Geistliche Texte

Wir stellen hier in regelmäßigen Abständen eine Auswahl an kirchlichen und geistlichen Texten, die in unser Kirchenzeitung Weg und Ziel erschienen sind, zur Verfügung.

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2021

Zum Pfingstfest: Einmütig sein – Mit Gottes Kraft Gegensätze überwinden

Von Rainer Gerhardt

„Einigkeit macht stark“, sagt der Volksmund, und wenn wir in die Bibel schauen, dann finden wir für diese Aussage viele gute Beispiele. Am eindrucksvollsten ist wohl das Pfingstgeschehen, von dem die Apostelgeschichte berichtet.

Nach der Himmelfahrt Jesu folgten die Jünger dem Aufruf der Engel, nach Jerusalem zu gehen, um dort die frohe Botschaft – das Evangelium – zu predigen. Aus einer Gruppe verängstigter Menschen, die sich nach dem Kreuzestod des Heilands noch heimlich hinter verschlossenen Türen getroffen hatten, ist im Laufe der 40 Tage zwischen der Auferstehung und der Himmelfahrt des Herrn eine Gruppe mutiger Bekenner seines Namens und seiner Lehre geworden: Jünger wurden zu Aposteln.

Die Bibel schreibt: „Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen; und sie wurden alle voll des heiligen Geistes und fingen an, zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen.“

Das Schlüsselwort dieser Zeilen lautet „einmütig“, es bedeutet: völlig übereinstimmend, einer Meinung, eines Sinnes sein. Wie ist es dazu gekommen? Die Jünger hatten endlich die Beispiele der Nächstenliebe verstanden, die ihnen der Heiland immer wieder liebevoll-ermahnend und vorbildlich gegeben hatte: die Fußwaschung, das Verzeihen des Verrates und der Mutlosigkeit. Sie erkannten sich selbst und ihren Bruder, ihre Schwester neben sich. Sie akzeptierten sich und ihren Nächsten im Herrn und wuchsen so zu einer Einheit zusammen.

Im Detail konnten sie durchaus weiterhin unterschiedlicher Meinung sein, auch darüber berichtet die Apostelgeschichte, aber im Wesentlichen waren sie sich einig. Auf diese Einigkeit konnte der Herr seine Kirche – heute möchten wir sagen, seine Kirchen – bauen. Sein Heiliger Geist baute und baut Brücken der Verständigung.

All dies brauchen wir heute mehr denn je. Das Auseinanderdriften unserer Gemeinschaften scheint beständig zu wachsen. Meinungsunterschiede werden zu unüberwindlichen Barrieren; ein Riss geht durch Familien, Freundschaften, Gemeinschaften, durch Kirchen, Länder und Völker. Manche Auseinandersetzung mag in ihrer Heftigkeit das Resultat einer längst überfälligen und jahrzehntelang unterdrückten Debatte und deswegen notwendig sein; es ist aber immer die Frage, wie wir diese Debatten führen, wie wir mit anderen Meinungen und Ansichten umgehen, ob recht haben und haben wollen zur Rechthaberei wird.

Pfingsten erinnert uns daran, dass Vereinzelung und Entzweiung nicht zum Ziel führen, sondern nur die Einmütigkeit. Dann kann heiliger Geist fließen, uns erfüllen. Erkenntnis wird wichtiger als Meinung, denn: Recht im Sinne Gottes hat nur derjenige, der die größere Liebe hat. Auch das lehrt uns Pfingsten.

Pfingsten lässt uns den Zugang zur Kraft des Herrn finden – Gottes lichter, heilender Geist umgibt uns

Von Paul Schuchardt

Nach Christi Himmelfahrt erlebten die Menschen das darauffolgende Pfingstfest in einer ihnen unbekannten Weise. Heiliger Geist kam auf die Jünger, und ihre Predigten wurden von allen verstanden.

Was ist das eigentlich – Heiliger Geist? Wir verstehen langsam immer mehr: Gott ist Liebe. Heiliger Geist geht von ihm aus. So kann es nur Geist reiner Gottesliebe sein. Alles, was jemals von Gott geschaffen wurde und wird, ist durch das Wirken dieses reinen, lichten und liebevollen Geistes entstanden. So ist dieser Heilige Geist auch überall auf der Erde zu finden.

Doch durch die Entfremdung der Menschen von dem Gotteslicht erscheint uns vieles finster, kalt und lieblos, was um uns ist. Es ist meist die Folge der lieblosen Lebensart von uns Menschen. Unser Blick, unser Empfinden, unsere Vorstellungen sind oft so verdunkelt durch unser eigenes Misstrauen, Angst oder Neid. Jedoch ist um uns auch immer Gottes lichter und erlösender Geist vorhanden. In jedem Augenblick kann ein Mensch Zugang dazu finden, wenn er sich wirklich und von ganzer Seele Gott zuwendet. In diesem Moment wird der Kontakt zu der himmlischen Gotteskraft geschlossen, und es beginnt heilender, ordnender und segnender Strom zu fließen. Wer das erlebt, kann sich nur noch freuen über die wirkende Kraft Gottes und wird ihm danken und die Kraft austeilen.

