verstanden, die ihnen der Heiland immer wieder liebevoll-ermahnend und vorbildlich gegeben hatte: die Fußwaschung, das Verzeihen des Verrates und der Mutlosigkeit. Sie erkannten sich selbst und ihren Bruder, ihre Schwester neben sich. Sie akzeptierten sich und ihren Nächsten im Herrn und wuchsen so zu einer Einheit zusammen.

Im Detail konnten sie durchaus weiterhin unterschiedlicher Meinung sein, auch darüber berichtet die Apostelgeschichte, aber im Wesentlichen waren sie sich einig. Auf diese Einigkeit konnte der Herr seine Kirche – heute möchten wir sagen, seine Kirchen – bauen. Sein Heiliger Geist baute und baut Brücken der Verständigung.

All dies brauchen wir heute mehr denn je. Das Auseinanderdriften unserer Gemeinschaften scheint beständig zu wachsen. Meinungsunterschiede werden zu unüberwindlichen Barrieren; ein Riss geht durch Familien, Freundschaften, Gemeinschaften, durch Kirchen, Länder und Völker. Manche Auseinandersetzung mag in ihrer Heftigkeit das Resultat einer längst überfälligen und jahrzehntelang unterdrückten Debatte und deswegen notwendig sein; es ist aber immer die Frage, wie wir diese Debatten führen, wie wir mit anderen Meinungen und Ansichten umgehen, ob recht haben und haben wollen zur Rechthaberei wird.

Pfingsten erinnert uns daran, dass Vereinzelung und Entzweiung nicht zum Ziel führen, sondern nur die Einmütigkeit. Dann kann heiliger Geist fließen, uns erfüllen. Erkenntnis wird wichtiger als Meinung, denn: Recht im Sinne Gottes hat nur derjenige, der die größere Liebe hat. Auch das lehrt uns Pfingsten.

Pfingsten lässt uns den Zugang zur Kraft des Herrn finden – Gottes lichter, heilender Geist umgibt uns

Von Paul Schuchardt

Nach Christi Himmelfahrt erlebten die Menschen das darauffolgende Pfingstfest in einer ihnen unbekannten Weise. Heiliger Geist kam auf die Jünger, und ihre Predigten wurden von allen verstanden.

Was ist das eigentlich – Heiliger Geist? Wir verstehen langsam immer mehr: Gott ist Liebe. Heiliger Geist geht von ihm aus. So kann es nur Geist reiner Gottesliebe sein. Alles, was jemals von Gott geschaffen wurde und wird, ist durch das Wirken dieses reinen, lichten und liebevollen Geistes entstanden. So ist dieser Heilige Geist auch überall auf der Erde zu finden.

Doch durch die Entfremdung der Menschen von dem Gotteslicht erscheint uns vieles finster, kalt und lieblos, was um uns ist. Es ist meist die Folge der lieblosen Lebensart von uns Menschen. Unser Blick, unser Empfinden, unsere Vorstellungen sind oft so verdunkelt durch unser eigenes Misstrauen, Angst oder Neid. Jedoch ist um uns auch immer Gottes lichter und erlösender Geist vorhanden. In jedem Augenblick kann ein Mensch Zugang dazu finden, wenn er sich wirklich und von ganzer Seele Gott zuwendet. In diesem Moment wird der Kontakt zu der himmlischen Gotteskraft geschlossen, und es beginnt heilender, ordnender und segnender Strom zu fließen. Wer das erlebt, kann sich nur noch freuen über die wirkende Kraft Gottes und wird ihm danken und die Kraft austeilen.

Das haben die Jünger damals zu Pfingsten und in ihrer anschließenden Wirkungszeit getan. Das erlebten und erleben bis heute zahlreiche Menschen immer wieder.

Nun kann man sagen: Das ist nur begnadeten Menschen vorbehalten. Mir wird es nicht vergönnt sein. Wie könnte ich so etwas jemals erreichen?

Letztlich ist es eine Frage meines Glaubens und meines Vertrauens in das Wirken Gottes. Es hat auch etwas damit zu tun, eigene Ängste zu überwinden. Es ist auffällig, wie wenig Ängste bei denen vorhanden sind, die sich voll und ganz in ihrem Leben und ihrem Handeln auf Gott verlassen haben.

Im Grunde sehnen sich doch alle Menschen nach Liebe, nach Vertrauen, nach Geborgenheit. Damit aber der heilende Geist Gottes in einem Menschen wirken kann, braucht dieser Mensch ein offenes Herz. Das kann er nur haben, wenn er vertrauen kann, dass ihm nicht schon wieder etwas Schlimmes passieren wird – wie schon so oft!

Deshalb hat Jesus die Jünger aufgefordert, das Evangelium – die frohe Botschaft von Gottes Liebe – aller Welt, aller Kreatur zu predigen. Sie zogen los ohne Waffen, ohne Reichtümer, ohne Sicherheiten mit großem Vertrauen. Für viele war das überzeugend. Sie fanden deshalb  zum Glauben – an den liebenden Gott. Sie kamen zusammen in Gemeinden, und wo die Liebe die Grundlage der Gemeinschaft blieb, war sie gesund und anziehend für viele, die genau das suchten.

Pfingsten ist immer wieder die Möglichkeit für jeden, Zugang zu dieser Kraft zu bekommen. Heiliger Geist ist da – überall, nicht nur bei unserem Fest – und kann gefunden und aufgenommen werden. Lasst uns darauf vertrauen, dass Gott uns wie auch alle anderen liebt und uns alle von unseren Lasten und Ängsten freimachen und erlösen will. Öffnen wir unsere Herzen seinem Segen, der uns gespendet wird und durch uns vielen zum Segen werden soll – dann ist sein Zweck erfüllt. Möchte es unser Herzenswunsch sein, die frohe Botschaft in unser Lebensumfeld zu tragen und Menschen froh zu machen.

Die Sprache der Liebe wird überall verstanden – in allen Sprachen, in allen Regionen, in Völkern und Religionen. Lasst uns diese Sprache lernen, und wir werden froh und glücklich sein.

Christi Himmelfahrt: Wir sind mit dem Himmel verbunden – Jesus Christus bleibt immer bei uns

Von Johannes Falk

Christi Himmelfahrt ist ein hoher kirchlicher Feiertag und auch ein Feiertag im Kalender. Doch in unserem Volk und Land ist er in seiner Bedeutung immer mehr verblasst. Vatertag wird er im Volksmund genannt, und seit jeher gab es die sogenannte Herrenpartie, die jedoch auch immer mehr verblasste.

Was mich an der Himmelfahrt des Heilands immer bewegt, ist die Aussage der Engel zu den Jüngern (Apg 1,11): „Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen gen Himmel, wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren.“

Mein Glaube sagt, genauso ist es geschehen: Gottes Offenbarung als Joseph Weißenberg kam mit denselben Augen der Liebe, die auch Tränen vergossen über die Menschen, mit den kreuzesgezeichneten, segnenden und heilenden Händen und mit der Speerstichnarbe an der Seite als der verheißene Tröster, Geist der Wahrheit und Heiliger Geist in unsere Zeit.

Er kam aber auch als der Richter, der die Gerechtigkeit wieder aufrichten wird, nicht die Gerechtigkeit der Menschen, sondern die Gerechtigkeit Gottes. Er stand auch wieder dem Unglauben seiner Zeitgenossen gegenüber, wie es Jesus Christus sagte: „Wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinst du, dass er auch werde Glauben finden auf Erden?“ (Lk 18,8)

Beim Wort und Begriff „Himmelfahrt“ denken die meisten heute an Raumfahrt, Weltraumpiloten, Astronauten. Mein nicht wissenschaftlich-astronomisch geschulter und auch nicht auf Weltraumabenteuer ausgerichteter Verstand meint: Sicher ist es von Nutzen, Satelliten um die Erde kreisen zu lassen, die zum Beispiel vor Unwetter, Vulkanausbrüchen usw. warnen. Doch was wollen die Menschen auf dem Mars? Oder was wollen sie auf dem Mond? Sollten die vielen Milliarden, ja Billionen nicht besser Millionen notleidenden Menschen helfen und Millionen Kinder und Säuglinge vor dem Hungertod retten?!

Zum eiskalten Mond (auf der sonnenabgewandten Seite minus 160 Grad Celsius): Dieser Himmelskörper ist nicht nur nach irdischen Maßstäben eiskalt, sondern ganz besonders nach geistigen eiskalt und finster! Dazu eine Erinnerung: Es war Montag, der 21. Juli 1969. Die Amerikaner waren auf dem Mond gelandet, und mein Vater, Prediger Georg Falk, war heimgegangen; das bewegte mich sehr.

Da stand am Montagvormittag unser Oberhaupt Schwester Friedchen im Garten vor dem Haus mit mir im Gespräch. Dann deutete sie zum Himmel und sagte etwa Folgendes: Es ist nicht gut, dass die Menschen auf dem Mond gelandet sind. Es ist nicht gut, sondern es kann sehr schwerwiegend und gefährlich für die Erde werden, wenn eine Verbindung zwischen Erde und Mond entsteht. Denn auf dem Mond ist eine Bannungsstufe finsterster und schwärzester Geister der schwarzen Magie! – Dieses Gespräch und seine schicksalsschwere Bedeutung für unsere Erde werde ich nie vergessen!

Deshalb auch immer wieder mein Wunsch im Gedächtnis an diese himmlische Mahnung: Bleibt auf Erden, denn hierher hat uns Gott der Herr gesandt, auf den Stern der Erlösung, zur Erlösung von Menschen und Geistern! – In der Heiligen Schrift steht gleich am Anfang: „Macht euch die Erde untertan“, im Sinne der Schöpfung und im Auftrag des Schöpfers! – Und nicht den Mond!

Zum Schluss bewegt mich noch der Gedanke: Der Christus-Geist hat mit seiner Himmelfahrt und mit seiner Wiederkunft unsere arme Erde auf ganz besondere Weise mit der himmlischen Heimat verbunden. Darum ist der Tag und das Fest Christi Himmelfahrt für uns Menschen ein großes Geschenk.

Ostern ist eine freudige Botschaft – Liebe und Vergebung

Von Siegrun Mauske

Die Zeit vor Ostern ist für Mensch und Tier hierzulande das Erlebnis des Erwachens der Natur. Frühjahrsputz ist angesagt, um die Sonne zu begrüßen. Beete werden vorbereitet, um eine neue Saat aufnehmen zu können; überall ist eine Aufbruchsstimmung zu verspüren. Das Osterfest liegt mitten in dieser Zeit des Aufbruchs und fügt die frohe Botschaft hinzu: „Der Herr ist auferstanden.“

Dieses Geschehen ist nicht zu trennen vom Karfreitag, denn dem begeisterten Empfang, dem Hosianna am Palmsonntag in Jerusalem, folgte nur fünf Tage später das „Kreuzige ihn!“ Und dennoch sprach Jesus am Kreuz von Golgatha: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Am Ostermorgen nun wurde es gewiss: Der Stein war nicht mehr vor dem Grab, da der Leichnam niedergelegt war. Dieses Bild haben wir immer noch im Herzen, es erzählt von der Kraft der Liebe und Vergebung, die dem Guten Bahn bricht. Es scheint so, dass nicht nur jener Stein weggerückt war, sondern auch die Steine vor der Herzenstür der Jüngerschar. Ihre Herzen wurden geöffnet und gewandelt, sie verinnerlichten die Wunder, die sie an der Seite Jesu erlebt hatten und nahmen das auf, was er ihnen mit auf den Weg gab. Diese Saat trug zu Pfingsten Früchte: Urgemeinde entstand; eine zerrissene Schar war einmütig beieinander. Das Auferstehungsgeschehen, sein „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“ löste diesen Wandel aus.

Was sagen uns Kreuz und Auferstehung heute? Vielleicht ist es unter anderem die Aufforderung: Merke auf die Zeichen auf deinem Weg, nimm von der göttlichen Kraft; räume die Steine aus Misstrauen, Gedankenlosigkeit, Neid oder ungeklärten Dingen beiseite, und dann: „Hilf dem Bedrängten überall!“ Das setzt den inneren Hausputz voraus, damit wir auf das, was das Herz sagt, achten und das Gewissen und die Gedanken prüfen.

Es tut Not, einem solchen Ruf zu folgen, damit es werden kann, dass sich ein Mensch vorbehaltlos zum anderen stellt. Es hieß doch von den ersten Christen, dass das geschwisterliche Miteinander überzeugte und die Menschen zueinander führte. Sie waren geborgen und voller Zuversicht, weil die Liebe Gottes das Fundament war und sein Wort die tragfähige Verbindung.

Das Osterlicht scheint noch eine Weile, und es möchte die Herzen mit Zuversicht erfüllen. Davon künden auch folgende Verse aus dem Osterchoral von Christian Fürchtegott Gellert, der sich im Anhang des Johannischen Gesangbuches befindet:

„Jesus lebt, mit ihm auch ich; Tod, wo sind nun deine Schrecken? Jesus lebt und wird auch mich von den Toten auferwecken. Er verklärt mich in sein Licht: Dies ist meine Zuversicht. Jesus lebt! Ihm ist das Reich über alle Welt gegeben. Mit ihm werd ich auch zugleich ewig herrschen, ewig leben. Gott erfüllt, was er verspricht: Dies ist meine Zuversicht. Jesus lebt! Ich bin gewiss: Nichts soll mich von Jesu scheiden, keine Macht der Finsternis, keine Herrlichkeit, kein Leiden. Er gibt Kraft zu jeder Pflicht: Dies ist meine Zuversicht.“

Diese Zuversicht kommt aus dem Osterlicht. Dieses Licht lässt wachsen und schenkt Wärme. Damit kommt eine Kraft, die andere Herzen und dann Türen öffnen kann. Dem anderen Menschen guttun wie ein Sonnenstrahl, ist und bleibt eine schöne Aufgabe.

Die Karwoche will unser Bewusstsein schärfen – Nur die Liebe ist Sieger

Von Rainer Gerhardt

Ein Sieger zu sein ist etwas Tolles. Am Ziel angekommen, fällt alle vorangegangene Mühsal und Beschwernis ab und weicht einer tiefen Befriedigung. Dieser Sieg, den man auskostet, muss nicht nur ein persönlicher sein; vielleicht ist man Teil einer Gruppe, eines Teams, das sich um eine Führungspersönlichkeit gefunden hat, und freut sich jetzt gemeinsam über das Erreichte. Vielleicht überlegt man sogar, wie man den Sieg für sich nutzt.

Vor gut zweitausend Jahren haben sich auch viele Menschen am Ziel ihrer Wünsche gesehen, als der Heiland auf einem Esel in Jerusalem einzog. Doch Jesus ritt mit sehr gemischten Gefühlen in diese Stadt. Er wusste, dass diese sein Ziel war, aber er ahnte, welchen Preis dieses Ziel erforderte. Kurze Zeit zuvor hatte der Heiland seinen Jüngern gesagt, „wie er müsste hin gen Jerusalem gehen und viel leiden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen“. Matthäus berichtet darüber in seinem Evangelium: „Und Petrus nahm ihn zu sich, fuhr ihn an und sprach: Herr, schone dein selbst; das widerfahre dir nur nicht! Aber er wandte sich um und sprach zu Petrus: Hebe dich, Satan, von mir! du bist mir ärgerlich; denn du meinst nicht was göttlich, sondern was menschlich ist. Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ Wie wenig waren seine Worte verstanden worden.

Die Masse der Begeisterten sah wirklich nur, was menschlich ist: Jesu Austreibung der Händler aus dem Tempel und seine harten Worte gegen die Pharisäer, das waren für sie willkommene Aktionen gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, der Anfang von neuer weltlicher Größe des Reiches Israels und das Ende vom Joch der verhassten Römer.

Doch Jesus folgte einer göttlichen Bestimmung. Er hatte Feindesliebe gepredigt, Vergebungsbereitschaft, Liebe und Geduld – auch im Ertragen von Ungerechtigkeit. Er hatte den äußeren Tempel des Herrn gereinigt und wollte, dass ein jeder seinen inwendigen göttlichen Tempel reinigt. Das verstörte die Menge, und die Stimmung begann zu kippen; Enttäuschung machte sich breit. Ganze fünf Tage dauerte es, bis aus dem „Hosianna“ ein „Kreuzige ihn!“ wurde, bis aus den Siegern verachtete Verlierer wurden.

Diese fünf Tage gehören zu der wichtigsten und inhaltsreichsten Zeit, die der Heiland auf Erden verbrachte. Stück für Stück machte er seinen Jüngern klar, was göttlich ist. Mit der Einsetzung des heiligen Abendmahls begründete er auch ein neues Testament und machte die Menschen, die seinem Beispiel folgen, zu Himmelserben.

„Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Diese Worte richtete Jesus nicht nur an die Pharisäer, sondern an einen jeden von uns. Wir müssen uns in unserem Streben fragen, was daran weltlich und was vielleicht göttlich ist. Die vor uns liegende Karwoche will diese Frage in uns besonders deutlich werden lassen. Sie lässt uns am Ende im Ostergeschehen auch eine Antwort finden.

„Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“, fragt der Apostel Paulus, und Christus verheißt den Sieg der Liebe mit den Worten: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“

Beginn der Karwoche – Palmsonntag zeigt uns Christuswege auf

Von Detlef Nagel

In der Heiligen Schrift lesen wir im Johannes-Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem: „Des andern Tages, da viel Volks, das aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus käme gen Jerusalem, nahmen sie Palmenzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!“

Die Menschen waren hoffnungsvoll und neugierig auf Christus, denn er hatte viele Wundertaten vollbracht, und sie sahen in ihm den Messias, den Retter aus der römischen Herrschaft. Die Zweige, die sie auf der Straße für ihn ausbreiteten, waren von der Dattelpalme, die bis zu 50 Meter hoch werden kann und große wirtschaftliche Bedeutung hatte: Früchte, Bauholz, Blätter zum Dachdecken und für Flechtarbeiten – Matten, Körbe, Zäune. Ein Blatt konnte bis zu drei Meter lang werden. Den Einzug des Heilands mit solchen Palmenzweigen zu begrüßen war auch eine Machtdemonstration, stand diese Ehre doch sonst nur Königen zu.

Auch ihre Mäntel legten die Menschen zu seinem Empfang auf den Weg. Der mächtige König kam dann aber nicht, wie von vielen erwartet, auf einem prächtigen Schlachtross, sondern auf einem Esel in die Stadt. Jeder hatte wohl andere Vorstellungen und Erwartungen von diesem König.

Ein Geistfreund beschreibt es in unserer Zeit so: „Palmsonntag zeigt alle Wünsche der Welt auf, wie sie anmaßend, überheblich, selbstgefällig sich ihren Gott formen wollen, sich ihr Idol formen wollen und dann doch an ganz anderen Gesetzmäßigkeiten scheitern, weil sie unfähig sind, in solchen Weiten zu denken.“

Diese Worte gelten bis in unsere Zeit hinein. Heute denken und sagen die Menschen, wenn es einen Gott gäbe, würde es nicht so viel Leid auf der Erde geben. Sie wollen nicht einsehen, dass sie selbst den jetzigen Zustand der Schöpfung und Geschöpfe herbeigeführt haben und durch ihren Egoismus, Neid, ihr Machtstreben und unmenschliches Verhalten die Geister selbst riefen, die sie schon lange nicht mehr beherrschen können. Ein Geistfreund ermahnt auch uns:

„Der Palmsonntag, auf den wir uns zu bewegen, das ist so recht ein Tag, an dem der Mensch sich über die Schwächen, die ihn hin und her schütteln können, in sich selbst klarwerden muss: Wie viel unreine Begierde der Liebe zu Gott und den Menschen habe ich noch in mir, nach wie viel unnötiger Würde strebe ich noch vor den Menschen? Und wie viel oder wenig gilt mir noch die Würde vor Gott und den Geistern, die so viel höher steht und so viel länger währt und um so viel köstlicher ist.“

Wir können und sollten die Geschichte der auf den Palmsonntag folgenden Karwoche in den vier Evangelien der Bibel nachlesen. Die Beschreibung vom „Hosianna!“ des Volkes beim Einzug Jesu in Jerusalem bis zum nur eine Woche später seitens des gleichen Volkes geforderten Rufes „Kreuzige ihn!“ ist eine große Hilfe für uns alle. Sie lässt uns diese Zeit nachempfinden und in unser tägliches Verhalten einbringen. Auch im Hinblick auf das diesjährige „Heilige Abendmahl des Geistes“ am Karfreitag ist die Berücksichtigung der Karwoche sehr wichtig. Diese geistige Arbeit wird uns mehr und mehr verbinden und sicherer im Alltag machen.

In einer Geistfreundpredigt heißt es: „Mit Irdischem lässt sich nicht ehren, der alles schuf, was ringsumher, der alles könnte euch gewähren, will Liebe nur und sonst nichts mehr. Und so soll euer Ziel die gemeinschaftliche Liebe, das gemeinschaftliche ,Du‘ bleiben. Er hat es eingeführt, dass seine Geschwister sich an dem ,Du‘ erkennen. Und er sagte: Wenn ich mit meinem Vater spreche, dann sage ich auch ,Du‘, umso mehr gilt es, diese Schwingung auch unter euch zu verbreiten,  hochzuhalten.“ Am Palmsonntag 1927 hat unser Meister vor dem ersten Johannischen Abendmahl darauf hingewiesen und dem vorangestellt: „Ich möchte keinen Hochmut sehen.“

Lasst uns die Worte der Heiligen Schrift, der Geistfreunde und unseres Meisters beherzigen, damit wir dann zu Ostern wahrhaft freudig und gestärkt das Fest der Auferstehung feiern können.

Gedanken zum 6. März: der Mensch Joseph Weißenberg

Von Johannes Falk

Am 6. März, dem Heimgangstag unseres Meisters Joseph Weißenberg, ein Tag, der sich nun zum 80. Male jährt, vereinen wir uns wieder im gemeinsamen Bekenntnis zu unserem heiligen Glauben.

Nach dem Bekenntnis unserer Altvorderen und unserem heutigen Glauben bekennen wir ihn als den von Jesus Christus verheißenen Tröster, Geist der Wahrheit und Heiligen Geist, als eine Offenbarung des Gottgeistes. Dieser Beitrag möchte jedoch vor allem eine Erinnerung an den Menschen Joseph Weißenberg sein. Einige Szenen aus seinem langen Leben sollen hier wiedergegeben werden, die alle getreulich überliefert worden sind: ein kleines Porträt eines einmaligen und wunderbaren Menschen.

Zu einem kirchlichen Jubiläum 1976 fragte die Journalistin einer großen Berliner Tageszeitung das Oberhaupt Frieda Müller: „Was hat Sie an Ihrem Vater, Joseph Weißenberg, am stärksten beeindruckt?“ Spontan erwiderte Schwester Friedchen: „Seine Menschlichkeit.“ Auf die anschließende Frage: „Was haben Sie sich von seinem Wirken besonders zum Vorbild genommen?“, antwortete sie: „Er hat es verstanden, seine Mitarbeiter in der Kirche und der Siedlung für die Arbeit so zu begeistern, dass sie freudig, freiwillig und gern bei ihm arbeiteten.“

Bereits als kleiner Junge – er selbst konnte noch kaum eine Tür öffnen – eilte er unbemerkt aus der elterlichen Wohnung in dem kleinen schlesischen Ort Hohenfriedeberg zu einem todkranken Mann, um ihm seine kleinen heilenden Hände aufzulegen. Später zum Ursprung dieser Heilgabe befragt, sagte er 1930 in einem Gerichtsprozess: „Das war ein Trieb in mir. Das musste ich machen.“ Weiter äußerte er sich zu seiner lebenslangen Heiltätigkeit: „Mein Gedanke war nur der, Menschen zu helfen, die da leiden, elend und krank waren. Ich bin fest überzeugt: Das, was ich tue, tue ich in göttlicher Allmacht, aber nicht aus mir, sondern es ist eine Kraft, die durch mich arbeitet.“

Diese Demut und Bescheidenheit begleitete ihn ein Leben lang. Es ist vom Meister überliefert, dass er sich vor Beginn jeder Sprechstunde hinkniete und innig zum himmlischen Vater betete. Auch hat er den Menschen immer wieder die Worte ans Herz gelegt: „Nur der Demut kann Gott Gnade geben, dem Reumütigen neigt er sein Ohr: Drum betet, betet, Christi Glieder, denn auf die Beter senkt der Geist sich nieder.“
Neben seinen Sprechstunden für die Heilungssuchenden hat er viele Jahre selbst die Menschen besucht. Mal kam er nach einem langen, anstrengenden Tag mit weiten Wegen spät abends nach Hause. Da wartete bereits jemand, um ihn zu einem Kranken zu rufen. Der Meister nahm sofort wieder seinen Mantel und begab sich auf einen weiten Weg nach auswärts. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit legte er, wenn er mitten in der Nacht gerufen wurde und oft auch in der Stadt, weite, ja mitunter stundenlange Fußwege zurück.

Oft stand er an Krankenbetten sehr armer Leute. Wenn sie ihm dann etwas geben wollten, wehrte er ab: „Ich nehme nichts, pflegen Sie lieber den Kranken dafür, damit er wieder zu Kräften kommt!“, und schon war er aus dem Haus hinaus. Bei anderen war noch größere Not, da schüttete er nach der Behandlung den ganzen Inhalt seines Portemonnaies auf den Tisch: „Holen Sie sich was zu essen und zu trinken, dann werden Sie wieder gesund werden!“ Und ohne Fahrgeld musste er dann auch wieder zu Fuß nach Hause gehen.

Von seiner Ausbildung als Soldat in den 1870er Jahren hat der Meister oft mit Freude und Hochachtung gesprochen, weil er bis zu diesem Zeitpunkt immer ein schweres und nicht sorgenfreies Leben hatte – durch den frühen Tod der Eltern musste er für vieles selbst eintreten und auch für seine jüngeren Geschwister mit sorgen –, so war ihm die Militärzeit eine schöne und unbeschwerte Zeit, wie er später des Öfteren erwähnte. An eine Episode seiner Ausbildung im schlesischen Liegnitz erinnerte er sich gern. Zu einem besonderen Anlass in der Kaserne hatte er ein Gedicht zu verfassen. Die Verse begannen mit den Worten: „Wie glücklich ist doch ein Soldat, der einen guten Hauptmann hat.“ Doch weder der Hauptmann noch die Unteroffiziere oder die Rekruten kamen ganz ungeschoren in den sehr humorvollen 30 (!) Strophen über die Tücken und Freuden eines Soldatenalltags davon.

Bei fröhlichen Anlässen in geschwisterlicher Gemeinschaft hat er dieses lange Gedicht manchmal zur Freude aller vorgetragen. Einem Besucher der Friedensstadt erzählte er einmal, dass er dieses Gedicht damals im Auftrag seines Hauptmanns verfasst habe, wozu er drei Tage dienstfrei bekam. „Aber in drei Stunden war ich fertig damit und hatte nun die andere Zeit frei.“

Über einen unerfüllten Wunsch aus dieser Zeit sprach der Meister sogar noch in seinem letzten Lebensjahr in Obernigk: „Ich wollte ja Spielmann werden, aber ich war zu klein!“

Ein besonders menschenfreundlicher „Eingriff“ datiert aus dem Ersten Weltkrieg. Nach zwei Jahren Krieg war die Versorgungslage in Berlin katastrophal. „Kohlrübenwinter“ nannte man den Kriegswinter 1916/1917. In dieser Zeit war auch Joseph Weißenberg öfter unterwegs, um von Bekannten auf dem Lande Lebensmittel zu organisieren. „Hamsterfahrten“ nannte man das zu meiner Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Das war verboten, und Kontrolleure, Gendarmen genannt, nahmen den Leuten auf den Bahnhöfen oft alles wieder weg.

Den Meister hat es damals zwar nicht erwischt, aber sein Rucksack war dennoch meist sehr erleichtert oder fast leer. Er verschenkte unterwegs an die, die Hunger hatten – und zu Hause bekam noch etwas der Nachbar, der Hauswirt, der Wachtmeister.

Dass aber an der Bahnsperre diese Gendarmen den Kriegerfrauen und -witwen den Rucksack mit Kartoffeln wegnahmen, den sie stundenlang geschleppt hatten und überhaupt alle Lebensmittel – das konnte der Meister nicht mit ansehen. Oftmals griff er helfend ein, und das geschah so: Er ließ seinen Begleiter kurz vor dem Bahnhof zurück, ging dann zu den Gendarmen, sprach mit ihnen und lud sie zu einem schönen heißen Grog im Bahnhofslokal ein. Diesen Moment musste der Begleiter nutzen, um die Wartenden auf den Bahnsteig zu schicken, sobald der Zug kam. Waren dann alle glücklich entkommen, kam der Begleiter ins Lokal. So konnten sie zwar erst einen Zug später fahren, aber der Meister war glücklich, dass so vielen durch diesen „Trick“ geholfen werden konnte.

Bereits als Maurer auf den Baustellen hat er vielen geholfen. Da kam zum Beispiel ein Arbeitskollege mit einer geschwollenen Backe. Der Meister legte seine Hand drauf, und es wurde gut. Die Schmerzen verschwanden sofort. Einer hatte sich den Fuß verstaucht, andere hatten hier und da Schmerzen. Er nahm sie ihnen ab und machte die Menschen gesund. Da nannten sie ihn, teils spöttisch, teils wohlwollend dankbar: „Jesus!“ Wenn er auf den Bau kam, so riefen sie schon von weitem: „Jesus kommt!“

Stets helfend und gebend für andere war dieser wunderbare Mensch unter Menschen. Keiner, der nicht geheilt oder getröstet von ihm gegangen ist. Doch für ihn selbst gab es keine Ausnahme von Leid und Schmerz. Hier wollen wir nur einmal an die körperlichen Leiden erinnern. Schwester Friedchen hat uns öfter davon berichtet, wie er mit zunehmendem Alter sehr unter schmerzenden Füßen zu leiden hatte. Auch bereits am Anfang seiner Berliner Heiltätigkeit hatte er oft mit Krankheiten zu kämpfen. So finden sich in dem „Patientenbuch“, das er seit 1904 nach behördlichen Auflagen führen musste, in den Jahren 1904, 1905 und 1906 Eintragungen über längere Krankheitszeiten. U.a.: „Wegen Krankheit keine Sprechstunde (von...bis). – „War sehr krank.“ – „Dank nach Krankheit.“

In solchen und ähnlichen Zeiten der Schmerzen und Demütigung sagte er oft die folgenden fröhlichen Verse. Sogar nach der schrecklichen Gefängnis– und Zuchthauszeit gab er damit manchem mit seinem unerschütterlichen Gottvertrauen und seinem ungebrochenen Humor Aufrichtung und neuen Lebensmut: „Traurig sein kann ich nicht, bei meiner Seele nicht, allzeit fidel! Wenn wir lust’gen Leut nicht wärn, wer sollt das viele Geld verzehrn? Allzeit fidel, fidel!“

Und das mit dem „vielen Geld“ sprach er besonders dann, wenn wieder mal totale Ebbe in seinem Portemonnaie war. Auch Tränen hat er vergossen. Nach grausamer Untersuchungshaft mit Folter und nach Ausweisung aus der Friedensstadt wohnte der Meister für einige Tage bei Geschwister Max und Anna Haack im Berliner Norden, dort, wo einst Schwester Friedchen als Kind bei „Mamachen Haack“ ihr beschütztes Zuhause hatte. Ein Besucher schreibt über eine Begegnung: „Wir wollten uns irgendwo hinsetzen und warten – es war kurz nach der Mittagszeit –, da stand schon unser Meister vor uns. Er erzählte sehr viel. Auch über den kommenden Weltkrieg. Von furchtbaren Kämpfen und Blutvergießen sprach er, wobei er wörtlich sagte: „Das kann ich nicht verhindern.‘ Dabei weinte der Meister. Es war mir, als sähe ich den lieben Heiland vor mir, wie er über Jerusalem weinte.“

Hier noch ein Juwel der Erinnerung. Nach Verbüßung der Zuchthausstrafe kommt der Meister zunächst zurück in die Friedensstadt. Zwei Brüder holen ihn mit dem Wagen ab. Als einer der beiden am nächsten Tag den Meister aufsucht, da ist dieser gerade dabei, ein Päckchen zu packen: für den Anstaltsleiter in Luckau, der den Meister gut behandelt hatte. Diese kleine Geste der Verbundenheit, glaube ich, sagt uns mehr über Dankbarkeit und Liebe als tausend Predigten.

Auch mit dem Sakrament der Handauflegung nahm Joseph Weißenberg es sehr ernst. Regelmäßig ließ er sich die Hände auflegen. Dazu gebe ich hier wieder, was uns Schwester Friedchen einst berichtete:
Als er in der Verbannung in Obernigk mit Leid und Schmerzen der Vollendung seines irdischen Lebens entgegenging, wartete er stets mit Vorfreude und voller Ungeduld auf seinen Missionshelfer Martin Falk, den späteren Gemeindeführer von Berlin-Steglitz. Dieser stand zu der Zeit im Heeresdienst in Frankfurt (Oder). Da Krieg war, durfte er sich nur für einen kurzen Sonderurlaub zu seiner Familie in Berlin abmelden. Da er wusste, wie sehr der Meister auf ihn wartete, „beichtete“ er in seiner Not seinem Vorgesetzten, er habe bei Breslau in Schlesien eine Freundin, eine Liebste! Der Vorgesetzte war ein Mensch mit Herz. Er genehmigte ihm Urlaub. Er gewährte ihm alle 14 Tage am Wochenende Sonderurlaub. Einmal, als Martin Falk sich nicht rechtzeitig vor dem Wochenende meldete, war es sein Vorgesetzter selbst, der ihn erinnerte: „Noch keinen Urlaub eingereicht? Das Wochenende rückt ran!“

Dann kam die letzte Zeit. Der Meister konnte schon lange nicht mehr aufstehen. Wenn dann Tag und Stunde des Besuches nahten, bat er Schwester Friedchen stets erwartungsvoll: „Mach das Fenster auf und sieh auf die Straße, ob der Martin schon da ist.“ Und wieder: „Sieh nach, ob er schon kommt!“ Und wenn er dann kam, freute sich der Meister wie über das größte Geschenk des Himmels. – Welch ein Mensch!
Doch Obernigk bedeutete auch bis zum letzten Atemzug Leidensweg. Als sein irdisches Leben sich dem Ende näherte, da kam die Nachricht von der Enteignung der Friedensstadt. „Sie haben mir meine Siedlung weggenommen, mein Lebenswerk!“, sagte er unter Tränen. Schwester Friedchen erinnerte uns nochmal daran, als sie zum Bau der Gedenkstätte im Lindenhof aufrief: „In den letzten Tagen und Stunden in Obernigk sagte der Meister so oft zu mir: ‚Sie haben mir meine Siedlung weggenommen, aber wir bekommen alles wieder und noch viel mehr dazu; aber lass dir die Zeit nicht lang werden.‘“ Auch rief er einigen Besuchern in Obernigk zu: „Den Glauben hochhalten!“, und: „Auf ein frohes Wiedersehen in den Glauer Bergen!“

Dieses Lebenswerk an und in den Glauer Bergen, das heute nun weiter blüht und wächst, verdanken wir dem großen Propheten und Gottesmann, aber auch besonders dem einmaligen, wunderbaren und unvergesslichen Menschen Joseph Weißenberg!

Zum 6. März: Ein hoher Feiertag – das Bekenntnis zur Gottesliebe

Von Johannes Falk

Der Heimgangstag Joseph Weißenbergs ist seit dem Wiedererstehen unserer Johannischen Kirche nach 1945 ein hoher Feiertag. Am 6. März 1941, vor nunmehr 80 Jahren, beendete unser Meister (*24.8.1855) in der Verbannung in Obernigk in Schlesien seine Erdenmission.

„Er war ein Mensch – wir haben es erkannt –, in dem alle Gaben und Kräfte des Geistes waren. Er war ein Helfer und ein Segenspender, ein Liebender und Verzeihender. Er gab uns eine Fülle von seinem Reichtum, von den Ewigkeitsgedanken aus jener Welt.“ – Mit diesen Worten gedachte unser Oberhaupt Frieda Müller (1911–2001) dieses wunderbaren Helfers und Heilers der Menschen, des Kirchengründers und Erbauers der Friedensstadt, der durch ein langes Leben an keinem vorüberging, der Hilfe brauchte.

Heute vereint uns an diesem Gedenktag im Gottesdienst unser Bekenntnis des Glaubens an Gott, den Vater, an Gott, den Sohn, an Gott, den Heiligen Geist und an Gottes Offenbarungen, durch Mose, Jesus Christus und Joseph Weißenberg.

Diese drei Gottesoffenbarungen haben mit ihren Erdenmissionen die Welt bewegt und werden sie weiter bewegen, solange diese Erde besteht. Und es war und ist weder in der Vergangenheit noch heute oder in Zukunft möglich, die Tragweite ihrer Erdenmissionen für diesen Erlösungsstern Erde auch nur annähernd zu deuten oder zu erfassen.

Wenn mich jemand fragt oder ich mich selbst frage, was mich im Gedanken an diese Gottesmenschen besonders bewegt, dann möchte ich das so beantworten: Eins der größten Ereignisse im Alten Testament ist das Eintreten Moses für das von Gott abgefallene Volk, das der Herr vernichten wollte. „Vergib ihnen ihre Sünde, wo nicht, so tilge mich auch aus deinem Buch, das du geschrieben hast.“ Mit dieser allergrößten Konsequenz trat Mose vor den Herrn, nachdem sein Volk, während Mose die Zehn Gebote empfing, das Goldene Kalb angebetet hatte. Und er ist damit „in den Riss getreten“, wie es die Bibel sagt, um das Volk vor dem Verderben durch das Gottesgericht zu retten.

Das Neue Testament wird besiegelt durch den Erlösungstod des Heilands Jesus Christus für alle Welt und alle Zeit, für Menschen wie für Geister. Gekrönt wird es durch die Bitte dessen, der die Sünde aller Welt auf sich nimmt und als wahrer Mensch und wahrer Gott in der allergrößten Pein am Kreuz bittet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“
Im Testament des Heiligen Geistes ist es Joseph Weißenberg, der seine himmlische Krone niedergelegt hat, „um aus dem Allerschlechtesten etwas Gutes zu machen“, dass auch „nicht einer verloren geht“, weder die von Gott abgefallenen Engel, die er zu besiegen und zu bekehren gekommen war, noch alle seine irdischen Schwestern und Brüder, die er als der treue Hirte bis zu seinem letzten Atemzug ins Herz geschlossen hatte.

„Mein Werk ist umsonst, wenn die Liebe nicht größer wird“, ist für einen jeden von uns heiligernster Auftrag, sein Liebeswerk fortzusetzen. Und dann ruft er alle ehemals verlorenen Söhne und Töchter wieder ins Vaterhaus: „Ich möchte, dass ihr alle einst wieder an meiner Tafel sitzt!“

Zum 7. Februar: „Tausend Worte ergeben noch keine Tat“ – zum Geburtstag Frieda Müllers, bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 Oberhaupt der Johannischen Kirche

Von Rainer Gerhardt

„Tausend Worte ergeben noch keine Tat.“ Mit diesem Lebensmotto machte Frieda Müller deutlich, dass nicht Reden, sondern Handeln zählt. Mit ihrem Eintreten für Mitmenschlichkeit, Religionsfreiheit und Toleranz erwarb sich die am 7. Februar 1911 in Berlin geborene Tochter des Gründers der Johannischen Kirche Joseph Weißenberg (1855-1941) weit über den Kreis der Mitglieder und Glaubensfreunde der Johannischen Kirche hinaus Anerkennung, Respekt und Sympathie.

Am 7. Februar jedes Jahres jährt sich der Geburtstag Frieda Müllers, vom 28. April 1932 bis zu ihrem Tod am 10. Juni 2001 Oberhaupt der Johannischen Kirche.

Zu ihren unübersehbaren und bleibenden Lebensleistungen gehören der Wiederaufbau der Johannischen Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die Errichtung eines sozialen Werkes, das Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen einmal als „Synonym für Mitmenschlichkeit“ bezeichnete. Sie sah ihr Amt als Kirchenoberhaupt auch immer als das der dienenden Seelsorgerin, und in ihren Sprechstunden kamen im Laufe der Jahrzehnte Tausende, die Trost und Ausrichtung suchten und fanden.

In den Jahren der deutschen Teilung bewahrte sie unermüdlich die Einheit der Johannischen Kirche. Ihrem Eintreten ist es zu verdanken, dass trotz der Trennung durch Mauer und Stacheldraht alle kirchlichen und sozialen Arbeitskreise zusammenarbeiteten und die privaten Kontakte der Kirchenmitglieder beständig zunahmen. Mit Vertretern anderer Glaubensrichtungen und Weltanschauungen pflegte sie einen offenen und ehrlichen Kontakt, und ihr Berliner Temperament, ihr Humor aber auch ihre Geradlinigkeit hinterließen großen Eindruck. Dank dieses Wirkens ist die Johannische Kirche heute eine aufgeschlossene, tolerante Gemeinschaft mit großem sozialem Engagement.