Das haben die Jünger damals zu Pfingsten und in ihrer anschließenden Wirkungszeit getan. Das erlebten und erleben bis heute zahlreiche Menschen immer wieder.

Nun kann man sagen: Das ist nur begnadeten Menschen vorbehalten. Mir wird es nicht vergönnt sein. Wie könnte ich so etwas jemals erreichen?

Letztlich ist es eine Frage meines Glaubens und meines Vertrauens in das Wirken Gottes. Es hat auch etwas damit zu tun, eigene Ängste zu überwinden. Es ist auffällig, wie wenig Ängste bei denen vorhanden sind, die sich voll und ganz in ihrem Leben und ihrem Handeln auf Gott verlassen haben.

Im Grunde sehnen sich doch alle Menschen nach Liebe, nach Vertrauen, nach Geborgenheit. Damit aber der heilende Geist Gottes in einem Menschen wirken kann, braucht dieser Mensch ein offenes Herz. Das kann er nur haben, wenn er vertrauen kann, dass ihm nicht schon wieder etwas Schlimmes passieren wird – wie schon so oft!

Deshalb hat Jesus die Jünger aufgefordert, das Evangelium – die frohe Botschaft von Gottes Liebe – aller Welt, aller Kreatur zu predigen. Sie zogen los ohne Waffen, ohne Reichtümer, ohne Sicherheiten mit großem Vertrauen. Für viele war das überzeugend. Sie fanden deshalb  zum Glauben – an den liebenden Gott. Sie kamen zusammen in Gemeinden, und wo die Liebe die Grundlage der Gemeinschaft blieb, war sie gesund und anziehend für viele, die genau das suchten.

Pfingsten ist immer wieder die Möglichkeit für jeden, Zugang zu dieser Kraft zu bekommen. Heiliger Geist ist da – überall, nicht nur bei unserem Fest – und kann gefunden und aufgenommen werden. Lasst uns darauf vertrauen, dass Gott uns wie auch alle anderen liebt und uns alle von unseren Lasten und Ängsten freimachen und erlösen will. Öffnen wir unsere Herzen seinem Segen, der uns gespendet wird und durch uns vielen zum Segen werden soll – dann ist sein Zweck erfüllt. Möchte es unser Herzenswunsch sein, die frohe Botschaft in unser Lebensumfeld zu tragen und Menschen froh zu machen.

Die Sprache der Liebe wird überall verstanden – in allen Sprachen, in allen Regionen, in Völkern und Religionen. Lasst uns diese Sprache lernen, und wir werden froh und glücklich sein.

Christi Himmelfahrt: Wir sind mit dem Himmel verbunden – Jesus Christus bleibt immer bei uns

Von Johannes Falk

Christi Himmelfahrt ist ein hoher kirchlicher Feiertag und auch ein Feiertag im Kalender. Doch in unserem Volk und Land ist er in seiner Bedeutung immer mehr verblasst. Vatertag wird er im Volksmund genannt, und seit jeher gab es die sogenannte Herrenpartie, die jedoch auch immer mehr verblasste.

Was mich an der Himmelfahrt des Heilands immer bewegt, ist die Aussage der Engel zu den Jüngern (Apg 1,11): „Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen gen Himmel, wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren.“

Mein Glaube sagt, genauso ist es geschehen: Gottes Offenbarung als Joseph Weißenberg kam mit denselben Augen der Liebe, die auch Tränen vergossen über die Menschen, mit den kreuzesgezeichneten, segnenden und heilenden Händen und mit der Speerstichnarbe an der Seite als der verheißene Tröster, Geist der Wahrheit und Heiliger Geist in unsere Zeit.

Er kam aber auch als der Richter, der die Gerechtigkeit wieder aufrichten wird, nicht die Gerechtigkeit der Menschen, sondern die Gerechtigkeit Gottes. Er stand auch wieder dem Unglauben seiner Zeitgenossen gegenüber, wie es Jesus Christus sagte: „Wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinst du, dass er auch werde Glauben finden auf Erden?“ (Lk 18,8)

Beim Wort und Begriff „Himmelfahrt“ denken die meisten heute an Raumfahrt, Weltraumpiloten, Astronauten. Mein nicht wissenschaftlich-astronomisch geschulter und auch nicht auf Weltraumabenteuer ausgerichteter Verstand meint: Sicher ist es von Nutzen, Satelliten um die Erde kreisen zu lassen, die zum Beispiel vor Unwetter, Vulkanausbrüchen usw. warnen. Doch was wollen die Menschen auf dem Mars? Oder was wollen sie auf dem Mond? Sollten die vielen Milliarden, ja Billionen nicht besser Millionen notleidenden Menschen helfen und Millionen Kinder und Säuglinge vor dem Hungertod retten?!

Zum eiskalten Mond (auf der sonnenabgewandten Seite minus 160 Grad Celsius): Dieser Himmelskörper ist nicht nur nach irdischen Maßstäben eiskalt, sondern ganz besonders nach geistigen eiskalt und finster! Dazu eine Erinnerung: Es war Montag, der 21. Juli 1969. Die Amerikaner waren auf dem Mond gelandet, und mein Vater, Prediger Georg Falk, war heimgegangen; das bewegte mich sehr.

Da stand am Montagvormittag unser Oberhaupt Schwester Friedchen im Garten vor dem Haus mit mir im Gespräch. Dann deutete sie zum Himmel und sagte etwa Folgendes: Es ist nicht gut, dass die Menschen auf dem Mond gelandet sind. Es ist nicht gut, sondern es kann sehr schwerwiegend und gefährlich für die Erde werden, wenn eine Verbindung zwischen Erde und Mond entsteht. Denn auf dem Mond ist eine Bannungsstufe finsterster und schwärzester Geister der schwarzen Magie! – Dieses Gespräch und seine schicksalsschwere Bedeutung für unsere Erde werde ich nie vergessen!

Deshalb auch immer wieder mein Wunsch im Gedächtnis an diese himmlische Mahnung: Bleibt auf Erden, denn hierher hat uns Gott der Herr gesandt, auf den Stern der Erlösung, zur Erlösung von Menschen und Geistern! – In der Heiligen Schrift steht gleich am Anfang: „Macht euch die Erde untertan“, im Sinne der Schöpfung und im Auftrag des Schöpfers! – Und nicht den Mond!

Zum Schluss bewegt mich noch der Gedanke: Der Christus-Geist hat mit seiner Himmelfahrt und mit seiner Wiederkunft unsere arme Erde auf ganz besondere Weise mit der himmlischen Heimat verbunden. Darum ist der Tag und das Fest Christi Himmelfahrt für uns Menschen ein großes Geschenk.

Ostern ist eine freudige Botschaft – Liebe und Vergebung

Von Siegrun Mauske

Die Zeit vor Ostern ist für Mensch und Tier hierzulande das Erlebnis des Erwachens der Natur. Frühjahrsputz ist angesagt, um die Sonne zu begrüßen. Beete werden vorbereitet, um eine neue Saat aufnehmen zu können; überall ist eine Aufbruchsstimmung zu verspüren. Das Osterfest liegt mitten in dieser Zeit des Aufbruchs und fügt die frohe Botschaft hinzu: „Der Herr ist auferstanden.“

Dieses Geschehen ist nicht zu trennen vom Karfreitag, denn dem begeisterten Empfang, dem Hosianna am Palmsonntag in Jerusalem, folgte nur fünf Tage später das „Kreuzige ihn!“ Und dennoch sprach Jesus am Kreuz von Golgatha: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Am Ostermorgen nun wurde es gewiss: Der Stein war nicht mehr vor dem Grab, da der Leichnam niedergelegt war. Dieses Bild haben wir immer noch im Herzen, es erzählt von der Kraft der Liebe und Vergebung, die dem Guten Bahn bricht. Es scheint so, dass nicht nur jener Stein weggerückt war, sondern auch die Steine vor der Herzenstür der Jüngerschar. Ihre Herzen wurden geöffnet und gewandelt, sie verinnerlichten die Wunder, die sie an der Seite Jesu erlebt hatten und nahmen das auf, was er ihnen mit auf den Weg gab. Diese Saat trug zu Pfingsten Früchte: Urgemeinde entstand; eine zerrissene Schar war einmütig beieinander. Das Auferstehungsgeschehen, sein „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“ löste diesen Wandel aus.

Was sagen uns Kreuz und Auferstehung heute? Vielleicht ist es unter anderem die Aufforderung: Merke auf die Zeichen auf deinem Weg, nimm von der göttlichen Kraft; räume die Steine aus Misstrauen, Gedankenlosigkeit, Neid oder ungeklärten Dingen beiseite, und dann: „Hilf dem Bedrängten überall!“ Das setzt den inneren Hausputz voraus, damit wir auf das, was das Herz sagt, achten und das Gewissen und die Gedanken prüfen.

Es tut Not, einem solchen Ruf zu folgen, damit es werden kann, dass sich ein Mensch vorbehaltlos zum anderen stellt. Es hieß doch von den ersten Christen, dass das geschwisterliche Miteinander überzeugte und die Menschen zueinander führte. Sie waren geborgen und voller Zuversicht, weil die Liebe Gottes das Fundament war und sein Wort die tragfähige Verbindung.

Das Osterlicht scheint noch eine Weile, und es möchte die Herzen mit Zuversicht erfüllen. Davon künden auch folgende Verse aus dem Osterchoral von Christian Fürchtegott Gellert, der sich im Anhang des Johannischen Gesangbuches befindet:

„Jesus lebt, mit ihm auch ich; Tod, wo sind nun deine Schrecken? Jesus lebt und wird auch mich von den Toten auferwecken. Er verklärt mich in sein Licht: Dies ist meine Zuversicht. Jesus lebt! Ihm ist das Reich über alle Welt gegeben. Mit ihm werd ich auch zugleich ewig herrschen, ewig leben. Gott erfüllt, was er verspricht: Dies ist meine Zuversicht. Jesus lebt! Ich bin gewiss: Nichts soll mich von Jesu scheiden, keine Macht der Finsternis, keine Herrlichkeit, kein Leiden. Er gibt Kraft zu jeder Pflicht: Dies ist meine Zuversicht.“

Diese Zuversicht kommt aus dem Osterlicht. Dieses Licht lässt wachsen und schenkt Wärme. Damit kommt eine Kraft, die andere Herzen und dann Türen öffnen kann. Dem anderen Menschen guttun wie ein Sonnenstrahl, ist und bleibt eine schöne Aufgabe.