Frieda Müller stellte ihr Leben schon frühzeitig in den Dienst am Mitmenschen, der aus ihrer Sicht immer der christliche Nächste war. An der Seite Joseph Weißenbergs lernte sie schon in jungen Jahren in den Arbeiterbezirken des Berliner Nordens die vielfältigsten seelischen und sozialen Nöte kennen. Sie wurde Joseph Weißenbergs engste Mitarbeiterin und unterstützte seine religiöse Reformbewegung, die 1926 zur Gründung der Johannischen Kirche führte. Darüber hinaus förderte sie sein Siedlungsprojekt „Friedensstadt“: Seit 1920 wurde 30 Kilometer südlich von Berlin die damals größte Privatsiedlung Deutschlands errichtet, und in nur 15 Jahren entstand eine neue Heimat für 500 Menschen.

1932 berief Joseph Weißenberg seine Tochter zu seiner Nachfolgerin. Nur drei Jahre später wurde die Johannische Kirche vom NS-Regime verboten und ihr Vermögen beschlagnahmt. In die Friedensstadt zog die SS ein und vertrieb die Bewohner. Joseph Weißenberg wurde im Alter von 80 Jahren verhaftet und zu Zuchthausstrafen verurteilt. Frieda Müller wurde in diesem Zusammenhang wiederholt verhaftet und von der Gestapo vernommen.

Im Sommer 1935 wurde sie aus der Mark Brandenburg ausgewiesen und gezwungen, nach Eldena in Pommern zu ziehen, wo sie unter Gestapo-Aufsicht stand. Da sie keine Stellung annehmen durfte, meldete sie sich zum weiblichen Arbeitsdienst. Die Gestapo erlaubte ihr später, eine Ausbildung für Heilmassage an der Universitätsklinik in Berlin zu absolvieren. Dort legte sie im Jahre 1939 ihr Staatsexamen ab. Danach durfte sie in diesem Beruf selbständig arbeiten, sie war darüber hinaus in der Krüppelfürsorge bei einem Arzt im Berliner Arbeiterviertel Wedding tätig.

Als Rote-Kreuz-Schwester widmete sie in den folgenden Kriegsjahren einen großen Teil der freien Zeit der Versorgung und Betreuung der in Berlin ankommenden Verwundeten-Transporte.

Den anderen Teil der freien Zeit verwendete Frieda Müller zur Aufrechterhaltung des Kontaktes zu den Gliedern und Gemeinden der verbotenen Johannischen Kirche. Trotz polizeilicher Überwachung hielt sie die Verbindung zu den Amtsträgern und Gemeinden, taufte, konfirmierte und traute, und war vielen Menschen in der Zeit des Krieges und der Not Halt und Trost. Sie besuchte wann immer es ging Joseph Weißenberg in Schlesien, wohin er nach Verbüßung der Zuchthausstrafe verbannt wurde. So war sie in seinen letzten Lebenstagen bei ihm und empfing sein Vermächtnis: „Haltet den Glauben hoch!“

Unmittelbar nach Kriegsende begann Frieda Müller den Wiederaufbau der Johannischen Kirche buchstäblich aus dem Nichts heraus. Die „Friedensstadt“ war inzwischen von der Sowjetischen Armee besetzt worden, und die Kirche verfügte weder über eigene Räume noch über finanzielle Mittel. Besonders erschwert war der Neuanfang dadurch, dass sich ein großer Teil der Johannischen Gemeinden in den deutschen Ostprovinzen befunden hatte, die nun von der Vertreibung betroffen waren. Frieda Müller erwirkte in zahllosen Verhandlungen mit den Besatzungsmächten die Wiederzulassung der Kirche in den einzelnen Besatzungszonen und den Sektoren Berlins. In unermüdlichem Einsatz hat sie in Berlin, in der Bundesrepublik und in der DDR die Kirchengemeinden wieder gegründet und das Gemeindeleben organisatorisch und inhaltlich geprägt. Besonders am Herzen lag Frieda Müller die karitative Kirchenarbeit. Anknüpfend an das kirchlich-soziale Siedlungsprojekt Joseph Weißenbergs, gründete sie 1946 ein soziales Hilfswerk, aus dem 1954 das Johannische Aufbauwerk als Sozialwerk der Johannischen Kirche hervorging. Diese Organisation (seit 1990 „Johannisches Sozialwerk e.V.“) hat in den Jahren seines Bestehens eine Vielzahl von Einrichtungen geschaffen, in denen Menschen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, Weltanschauung oder Nationalität Hilfe gewährt wird.

Schon Joseph Weißenberg forderte 1926 seine Anhänger zur „Überbrückung der Konfessionen durch die Liebe“ auf. So suchte – und fand – Frieda Müller immer wieder einen Weg zu ihren Mitmenschen, auch wenn die äußeren Umstände eher das Gegenteil vermuten ließen. Das war zu Zeiten der DDR so, als sie sich intensiv um die Belange der Kirchenmitglieder im Osten kümmerte, und die dortigen Regierungsvertreter ihr nicht ihren Respekt versagten, weil „Frieda Müller sagt, was sie denkt und handelt, wie sie spricht“. Mit Vertretern anderer Kirchen und Religionsgemeinschaften pflegten sie und ihre Mitarbeiter aufgeschlossene Kontakte.

In einem Alter, in dem andere ihren wohlverdienten Ruhestand genießen, zog Frieda Müller mit 65 Jahren von Berlin in die Fränkische Schweiz. Dort übernahm unter ihrer Leitung das Johannische Sozialwerk die Trägerschaft für ein familiengegliedertes Kleinstheim, ein Seniorenerholungsheim sowie einen Kindergarten. Darüber hinaus erwarb die Johannische Kirche in Waischenfeld-Eichenbirkig eine Landwirtschaft. Auf dem dortigen Gut Schönhof werden seit 35 Jahren Tiere artgerecht gehalten und hochwertige Feldfrüchte biologisch erzeugt. Mit der Rekonstruktion eines über 250 Jahre alten Wohn-Stall-Gebäudes, das jetzt als Landgasthof fungiert, leistete die Johannische Kirche einen anerkannten Beitrag zur Erhaltung der fränkischen Kulturlandschaft.

1976 hatte Bundespräsident Walter Scheel die besonderen Verdienste von Frieda Müller durch Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse, gewürdigt, das der seinerzeitige Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, überreichte. Auch der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband ehrte Frieda Müller durch seine höchste Auszeichnung, die goldene Ehrenplakette „für hervorragende soziale Arbeit“.

Wegweisend war auch ihr Verhältnis im Land Brandenburg zu den Vertretern der sowjetischen Garnison Glau, die auf den Flächen der 1920 gegründeten Siedlung Friedensstadt entstand. Nach 60 Jahren militärischer Fremdnutzung durch SS sowie Roter Armee erhielt die Johannische Kirche im Juni 1994 ihre Siedlung zurück. Dass sich die Übergabe so reibungslos vollzog, ist auf Frieda Müllers herzliches Verhältnis zu den militärischen Stellen zurückzuführen. Wenn sie die Soldaten der russischen Armee als Freunde bezeichnete, war das keine Floskel, sondern Ausdruck gelebter Mitmenschlichkeit.

1994 schloss sich für Frieda Müller mit der Rückgabe der Friedensstadt an die Johannische Kirche ein Lebenskreis. Einst von den Nationalsozialisten aus dem Lebenswerk ihres Vaters vertrieben, konnte sie nun bis zuletzt richtungsweisende Ratschläge geben, wobei sie das Augenmerk immer auf die unmittelbaren seelischen und materiellen Nöte der Menschen legte.

Vier Monate nach ihrem 90. Geburtstag verstarb Frieda Müller am 10. Juni 2001, in Gößweinstein. Kurz vorher erreichte sie am 8. Juni 2001 die Nachricht, dass die Johannische Kirche nach zehnjährigem Bemühen die Genehmigung zur Errichtung eines eigenen Friedhofes in der Fränkischen Schweiz erhalten hatte. Dieses Anliegen verfolgte Frieda Müller bis zu ihrem letzten Atemzug, und auf diesem neuen johannischen Gottesacker wurde sie – wie es immer ihr Wunsch war – am 16. Juni 2001 bestattet.

Zum 3. Februar 1946: Der erste Gottesdienst nach dem Zweiten Weltkrieg

Von Johannes Falk

Es gab noch keine SMS, keine E-Mail, kein Internet, kein Handy und in und um Berlin kein Telefon, ausschließlich für die Besatzungsmächte und für ganz wenige deutsche Behörden,  dennoch verbreitete sich die Nachricht durch „Mundfunk“ und die gute alte Postkarte unter vielen, vielen johannischen Chris­ten geradezu wie ein Lauffeuer: Unsere Kirche darf wieder Gottesdienste halten!

Das war Anfang Januar 1946. Die bri­tische Militärregierung hatte als erste der Alliierten in ihrem Berliner Sektor johannische Gottesdienste ge­nehmigt. Noch fehlte ein Andachtsraum im zerbombten und zerschossenen Berlin. Doch eines Tages war er gefunden. Eine Schulaula in der Lassenstraße 18, in Berlin-Grunewald. Diese schöne Aula mit Orgel-Empore, in einem altehrwürdigen Gymnasium aus der Gründerzeit des Villenviertels Grunewald, beherbergte nicht nur die ersten Gottes­dienste nach Kirchenverbot und Zweitem Weltkrieg. Bis zum Erwerb des St.-Michaels-Heimes 1957 erlebten wir hier ab dem 3. Februar 1946 Gottesdienste, Gemeindeabende, Chorkonzerte, Theateraufführungen, ungezählte Taufen, Konfirmationen, ers­te Abendmahlsfeiern, den ersten Kindergottesdienst, Prediger­einsegnungen, die Wiedergründung der Schule für Geisteswissenschaft, die Uraufführung der Johannischen Passion. Das ging bis November 1957: Fast 12 Jahre Nachkriegs-Kirchengeschichte auf engstem Raum!

Ich lebte damals als Flüchtling aus Stettin bei meinen Eltern in einer Notunterkunft am Rande der von Russen besetzten Siedlung Glau. Als Dreizehn­jähriger erlebte ich meinen ersten Gottesdienstbesuch so:

Es war im bitterkalten Nachkiegs­winter 1945/46 an einem Sonntagmorgen im Februar. Es mag zwischen vier und fünf Uhr früh gewesen sein. Das Thermo­meter zeigte weit unter 10 Grad minus. In stockfinsterer Nacht war eine Gruppe von etwa 10 bis 15 Personen auf dem Fußmarsch zur nächsten Bahnstation. Abenteuerlich mutete der Anblick dieser zum Schutz gegen die klirrende Kälte in dicke Mäntel oder Jacken gehüllten Ge­stalten an. Fast nur Augen und Nasen­spitzen lugten unter Mützen, Kopftüchern und Schals hervor. Einige trugen einen Rucksack mit Proviant: kleine Kartoffel-Mohrrübenküchlein, mit etwas Mehl zusammengehalten, vielleicht einige Scheiben trocken Brot. Ein Königreich für ein Butterbrot!

Nach zweieinhalb bis drei Stunden war der Bahn­hof endlich erreicht. Die kleine Gruppe – auch ich war dabei – kam aus Glau und musste auf dem Hinweg am johannischen Friedhof vorbei über Klein Beuthen nach Ludwigsfelde laufen. Blies dir eisiger Wind ins Gesicht, wurde der Weg län­ger und beschwerlicher. Dann kamen etwa 45 Minuten Fahrt mit dem Vorortzug, wenn er denn planmäßig fuhr, und du in der meist total überfüllten Bahn einen Platz bekamst: vielleicht auf dem Trittbrett oder der Plattform. Weiter ging es eine gute Stunde mit der S-Bahn mit mehrmaligem Um­steigen. Zum Schluss gab es noch einen zwanzig Minuten langen Fußweg vom Bahnhof Halensee.

Dann fandest du dich vor einem großen, fast unversehrt ge­bliebenen Schulgebäude wieder, zu dem viele Menschen gleich dir hineilten. Nur die von Bomben und Gra­natsplittern beschädigte Fassade und die provisorisch reparierten Fenster erinnerten an den vor kurzem beendeten Krieg. Die großen Fenster der Schulaula waren mit schwarzem Material verhangen. Es war ein Kino für britische Soldaten.

Wir empfanden ein unbeschreib­liches Glücksgefühl, dabeizusein, im fremden, zerbombten, teilweise unvorstellbar zerstör­ten Berlin einen Ort der Andacht zu besuchen, Schwester Friedchen aus der Nähe zu sehen oder gar be­grüßen zu können, bekannte Gesichter wiederzusehen, neue kennenzulernen. Manche der Gottesdienstbesucher wa­ren einen ganzen Tag oder sogar mehrere Tage mit der Bahn unter­wegs gewesen...

Später ging es denselben Weg zurück. Und es war wieder stock­dunkel, wenn man todmüde, durchge­froren und hungrig wie ein Wolf zu Hause ankam. Doch selbst durch­gelaufene, schmerzende Füße konn­ten nichts, aber auch gar nichts von dem Glücksgefühl mindern: Die Kirche war wieder da!

Es war der allerschönste Sontagsausflug, den wir jemals erlebt hatten.

Zum Kirchenverbot am 17. Januar 1935: „Ist das Werk aus Gott, so wird’s bestehen“

Von Rainer Gerhardt

Sich zum Christentum zu bekennen ist für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit. Glaube und noch mehr eine Kirchenzugehörigkeit geraten manchmal sogar unter Rechtfertigungsdruck: Warum bist du Christ? Warum bist du katholisch, evangelisch oder johannisch? Was bringt dir der Glaube? Oder: Wenn es einen Gott gibt, warum kann er so viel Leid zulassen?

Die letzte Frage haben am 17. Januar 1935 vielleicht auch viele Menschen gestellt, als sie vom Verbot der Johannischen Kirche durch das NS-Regime hörten – sowohl Anhänger dieser Kirche als auch andere. Für die einen war diese Nachricht vielleicht eine Genugtuung, für andere gar kein Gedanke wert, manche stürzte sie in tiefste Glaubenszweifel und führte zu einer Abwendung vom Glauben. Andere jedoch nahmen ein schweres Schicksal der Glaubenstreue an und auf sich.

Diesem Gewaltakt vorausgegangen war 1934 eine von der NS-Presse inszenierte Verleumdung und Hetze, deren Ungeist sich auch in heutiger Zeit wiederfinden lässt. Das Verbot der damaligen Evangelisch-Johannischen Kirche nach der Offenbarung St. Johannes war auch eine Reaktion des  NS-Regimes auf das Verhalten Joseph Weißenbergs, der ein Patriot und kein Nationalist war und dessen Meinung zu den neuen Machthabern am 1.1.1933 in der Zeitung Der Weiße Berg veröffentlicht wurde: „Auch Hitler wird nicht das deutsche Volk aus der Bedrängnis herausführen, bis auch er sein Ich in die Hände des Höchsten gelegt hat, bis er aus tiefstem Herzensgrunde beten kann: Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe.“

„Dein Wille geschehe“; dies haben am Abend des 17. Januars 1935 auch viele johannische Christen gebeten, und nicht wenige hatten bei diesen Worten mit sich zu kämpfen. Die Jahre des Kirchenverbotes haben nicht nur großes Leid über die Menschen gebracht, sie waren auch angefüllt von tiefen und stärkenden Glaubenserlebnissen. Nicht wenige, die diese Jahre durchlitten hatten, empfanden diese Zeit deshalb als wertvolle Zubereitung. Dies drückte Kirchenoberhaupt Frieda Müller bei einer Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag des Kirchenverbots unter anderem mit folgenden Worten aus:

„Ist das Werk aus Gott, so wird’s bestehen. Ist’s nicht von Gott, wird’s untergehen. – An einem solchen Tage wie heute, wo uns der Meister alle zusammenführt und wir erkennen dürfen, unter welch einer weisen Führung wir leben, trotz aller Wirren dieser Zeit, wollen wir unsere Herzen aufschließen zum Danken für alle Tage, die er uns durch harte Zeiten gehen ließ, um ihn immer mehr zu finden und ihn in uns aufzunehmen, damit unsere Unvollkommenheit – denn unser Wissen ist Stückwerk – sich seiner Weisheit unterordnet und sie annimmt.“

Jahreslosung 2021: Einer trage des anderen Last – „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Von Siegrun Mauske

Die Herrnhuter Brüdergemeine, die die Tageslosungen auswählt, überlässt die Auswahl der Jahreslosung – ein Bibelvers – der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen. Seit 1934 wird von den katholischen, evangelischen und freikirchlichen Delegierten mit Blick auf den Menschen unserer Zeit und dessen Situation ein Leitvers für das Jahr ausgewählt. Im Jahr 2019 hieß er „Suche Frieden und jage ihm nach“, 2020 „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Für das Jahr 2021 ist es ein Vers aus dem Lukas-Evangelium: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Barmherzigkeit sagt etwas aus über Erbarmen und Herzzeigen. Der gute Hirte ist ein Bild für Barmherzigkeit. Jesus nennt ihn den Vater, der gnädig mit uns umgeht, auch wenn wir das nicht verdient haben. Er nimmt uns aus Liebe an und schließt uns in seine Arme. Gott kommt nicht als Richter in den Blick, der Versagen und Schuld aufrechnet. Dazu passt die großartige Geschichte, die von einem Vater erzählt: Er wartet auf seinen Sohn, der vor Jahren davon gegangen ist, mit allem Vermögen, das ihm zustand. Der hat es durchgebracht, ohne sich damit eine neue Existenz aufzubauen. Jetzt ist dem Sohn nichts mehr geblieben – nur noch die Erinnerung an das Zuhause und an den Vater. Aber wie wird der reagieren, wenn der missratene, verlorene Sohn als mittelloser Versager zurückkommt? Der Vater geht dem Sohn entgegen. Sein Versagen hält er ihm nicht vor. Er wird wieder in seine Rechte eingesetzt – ein gnädiger Vater.

Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet, heißt es in der Bergpredigt, die Hinweise gibt, was zu tun ist, um Barmherzigkeit leben zu können: Verdammt nicht, vergebt. „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ Schließlich wird uns ein volles Maß an Güte und guten Gaben gegeben, und der Herr begegnet uns in seiner vorurteilsfreien Liebe.

Was lehren uns diese Aussagen aus der Bergpredigt: Mit dem Maß, mit dem wir messen, werden wir selbst gemessen. Wir können also auf Selbstrechtfertigung und gegenseitiges Verurteilen verzichten. Die Zuwendung, die wir erfahren, sollen wir weitergeben und auch gnädig mit denen umgehen, die uns scheinbar etwas schuldig geblieben sind. So weicht die Angst im Miteinander. Der Blick weitet sich, es kann Nähe zum anderen gewonnen werden. Barmherzig sein, vergeben geht dem voraus, dass dieses „Richtet nicht“ Sinn macht und sich erfüllt. Das können wir mitten im Alltag leben und erleben. Da geht es nicht nur um Geschichten wie die vom barmherzigen Samariter. Die Not des anderen wahrnehmen, anhalten, aufhelfen, die Wunden versorgen, ein Quartier besorgen – das ist ein Nächster, der das Notwendige tut, ja barmherzig ist.

Ein anderes Beispiel gibt der Soldat Martin, der spätere Bischof von Tours, der für einen Bettler in kalter Winternacht seinen Mantel teilt. Es geht dabei um mehr als um die milde Gabe. Barmherzigkeit macht Schluss mit dem berechnenden „Wie du mir, so ich dir“, dem abweisenden „Was geht mich das an?“ oder dem vorwurfsvollen „Selber schuld“.

Verständnis und Barmherzigkeit können von uns ganz einfach jeden Tag gelebt werden: Jemanden im Vorbeigehen anlächeln, Trost und Freude schenken, das erfreut und tut gut. Es füllt den „eigenen Tank“ auf. Es gehört dazu, uns selbstkritisch zu fragen, wie oft wir mit Kritik richten, obwohl wir selbst auf Vergebung angewiesen sind und nicht besser sind als die, die wir verurteilen. Man will den Balken im eigenen Auge oder die eigene Blindheit nicht wahr haben. Es ist schwer möglich, aus eigenem Antrieb den Teufelskreis der Vergeltung zu durchbrechen und Böses mit Gutem zu überwinden.

Jesus hat nicht Schuld abgerechnet und gerichtet. Er starb für unsere Schuld am Kreuz. Einer seiner letzten Sätze: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Der Balken im eigenen Auge, die eigene Schuld, ist es, die die Sicht versperrt und für das Eigentliche und den anderen blind macht, und auch Gott in seinem Wesen und der Art, wie er uns erreichen will, nicht erkennen lässt. Mit sehenden Augen sehen sie nicht, weil die Herzen verstockt sind, so sagt es Jesus sinngemäß.

Auch die Erlebnisberichte mit Joseph Weißenberg zeigen Begegnungen auf, die Zeugnis ablegen von einer helfenden, heilenden Kraft, von der Betroffene berührt wurden. Noch heute ergreift uns diese Barmherzigkeit, wenn wir zum Beispiel an den Bericht von Oskar Renner denken, der zum Meister ging und dort in der Küche jemanden beim Essen antraf. Dieser sagte dann auf Geheiß des Meisters, dass er ihn als Wärter mit einem Tritt in die Gefängniszelle befördert hatte. Inzwischen war er ein Bettler. Nicht nur Essen erhielt er bei Joseph Weißenberg, auch noch einen Anzug und einen Hut zum Erstaunen der Anwesenden. – Das geht über das menschliche Verstehen hinaus, denn hier erleben wir eine Liebe, die verändern und verwandeln möchte und Menschen im Herzen berührt. Einmal mehr bestätigt sich das Wort, dass durch Wohltun und Liebe geistige Kräfte mobilisiert werden, die an den Funken Gottesgeist in unserer Seele anknüpfen und etwas in Bewegung bringen.

Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen: Der Mensch ist zu unmenschlichen und grausamen Taten fähig. Unsere Zeit ist geprägt von einer kalten Berechnung, von Prestige und Gerangel. Hass- und Gewaltnachrichten sind mehr als reichlich vorhanden. Ein Klima in der Gesellschaft ist unbarmherzig, das Ausgrenzungen duldet, wenn wir an Ausländer, Andersfarbige denken, die immer wieder im Fokus stehen. Es wird oft weggeschaut. Machtgier, Konkurrenzkampf, Druck vom Mithalten-Können, ein Immer-mehr-haben-Wollen lassen das Herz auf der Strecke bleiben. Wäre Barmherzigkeit unser Leitmotiv, würden das Elend anderer oder die Ausbeutung von Rohstoffen, die die Umwelt zerstört oder der Müll unserer Wegwerfgesellschaft, der uns erstickt, unser Herz berühren.

Wir Menschen sehnen uns nach Herzlichkeit, nach anderen in unserer Nähe, nach Liebe, Geduld und Verständnis. Barmherzig ist jemand, der sein Herz bei den Armen hat, mit den Einsamen, Unglücklichen, Kleinen und Schwachen mitempfindet und helfend zur Seite steht.

2020

Jahreswechsel: Mut und Zuversicht für das neue Jahr

Von Johannes Molch

Das Leben erscheint wie eine Gratwanderung. Doch was kann das bedeuten? Zum Jahreswechsel denkt so mancher darüber nach, an welcher Station seines Erdenlebens er wohl sei und wie es weitergehen soll. Allein die eigene Sicht vermag den Sachstand nur ungenügend erfassen. Die Stimmen des Gewissens und der Freunde und Wegbegleiter verhelfen da zu einem eher realistischen Bild, im günstigsten Fall zu mancher Einsicht. Das will allerdings angenommen werden, denn erst dann folgen ganzherzige Taten, Korrekturen, Änderungen. Und spürbare Hilfe gibt’s dann auch.

Wer schafft es schon, seinen Weg unbeirrt an der Hand Gottes vorwärts zu gehen? Die ständige Gewissheit der richtigen Entscheidung ist dem Menschen nicht gegeben. Doch hindurchglauben kann er sich, und dabei bleiben Segen und Führung nicht aus. Letztlich sind doch die Reifeprozesse das eigentliche Vorwärts, auch wenn der Weg manchmal lang und schwer erscheint, das Ziel auch mal aus dem Blick gerät.

Da braucht jeder Mensch Mut und Zuversicht, Glaubensstärkung und Lebenskraft, damit Gottes Licht, Liebe und Himmelsfröhlichkeit allzeit als sichere Führung spürbar bleiben. Das Innehalten gibt da Gelegenheit für eine Standortbestimmung, die wichtig für die eigene Orientierung ist, aber auch für die Abstimmung mit allen anderen Wanderern. Dann wird aus meinem Weg unser Weg und somit der Gottesweg. Wer wollte den nicht gehen?

Der Grat eines Weges ist immer oben, auch wenn es nebenan höhere gibt. Der Einzelne ist jeweils da, wo er jetzt wirklich sein kann. Wunschdenken und sehnsüchtige Blicke nach anderswo mag es geben, das kann auch motivieren. Tatsächlich hilft jedoch nur der eigene, beherzte, nächste Schritt. Der muss selbst getan werden und auch jedem Nächsten zugestanden werden. Da helfen oft nur der Glaube und das Vertrauen in des Herrgotts Führung.

Doch gerade darin liegt das große Potenzial für ein erfülltes Menschenleben im Sinne der Erlösung und des damit verbundenen Gottesfriedens. Es gibt nicht nur den einen Weg, von dem der Mensch auch nur ein winziges Stück sehen und erahnen kann. Die Gratwanderung eines Gotteskindes ist ein Arbeitsfeld voller Seligkeit, wenn nur des ewigen Vaters Nähe gesucht wird und erhalten bleibt. Dann geht es allzeit sicher vorwärts und aufwärts, selbst wenn der Mensch einmal zurückgeht oder abgleitet. Gott sieht es und er hilft – immer! Zu den uns geschenkten Hilfsmitteln gehören dabei auch das Gebet, die Überwindung, jeder Nächste, die Geduld und das unbeirrte Dennoch.

Auf manch scharfem Grat, auf den der Einzelne auftragsgemäß gesandt wird oder sich andererseits aus unbedachtem Leichtsinn begibt, ist Mut nötig. Übermut kann allerdings zu Fall bringen oder gar einen tiefen Absturz zur Folge haben. Die Gottesnähe und der Schulterschluss mit anderen geht dann verloren. Auch der Nächste verliert möglicherweise den Halt, da ihm plötzlich die Sicherung fehlt, der er vertraut hat. Das Mitein­ander wurde also vernachlässigt, vielleicht sogar missachtet, weil das eigene Ich aus der Liebe wich. Somit hat es Folgen für viele. Für andere hilfreich sein gibt übrigens auch Halt für den eigene Weg. Alles ist nur gemeinsam zu bewältigen, auch schwierig erscheinende Wegstrecken auf einsamer Höhe.

Wohl schon jeder hat einmal nach einem mühsamen Aufstieg auf einem Gipfel gestanden, erfreut, es endlich geschafft zu haben. Dann werden der Ausblick und die Weite genossen, die Arme weit ausgestreckt. Gesicht und Seele lächeln, für einen Augenblick wird dankbar Glück und Freiheit empfunden. So kann es auch sein, wenn eine wichtige Aufgabe im Leben erfüllt werden durfte. Rückblickend hat sich dann alle Mühe gelohnt. Das wird, wenn überhaupt, oft erst deutlich, wenn ein Ergebnis offenbar wird. Doch auch eine Offenbarung will angenommen, verkraftet und verstanden werden.

Das Gipfelerlebnis kann und soll stärken, denn es geht ja weiter. Nur äußerlich geht es zunächst wieder abwärts. Ein Mensch kann sich erworbene Himmelskraft ganz zu Eigen machen, um sie für weitere Aufgaben einzusetzen. Gott setzt dazu Zeiten, und der Mensch lebt nach dem Kalender, nach der – inneren – Uhr, nach seinem Empfinden. Dann mag so mancher seine innere Stimme hören: „Nun hast du das weite Land gesehen, seine Schönheit, seine Vielfalt. Und du hast Teil daran. Bis hierher bist du treu gefolgt, hast dich führen lassen, hast auf deinen Nächsten geachtet. Frisch gestärkt geh nun ans Werk. Schau hin, höre zu, es ist alles bereit. Tu das Deine mit Freude, und erinnere dich an das gemeinsame Ziel. Wir sehen uns bei deinem nächsten Gipfelbesuch.“

Wahrhaft Mut und Zuversicht sind jedem Erdenwanderer zu wünschen, nicht nur für ein neues Kalenderjahr. Besonders in Stunden, wo alles verdunkelt erscheint, braucht jeder eine Laterne, die Licht für den nächsten Schritt spendet. Dieses Licht sollen sich besonders die Menschen untereinander sein. Sie können das auch zu jeder Zeit, wenn nur die Nähe zum Vater gesucht wird, wenn das innere Gotteslicht frei leuchten darf. Dann wird es in jeder Lebenssituation Trost und Ausrichtung geben, und der Gottesweg, der weit über das hinausreicht, was irdisch erfassbar ist, wird erkennbarer.

Der feste Glaube kann vieles gewiss machen, er kann sogar eine innere Sicherheit verleihen, die nicht von dieser Welt ist, sich aber hier spürbar auswirken kann zum Segen für viele. Doch auch die dunklen Wolken so mancher schweren, zunächst unverständlichen Lebenssituation sollen dem ewigen Licht weichen, damit der Blick frei wird und bleibt. Da hilft oft nur die Fröhlichkeit aus dem Himmelsquell, die vielen noch so fremd und fern auf der Gratwanderung ihres Lebens erscheint. Darum: Lerne auf dem Grat auch fröhlich und dankbar tanzen! Und wisse: Du bist nicht der erste Mensch, der das tut – und kann!

Weihnachten: Eine stille Nacht – lichte Freunde geleiten uns zur Krippe

Von Detlef Nagel

Die Weihnachtsgeschichte lesen wir immer wieder gern. Irgendwie klingt sie anheimelnd, war es so aber bestimmt nicht. Ein ungefähr 150 Kilometer langer und anstrengender Weg von Nazareth nach Bethlehem Ephrata liegt hinter Maria und Joseph. Wegen der zahlreichen Menschen, die ebenso wie Maria und Joseph nach Bethlehem kommen, um an einer verordneten Volkszählung teilzunehmen, gibt es dort zunächst keine Übernachtungsmöglichkeit für sie, und Maria befindet sich kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes. Endlich erfolgt die Unterbringung, zwar nur in einem Stall, aber immerhin nicht auf der Gasse ohne Dach über dem Kopf.

Nach der Geburt liegt das Baby in einem provisorisch hergestellten Bett, in einer Futterkrippe. Die im Stall befindlichen Tiere haben als erste Geschöpfe des Höchsten das Kind empfangen und begrüßen dürfen. Dann kommen die Hirten, immer noch erschrocken und tief beeindruckt vom Erscheinen der Engel auf dem Felde, wo sie ihre Schafherde hüteten. „Friede auf Erden“ und „Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ Sie hatten sich sofort auf den Weg gemacht und entgegen ihrem Verantwortungsgefühl für die Herde alles stehen und liegengelassen.  Aufgeregt und angespannt sehen sie auf das Kind in der Krippe und das Elternpaar.

Dann schwinden alle Ängste, Sorgen und Nöte durch die friedvolle und kraftspendende Ausstrahlung des Kindes in der Krippe. Die Liebe Gottes dringt in ihre Herzen und lässt sie beglückt wieder zu den Schafen zurückkehren. Die waren in der Zwischenzeit natürlich auch behütet und versorgt und waren vollzählig erhalten.

Auch die Weisen aus dem Morgenland erleben die Kraft der Liebe Gottes beim Erblicken des Kindes. Die Anstrengung der tagelangen Reise voller Gefahren und Beschwerlichkeiten ist wie weggeblasen, und die Dankbarkeit über das Christkind wandelt sich in Glückseligkeit. Sie überbringen ihre kostbaren Geschenke, beten das Kind an und treten voller Kraft und Freude über diese Begegnung mit dem Christkind ihre von Gott gelenkte Rückreise an.

Für beide, Hirten und Weise, hat sich das Leben durch dieses Begegnen mit dem Jesuskind nachhaltig verändert.

Ähnliche Situationen erleben wir auch noch heute, wenn wir beispielsweise uns in einer Notlage befinden und dann dem Herrn dank Jesus Christus oder Joseph Weißenberg besonders nahe sind. Dann schwinden Ängste, Sorgen, Nöte, Zweifel, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit. Sein Geist strahlt auch heute noch den gleichen Segen, Frieden und dieselbe Geborgenheit und Sicherheit aus.

Der tiefe Glaube in uns scheint dann für einen Moment unerschütterlich, die Erdenwelt um uns herum verliert ihre Bedeutung. Doch dann kommen wieder neue Anfechtungen und die Nähe des Herrn muss neu gesucht und gefunden werden, auch, um der geistigen Welt die Richtung anzuzeigen, wo Friede, Wärme, Heimat und Licht zu finden sind. Wir werden durch diese geistige Arbeit, wenn wir sie immer wieder angehen, selbst zu Ruhepolen und Frieden ausstrahlenden Menschen, bei denen sich wiederum andere Geschöpfe und Geister wohl fühlen und die Nähe des Herrn empfinden.

Zwei Geistfreundworte wollen uns das Fest der Weihnacht verständlicher machen:

„Meine lieben Freunde! Was feiern wir am Heiligen Abend? Die Geburt Jesu! Es ist die Geburt des Sternensohnes, die Geburt des Sohnes Gottes, der aus der großen Ordnung der in Gottes Gesetz leuchtenden Sterne hervortritt, um auf dieser Erde geboren zu werden. Diese Geburt bringt für die Erde eine Zeitenwende. Mit ihr tritt Heiliger Geist auf diese Erde, ein Geist, den diese Erde nicht kennt, ein Wesen, das allen Kindern Gottes auf dieser Erde verloren gegangen ist und zwar in einem solchen Ausmaß, dass die Erde als Stern kalt und öde und lieblos, vom Leben ausgeschlossen ist. Das muss man in seiner vollen Tragweite erfassen und dann weiß man auch, dass es auf den Geist ankommt, der aus diesem Kind heraus in das einzelne Menschenherz strahlt.“ –

„Möchte jetzt auf dem Weg zur Weihnacht nur das eine große Wünschen in euch noch Platz haben: ,Herr, lass Ruhe einziehen, dass ich den Nächsten lieben kann. Lass Ruhe einziehen, dass alle widersprüchlichen Gedanken doch weichen möchten, und gib, dass ich endlich so vergeben kann, wie es der Geist der Weihnacht braucht.‘ Wenn jeder jedem vergibt, dann zieht der Frieden ein, den der Herr meint. Wenn jeder jedem vergibt, dann wird eine große Ruhe kommen, kein Kampf wird mehr unter euch sein. Das ist das, wovon gesagt ist, dass es Licht der Weihnacht ist, das über alle flutet gleichermaßen, wo alle sich freuen können, weil jeder sich freut. – Geist der Weihnacht, du verwandelst alles, wandle die Herzen!“

Vor 100 Jahren wurde in Glau der Grundstein für die „Friedensstadt“ – Heil und Halt in der Gemeinschaft

Von Rainer Gerhardt

Mitglieder und Freunde der Johannischen Kirche in Blankensee gedachten kurz vor Jahresfrist des 100-jährigen Bestehens der Friedensstadt Weißenberg nahe Trebbin. Dieses Siedlungswerk spiegelt in ganzer Tragweite die Entwicklungen, Verwerfungen, Katastrophen aber auch Hoffnungen und Möglichkeiten wieder, die gerade auch Brandenburg in dieser Zeit geprägt haben.

Der Religions- und Sozialreformer Joseph Weißenberg (1855–1941) und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter legten am 19. Dezember 1920 den Grundstein für das erste Wohngebäude eines Siedlungswerkes, das seitdem den programmatischen Namen „Friedensstadt“ trägt. Nach den katastrophalen Erlebnissen des Ersten Weltkrieges und als Gegensatz zur Massenverelendung in den Berliner Mietskasernen entstand am Fuße der Glauer Berge eine Genossenschaftssiedlung, in der Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft Wohnraum, Arbeit und einen Halt für ihr Leben finden konnten – in christlicher Gemeinschaft.

In nur 15 Jahren wurde auf märkischem Sandboden eine Heimstatt für 400 Menschen errichtet, trotz Inflation und Weltwirtschaftskrise. Die Friedensstadt verfügte 1935 über eine moderne und ausbaufähige Infrastruktur, über ein vorbildliches Altersheim und nannte eine beliebte Gastronomie ebenso ihr Eigen wie unterschiedliche Wohnraumformen. Die Bewohnerinnen und Bewohner entwickelten eine florierende Landwirtschaft und versorgten sich mit Gärten und Stallungen weitgehend selbst.

Das letzte eingeweihte Gebäude war 1934 eine Schule, doch über deren Turm wehte bereits die Hakenkreuzfahne. Die Nationalsozialisten setzten dem genossenschaftlichen Siedlungswerk ein jähes Ende, 1935 wurde die Johannische Kirche (damals Evangelisch-Johannische Kirche nach der Offenbarung St. Johannes) verboten, Joseph Weißenberg und enge Mitarbeiter verhaftet und in Schauprozessen verurteilt. Die Friedensstadt wurde von der Waffen-SS besetzt und deren Bewohner nach und nach vertrieben.

Das Ende des Krieges erlebten auch die Mitglieder der Johannischen Kirche als Befreiung vom Nationalsozialismus und Möglichkeit, ihr religiös-soziales Wirken wieder aufnehmen zu können. Es war ein Offizier der sowjetischen Besatzungsmacht, der das große Gotteshaus zurückgab – mit den Worten: „Beten Sie auch für Russland!“

Die benachbarte Friedensstadt blieb indes von der Sowjetischen Armee als Garnison bis 1994 besetzt. Kurz vor seinem Tod in schlesischer Verbannung gab Joseph Weißenberg 1941 seiner Tochter und Nachfolgerin Frieda Müller (1911–2001) mit auf dem Weg: „Wir bekommen alles wieder, aber lass dir die Zeit nicht lang werden.“ Diese Worte wurden für johannische Christinnen und Christen zu einer unerschütterlichen Zuversicht, eines Tages wieder in die Tore der Friedensstadt einziehen zu können.

Ansatzweise war dies Dank privater Freundschaftsbande möglich. Wieder war es ein sowjetischer Offizier, der den ersten Besuch von Kirchenoberhaupt Frieda Müller und ihrer Nachfolgerin Josephine Müller (1949–2019) in der Garnison ermöglichte. Aus gegenseitiger Achtung entstand Vertrauen. Da die Genossenschaftler 1944 den Nationalsozialisten mutig den Verkauf der Siedlung verweigert hatten, war die Rechtslage eindeutig. Nach der Wende gab es bereits erste Gebäudesicherungs- und Instandhaltungsmaßnahmen in der Garnison. 1994 erfolgte der Abzug der sowjetischen Truppen aus der Friedensstadt. Josephine Müller erhielt im März die Siedlung vom russischen Generalleutnant Swetkow zurück. Im Juni 1994 bestätigte das Bundesvermögensamt die Eigentumsübergabe.

Seit über 26 Jahren wird die Friedensstadt im Sinne ihres Erbauers wieder aufgebaut. 2020 als das Jahr des 100-jährigen Bestehens sollte von vielen Festen und Veranstaltungen begleitet werden, doch die Pandemie stellte dies auf den Kopf. Vielen ist noch einmal klar geworden, wie segensreich dieses Gemeinwesen gerade in Zeiten der Krise ist, wenn Solidarität und Gemeinsinn aber auch Disziplin im Sich-Fügen in Unvermeidliches das Zusammenleben prägen. Stefan Tzschentke, Oberhaupt der Johannischen Kirche, sagt zum Jubiläum: „Vor 100 Jahren entzündeten Joseph Weißenberg und seine Mitstreiter mit dem Bau der Friedensstadt ein Licht in dunkler Zeit, und alle Stürme der Welt konnten es nicht zum Erlöschen bringen. Heute möchte sich die Friedensstadt einreihen in viele andere Lichtpunkte unseres Landes und unserer Region, die diese heller, bunter, lebenswerter und friedvoller machen wollen.“

Adventszeit: Werde ein Licht! Das Geschenk der Liebe braucht kein Geld

Von Paul Schuchardt

Auch in diesem Jahr werden wir Weihnachten feiern, wenn auch äußerlich etwas anders als sonst. Doch das Wesentliche des Weihnachtsgeschehens vollzieht sich in unserem Inneren. Jesus wird geboren. In einem Stall in dem kleinen Dorf Bethlehem im jüdischen Land kommt er in die Welt. Das geschieht vor Menschenaugen. Doch ist das alles? Was ist da wirklich geschehen?

Über Jahrhunderte lebten die Menschen in Angst. Sie fürchteten sich vor den Mächtigen der Welt, vor den Geistlichen und vor Gott. Die Würdenträger stellten Regeln und Gesetze auf, wie man gottgefällig zu leben hat und sie predigten: Es wird dem schlecht ergehen, der sie nicht einhält, Gott wird ihn strafen und verdammen.

Doch manche erinnerten sich an Prophetenworte, dass ein Messias, ein Erretter kommen wird, der ihnen Trost und Hilfe in ihrer Not geben wird. Aber auch sie erwarteten einen, der ihnen äußeren Ruhm und unbezwingbare Herrschaft über ihre Feinde bringen wird.