Die Karwoche will unser Bewusstsein schärfen – Nur die Liebe ist Sieger

Von Rainer Gerhardt

Ein Sieger zu sein ist etwas Tolles. Am Ziel angekommen, fällt alle vorangegangene Mühsal und Beschwernis ab und weicht einer tiefen Befriedigung. Dieser Sieg, den man auskostet, muss nicht nur ein persönlicher sein; vielleicht ist man Teil einer Gruppe, eines Teams, das sich um eine Führungspersönlichkeit gefunden hat, und freut sich jetzt gemeinsam über das Erreichte. Vielleicht überlegt man sogar, wie man den Sieg für sich nutzt.

Vor gut zweitausend Jahren haben sich auch viele Menschen am Ziel ihrer Wünsche gesehen, als der Heiland auf einem Esel in Jerusalem einzog. Doch Jesus ritt mit sehr gemischten Gefühlen in diese Stadt. Er wusste, dass diese sein Ziel war, aber er ahnte, welchen Preis dieses Ziel erforderte. Kurze Zeit zuvor hatte der Heiland seinen Jüngern gesagt, „wie er müsste hin gen Jerusalem gehen und viel leiden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen“. Matthäus berichtet darüber in seinem Evangelium: „Und Petrus nahm ihn zu sich, fuhr ihn an und sprach: Herr, schone dein selbst; das widerfahre dir nur nicht! Aber er wandte sich um und sprach zu Petrus: Hebe dich, Satan, von mir! du bist mir ärgerlich; denn du meinst nicht was göttlich, sondern was menschlich ist. Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ Wie wenig waren seine Worte verstanden worden.

Die Masse der Begeisterten sah wirklich nur, was menschlich ist: Jesu Austreibung der Händler aus dem Tempel und seine harten Worte gegen die Pharisäer, das waren für sie willkommene Aktionen gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, der Anfang von neuer weltlicher Größe des Reiches Israels und das Ende vom Joch der verhassten Römer.

Doch Jesus folgte einer göttlichen Bestimmung. Er hatte Feindesliebe gepredigt, Vergebungsbereitschaft, Liebe und Geduld – auch im Ertragen von Ungerechtigkeit. Er hatte den äußeren Tempel des Herrn gereinigt und wollte, dass ein jeder seinen inwendigen göttlichen Tempel reinigt. Das verstörte die Menge, und die Stimmung begann zu kippen; Enttäuschung machte sich breit. Ganze fünf Tage dauerte es, bis aus dem „Hosianna“ ein „Kreuzige ihn!“ wurde, bis aus den Siegern verachtete Verlierer wurden.

Diese fünf Tage gehören zu der wichtigsten und inhaltsreichsten Zeit, die der Heiland auf Erden verbrachte. Stück für Stück machte er seinen Jüngern klar, was göttlich ist. Mit der Einsetzung des heiligen Abendmahls begründete er auch ein neues Testament und machte die Menschen, die seinem Beispiel folgen, zu Himmelserben.

„Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Diese Worte richtete Jesus nicht nur an die Pharisäer, sondern an einen jeden von uns. Wir müssen uns in unserem Streben fragen, was daran weltlich und was vielleicht göttlich ist. Die vor uns liegende Karwoche will diese Frage in uns besonders deutlich werden lassen. Sie lässt uns am Ende im Ostergeschehen auch eine Antwort finden.

„Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“, fragt der Apostel Paulus, und Christus verheißt den Sieg der Liebe mit den Worten: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“

Beginn der Karwoche – Palmsonntag zeigt uns Christuswege auf

Von Detlef Nagel

In der Heiligen Schrift lesen wir im Johannes-Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem: „Des andern Tages, da viel Volks, das aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus käme gen Jerusalem, nahmen sie Palmenzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!“

Die Menschen waren hoffnungsvoll und neugierig auf Christus, denn er hatte viele Wundertaten vollbracht, und sie sahen in ihm den Messias, den Retter aus der römischen Herrschaft. Die Zweige, die sie auf der Straße für ihn ausbreiteten, waren von der Dattelpalme, die bis zu 50 Meter hoch werden kann und große wirtschaftliche Bedeutung hatte: Früchte, Bauholz, Blätter zum Dachdecken und für Flechtarbeiten – Matten, Körbe, Zäune. Ein Blatt konnte bis zu drei Meter lang werden. Den Einzug des Heilands mit solchen Palmenzweigen zu begrüßen war auch eine Machtdemonstration, stand diese Ehre doch sonst nur Königen zu.