Nun wird der Christus geboren und ist so ganz anders. Er spricht die Herzen an. Er bringt die Botschaft der bedingungslosen Liebe Gottes in die Menschenwelt. Ein Engel ruft die Hirten mit den Worten: „Fürchtet euch nicht!“, denn die Engel wissen um die Furcht der Menschen vor dem mächtigen Gott. Nun erleben die Menschen einen, der vom himmlischen liebevollen Vater spricht, der alle seine Kinder liebt. Dieser Vater will nur eines, dass die Liebe in uns Menschen wächst.

Jeder Mensch hat ein solches Licht in seiner Seele. Aber Angst mauert dieses Licht ein und lähmt. Deshalb wird zu allen Zeiten von denen, die über andere herrschen wollen, den Menschen Angst gemacht. Doch diese harte Kruste um das Licht in der Seele bricht auf, wenn wir erleben, dass jeder, der es nur will, bei Gott liebevoll aufgenommen ist. Dann beginnt die Seele des Menschen zu leuchten. So wird aus Angst Glaubensmut, aus Gegeneinander Gemeinschaft, aus Misstrauen Vertrauen, aus Feindschaft Freundschaft. Die Menschen, die sich Jesus zuwenden und sein Wesen erleben, verändern sich. Voller Freude verkünden sie die frohe Botschaft, dass der Heiland geboren ist, der etwas ganz Neues bringt, über das man sich nur freuen kann. Dieses Erleben, dass ich von Gott geliebt bin und damit einen Wert habe, der nicht zerstörbar ist, ermutigt zu einem neuen Leben.

So ist es auch heute. Weihnachten wird sein, wenn wir diese bedingungslose Liebe des Christus spüren und dadurch das Licht in unserer Seele ebenfalls zu leuchten beginnt und damit die Liebe in uns wächst. Wohl alle Menschen sehnen sich nach Liebe ohne Bedingungen, nach Angenommen-Sein und Wertschätzung. Oft suchen wir das in Äußerlichkeiten, in Titeln, Ruhm und Ehre und wollen es unter Einsatz vieler Mittel erzwingen. Doch Liebe lässt sich nicht kaufen oder erhandeln.

Jedes Jahr haben wir die Gelegenheit, das Weihnachtsgeschehen neu zu verstehen und Liebe zu schenken. Dieses Geschenk braucht kein Geld. Schenken wir einem anderen Zuwendung, Achtung, Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Anerkennung, Geborgenheit, das wird ihm und uns selbst guttun und uns vieles mit neuen Augen sehen lassen.

Die Welt bekommt ein anderes Gesicht. Es ist vielleicht das Gesicht deines Nächsten, der dir neu zu vertrauen beginnt, weil er in dir das Licht der Liebe des Christkinds erkennt.

Adventszeit: Der Weg zur Krippe – die verzeihende Liebe zählt

Von Siegrun Mauske

Die Tage sind kürzer, es wird zeitig dunkel, eine stille Zeit meldet sich an, die lichtvolle Adventszeit. In dieser Zeit Advent findet man nach innen gerichtete Worte, Erlebnisse, die Trost und Hoffnung vermitteln, immer wieder als etwas Beglückendes. Man blättert in Weihnachtsgeschichten und fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. So sind es zum Beispiel auch diese Worte von Schwester Friedchen, einst als Weihnachtsgruß versendet, die mir in die Hände fielen und mich ansprachen, da sie Ausrichtendes zum Inhalt haben:

„Wie alle Jahre wieder pilgern wir nach Bethlehem in den Stall zu seiner Krippe und bitten inniger denn je: Schenke Frieden der Welt und uns. Gib Heimat den Heimatlosen. Fülle alle Herzen mit deiner großen, verstehenden Liebe, die alle Menschen eines werden lässt im Vergeben und Verzeihen. Reiche deinem Nächsten die Hand, damit das Böse schwindet. Gebt Gott die Ehre. Er ist unser aller Vater und liebt seine Kinder aller Glaubensrichtungen. Es gibt verschiedene Wege zu Gott, aber nur ein Haus Gottes, wo ein jeder aus einem anderen Fenster schaut in seine Glaubensrichtung. Auf dem gemeinsamen Weg – auch hier gibt es nur eine Krippe zu Bethlehem – finden wir uns alle wieder und singen gemeinsam mit den himmlischen Chören: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen. Von Gottes Kraft und Liebe erfüllt schreiten wir zur Tat, schenken Liebe, Freude und bitten: Lass Feinde Freunde werden, damit es in die Welt strahlt und Frieden wird. Jedes Licht hilft in einer dunklen, zerrissenen Welt, baut Brücken, nicht nur mit Worten. Lasst Taten sprechen, wo alle im gemeinsamen Vaterunser zusammenfinden unter dem Lichterbaum der Ewigkeit.“

„Schenke Frieden“, diese uralte Bitte klingt nötiger denn je. Dieser Friede beginnt im Herzen, der auch den anderen einbezieht. Wo es aber ungerecht wird, erkaltet die Liebe, erlischt das Licht. Das ruft Unzufriedenheit, ja Unfrieden auf den Plan. Und alle Umkehr fängt damit an, dass ich den anderen sehe, ihn einbeziehe und mit seinen Fragen nicht allein lasse und Anstehendes geklärt und bereinigt wird. Verzeihen können wird zu einem Schlüssel, der Türen zu neuen Räumen öffnet. Advent will uns etwas von der vorurteilsfreien, verzeihenden Liebe Gottes nahebringen. Wir dürfen davon in dieser lichtvollen Zeit nehmen.

Licht lässt den Weg, eine Situation, auch Ungeordnetes besser erkennen und macht die Schritte sicherer. Licht ist Wärme, die wohltut und verständnisvoller werden lässt. Wenn wir uns mit dem Lichterstrom dieser Zeit, seiner Liebe verbinden, werden wir die Krippe finden, aber auch den Nächsten verstehen und annehmen können. Jener Funke Gottesgeist in unserer lebendigen Seele kann so angetan werden und etwas zum Leuchten bringen um uns herum. Das bringt Sicherheit und macht Mut für die nächsten Schritte. Dabei zu erkennen, wo man selbst steht, lässt zudem leichter den anderen finden und ihn verstehen. Der Weg zu Gott geht mit und für den Nächsten.

Viele solcher Funken, die da zum Leuchten gebracht werden und sich verbinden, bilden eine Lichterkette, die wiederum vielen zur Orientierung wird, gleichsam einem Hoffnungsstrahl. Kraft wächst aus solcher Zuversicht, die dem Unguten, der Ohnmacht, dem Zerstörerischen Paroli bietet. Gemeinsamkeiten trotz mancher Unterschiede von einem zum anderen werden gefunden, die uns helfend, bewahrend unterwegs sein lassen und Mitmenschlichkeit ermöglichen. Dazu fordert uns die Weihnachtsbotschaft auf: „Ehre sei Gott in der Höhe, und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Ein solches Bekenntnis wird zum Segen.

Reformationstag: Reformieren, aber was? – Frei sein in Verantwortung vor Gott

Von Siegrun Mauske

Sagen und tun, was man möchte, wie einem ums Herz ist, unabhängig von Vorgaben und Erwartungen anderer, dahinter verbirgt sich ein Freiheitsbedürfnis, denn Einengung bedeutet eine gewisse Unfreiheit. Reformen sind nötig, um aus einer Starrheit herauszuführen – eine Reformation, die mehr denn Revolution bedeutet. Es geht um das Durchdringen von Normen und Vorgaben bis hin zur Liebe Gottes, die dem Leben Ziel und Halt gibt und das Leben in Verantwortung vor Gott leben lässt, auch, in der Freiheit Neues zu erfahren und zuzulassen. Es meint kein Leben, das verantwortungslos und frei von Sorgen ist, sondern eine innere Freiheit, die bestimmend ist.

Was mache ich zum Beispiel mit der mir geschenkten Zeit? Da stehe ich selbst in der Verantwortung gegenüber dem Nächsten und Gott, die mich immer wieder mein Sein mit all dem, was auf mich einwirkt, hinterfragen lässt. Niemand kann das Gewissen des anderen sein, das mich unmittelbar mit Gott verbindet und das tun lässt, was geboten ist.

Jesus, der am Sabbat heilte, der mit Frauen sprach, zum Zöllner ging, hat Grenzen seiner Zeit überschritten. Gottesmänner zu allen Zeiten haben es vorgelebt, menschenfreundlich mit einer vorurteilsfreien Liebe umzugehen, die weit über Normen der jeweiligen Zeit hinausging. In der Liebe Gottes liegt die erneuernde Kraft, wie es das Gebot der Nächstenliebe beschreibt. Und: „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“, heißt es im Korintherbrief. Es geht um eine innere Freiheit, die nach außen gelebt wird und frei vom Urteil anderer ist, sich aber mit den Fragen der Zeit auseinandersetzt. Selbst wenn bestimmte Dinge beschränkend oder einengend sind, ist Verantwortung und das Einstehen für die Freiheit des anderen gefragt. Erneuerung, Freiheit und Verantwortung, darum wird es bei einer jeden Reformation gehen.

Reformation wird als eine Erneuerung begriffen, als ein Hinfinden zu den eigentlichen, ursprünglichen Kräften, auch als ein Weg mit der Seele. Es ist die Bereitschaft zur inneren Auseinandersetzung, zur Umkehr und Neubesinnung hin zur Gesundung der Seele. Wir denken gern an den Weg Martin Luthers, der gerungen hat, den gnädigen, gerechten Gott zu finden, und wie man ihm gerecht wird. Er fand die Antwort im Wort Gottes. Auch hier hat er um jedes Wort gekämpft, um es in Reinheit und Wahrheit zu übersetzen und allen als Speise für die Seele zugänglich zu machen. Worte, die helfen wollen, als das Licht auf unserem Weg und der Liebe Raum zu geben. Worte Gottes als Hilfe auf dem Weg des Werdens wollen mit dem Herzen gelesen werden, um dann zu wissen, was vernünftigerweise zu tun ist. Nur das tiefe Bewegen des Wortes, der laufende Umgang damit, dass man es sozusagen umwälzt, lässt uns im Alltag damit etwas anfangen, weil das Wort uns erfasst und in uns etwas in Bewegung bringt. Dies wird ein Licht aufgehen lassen und Herz und Gewissen berühren, hin zu einem gottwohlgefälligen Tun. Darin bin ich frei, um dann das zu tun, was meiner Erkenntnis entspricht.

Der Mensch wird gerecht ohne des Gesetzes Werk, allein durch den Glauben. Man darf auf Gottes Güte vertrauen und muss ihn nicht gnädig stimmen, um als etwas zu gelten. Glauben ist Vertrauen, ich kann mich in Gottes Liebe fallen lassen. Wer Gott vertraut, hat den Segen, auch um in der Welt zu bestehen und sie mitzugestalten. Das eigentliche Ziel ist die Zuwendung zum Nächsten. Aus Dankbarkeit für Gottes Liebe werde ich selbst zu jemandem, der Liebe weitergibt, weil er mein Nächster ist, dem ich Gutes ohne Nebengedanken tue. Das alles meint Luther mit der „Freiheit eines Christenmenschen“, womit er sich intensiv beschäftigt hat. Das ist Ausdruck reformatorischen Geistes, der sich auch in seinen 95 Thesen findet und einen ungeahnten Aufbruch in Gang setzte.

Ich bin also frei vor Gott, frei von Bevormundung oder religiösen Zwängen, denn Gott liebt mich vorbehaltlos. Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Es gilt darauf zu setzen, dass Gottes Wort wirkt und dieses auf dem Boden von Gottvertrauen wächst und Frucht bringt, wenn man mutig, klar und mit viel Herz für Ihn einsteht. Es geht um die Freiheit der Gedanken, der Worte, des Geistes. Das darf mich aber nicht verführen, über andere zu herrschen und sie zu unterdrücken. Reformation meint Erneuerung und Veränderung und dennoch Bewahrung. Es geht sozusagen um Wurzeln, die Flügel verleihen. Es ist stets ein sich Hinwenden zu dem, der Liebe ist, ein Weg, der immer neu Weichen stellt, wie einst. Es ist ein immerwährender Prozess, der sich in unserer Zuwendung zum Nächsten, zu Aufgaben, in unserer Liebe zeigt. Es gilt vor Gott nicht, uns zu beweisen, denn irgendein Tun allein ist nicht der Zugang zur Freiheit, zu uns selbst oder zu Gott. Frei sein für etwas taugt – für Gott und für den Nächsten. Und Wahrheiten brauchen Mutige, die sie aussprechen.

Erntedank: Danket dem Herrn, denn er macht alles gut

Von Friedhard Werner

Es ist Erntedank. Wofür danken wir in diesem Jahr? Trotz Viruspandemie hat uns der Herr gut durch das Jahr geführt, hat uns Früchte des Feldes und des Gartens geschenkt, die eben nicht so ganz selbstverständlich, ganz nebenbei gewachsen und gereift sind. Nahrungsmittelknappheit und Hunger sind in unserem Land ausgeblieben, wenngleich sie auch mit Bekanntwerden der Pandemie befürchtet wurden und es Bevorratungskäufe gab.

Im Grunde müssen wir in diesem Jahr mehr danken als in anderen Jahren. Gottes Güte und Liebe sind mit uns, und wir wollen dafür auch weiterhin bitten und täglich danken. Für uns gilt, trotz gegenwärtiger Einschränkungen, nicht undankbar zu werden. Sehen wir die kleinen Wunder jeden Tag neu, die trotz Klimawandel geschehen, dass beispielsweise aus einem winzigen Samenkorn ein Keim sprießt und eine Pflanze entsteht, ist nichts Gewöhnliches und Normales. Besonders dann, wenn das, was man immer hat, in Gefahr ist oder genommen wird, lernt man das Gewohnte erst schätzen. Es kommt dann zu einem Umdenken in uns Menschen, die Sicht auf die Dinge des Lebens ändert sich – auch das ist eine gute Frucht, die in uns geistige Reife bringt.

Wir danken dem Herrn für das, was wir haben und nicht für das, was wir gern hätten. „Sei dankbar für Weniges, so wirst du für würdig befunden, Größeres zu erhalten.“ Dieses sinngemäß zitierte Wort aus einem unserer kirchlichen Bücher gibt die Möglichkeit, unser Schicksal anzunehmen, mit Einschränkungen und unliebsamen Veränderungen im Leben klar zu kommen und immer wieder auf Gott zu hoffen, der alles am Ende gut macht.

Wir können es in der Schöpfungsgeschichte nachlesen, wie weislich er alles auch für uns Menschen erdacht hat und wie er über seine Werke sprechen konnte: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war alles sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.“

Wir dürfen weiter hoffen und glauben, dass er es auch mit unserer ganzen Erde zum Guten führen will, auch mit jedem Menschen trotz der negativen globalen Veränderungen. Wir selbst müssen das aber auch wollen. Wir sind daher angehalten, uns als seine Geschöpfe zu erkennen und in seinem Geist der Liebe zu handeln, um das Gute in jeden geschenkten Tag vom Himmel herabzuziehen. Nutzen wir die Möglichkeit aus, uns als Halm eines großen Ährenfeldes zu verstehen, das nur gemeinsam den Ertrag bringt, wenn wir uns in unseren Gemeinden zum Altar begeben. Dass wir es in diesem Jahr überhaupt dürfen, ist schon etwas Besonderes. Zu unserem Dank muss immer auch gehören, dass wir nur im Miteinander die Reife erzielen, die vor Gott zählt. So wie er sich klein gemacht hat und selbst Mensch geworden ist, dienstbar war allen Menschen gegenüber, ist es auch unsere Aufgabe. Welch eine gute Ernte können wir erzielen, wenn uns der Gemeinschaftssinn treibt und die Dankbarkeit uns für jeden Tag erhalten bleibt. Dann können wir auch von Herzen in die wunderschönen Erntedanklieder einstimmen und unser Lob und unseren Dank dem Herrn schenken. Er macht alles gut.

Kirchentagswoche und Geburtstag Joseph Weißenbergs: Aus Schlechtem versuchen, Gutes zu machen

Von Johannes Franke

Wir kommen vom 13. August, einem Tag, der uns – ähnlich wie Karfreitag – unter anderem lehren möchte, dass, was im ersten Moment für die Menschen wie eine Niederlage aussieht, im Geiste einen großen Sieg bedeuten kann. Nun stehen wir vor der Kirchentagswoche. Die Woche, in der normalerweise johannische Christen von vielen Orten kommend zusammen in die Friedensstadt und nach Berlin eilen, um johannische Gemeinschaft zu erleben, ein religiöses Heimatgefühl zu empfinden, die neu Konfirmierten in die Gemeinschaft aufzunehmen, sich ganz innig mit dem Meister verbunden zu fühlen und vieles mehr.

Doch in diesem Jahr ist alles anders. Die Kirchentagswoche kann nicht wie gewohnt stattfinden. Einiges von dem, was wir liebgewonnen und geschätzt haben an dieser Woche, wird es in diesem Jahr nicht geben. Das kann Verunsicherung und auch Traurigkeit in uns auslösen.

Doch der Geburtstag unseres lieben Meisters Joseph Weißenberg ereignet sich auch in diesem Jahr am 24. August. Und auch in diesem Jahr schallt uns an diesem Tag sein Wahlspruch – der auch auf seiner Gedenkstätte niedergeschrieben ist – entgegen: „Ich will aus dem Allerschlechtesten etwas Gutes machen!“

So kann uns diese Kirchentagswoche zu der Erfahrung verhelfen, dass auch die Corona-Epidemie letztlich unter diesem Ausspruch steht. Wollen wir unserem Meister zu seinem Fest die Freude machen, dass wir uns ernsthaft bemühen, seine Nachfolge auch in dieser Hinsicht anzutreten. Wollen auch wir versuchen, diesen Ausspruch zu einem Teil unseres Denkens, Redens, Schreibens und Handelns werden zu lassen, dass auch wir uns bemühen aus allem Schlechten, was uns begegnet, etwas Gutes zu machen. Das bedeutet in vielen Bereichen harte Arbeit.

Wir erleben jetzt, dass der oft gesagte Spruch: „Das haben wir schon immer so gemacht, und es hat nicht schlecht funktioniert“, nur noch selten zu hören ist. Vieles ist im Wandel und muss in diesen Zeiten neu gedacht werden. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, denn wenn wir uns fragen, wie wir ein gemeinschaftliches kirchliches Erleben in diesem Jahr ermöglichen oder erleben können, dann befassen wir uns auch mit dem Wesentlichen dieses Erlebens. Die Aufgabe, zum Kern, zum Eigentlichen, zum Wesentlichen des Glaubens und des Lebens vorzudringen, haben wir schon mehrfach von geistiger Seite vernommen. Somit sind wir auch, und vielleicht sogar ganz besonders in dieser Zeit, von Gott behütet und geführt. So hält auch diese Zeit ihre Erkenntnisse für uns bereit und kann uns zur Reife dienen, wenn wir sie in diesem Sinne nutzen.

Darüber hinaus gibt es noch andere Dinge, die uns diese Zeit im Besonderen lehren kann. Die schnelle Veränderung, die wir in verschiedenen Lebensbereichen erleben, zwingt uns zu einer gewissen Flexibilität und Spontaneität. Das sind Eigenschaften, die man in erster Linie mit der Jugend verbindet, die aber mit dem Streben nach immer besserer Organisation und einem möglichst reibungslosen Ablauf, vom Alter unabhängig, Gefahr laufen verloren zu gehen. Eine möglichst gute Vorbereitung ist natürlich erstrebenswert und erleichtert vieles. Dennoch kann es passieren, dass der Anspruch – sowohl aus einem selbst als auch von außen – manche guten Impulse und Inspirationen mitunter schon im Keim erstickt, weil Bedenken oder Zweifel direkt mit bei der Hand sind. Wenn Ansprüche zunehmend in dieser Weise lähmend wirken, ist ein gesundes Maß, das eine gewisse Qualität sichert, in Gefahr. Die Umstände dieser Tage zwingen uns aber nun wohl oder übel eine gewisse Flexibilität oder auch Spontaneität auf. Es liegt an uns, was wir daraus machen.

Wir können mit den Umständen und ihren Ergebnissen hadern und uns nach der gefühlten Sicherheit und Verlässlichkeit vergangener Tage sehnen. Oder wir versuchen, auch diese Dinge im Sinne des Meisters anzunehmen, indem wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Vielleicht können wir dann eines Tages auf diese Zeit zurückblicken und feststellen, dass wir aus dieser Zeit für uns gelernt haben, ein besseres Gleichgewicht aus Planung und Offenheit für Inspiration und den Geist der Stunde gefunden zu haben. Dann wäre auch diese äußerlich schwere Zeit letztlich wiederum in einen Sieg aus geistiger Sicht verwandelt worden.

So liegen auf dem Weg, den Gott uns führt, immer wieder Erkenntnisse für uns bereit, die uns offenbar werden, wenn wir lernen, alles, was uns begegnet, in dieser Weise zu prüfen.

Wollen wir in der Zeit auf dem Weg zu seinem Fest versuchen, uns dem Denken und Handeln unseres lieben Meisters anzunähern. Wollen wir versuchen, aus Gottes Hand alles immer wieder mit dankbaren Herzen, frischem Mut und Zuversicht anzunehmen. Wollen wir auch versuchen, uns der vermeintlich schlechten Dinge anzunehmen und zu prüfen, was wir daraus Gutes machen können. Was wir daraus lernen können und wie wir alles immer wieder unserem Nächsten zum Nutzen und Gott zur Ehre einsetzen können. Dann wird uns Gott aus Gnade immer wieder Möglichkeiten offenbaren, und wir dürfen den Meister dadurch erfreuen.

Leben in der Krise: Wann wachen wir auf? – Jeder hat einen Teil Verantwortung für das Ganze

Von Paul Schuchardt

Leben in einer Krise, ist das eher bedrohlich oder hoffnungsvoll? Was hat uns diese Zeit zu sagen? Wird nur etwas hineininterpretiert in die besondere Lage, in der sich jetzt die ganze Welt befindet?

Krise – ein Wort aus dem Griechischen, es bedeutet: Entscheidung, entscheidende Wendung. Wir erleben in dieser Zeit alles wie durch eine Lupe: Immer mehr Menschen stellen sich die Frage, in welchen Zusammenhängen sie eigentlich leben, in welchen Abhängigkeiten sie stehen. Menschen entwickeln in Zeiten von Kontaktbeschränkungen neue Formen von Öffentlichkeit und finden neue Wege, miteinander in Beziehung zu treten. Inmitten aller Beschränkungen entsteht eine neue Freiheit, die Möglichkeiten eröffnet, aus dem Erprobten, Konventionellen auszuscheren. Wir staunen über die kreativen Ideen, die Menschen nutzen, um spontan mit anderen in Kontakt und Austausch zu kommen, Hilfen in Notlagen anzubieten, etwas Neues zu wagen, was wegen befürchteter eigener Nachteile bisher eher vermieden wurde. Viele Menschen entdecken und erleben vielfach unmittelbar, wie sehr ihr eigenes Wohlergehen, aber auch das der großen Gemeinschaft von eigenem, verantwortungsvollem Handeln abhängt.

Andererseits werden durch den Abbau von hektischer Betriebsamkeit Ungerechtigkeiten im Zusammenleben der Menschen und Völker viel stärker bemerkt. Die Art und Weise, wie wir mit anderen Menschen, mit Tieren, der Natur und unserer ganzen Umwelt umgehen, kann nun deutlicher wahrgenommen werden – wenn wir dem nicht ausweichen, wegsehen oder uns als unbeteiligt betrachten. Diese Zeit bietet eine große Chance, aus eigener, authentischer Erfahrung zu lernen und damit nachhaltige Veränderungen zu bewirken. Wenn auch manche immer noch der Meinung sind, dass nach dieser Krisenzeit alles weitergehen soll, wie es vorher war, wächst die Hoffnung bei vielen Menschen, dass diese Zeit der Anfang von neuen Entwicklungen im Zusammenleben auf dieser Erde ist. Es ist zu offensichtlich ins Bewusstsein gerückt, wie stark wir durch unser eigenes Verhalten bisher das Leben auf der Erde gefährdet haben.

Manchmal holt uns ein Schicksal, was uns bekannt wird, aus der Ecke heraus, dass wir vor allem selbst beschützt und behütet sein wollen. Kürzlich sahen wir einen Fernsehbericht über eine ägyptische Familie, die auf einem kleinen Boot auf dem Nil lebt. Das Boot mit einer Zeltplane war die einzige Bleibe der Eltern und ihrer Kinder. Jeden Tag fuhren sie auf den Strom, um einige Fische zu fangen – das war ihr Essen. War der Fang gut, verkauften sie einen Teil, um sich etwas kaufen zu können, was sie unbedingt brauchten. Die Kinder konnten nicht zur Schule gehen, dafür war kein Geld vorhanden. Wir waren erschüttert über die Perspektivlosigkeit dieser Menschen: Wir haben keine Ahnung, wie viele Menschen so leben müssen!

So können wir uns fragen, wann wachen wir auf? Wann verstehen wir, dass wir alle etwas verändern müssen angesichts der misslichen Lage so vieler Menschen, Tiere und der ganzen Umwelt? Jeder Einzelne kann etwas verändern. Oft ist dann jedoch zu hören: Was kann ich kleiner Mensch schon tun? Das entscheiden doch ganz andere, die da oben. Damit habe ich nichts zu tun.

In dieser Krise wird jedoch für jeden erkennbar, dass jeder Mensch einen Teil der Verantwortung für das Ganze hat. Dennoch denken, reden und handeln wir so oft wider besseres Wissen. In unserem Alltag können wir anfangen, das Licht was in uns ruht, wieder leuchten zu lassen: Wach sein, ein Mensch sein, der weiß: Wie ich mit dem Nächsten umgehe, wirkt unmittelbar auch auf mich selbst. Wenn ich einen anderen schlecht mache, schade ich meiner eigenen Seele. Wenn ich einem anderen etwas Gutes tue, ist das Balsam für meine eigene Seele. Der liebevolle Kern in meiner Seele kann nur gut leben und wirken, wenn er Liebe, die von mir verschenkt wird, erlebt. Es sind Dinge, die wir oft gehört haben, die wir wissen. Mich haben Worte des Propheten Jesaja zu dem, was wesentlich ist und helfen kann, sehr berührt. Es lohnt, besonders seine Worte in Jesaja 58,6-7 nachzulesen und sie sich zu Herzen zu nehmen. Diese Worte sind etwa 2.700 Jahre alt und immer noch aktuell. Und – wie es sein wird, wenn wir wirklich etwas ändern wollen und beginnen es zu tun, das beschreibt Jesaja in den Versen 8-12, denn: Gott hilft! – Wann wachen wir auf?

Zum 15. Juli: In Gedenken an Josephine Müller – eine Schwester für uns alle

Von Rainer Gerhardt

„Kirche ist das, was der Einzelne ausstrahlt, inwieweit der Einzelne Gott durch sich wirken lässt.“ Josephine Müller. – Wenn wir von einem lieben Menschen Abschied genommen haben, wird uns dessen Bedeutung für uns, für unser Leben zutiefst bewusst. Wir erinnern uns an Begegnungen, Gespräche, Blicke, Gebete, gemeinsame Zeit unseres Lebens. Gedanken wie diese – verbunden mit einer sehr großen Dankbarkeit – bewegen uns in diesen Tagen um den 15. Juli, den Geburtstag unseres am 30. Dezember 2019 heimgegangenen Kirchenoberhaupts Josephine Müller. Vor einem Jahr konnten wir noch in großer Gemeinschaft mit ihr im Waldfrieden ihren 70. Geburtstag feiern. Der Abschiedsgottesdienst für Schwester Josephine am 11. Januar markiert bis auf weiteres die letzte Großveranstaltung dieses Jahres, zu der wir zusammenkommen konnten.

Schwester Josephine ist ein Oberhaupt „zum Anfassen“ gewesen, immer auf gleicher Höhe der Augen und des Herzens mit ihrem Gegenüber. Wer zu ihr in die Sprechstunde ging, bekam das Gefühl vermittelt, alle Zeit der Welt zu haben, um Kummer und Sorgen, aber auch Dank vortragen zu können. Manche ihrer Antworten waren nicht immer gleich verständlich, mit der Zeit wurde aber klar, was sie intuitiv angesprochen hatte. Zu manchem harten Wort sagte sie später, dass es ihr darum ging, deutlich zu machen, dass der Mensch – also wir, die wir zu ihr gingen – nicht noch einmal den Treueschwur Gott gegenüber brechen sollte.

Schwester Josephine hatte nicht nur einen Blick für das Wesentliche, für das Große und Ganze, sondern auch für das Detail. Das Wohl des einzelnen Menschen lag ihr immer am Herzen. Hier fragte sie nach und ließ nicht locker, bis eine gute Lösung gefunden wurde. Ebenso tief war ihr Empfinden für das Schicksal der Tiere oder der ganzen Schöpfung Gottes.

Missbrauch der Natur, Tierquälerei, Lebensmittelverschwendung, Energievergeudung – auf all diese Dinge blickte sie mit großer Sorge und setzte ein persönliches Beispiel, ein „Dennoch“ entgegen, getreu dem Wort: „Wir können keine Welt ändern, es sei denn, dass ein jeder in sich selbst zur Erkenntnis der Wahrheit kommt und sich bessert.“ Zum Thema Lebensmittelverschwendung sagte sie: „Möchten wir nicht einmal für alles hungern müssen, was wir an Essen weggeworfen haben.“

Mutig, konsequent und vorbildlich ging sie uns im Werk unseres Meisters Joseph Weißenberg voran. Von Finanznöten ließ sie sich nicht umwerfen, auch wenn diese wohl so manche schlaflose Nacht mit sich brachten. „Das Geld bringen die Geister“, aber es muss gut und gewissenhaft verwaltet werden, war ihre Antwort auf so manche bange Frage. – Ihr Vertrauen zum Meister wurde sicherlich zeitlebens herausgefordert, aber hier hielt sie unerschütterlich stand wie ein Fels, aber nicht einer aus Stein, sondern ein Fels aus Liebe.

Ihre Demut im Glauben und ihre Bescheidenheit, wenn es um ihre eigene Person ging, haben Menschen tief beeindruckt. Gerade jene, die weit entfernt leben und ihr nur wenige Male begegneten, haben die Größe ihres Glaubens und ihres liebevollen Wirkens deutlich und dankbar erkennen können. – Wesentlich war für sie das Amt, das der Mensch trägt und das im Sinne einer theokratischen Ordnung gelebt wird, wie von ihr das Amt des Oberhauptes. Diesem Amt galt alle Ehre und Treue, aber ihr, die sie es über Jahrzehnte getragen hatte, gilt unsere Dankbarkeit und Liebe.

Persönliche Begegnungen mit ihr haben viele tief beeindruckt. Ein Vaterunser in ihrer Nähe beten zu dürfen, war etwas Besonderes, denn wie intensiv Schwester Josephine die Worte „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe“ betonte, zeugte von tiefstem Gottvertrauen.

Den Auftrag zur „Überbrückung der Konfessionen durch die Liebe“, den der Meister Joseph Weißenberg an seine Kirche bereits 1926 gerichtet hatte, setzte Schwester Josephine konsequent um. Eine „Öffnung der Kirche“ hieß für sie aber nicht, dass nun alle weggehen, denn irgendjemand von uns muss die Menschen begrüßen und annehmen, die der Meister uns zuführt. Dafür müssen wir im Glauben, im eigenen Bekenntnis authentisch und erlebbar sein und bleiben, damit das Wesen des johannischen Christentums erkennbar werden darf. Bei Schwester Josephine ist dies immer erkennbar gewesen. Das darf bleiben.

So danken wir an diesem 15. Juli für eine Frau, für „unsere Fine“, die als Oberhaupt der Johannischen Kirche eine Schwester für uns alle gewesen ist. Beispielhaft drücken dies ihre folgenden Worte aus: „Möchte das einfache, unkomplizierte liebevolle Handeln unsere treibende Kraft sein.“

Das Vaterunser: Herr, lehre uns beten – Mit dem Vaterunser im Herzen handeln

Von Verena Wittke

„Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.“ Diese Bitte eines Jüngers an den Heiland, beschrieben im Lukas-Evangelium, rührt an. Was mag ihn wohl zu dieser Bitte bewegt haben?

Versetzen wir uns einmal zweitausend Jahre zurück und begleiten den Heiland und einige seiner Anhänger auf ihrem Weg durch das Land. Es ist Abend geworden, die Männer beschließen zu rasten. Sie entzünden ein Feuer, sie lagern sich darum, vielleicht haben sie etwas zu essen dabei. Wie schon einige Male zuvor verlässt Jesus die Gruppe seiner Gefährten und zieht sich in den Schutz eines Felsvorsprungs zurück, kniet nieder und beginnt zu beten. Er tut es ganz still, sodass die Jünger seine Worte nicht hören, und doch nehmen sie den andachtsvollen Frieden wahr, den ihr Meister ausstrahlt, während er Zwiesprache hält mit seinem Vater. Sie empfinden: Da spricht ein Kind mit seinem Vater, dessen Güte und unerschütterlicher Liebe es gewiss ist. Sie erleben es als etwas Besonderes, obwohl sie sicher von Kindesbeinen an Gebete als wesentlichen Bestandteil jüdischen Glaubenslebens kennengelernt haben. Und so bitten sie ihn: „Lehre uns beten.“ Ich bin sicher, auch Jesus hat diese Bitte sehr berührt, und so setzt er sich zu ihnen und lehrt sie: „Wenn ihr betet, so sprecht: Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. Gib uns unser Brot immerdar. Und vergib uns unsre Sünden, denn auch wir vergeben allen, die uns schuldig sind. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel.“ Er gibt ihnen ein Gebet, das bis heute Christen in aller Welt und in allen Sprachen sprechen, wenn sie sich mit dem Strom Gottes verbinden möchten. Doch sind es natürlich nicht die Worte allein, die einen Menschen die Nähe des himmlischen Vaters empfinden lassen. Ein Gebet kann nur dann zu einem Zwiegespräch mit dem Herrn werden, wenn jedes Wort aus tiefstem Herzen gesprochen werden kann: „Du bist mein Vater, dein Name sei gelobt! Dein Friede komme auf diese Erde, deinem Willen möchte ich folgen, denn du willst das Beste für mich. Lass dein Wort mir geistige Speise sein und erhalte mich in meinem Leben. Vergib mir das, was ich Unrechtes tue, und auch ich will all jenen vergeben, die mich kränken. Hilf mir, das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Gute vom Bösen zu unterscheiden und alles Ungute abzulegen. Denn du bist mein ewiger und allmächtiger Vater. Diese Bitte möchte ich in Christi Namen vor dich bringen. Amen.“ Wahrhaft ein Geschenk des Himmels oder, wie wir es im Dritten Testament lesen können, ein Schlüssel für jene Welt, mit dem den Himmel aufschließen kann, wer ihn gut gebraucht.

Auch wir johannischen Christen sprechen das Vaterunser – am Morgen, zur abendlichen Feierstunde, in den Gottesdiensten oder auch, wenn wir ein Geburtstagskind in ein neues Lebensjahr begleiten oder unser Tagewerk beginnen. Und doch: Wie viele dieser Gebete sind wirklich mit dieser Hingabe des Kindes an den Vater gesprochen, wie es Jesus vorlebte? Wie oft empfinden wir wahrhaft den himmlischen Vater, wenn wir beten „Vater unser“? Joseph Weißenberg wies mit dem öfter vom ihm gesprochenen Lehrgedicht auch auf die Millionen von Gebeten hin, die kommen und die der Herr nicht erhört. Verklingt nicht so manches auch unserer Gebete ungehört, weil wir eben nicht mit dem Herzen dabei sind? Tragen wir nicht eine ebensolche Sehnsucht in uns, wie sie in der Bitte der Jünger spürbar wird? Auch wenn die Zeit, in der wir jetzt stehen, in der einen oder anderen Hinsicht anstrengend und manchmal sogar schmerzhaft ist, bringt sie doch auch Gutes in uns auf den Weg und lehrt uns, neu die Kraft des Gebets zu erfassen. Weil der Heiland verspricht: „So ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er’s euch geben“, dürfen wir darauf vertrauen, dass jedes wahre und ernstlich gesprochene Gebet lichte Helfer an jene Orte oder zu jenen Menschen ruft, die der Hilfe bedürfen. Dies mag uns besonders bewusst sein, wenn wir derzeit jeden Abend in unserer Feierstunde noch ein weiteres Vaterunser beten für die Menschen in allen Ländern dieser Erde, für den Frieden, die Besonnenheit und die innere Ruhe in Gott. Doch entbindet das Gebet uns nicht von der Verantwortung, auch selbst zu einem solchen Helfer zu werden im praktischen Tun, in unserem Alltag: Gebet und Arbeit – beten und liebevoll am Nächsten handeln. Mit dem Vaterunser im Herzen handeln lässt uns Eigenes überwinden, den anderen als Gotteskind annehmen und als kleines Licht Trost und Heimat auf dieser dunklen Erde verbreiten.

Pfingsten: In Gott geborgen – Glaube schenkt uns Kraft und Zuversicht

Von Erhard Marek

„Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer, und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen, und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen.“

So können wir es zu Beginn des zweiten Kapitels der Apostelgeschichte in der Heiligen Schrift lesen. Das Weitere sei kurz erzählt: Die Menschenmenge war verwundert und irritiert. Waren die Menschen, die da mit „anderen Zungen“ predigten, nicht einfache Leute aus Galiläa? Wie konnten sie dann in anderen Sprachen reden? Dann trat Petrus auf mit den anderen Jüngern und predigte den Menschen von Jesus Christus und der Kraft Gottes mit dem Ergebnis, dass sich „bei dreitausend Seelen“ taufen ließen. Das ist wohl der Grund, weshalb wir heute das Pfingstfest als die Geburtsstunde der christlichen Kirche bezeichnen.

Kirche – was fällt mir spontan dazu ein? Gottesdienst, Gemeinde, Gemeinschaft, Freundschaft, Hilfe geben und empfangen, Gespräche, Kraft, Fröhlichkeit... Sicherlich gibt es noch viel mehr Gedanken dazu, aber die erwähnten allein sind doch wichtige Punkte in unserem Leben.

Durch die Auswirkungen der Coronapandemie sind zurzeit viele Dinge nicht möglich. Aber vielleicht verstehen wir dadurch einige Dinge anders, als wir es „normalerweise“ gewöhnt waren. Die Kirche braucht nicht uns, sondern wir brauchen die Kirche! Oder lasst mich einen Schritt weiter gehen: Der liebe Gott braucht nicht uns, sondern wir brauchen ihn!

In der johannischen Glaubenslehre gibt es verschiedene wunderschöne Worte über die Kirche: „Die Kirche wird von Gott geschaffen. Ihr sollt sie auf dieser Erde erhalten, den Menschen nutzbar machen und in Wort und Werk vorleben. Nicht nur hineingehen in die Kirche: Die Kirche soll in euch sein. Die Kirche sollt ihr leben, denken, fühlen. Mit der Kirche im Herzen sollt ihr handeln.“ Oder ein anderes: „Eine Kirche hat so viel Kraft, wie ihre Mitglieder Liebe zum Nächsten haben.“

Wir können zurzeit nicht „hineingehen in die Kirche“, das war für uns selbstverständlich, ist es aber nicht! Das Treffen mit Freunden, miteinander zu reden, fröhlich zu sein, war für uns selbstverständlich, ist es aber nicht! Trotzdem können wir aber dankbar und glücklich sein, dass wir per Telefon oder Computer an Gottesdiensten teilhaben können, dass wir am Karfreitag das Heilige Abendmahl des Geistes als Kraftquelle erleben durften, dass wir per Telefon Kontakte pflegen können und uns gegenseitig informieren und helfen können. Es gibt viele Menschen in der Welt, die diese Möglichkeiten nicht haben. Oder denken wir an die Zeit des Kirchenverbotes von 1935 bis 1945: Damals war es nur unter großer Gefahr möglich, mit anderen Kirchenmitgliedern Kontakte zu pflegen und zu erhalten.

Wir haben jetzt die Chance zu begreifen, dass viele „selbstverständliche“ Dinge in unserem Leben in Wahrheit ein Geschenk Gottes sind. Durch die Coronapandemie können wir wieder Dankbarkeit und Demut lernen und hoffentlich in unserem Herzen behalten.

Ein Gedanke bewegt mich noch zum Schluss dieses Artikels. Unser Meister hat davon gesprochen, dass alles im Leben Magnetismus ist. Ich verstehe das so, dass die Gedanken, die ich in meinem Kopf bewege, eine entsprechende geistige Welt anziehen, denn „Gedanken sind Gewalten, sind Gestalten“. Fühle ich mich in Gottes Hand sicher, werde ich Sicherheit verbreiten. Bin ich fröhlich, werde ich Fröhlichkeit verbreiten. Denke und handle ich in Liebe für die anderen, werde ich Liebe verbreiten. Aber habe ich Angst, denke nur an mich, oder ist mir alles egal, werde ich dann eine entsprechende geistige Welt anziehen und mich damit umgeben. Ich glaube, dass wir in dieser Zeit eine Menge in und an uns bewegen können. Wenn wir das mit Gott tun, wird es für uns alle der richtige Weg sein. Bleiben wir weiterhin sicher, fröhlich, einander zugewandt und in Gott geborgen!