Auch ihre Mäntel legten die Menschen zu seinem Empfang auf den Weg. Der mächtige König kam dann aber nicht, wie von vielen erwartet, auf einem prächtigen Schlachtross, sondern auf einem Esel in die Stadt. Jeder hatte wohl andere Vorstellungen und Erwartungen von diesem König.

Ein Geistfreund beschreibt es in unserer Zeit so: „Palmsonntag zeigt alle Wünsche der Welt auf, wie sie anmaßend, überheblich, selbstgefällig sich ihren Gott formen wollen, sich ihr Idol formen wollen und dann doch an ganz anderen Gesetzmäßigkeiten scheitern, weil sie unfähig sind, in solchen Weiten zu denken.“

Diese Worte gelten bis in unsere Zeit hinein. Heute denken und sagen die Menschen, wenn es einen Gott gäbe, würde es nicht so viel Leid auf der Erde geben. Sie wollen nicht einsehen, dass sie selbst den jetzigen Zustand der Schöpfung und Geschöpfe herbeigeführt haben und durch ihren Egoismus, Neid, ihr Machtstreben und unmenschliches Verhalten die Geister selbst riefen, die sie schon lange nicht mehr beherrschen können. Ein Geistfreund ermahnt auch uns:

„Der Palmsonntag, auf den wir uns zu bewegen, das ist so recht ein Tag, an dem der Mensch sich über die Schwächen, die ihn hin und her schütteln können, in sich selbst klarwerden muss: Wie viel unreine Begierde der Liebe zu Gott und den Menschen habe ich noch in mir, nach wie viel unnötiger Würde strebe ich noch vor den Menschen? Und wie viel oder wenig gilt mir noch die Würde vor Gott und den Geistern, die so viel höher steht und so viel länger währt und um so viel köstlicher ist.“

Wir können und sollten die Geschichte der auf den Palmsonntag folgenden Karwoche in den vier Evangelien der Bibel nachlesen. Die Beschreibung vom „Hosianna!“ des Volkes beim Einzug Jesu in Jerusalem bis zum nur eine Woche später seitens des gleichen Volkes geforderten Rufes „Kreuzige ihn!“ ist eine große Hilfe für uns alle. Sie lässt uns diese Zeit nachempfinden und in unser tägliches Verhalten einbringen. Auch im Hinblick auf das diesjährige „Heilige Abendmahl des Geistes“ am Karfreitag ist die Berücksichtigung der Karwoche sehr wichtig. Diese geistige Arbeit wird uns mehr und mehr verbinden und sicherer im Alltag machen.

In einer Geistfreundpredigt heißt es: „Mit Irdischem lässt sich nicht ehren, der alles schuf, was ringsumher, der alles könnte euch gewähren, will Liebe nur und sonst nichts mehr. Und so soll euer Ziel die gemeinschaftliche Liebe, das gemeinschaftliche ,Du‘ bleiben. Er hat es eingeführt, dass seine Geschwister sich an dem ,Du‘ erkennen. Und er sagte: Wenn ich mit meinem Vater spreche, dann sage ich auch ,Du‘, umso mehr gilt es, diese Schwingung auch unter euch zu verbreiten,  hochzuhalten.“ Am Palmsonntag 1927 hat unser Meister vor dem ersten Johannischen Abendmahl darauf hingewiesen und dem vorangestellt: „Ich möchte keinen Hochmut sehen.“

Lasst uns die Worte der Heiligen Schrift, der Geistfreunde und unseres Meisters beherzigen, damit wir dann zu Ostern wahrhaft freudig und gestärkt das Fest der Auferstehung feiern können.

Gedanken zum 6. März: der Mensch Joseph Weißenberg

Von Johannes Falk

Am 6. März, dem Heimgangstag unseres Meisters Joseph Weißenberg, ein Tag, der sich nun zum 80. Male jährt, vereinen wir uns wieder im gemeinsamen Bekenntnis zu unserem heiligen Glauben.

Nach dem Bekenntnis unserer Altvorderen und unserem heutigen Glauben bekennen wir ihn als den von Jesus Christus verheißenen Tröster, Geist der Wahrheit und Heiligen Geist, als eine Offenbarung des Gottgeistes. Dieser Beitrag möchte jedoch vor allem eine Erinnerung an den Menschen Joseph Weißenberg sein. Einige Szenen aus seinem langen Leben sollen hier wiedergegeben werden, die alle getreulich überliefert worden sind: ein kleines Porträt eines einmaligen und wunderbaren Menschen.