Pfingsten: Ein großes Pfingstfest – Heiliger Geist wirkt über Abstände hinweg

Von Rainer Gerhardt

„Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen … und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen.“

Das urchristliche Pfingstgeschehen, von dem die Bibel hier in der Apostelgeschichte berichtet, war ein Erlebnis in einer großen Gemeinschaft, und es mündete in ein besonderes Ergebnis: in die Gründung der christlichen Kirche. Weiter heißt es: „Die nun sein Wort gern annahmen, ließen sich taufen; und wurden hinzugetan an dem Tage bei dreitausend Seelen.“

3000 Menschen – von Versammlungen in dieser Größe können wir in diesen Tagen nur träumen. In der Johannischen Kirche wird das Pfingstfest traditionell in großer Gemeinschaft gefeiert; Mitglieder – wir sprechen von Geschwistern – aus nah und fern kommen zusammen. So groß können wir Pfingsten in diesem Jahr nicht begehen, aber wird es deswegen kleiner? – Keineswegs!

Das Wesentliche am Pfingstfest ist nicht das, was wir sehen können, sondern das, was wir nicht sehen, aber erspüren oder glauben können: der Heilige Geist Gottes. Dieser hat Wunder bewirkt: Menschen spürten eine Kraft, die sie befähigte, ihren Glauben nicht nur hinter verschlossenen Türen zu zelebrieren, sondern in aller Öffentlichkeit zu leben. Aus einer Einmütigkeit heraus befähigte sie die Kraft Gottes, Barrieren der Sprache und des Verständnisses zu überwinden. Das Zeugnis von Jesus Christus, von seinem Wirken, seinem Opfertod und seiner Auferstehung sprach Menschen in ihrem Innersten an und machte sie zu gläubigen Nachfolgern – 3000 an einem Tag!

Dieser Heilige Geist ist nicht an Raum und Zeit gebunden – damals ebenso wenig wie heute. Deswegen kann und will er auch in dieser Zeit in uns und durch uns wirken, auch und gerade wenn wir nicht in großer Gemeinschaft zusammenkommen können, sondern uns nur im kleinsten Kreis versammeln.

Unsere Einmütigkeit wird doch nicht allein durch unser Beisammensein gelebt, sondern durch unsere innere Verbindung zueinander. Gute Gedanken überwinden Raum und Zeit ebenso wie der Heilige Geist, denn sie speisen sich aus derselben Kraft: aus der Liebe Gottes.

Ja, wir vermissen das gemeinschaftliche Beisammensein, das Erleben von Pfingsten in der Gemeinde Gottes.

Das lässt uns das Geschenk der Gemeinschaft vielleicht auch wieder neu wertschätzen.

Geistfreunde haben uns vor kurzem gesagt: „Gerade in dieser Zeit, in dieser Fastenzeit des Geistes, in der euch etwas genommen wird, was für euch immer selbstverständlich war: die Gemeinschaft – in dieser Zeit lernt ihr zu erkennen, was für euch wirklich von Bedeutung ist und was nicht. Jeder von euch trägt dazu bei, dass etwas besser werden kann. Jeder von euch kann entscheidend dazu wirken, dass die Liebe wahrhaft größer wird und fest in der Gemeinschaft!“

So dürfen wir auch zu diesem Pfingsten darauf vertrauen, dass wir die Kraft Heiligen Geistes erleben, die mit diesem Fest verbunden ist, denn sie fließt uns über alle Grenzen und Barrieren und Abstände hinweg zu.

Das ist das Wunder von Pfingsten, und es ist einfach wunderbar!

Christi Himmelfahrt: Zeit der Vorbereitung – Was uns Christi Himmelfahrt vermittelt

Von Paul Schuchardt

Jesus Christus verabschiedet sich von den Jüngern und kehrt heim in das Himmelreich. Dieses Ereignis nennen wir Christi Himmelfahrt. Es lohnt sich, etwas genauer hinzuschauen, was da geschehen ist.

Nach seiner Auferstehung hat Jesus vierzig Tage lang Gemeinschaft mit den Jüngern. Er redet mit ihnen vom Reich Gottes und lässt sie erleben, dass er nicht tot ist, sondern tatsächlich lebt. Es wird den Jüngern zu einer Gewissheit, was sie sich zuerst überhaupt nicht vorstellen konnten. Die Freude darüber wird unter ihnen immer größer. Und dann kommt der Tag des scheinbaren Abschieds. Jesus spricht mit ihnen und gibt ihnen einen klaren Auftrag und eine Verheißung. Sie sollen in Jerusalem versammelt bleiben und darauf warten, bis sich das an ihnen erfüllt, was er ihnen vom himmlischen Vater verheißen hat.

Doch die Jünger fragen ihn dennoch, ob er denn nun das alte Reich Israel wieder aufrichten würde. Immer noch beherrscht sie der Wunsch, alten Glanz und Gloria wiederzubekommen. Doch Jesus spricht zu ihnen von einer ganz anderen Aufgabe. Es geht gar nicht darum, wieder alte Formen zu erreichen. Es geht um etwas ganz Neues: Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und damit zu meinen Boten, zuerst in Jerusalem, dann in ganz Judäa und Samaria und schließlich auf der ganzen Erde.

Sie werden ihm ziemlich fassungslos nachgeschaut haben, als er vor ihren Augen in den Himmel aufgenommen wurde. Zwei Engel, so berichtet es die Bibel, erinnern sie, dass sie nun nicht ständig sehnsuchtsvoll in den Himmel schauen sollen, sondern das tun sollen, was Jesus gesagt hat. So gehen sie nach Jerusalem und es wird berichtet: „Diese alle waren stets beieinander einmütig mit Beten und Flehen samt den Weibern und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.“ Damit folgt eine stille Zeit, und niemand weiß, wie lange sie dauern wird. Sie wird zu einer Zeit besonderer Vorbereitung, einer inneren Reinigung, einer Zeit, in der der Glaube wächst.

Mich erinnert das alles sehr an die Situation, die wir jetzt gerade überall erleben. Es ist etwas für uns alle Unerwartetes geschehen. Die ganze Welt wird in eine gewisse Stille geführt. Es wird im wahrsten Sinne des Wortes überall ruhiger. Kürzlich las ich in einem Bericht, dass die Seismologen beispielsweise auf der Zugspitze wesentlich präzisere Messungen vornehmen können, weil der von Menschen verursachte Lärm so stark reduziert ist, wie man es noch nicht erlebt hat. Selbst der Berg wird stiller.

Viele fragen danach, wann denn diese Zeit endlich vorbei ist, wann wieder das alte Leben fortgesetzt werden kann. Aber es gibt auch andere, die schon verstehen, dass das Leben nach diesem Einschnitt etwas anders sein wird, als es vorher war. Eine stille Zeit kann der Anfang zu etwas Neuem sein. Es gibt Menschen, die bewusst in eine stille Zeit gehen, wenn sie eine Veränderung in ihrem Leben bewirken wollen. Was finde ich, wenn ich in mir stiller werde? Es ist wie das Schauen in einen Wasserspiegel. Erst wenn das Wasser ruhig geworden ist, kann ich mein Spiegelbild erkennen.

Manche sehen jedoch solche Ereignisse auch als eine Strafe Gottes an, als eine Folge sündhaften Verhaltens von Menschen. Doch ich frage, woher will man das wissen? Der Gott, der Liebe ist, führt uns zu neuen Einsichten und Erkenntnissen. Sie werden uns geschenkt, wenn wir zu einer Einmütigkeit finden. Die Welt ist nicht etwas Feindliches, sondern das Arbeitsfeld, in dem wir als Zeugen der Liebe Gottes wirken sollen.

„Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur“, so war der Auftrag Jesu Christi, und: „Jeder wird erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“

So geht es nicht um Abschottung und Sicherung einer Macht vor einer feindlichen Welt, sondern um den Glauben an Gottes Liebe und Kraft sowie darum, genau das zu leben. Dazu schenkt uns Gott heiligen Geist. Er wird Ängste in uns überwinden und das Vertrauen stärken, weil wir erleben, dass Gottes Liebe die Kraft ist, die alles Kranke heilen kann. Lasst uns die jetzige stille Zeit nutzen, dass uns diese Kraft geschenkt werden kann wie damals den Jüngern Jesu.

Osterfest: Der Herr lebt! – Der Auferstandene will uns aufrütteln

Von Rainer Gerhardt

Das diesjährige Osterfest ist so ganz anders, als wir es geplant, gedacht oder erhofft haben. Statt gemeinsame Gottesdienste und Treffen im großen Kreis unserer Lieben zu erleben, werden wir das Wort Gottes in kleiner Gemeinschaft per Telefon oder Video vernehmen und anschließend in sehr überschaubarer Runde essen und den Tag verbringen. Das soll Ostern sein?

„Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ DAS ist Ostern, das ist die Botschaft, die uns erfreuen, aber auch aufrütteln soll.

Im Moment sind eine große Anzahl von Menschen von einem kleinen Virus aufgerüttelt worden. Alte Gewissheiten müssen neuen Einsichten weichen, Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Sein auf Erden werden gestellt. Was gestern war, ist heute völlig anders, und ob es morgen wieder so wie gestern sein wird oder anders bleibt, das ist ungewiss.

In der Ungewissheit sehnen wir uns nach Gewissheit, suchen sogar nach alten Gewissheiten, die wir fast schon vergessen und abgeschrieben haben. Und auf einmal wird auch der Glaube wieder entdeckt – nicht als Opium fürs Volk, sondern als Trost und Stärke.

Der momentane Verlust von Gemeinschaft und Nähe macht uns deren Bedeutung wieder bewusst und kann uns ihren Wert neu erkennen und schätzen lassen. Das ist ein inneres Karfreitagsgeschehen, wie es unendlich stärker die Anhänger Jesu vor 2000 Jahren erleiden mussten. Doch in dem Moment, als sie in der tiefsten Dunkelheit gefangen waren, erstrahlte ihnen das Osterlicht: Der Herr lebt!

Diese Nachricht rüttelte sie auf und gab Mut und Kraft zur Nachfolge. Lassen auch wir uns aufrütteln – nicht von einem kleinen Virus und seinen großen Folgen, sondern vom Herrn!

Kirche in Zeiten der Not: Gerade jetzt ist Gottvertrauen wichtig

Von Rainer Gerhardt

Das öffentliche Leben kommt zurzeit in Deutschland und anderen Ländern weitgehend zum Stillstand, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Nach der Schließung von Grenzen, von Kitas, Schulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen sowie von Kultureinrichtungen und Gastronomiestätten haben die Bundesregierung und die Bundesländer Anfang der Woche weitere Einschränkungen beschlossen.

Nachdem der Berliner Senat am vergangenen Samstag bereits Versammlungen mit mehr als 50 Personen untersagt hatte, musste am Sonntag, dem 15. März, die Andacht im johannischen Gemeindehaus in Berlin-Kaulsdorf ausfallen. Im St.-Michaels-Heim fand sie mit geringerer Teilnehmerzahl statt. Der Gottesdienst im Waldfrieden konnte durchgeführt werden, da im Land Brandenburg noch andere Bestimmungen galten. Mittlerweile ist aber das Abhalten von Gottesdiensten bundesweit untersagt. 

Kirche in Zeiten der Not – wie kann sie überhaupt noch stattfinden, wenn wir nicht mehr zusammenkommen dürfen? Im Matthäus-Evangelium sagt Jesus Christus: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Gemeinschaft mit dem Herrn – und das ist Kirche – können wir auch im kleinen Kreis pflegen. Gebete und Gedanken sind nicht an Raum und Zeit gebunden.

Die Kirchenleitung nimmt die Entwicklung ernst und sucht mit den vielen Verantwortlichen nach Wegen, wie das Hören von Gottes Wort, der Empfang der Sakramente, die seelsorgerische Betreuung, die religiöse Unterweisung sowie die praktische Unterstützung von Hilfsbedürftigen ermöglicht werden können.

Am vergangenen Sonntag nutzten sehr viele die Möglichkeit, sich telefonisch in die Gottesdienste im St.-Michaels-Heim und im Waldfrieden einzuwählen. Ebenfalls übertragen werden täglich um 17 Uhr die in der Friedensstadt durchgeführten Abendgebete, und auch die Abschiedsfeiern auf unserem Friedhof in der Friedensstadt können per Telefon mitverfolgt werden. Die Einwahlnummern sind in jeder Weg und Ziel auf Seite 2 veröffentlicht. An weiteren Übertragungsmöglichkeiten wird gearbeitet.

Die Johannische Kirche hat aufgrund der besonderen Situation für dieses Jahr Ausnahmereglungen für das Spenden des Abendmahls (siehe Seite 3) und des Sakraments der geistigen Heilung herausgegeben. Diese Kraftquellen sind geistiger Natur, die weltliche Durchführung ordnet sich dem unter. Auch hier sind aber wieder Änderungen möglich – je nachdem, wie sich die Situation entwickelt.

In unseren Gemeinden haben wir ein gutes Netzwerk, wir kennen einander und helfen uns gegenseitig. Wichtig ist, dass diese Informationen aktuell bleiben. Wer ein Sakrament, einen Zuhörer, eine praktische Hilfe braucht, kann sich immer an seinen Missionshelfer oder an den Gemeindeführer wenden. Mit der ganzen Gemeinde kann und soll geholfen werden.

Für das Jubiläumsjahr „100 Jahre Friedensstadt“ wurde in 2020 eine Vielzahl von Veranstaltungen geplant. Diese werden nun mit dem 19. Dezember 2020, dem Jahrestag der Grundsteinlegung, beginnen und dann im Jahr 2021 durchgeführt. Das gibt Planungssicherheit für unsere Organisationsgruppen, Gemeinden und Gäste. Über all diese Entwicklungen und Veränderungen wird umgehend und fortlaufend informiert. 

Trotz dieser Verschiebung wollen wir gerade die jetzige Zeit nutzen, um als johannische Gemeinschaft dem Meister Joseph Weißenberg Dank zu sagen für dieses Geschenk seiner Stadt und für das in uns gesetzte Vertrauen.

Kirche in Zeiten der Not heißt nicht, dass eine Kirche von allem verschont wird, sondern dass sie an der Hand des Herrn durch diese Not geführt wird. „Krankheit ist Geist“, und deshalb gilt es auch zu erkennen, welcher Geist mit dieser Krankheit verbunden ist. Not zu erleben ist eine Prüfung unseres Glaubens und damit auch immer eine Chance, dass dieser kräftiger werden kann. Es ist eine Zeit, an unserer Unsicherheit zu arbeiten: Wo stehe ich für Gott und zu meinem Nächsten? Heilsam, weil segenbringend bleibt das Gebet, die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Wir dürfen den Herrn dabei immer auch um Schutz für uns, für unsere Lieben und alle unsere Mitmenschen bitten, und in diese Gebete möchten wir auch alle Ärzte, Pfleger und Forscher einschließen.

Der Meister hat uns auf Zeiten wie diese vorbereitet und uns geistige Hintergründe erklärt. Die von ihm gesendeten Geistfreunde haben schon vor fast 20 Jahren am 17. August 2002 gesagt:

„Der Herr ist der Hirte! Und mit diesem Wissen müsst ihr euch nicht fürchten. Es wird euch an nichts mangeln! Meine Lieben, haltet zusammen! Alles ist Schulung. Alles, was ihr seht, alles, was ihr hört, alles, was ihr tagtäglich durchlebt, ist Schulung von Gott. Wie viel wichtiger ist eine Zeit, in der mit Nachdruck geschult wird, im Vergleich zu einer Zeit, in der alles wie von selbst läuft. Der Herr hat nicht zum Vergnügen sich einst erschaffen diese Welt. Es ist ein Übungsstern, und eure Übung ist: Gott lieben und euren Nächsten wie euch selbst. Ihr wisst, dass er sich mit Irdischem nicht ehren lässt, dass er nur eure Liebe will. Und alles, was euch widerfährt, soll diese Liebe stärker machen und soll euer Erkennen stärker machen: was wichtig ist und was nicht.

Der Herr bleibt bei euch und stützt euch und führt euch, auch durch Zeiten der Not, so dass ihr sagen könnt: ,Der Herr ist mein Hirte‘, es hat mir niemals gemangelt, und es wird mir an nichts mangeln! Trete einer für den anderen ein, wenn die Zeiten kommen, dass der Starke dem Schwachen helfen muss, der Reiche dem Armen etwas abgibt. Dass die Gemeinschaft nach außen hin erkennbar wird als seine Gemeinschaft, seine Nachfolger in Christo Jesu!“

Bekenntnistag am 6. März: Aus tiefstem Herzen bekennen – Gott baut auf uns

Von Verena Wittke

Seit Beginn des Christentums bekennen Christen ihren Glauben. Sie bekennen, was den strahlenden Kern ihres Glaubens ausmacht, wonach sie ihr Leben und Handeln ausrichten wollen. Ein frühes Bekenntnis, unter dem sich Christen sammelten, finden wir im Brief des Paulus an die Gemeinde in Philippi: „Jesus Christus ist der Herr!“

Wir johannischen Christen werden am 6. März, dem Tag des Heimgangs unseres Kirchengründers und Meisters Joseph Weißenberg, zum Bekenntnisgottesdienst zusammengerufen. Wenngleich wir in dieser Zeit auch der Verfolgung und der schweren Zeit Joseph Weißenbergs in der Verbannung gedenken, möchte uns doch vor allem das Versprechen, das wir mit seinem Heimgehen verbinden, gegenwärtig sein: „Wenn ich im Fleische nicht mehr unter euch bin, werde ich im Geiste zehnmal stärker unter euch wirken.“

Wenn wir gemeinsam unseren johannischen Glauben – an die Dreieinigkeit Gottes und an Gottes Offenbarungen durch Mose, Jesus Christus und Joseph Weißenberg – bekennen, verbinden wir uns nicht nur mit den lichten Kräften der Ewigkeit, sondern erneuern auch unsererseits unser Versprechen, für Gott einzutreten und zu einem willigen Werkzeug in seiner Hand zu werden. Mutig mit Gott für Gott!

So ist die Zeit um den Bekenntnistag auch eine Zeit, die eigene Position zu bestimmen: Wo stehe ich? Wie werde ich ein brauchbares Werkzeug? Von welchen unnützen, eigensinnigen und eitlen Gedanken muss ich mich noch trennen, damit in mir Raum entsteht, in dem der göttliche Funke Liebe zur Flamme werden kann? Und: Darf ich ihm schon Fels sein oder bin ich noch haltloser Sand? In einem Choral heißt es „Du baust auf Gott, das ist schon recht, doch wisse, Gott baut auch auf dich.“ Ich habe bei diesen Zeilen immer das Gleichnis des Heilands vor Augen, von dem das Evangelium des Matthäus berichtet:

Der Heiland gab den Menschen in seinen Predigten viele Hinweise und Mahnungen für ein Leben, das sie näher zu Gott führen kann. Er sprach davon, dass diejenigen, die seinen Worten in ihren Herzen und ihrem Leben wahrhaft Raum gäben, einem klugen Manne glichen, der sein Haus auf Fels baute, so dass es trotz Sturm und Unwetter bestehen blieb. Diejenigen aber, die seine Worte hörten und keine Taten daraus erwachsen ließen, verglich er mit einem törichten Menschen, der sein Haus auf Sand baute und erleben musste, wie es im Unwetter zerstört wurde.

Wer wollte sich schon als einen solchen törichten Menschen sehen? Wer wollte sich gar selbst mit einem Bauwerk vergleichen, das bei Regen und Sturm, bei den ersten heftigen Anforderungen des Lebens den Grund verliert und zusammenstürzt? Und doch muss ich mich wohl fragen, ob ich wirklich ein so verlässlicher und treuer Helfer in seinem Werk zu sein vermag, wie Gott es sich wünscht? Ob aus meinem Handeln seine Liebe spricht oder ob ich meine Kraft eher eigennützig und zu meinem Vorteil einsetze? Ob ich Trost bringe und zur Heilung beitrage oder ob ich selbst verletze? Trete ich voller Freude für seinen Namen ein oder fürchte ich noch die Meinung der Menschen? Vertrete ich wahrhaft glaubwürdig, woran ich glaube? Wie tröstlich und ermutigend in dieser bisweilen schmerzhaften Selbstüberprüfung ist es zu spüren, dass der Meister mich liebevoll annehmen will, wie ich bin: „Wie schön es ist, Joseph Weißenberg auf seinem Weg zu folgen! Und dann seht ihr auch seinen klaren Blick, wie er euch durchschaut, wie er genau weiß, was er an euch hat, heute, jetzt, morgen, bis zu eurem Lebensende.“

Ausrichtung, Mahnung und Hilfe bekommen wir durch unsere geistigen Freunde auch auf unserem Weg durch diese Tage und durch dieses Leben: „Möchte euch der 6. März und euer Bekenntnis weiter geradeaus führen, dass ihr reift und wachst in dem, was seines Geistes ist. Der Funken Liebe, der euch so viel bedeuten soll und der ihm so viel bedeutet, lasst ihn größer werden! Stellt den Stolz des Wissens ganz nach hinten und nehmt aus seiner Hand an, was an Kraft und an Freimachendem durch euch fließen soll! – Alle seid ihr Werkzeuge, alle, wo immer ihr steht auf dieser Erde, denn ihr seid Weißenberger, und das ist eine Auszeichnung vor dem Geist! Aber der wahre Weißenberger, der muss ein Vertreter des Geistes der Wahrheit sein. Und so arbeitet nun daran, heute und die restliche Zeit eures Lebens, soviel ihr noch davon habt. Nutzt eure Zeit aus, wahrhaft, klarer, mutiger zu werden, aufzutreten für den Herrn! Und fürchtet euch nicht vor Menschen. Es ist immer angesagt, nur Gott zu fürchten und sonst nichts auf der Welt!“

Möchten wir aus tiefstem Herzen unseren johannischen Glauben bekennen und daraus die Kraft schöpfen, mit unserem Leben Zeugnis abzulegen für seine Liebe!