Zu einem kirchlichen Jubiläum 1976 fragte die Journalistin einer großen Berliner Tageszeitung das Oberhaupt Frieda Müller: „Was hat Sie an Ihrem Vater, Joseph Weißenberg, am stärksten beeindruckt?“ Spontan erwiderte Schwester Friedchen: „Seine Menschlichkeit.“ Auf die anschließende Frage: „Was haben Sie sich von seinem Wirken besonders zum Vorbild genommen?“, antwortete sie: „Er hat es verstanden, seine Mitarbeiter in der Kirche und der Siedlung für die Arbeit so zu begeistern, dass sie freudig, freiwillig und gern bei ihm arbeiteten.“

Bereits als kleiner Junge – er selbst konnte noch kaum eine Tür öffnen – eilte er unbemerkt aus der elterlichen Wohnung in dem kleinen schlesischen Ort Hohenfriedeberg zu einem todkranken Mann, um ihm seine kleinen heilenden Hände aufzulegen. Später zum Ursprung dieser Heilgabe befragt, sagte er 1930 in einem Gerichtsprozess: „Das war ein Trieb in mir. Das musste ich machen.“ Weiter äußerte er sich zu seiner lebenslangen Heiltätigkeit: „Mein Gedanke war nur der, Menschen zu helfen, die da leiden, elend und krank waren. Ich bin fest überzeugt: Das, was ich tue, tue ich in göttlicher Allmacht, aber nicht aus mir, sondern es ist eine Kraft, die durch mich arbeitet.“

Diese Demut und Bescheidenheit begleitete ihn ein Leben lang. Es ist vom Meister überliefert, dass er sich vor Beginn jeder Sprechstunde hinkniete und innig zum himmlischen Vater betete. Auch hat er den Menschen immer wieder die Worte ans Herz gelegt: „Nur der Demut kann Gott Gnade geben, dem Reumütigen neigt er sein Ohr: Drum betet, betet, Christi Glieder, denn auf die Beter senkt der Geist sich nieder.“
Neben seinen Sprechstunden für die Heilungssuchenden hat er viele Jahre selbst die Menschen besucht. Mal kam er nach einem langen, anstrengenden Tag mit weiten Wegen spät abends nach Hause. Da wartete bereits jemand, um ihn zu einem Kranken zu rufen. Der Meister nahm sofort wieder seinen Mantel und begab sich auf einen weiten Weg nach auswärts. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit legte er, wenn er mitten in der Nacht gerufen wurde und oft auch in der Stadt, weite, ja mitunter stundenlange Fußwege zurück.

Oft stand er an Krankenbetten sehr armer Leute. Wenn sie ihm dann etwas geben wollten, wehrte er ab: „Ich nehme nichts, pflegen Sie lieber den Kranken dafür, damit er wieder zu Kräften kommt!“, und schon war er aus dem Haus hinaus. Bei anderen war noch größere Not, da schüttete er nach der Behandlung den ganzen Inhalt seines Portemonnaies auf den Tisch: „Holen Sie sich was zu essen und zu trinken, dann werden Sie wieder gesund werden!“ Und ohne Fahrgeld musste er dann auch wieder zu Fuß nach Hause gehen.

Von seiner Ausbildung als Soldat in den 1870er Jahren hat der Meister oft mit Freude und Hochachtung gesprochen, weil er bis zu diesem Zeitpunkt immer ein schweres und nicht sorgenfreies Leben hatte – durch den frühen Tod der Eltern musste er für vieles selbst eintreten und auch für seine jüngeren Geschwister mit sorgen –, so war ihm die Militärzeit eine schöne und unbeschwerte Zeit, wie er später des Öfteren erwähnte. An eine Episode seiner Ausbildung im schlesischen Liegnitz erinnerte er sich gern. Zu einem besonderen Anlass in der Kaserne hatte er ein Gedicht zu verfassen. Die Verse begannen mit den Worten: „Wie glücklich ist doch ein Soldat, der einen guten Hauptmann hat.“ Doch weder der Hauptmann noch die Unteroffiziere oder die Rekruten kamen ganz ungeschoren in den sehr humorvollen 30 (!) Strophen über die Tücken und Freuden eines Soldatenalltags davon.

Bei fröhlichen Anlässen in geschwisterlicher Gemeinschaft hat er dieses lange Gedicht manchmal zur Freude aller vorgetragen. Einem Besucher der Friedensstadt erzählte er einmal, dass er dieses Gedicht damals im Auftrag seines Hauptmanns verfasst habe, wozu er drei Tage dienstfrei bekam. „Aber in drei Stunden war ich fertig damit und hatte nun die andere Zeit frei.“

Über einen unerfüllten Wunsch aus dieser Zeit sprach der Meister sogar noch in seinem letzten Lebensjahr in Obernigk: „Ich wollte ja Spielmann werden, aber ich war zu klein!“

Ein besonders menschenfreundlicher „Eingriff“ datiert aus dem Ersten Weltkrieg. Nach zwei Jahren Krieg war die Versorgungslage in Berlin katastrophal. „Kohlrübenwinter“ nannte man den Kriegswinter 1916/1917. In dieser Zeit war auch Joseph Weißenberg öfter unterwegs, um von Bekannten auf dem Lande Lebensmittel zu organisieren. „Hamsterfahrten“ nannte man das zu meiner Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Das war verboten, und Kontrolleure, Gendarmen genannt, nahmen den Leuten auf den Bahnhöfen oft alles wieder weg.

Den Meister hat es damals zwar nicht erwischt, aber sein Rucksack war dennoch meist sehr erleichtert oder fast leer. Er verschenkte unterwegs an die, die Hunger hatten – und zu Hause bekam noch etwas der Nachbar, der Hauswirt, der Wachtmeister.

Dass aber an der Bahnsperre diese Gendarmen den Kriegerfrauen und -witwen den Rucksack mit Kartoffeln wegnahmen, den sie stundenlang geschleppt hatten und überhaupt alle Lebensmittel – das konnte der Meister nicht mit ansehen. Oftmals griff er helfend ein, und das geschah so: Er ließ seinen Begleiter kurz vor dem Bahnhof zurück, ging dann zu den Gendarmen, sprach mit ihnen und lud sie zu einem schönen heißen Grog im Bahnhofslokal ein. Diesen Moment musste der Begleiter nutzen, um die Wartenden auf den Bahnsteig zu schicken, sobald der Zug kam. Waren dann alle glücklich entkommen, kam der Begleiter ins Lokal. So konnten sie zwar erst einen Zug später fahren, aber der Meister war glücklich, dass so vielen durch diesen „Trick“ geholfen werden konnte.

Bereits als Maurer auf den Baustellen hat er vielen geholfen. Da kam zum Beispiel ein Arbeitskollege mit einer geschwollenen Backe. Der Meister legte seine Hand drauf, und es wurde gut. Die Schmerzen verschwanden sofort. Einer hatte sich den Fuß verstaucht, andere hatten hier und da Schmerzen. Er nahm sie ihnen ab und machte die Menschen gesund. Da nannten sie ihn, teils spöttisch, teils wohlwollend dankbar: „Jesus!“ Wenn er auf den Bau kam, so riefen sie schon von weitem: „Jesus kommt!“

Stets helfend und gebend für andere war dieser wunderbare Mensch unter Menschen. Keiner, der nicht geheilt oder getröstet von ihm gegangen ist. Doch für ihn selbst gab es keine Ausnahme von Leid und Schmerz. Hier wollen wir nur einmal an die körperlichen Leiden erinnern. Schwester Friedchen hat uns öfter davon berichtet, wie er mit zunehmendem Alter sehr unter schmerzenden Füßen zu leiden hatte. Auch bereits am Anfang seiner Berliner Heiltätigkeit hatte er oft mit Krankheiten zu kämpfen. So finden sich in dem „Patientenbuch“, das er seit 1904 nach behördlichen Auflagen führen musste, in den Jahren 1904, 1905 und 1906 Eintragungen über längere Krankheitszeiten. U.a.: „Wegen Krankheit keine Sprechstunde (von...bis). – „War sehr krank.“ – „Dank nach Krankheit.“

In solchen und ähnlichen Zeiten der Schmerzen und Demütigung sagte er oft die folgenden fröhlichen Verse. Sogar nach der schrecklichen Gefängnis– und Zuchthauszeit gab er damit manchem mit seinem unerschütterlichen Gottvertrauen und seinem ungebrochenen Humor Aufrichtung und neuen Lebensmut: „Traurig sein kann ich nicht, bei meiner Seele nicht, allzeit fidel! Wenn wir lust’gen Leut nicht wärn, wer sollt das viele Geld verzehrn? Allzeit fidel, fidel!“

Und das mit dem „vielen Geld“ sprach er besonders dann, wenn wieder mal totale Ebbe in seinem Portemonnaie war. Auch Tränen hat er vergossen. Nach grausamer Untersuchungshaft mit Folter und nach Ausweisung aus der Friedensstadt wohnte der Meister für einige Tage bei Geschwister Max und Anna Haack im Berliner Norden, dort, wo einst Schwester Friedchen als Kind bei „Mamachen Haack“ ihr beschütztes Zuhause hatte. Ein Besucher schreibt über eine Begegnung: „Wir wollten uns irgendwo hinsetzen und warten – es war kurz nach der Mittagszeit –, da stand schon unser Meister vor uns. Er erzählte sehr viel. Auch über den kommenden Weltkrieg. Von furchtbaren Kämpfen und Blutvergießen sprach er, wobei er wörtlich sagte: „Das kann ich nicht verhindern.‘ Dabei weinte der Meister. Es war mir, als sähe ich den lieben Heiland vor mir, wie er über Jerusalem weinte.“

Hier noch ein Juwel der Erinnerung. Nach Verbüßung der Zuchthausstrafe kommt der Meister zunächst zurück in die Friedensstadt. Zwei Brüder holen ihn mit dem Wagen ab. Als einer der beiden am nächsten Tag den Meister aufsucht, da ist dieser gerade dabei, ein Päckchen zu packen: für den Anstaltsleiter in Luckau, der den Meister gut behandelt hatte. Diese kleine Geste der Verbundenheit, glaube ich, sagt uns mehr über Dankbarkeit und Liebe als tausend Predigten.