Zum 7. Februar: Kirchenoberhaupt Frieda Müller – Vorbild und Liebe

Von Siegrun Mauske

Frieda Müller, einstiges Oberhaupt der Johannischen Kirche und Vorsitzende des Johannischen Sozialwerks, die am 10. Juni 2001 heimging, ist allen Johannes-Christen und vielen darüber hinaus in bleibender Erinnerung. Wir gedenken ihrer anlässlich ihres Geburtstages am 7. Februar.

Es war ihre Menschlichkeit, die als Trost, Hilfe und Hoffnung beim anderen ankam. Das brachte ihr auch Respekt, Sympathie und Anerkennung bei Glaubensfreunden und Behörden ein, mit denen sie tun hatte. Ein Schwergewicht ihrer Arbeit lag zunächst in der Sammlung der Kirchenglieder und dem Wiederaufleben kirchlichen Lebens nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg, nach Verbot und Verfolgung. Und es war stets das über die Kirche hinausgehende soziale Engagement aus christlicher Verantwortung, das sie umtrieb. Das entsprach ihrem Lebensmotto: „Tausend Worte ergeben noch keine Tat.“ Eng damit verbunden war jenes Anliegen ihres Vaters Joseph Weißenberg: „Haltet den Glauben hoch.“ Anspornend und fröhlich steuerte sie das Kirchenschiff, das offen, tolerant und sozial sein sollte.

Auch nach der Teilung Deutschlands hat sie die gemeinsame Kirchenarbeit und die Verbindung zum Ostteil des Landes intensiv unter großem persönlichem Einsatz aufrechterhalten. Sie war einfach da. In Franken galt ihr Bemühen, eine gesunde, tierfreundliche Landwirtschaft als ökologische Einheit ins Leben zu rufen und einen „Gottesacker“ zu schaffen, den Friedhof auf Gut Schönhof, eine Begegnungsstätte zwischen Diesseits und Jenseits, die Erlösung schenkt. Genauso ging es mit vielen Initiativen vorwärts, wenn wir an die inzwischen zurückerhaltene Friedensstadt (1994) denken, in der Schwerpunkte der Arbeit gesetzt wurden und die soziale Strecke ihren festen Platz hat.

Immer ging und geht es um eine Gemeinschaft, die glaubensstark, einander beistehend Frieden stiftet, der im Herzen seinen Anfang hat. Es geht um ein freundschaftliches Verstehen, um gemeinsam mit der Führung der Kirche Anstehendes zu bewegen. Immer ging und geht es darum, das hochzuhalten, was die Lehre Joseph Weißenbergs ausmacht, wenn wir zum Beispiel nur einmal an das Sakrament der geistigen Heilung denken oder auch, was gemeinschaftliches Erleben uns schenken möchte. Auch die Gebetserfahrung wird stets zu einem neuen Erleben werden, wenn es denn ein Zwiegespräch mit Gott ist. Glauben ist kein Haben, dafür gilt es im täglichen Gebet und Tun einzustehen, ein Beispiel zu geben und zu lauschen, was mir meine geistige Führung sagt. Mit all dem, was mich bewegt, soll ich im Gespräch mit dem anderen bleiben. Der Herr segnet uns, dass wir zu einem Segen werden. Auch das Vorbild von Schwester Friedchen hat uns immer wieder dazu ermuntert, mit allen Kameraden hier und im Jenseits zusammenzustehen.

Eine Frage an sie bei einem Interview, was sie sich vom Wirken Joseph Weißenbergs als Beispiel genommen hat, beantwortete sie so: „Er hat es verstanden, seine Mitarbeiter in der Kirche und in der Siedlung (Friedensstadt) für die Arbeit so zu begeistern, dass sie freudig, freiwillig und gern bei ihm arbeiteten. Das habe ich mir zum Vorbild genommen.“ Für all das ist Danke zu sagen und ihre Arbeit weiter mit Leben zu füllen.

Jahreslosung 2020: Gott vertrauen – „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Von Siegrun Mauske

Eine Geschichte, die zu Gottvertrauen aufruft, das gleichermaßen den Gemeinschaftsgeist und auch das Verantwortungsgefühl für das Anvertraute befördern kann, wird uns im Markus-Evangelium, Kapitel 9, beschrieben. Hier stoßen wir auf einen Satz, der zum Nachdenken auffordert, der uns etwas zu sagen hat, gerade in dieser gegensätzlichen Aussage: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Das ist auch die Jahreslosung 2020, die durch das Jahr trägt und uns immer wieder beiseite nimmt. Das sind wichtige Anliegen auch in unserer Zeit. In dem Kapitel der Bibel wird erzählt, wie Jesus einen Jungen heilt. Der Junge wird von dämonischen Mächten geplagt und zu Boden geworfen. Niemand kann ihn heilen, auch die Jünger nicht. Dann wendet sich der Vater des Jungen an Jesus und bittet diesen um Hilfe. Er hat wenig Hoffnung und sagt: „Kannst du aber was, so erbarme dich unser und hilf uns.“ Jesus erklärt, dass „alle Dinge dem möglich sind, der da glaubt“. Daraufhin gesteht der Vater seine Zweifel und sagt diesen Satz: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Jesus handelt und befreit den Jungen von seinem Übel.

In der Geschichte steckt die Aufforderung, sich mit Gott auf den Weg zu begeben, denn Glaube richtet auf, macht mutig, stark und tröstet. Aber den Glauben hat man nicht einfach, auch nicht automatisch beim Kirchgang. Glaube ist ein Geschenk, kein „Haben“, es ist etwas dafür zu tun und der Glaube will immer wieder neu mitten im Alltag erlebt und gestärkt werden. Glauben können ist Gnade, heißt vertrauen und ist erlebte Kraft. Es ist ein Fürwahrhalten all dessen, was man nicht sehen und erklären kann. Das heißt: Wir hoffen darauf, dass Gott mitgeht zu allen Zeiten, auch wenn uns Fragen und Zweifel bedrängen. In uns rumoren ja öfter Gedanken wie: Warum sind wir so unruhig und besorgt? Wo ist Gott, wo bleibt das Gottvertrauen? Wenn es darauf ankommt, verlieren wir oft den Boden unter den Füßen. Dabei haben wir doch schon oft Gottes Nähe und Hilfe erlebt. Da taten sich neue Wege auf, Heilungen für Leib und Seele, für unser Miteinander. Ja, wir wissen uns in Gottes Hand, dennoch geschieht es immer wieder, dass uns etwas von der Kraft des Glaubens trennt.

Da gibt es die anschauliche Geschichte, wie es mit Glauben, Zweifeln und Vertrauenkönnen aussieht. Da ist ein Mensch, der oft mit Gott hadert, ihm schon vielfach versprochen hat, sich zu ändern und es mit den Glaubensdingen ernster zu nehmen. Als er eines Tages unterwegs ist, stolpert und sich einem Abgrund gegenübersieht, kann er sich gerade noch an einem Ast festhalten. Da barmt er wieder in seiner Not, was schon oft versprochen war: „Hilf mir Gott, ich werde mich ändern.“ „Dir kann man schwer glauben“, so Gottes Antwort. „Doch bestimmt diesmal.“ Gott spricht: „Lass los, ich werde dich auffangen.“ Seine Antwort: „Ich bin doch nicht verrückt.“ Diese Haltung kennen wir, wenn der Verstand etwas anderes sagt als das Gewissen, das Vertrauen zu Gott. Vertrauen schließt ein, sich zu trauen und auch loslassen zu können.

Das erging bereits den Menschen so, die mit Jesus unterwegs waren. Unglaubliches hatten sie mit ihm erlebt, doch oft machte sich schon bei der nächsten Herausforderung große Hilflosigkeit breit. Der Vater in Markus’ Erzählung erreicht in seinem verzweifelten Schrei genau diesen Punkt: Er gesteht sich ein, dass er aus eigener Kraft nichts tun kann, noch nicht einmal mehr glauben. Er erkennt, dass nicht nur sein Sohn der Hilfe bedarf, sondern auch er selber. „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Diese scheinbar widersprüchliche Aussage, dieses Gefühl taucht in solchen Momenten auf, und Vertrauen und Zweifel stehen sich gegenüber. Es zeigt die innere Zerrissenheit. Der Vater in diesem Beispiel erkennt die eigene Not, das eigene Unvermögen und sieht in Jesus den, der ihm noch helfen kann. Zwischen Glauben und Unglauben steht die Bitte: Hilf mir! Jesus benennt die Situation: „O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? wie lange soll ich euch tragen?“ „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Der Vater wagt diesen Sprung des Glaubens im Vertrauen darauf, dass Jesus ihn auffängt. Es meint einen Glauben, der seine Kraft nie aus sich selber bezieht. Glaube bedeutet loslassen, sich Gott anvertrauen, manchmal entgegen aller scheinbaren Vernunft und Logik. Losgehen, sich fallenlassen in seine Arme, in sein Führen. Das ist die Brücke von „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Dabei kommt einem die Bitte der Jünger von einst in den Sinn, um die Verbindung zu Gottes Kraft wieder herzustellen, um die Lücke, die der Zweifel aufreißt, zu schließen. Es ist der Graben zwischen Vertrauen und Zweifeln, zwischen Kämpfen und Aufgeben, zwischen Verzagen und Hoffen. Darum die Bitte: „Herr, lehre uns beten!“ Es geht um dieses Bedürfnis, diese Herzenshaltung, dieses Ringen und Flehen, um jenes Gespräch mit dem himmlischen Vater. Wir wissen, durch rechtes Beten können Wunder erreicht werden. „Halte mich, Gott, ich lasse los!“ Das ist Suche und Bitte zugleich nach einer Lösung, nach einem neuen Anfang von einem jeden.

Zum Heimgang von Kirchenoberhaupt Josephine Müller: Bescheidenheit, Mut und Konsequenz prägten ihr Wirken im Werk Joseph Weißenbergs

Von Rainer Gerhardt und Detlef Nagel

„Kirche ist das, was der Einzelne ausstrahlt, inwieweit der Einzelne Gott durch sich wirken lässt.“ „Möchte das einfache, unkomplizierte, liebevolle Handeln unsere treibende Kraft sein.“

Mit Worten wie diesen, die ihrem gelebten Vorbild entsprachen, hat sich Schwester Josephine Achtung, Vertrauen und Zuneigung weit über den Kreis der Mitglieder der Johannischen Kirche hinaus erworben.

In ihrem lebenslangen Wirken für das christliche Werk Joseph Weißenbergs bleibt eine Ära besonders im Gedächtnis: der 25-jährige Wiederaufbau der Friedensstadt von 1994 bis 2019.

Die Bemühungen um die Rückgabe der einst von den Nationalsozialisten enteigneten und später von der Roten Armee besetzten Siedlung Joseph Weißenbergs nahmen unter der Leitung ihrer Mutter Frieda Müller gleich nach Kriegsende ihren Anfang. Jedoch machten es erst die Wende in Deutschland 1989/1990 und die staatliche Einheit möglich, dass sich die Worte des Meisters erfüllen konnten: „Wir bekommen alles wieder ...“

Die Rückgabe der Friedensstadt ist vor allem mit zwei Daten verknüpft: 29.3.1994 und 14.6.1994.

Am 29. März 1994 verabschiedeten sich die russischen Truppen in der Friedensstadt mit großem militärischem Zeremoniell. – Vor Beginn der Feierlichkeiten versammelte sich Schwester Josephine mit Predigern und Kirchenmitgliedern in der Kirche des Waldfriedens vor der Büste Joseph Weißenbergs, um gemeinsam zu beten. Zuvor sprach sie folgende Worte:

„Zum Einzug in die Friedensstadt möchten wir am heutigen Tag unserem Herrn und Meister danken, wenn wir erneut den Schlüssel für die Friedensstadt in Empfang nehmen dürfen.

Lieber Meister! Wir bitten Dich: Schenke uns Kraft aus der Höhe und segne unser Tun für die kommenden Aufgaben, um die ersten Schritte in Deine Friedensstadt mit Zuversicht und Freude, Ausdauer und Geduld im Glauben gemeinsam mit unseren geistigen Freunden gehen zu dürfen. Möchten wir sehende Augen bekommen für die Nöte der Menschheit und Gefahren erkennen und abwehren lernen, schon im Ansatz. Möchte uns recht bewusst werden, dass Dein Geschenk der Friedensstadt uns die letzte Chance bietet, auf Gott unser Leben auszurichten, und die für uns, und damit für die gesamte Menschheit, eine Entscheidung abverlangt, die die Umkehr oder den Untergang dieses Sterns zur Folge hat.

Möchte der himmlische Friede, der auch den Weltfrieden miteinbezieht, durch unsere Nächstenliebe auf die Erde gezogen werden können, indem wir Dein teuerstes Gut, Deine Friedensstadt, verwalten lernen im Sinne Gottes, ohne egoistisches Gedankengut, nur in dem einen Gedanken: vom Ich zum Wir zu kommen, Dein Kind sein zu wollen, das sich nur von Deiner Liebe führen lassen möchte und von nichts anderem, was Trennung schafft, dass wir nicht Deinem Heils- und Erlösungsgeschehen im Wege stehen, sondern Freundschaften in Deinem Geiste aufbauen helfen, die über das irdische Leben hinweg Gültigkeit haben ins Jenseits hinein, dass es einmal dazu kommen darf, dass es werde: Ein Hirt und eine Herde!“ –

Zum Abschluss der offiziellen Feierlichkeiten übergab der russische Generalleutnant Wjatscheslaw Zwetkow Schwester Josephine das Garnisonsgelände symbolisch in Form eines Schlüssels. Er sagte dabei: „Gestatten Sie mir, dass ich den Schlüssel unserer Kaserne in Ihre heiligen Hände übergebe.“

Über die zukünftigen Aufgaben der Friedensstadt äußerte Schwester Josephine: „Die Hoffnung ist, dass sich in der Friedensstadt Weißenberg in der Gemeinschaft vieler Menschen, die guten Willens sind, und unter Ein­beziehung heutiger Erkenntnisse Lösungen für drängende Fragen und Probleme der Menschen erarbeiten lassen. Friedensstadt soll Hilfe sein zur Genesung einer kranken Welt. Ein­richtungen mit Kurcharakter mögen der Besinnung auf die Werte des Lebens dienen. Arbeit, die im Dienst am Nächsten verrichtet wird, vermittelt Freude und Kraft. Über dieser Stadt steht das Wort: ,Friede dem, der kommt, Freude, dem der hier verweilt, Segen dem, der weiterzieht.‘„ –

Am 14. Juni 1994 setzte Schwester Josephine ihre Unterschrift unter das Übergabeprotokoll, das die Rückgabe des Siedlungsgeländes durch das Bundesvermögensamt regelte. Damit war die Friedensstadt juristisch wieder Eigentum der Johannischen Kirche. Ein Vertreter des Bundesvermögensamtes sagte anlässlich der Übergabe: „Wir können froh darüber sein, dass das, was früher einmal als Friedensstadt geplant war, was durch Naziterror kurzfristig aber nachhaltig zerstört wurde, in Zukunft wieder eine Friedensstadt werden kann.“

Schwester Josephine hat den Wiederaufbau der Friedensstadt im Großen wie im Kleinen vorangetrieben und begleitet. Dabei hat ihr besonderes Augenmerk auf den Menschen, aber auch auf den Tieren und der gesamten Schöpfung Gottes gelegen. Intensiv förderte sie die Zusammenarbeit mit den Gemeinden der Kirche sowie mit Einrichtungen des St.-Michaels-Heims, das einst „Schlüssel zur Friedensstadt“ genannt wurde.

Ein weiterer Schlüssel für die Friedensstadt ist für Schwester Josephine die von Geschwistern der Urgemeinde gelebte Freundschaft zu russischen Offizieren der Garnison Glau gewesen. Durch diese freundschaftlichen Kontakte waren überhaupt erst Besuche von Schwester Friedchen und Schwester Josephine in der Friedensstadt möglich, und die dort von ihnen gesprochenen Gebete durften durch Gottes Gnade viel bewegen.

Auf den Tag genau 25 Jahre nachdem das Gelände der Garnison Glau durch Vertreter der Russischen Armee an die Johannische Kirche zurückgegeben worden war, pflanzte Schwester Josephine am Freitag, dem 29. März 2019, in der Friedensstadt zum Dank für die Rückgabe und anlässlich des Jubiläums vor dem Frieda-Müller-Haus eine Birke am Standort des ehemaligen Ehrenmals der Garnison. Sie sagte dabei unter anderem:

„Dank unserem Meister, der seine Friedensstadt auch in dunklen Zeiten immer geführt hat und auch während der Besatzungszeit durch die sowjetische Garnison einen Schutz über sie legte, weil sie dadurch unantastbar blieb. Möchte diese Birke als ein Zeichen für unsere freundschaftliche Verbundenheit zum russischen Volk stehen.“

Neben allen anderen vielfältigen Arbeitsfeldern unter dem Dach der Johannischen Kirche hat sich Schwester Josephine auch sehr um Gut Schönhof bemüht. Ihre Liebe und Fürsorge, ihre fürbittenden Gebete galten den dortigen Menschen und Tieren und der gesamten Schöpfung wie Feldern, Äckern, Gewässern und Pflanzen. Schon im Jahr 1985 rief sie die Prediger für ein Wochenende zum Schönhof, um einen Arbeitseinsatz durchzuführen. Verschiedene nachwachsende Bäume wurden umgepflanzt. Während das „starke Geschlecht“ sich um die größten Exemplare bemühte, auch, um sich gegenseitig kräftemessend zu beweisen, kümmerte sie sich hauptsächlich um die kleinen, scheinbar schwächsten Gewächse. In ihrer Arbeitsmontur scheute sie sich nicht, in der Erde auch mit den Händen herumzugraben, um selbst die kleinsten Bäumchen nicht eingehen zu lassen. Heute gibt es jährlich dieses Arbeitswochenende der Prediger auf dem Hof. Schwester Josephine war immer gern mit dabei und verrichtete die verschiedensten handwerklichen Arbeiten.

Die Tiere lagen ihr sehr am Herzen, so dass sie sich nicht nur bei ihren Aufenthalten nach dem Wohl der Tiere erkundigte und selbst Vorschläge zu Verbesserungen machte, sondern sich darüber hinaus auch von Berlin aus besonders um schwache und kranke Tiere bemühte, indem sie intensive Telefongespräche mit den Mitarbeitern führte.

In der von Schwester Josephine mitformulierten und autorisierten Präambel für Gut Schönhof aus dem Jahr 2001 heißt es unter anderem: „Das Ziel ist, durch natürliche, ökologische Arbeits- und Herstellungsweisen Produkte zu erzeugen, die zur Gesundung der Menschen führen. Dazu gehört auch, dass die Schöpfung bewahrt wird und die Tiere als Helfer und Freunde der Menschen gesehen werden.“ „Nur durch gemeinsames Beten und Arbeiten der Mitarbeiter und Freunde von Gut Schönhof und im Erforschen des göttlich-geistigen Naturgesetzes wird der Weg zur natürlichen Heil- und Lebensweise, zur Heilung durch Heiligung beschritten.“

In ihrer Liebe zum gesamten Hof schrieb Schwester Josephine mehrere aufmunternde Briefe an alle. Zu einem Jahresanfang äußerte sie folgende Bitte: „Möchte der Meister sein Werk weiterhin segnen, die Tiere und alle Kreatur schützen und in uns dankbare Mitarbeiter vorfinden, die lhm und dem Werk in Frieden dienen.“