Auch mit dem Sakrament der Handauflegung nahm Joseph Weißenberg es sehr ernst. Regelmäßig ließ er sich die Hände auflegen. Dazu gebe ich hier wieder, was uns Schwester Friedchen einst berichtete:
Als er in der Verbannung in Obernigk mit Leid und Schmerzen der Vollendung seines irdischen Lebens entgegenging, wartete er stets mit Vorfreude und voller Ungeduld auf seinen Missionshelfer Martin Falk, den späteren Gemeindeführer von Berlin-Steglitz. Dieser stand zu der Zeit im Heeresdienst in Frankfurt (Oder). Da Krieg war, durfte er sich nur für einen kurzen Sonderurlaub zu seiner Familie in Berlin abmelden. Da er wusste, wie sehr der Meister auf ihn wartete, „beichtete“ er in seiner Not seinem Vorgesetzten, er habe bei Breslau in Schlesien eine Freundin, eine Liebste! Der Vorgesetzte war ein Mensch mit Herz. Er genehmigte ihm Urlaub. Er gewährte ihm alle 14 Tage am Wochenende Sonderurlaub. Einmal, als Martin Falk sich nicht rechtzeitig vor dem Wochenende meldete, war es sein Vorgesetzter selbst, der ihn erinnerte: „Noch keinen Urlaub eingereicht? Das Wochenende rückt ran!“

Dann kam die letzte Zeit. Der Meister konnte schon lange nicht mehr aufstehen. Wenn dann Tag und Stunde des Besuches nahten, bat er Schwester Friedchen stets erwartungsvoll: „Mach das Fenster auf und sieh auf die Straße, ob der Martin schon da ist.“ Und wieder: „Sieh nach, ob er schon kommt!“ Und wenn er dann kam, freute sich der Meister wie über das größte Geschenk des Himmels. – Welch ein Mensch!
Doch Obernigk bedeutete auch bis zum letzten Atemzug Leidensweg. Als sein irdisches Leben sich dem Ende näherte, da kam die Nachricht von der Enteignung der Friedensstadt. „Sie haben mir meine Siedlung weggenommen, mein Lebenswerk!“, sagte er unter Tränen. Schwester Friedchen erinnerte uns nochmal daran, als sie zum Bau der Gedenkstätte im Lindenhof aufrief: „In den letzten Tagen und Stunden in Obernigk sagte der Meister so oft zu mir: ‚Sie haben mir meine Siedlung weggenommen, aber wir bekommen alles wieder und noch viel mehr dazu; aber lass dir die Zeit nicht lang werden.‘“ Auch rief er einigen Besuchern in Obernigk zu: „Den Glauben hochhalten!“, und: „Auf ein frohes Wiedersehen in den Glauer Bergen!“

Dieses Lebenswerk an und in den Glauer Bergen, das heute nun weiter blüht und wächst, verdanken wir dem großen Propheten und Gottesmann, aber auch besonders dem einmaligen, wunderbaren und unvergesslichen Menschen Joseph Weißenberg!

Zum 6. März: Ein hoher Feiertag – das Bekenntnis zur Gottesliebe

Von Johannes Falk

Der Heimgangstag Joseph Weißenbergs ist seit dem Wiedererstehen unserer Johannischen Kirche nach 1945 ein hoher Feiertag. Am 6. März 1941, vor nunmehr 80 Jahren, beendete unser Meister (*24.8.1855) in der Verbannung in Obernigk in Schlesien seine Erdenmission.

„Er war ein Mensch – wir haben es erkannt –, in dem alle Gaben und Kräfte des Geistes waren. Er war ein Helfer und ein Segenspender, ein Liebender und Verzeihender. Er gab uns eine Fülle von seinem Reichtum, von den Ewigkeitsgedanken aus jener Welt.“ – Mit diesen Worten gedachte unser Oberhaupt Frieda Müller (1911–2001) dieses wunderbaren Helfers und Heilers der Menschen, des Kirchengründers und Erbauers der Friedensstadt, der durch ein langes Leben an keinem vorüberging, der Hilfe brauchte.

Heute vereint uns an diesem Gedenktag im Gottesdienst unser Bekenntnis des Glaubens an Gott, den Vater, an Gott, den Sohn, an Gott, den Heiligen Geist und an Gottes Offenbarungen, durch Mose, Jesus Christus und Joseph Weißenberg.

Diese drei Gottesoffenbarungen haben mit ihren Erdenmissionen die Welt bewegt und werden sie weiter bewegen, solange diese Erde besteht. Und es war und ist weder in der Vergangenheit noch heute oder in Zukunft möglich, die Tragweite ihrer Erdenmissionen für diesen Erlösungsstern Erde auch nur annähernd zu deuten oder zu erfassen.

Wenn mich jemand fragt oder ich mich selbst frage, was mich im Gedanken an diese Gottesmenschen besonders bewegt, dann möchte ich das so beantworten: Eins der größten Ereignisse im Alten Testament ist das Eintreten Moses für das von Gott abgefallene Volk, das der Herr vernichten wollte. „Vergib ihnen ihre Sünde, wo nicht, so tilge mich auch aus deinem Buch, das du geschrieben hast.“ Mit dieser allergrößten Konsequenz trat Mose vor den Herrn, nachdem sein Volk, während Mose die Zehn Gebote empfing, das Goldene Kalb angebetet hatte. Und er ist damit „in den Riss getreten“, wie es die Bibel sagt, um das Volk vor dem Verderben durch das Gottesgericht zu retten.

Das Neue Testament wird besiegelt durch den Erlösungstod des Heilands Jesus Christus für alle Welt und alle Zeit, für Menschen wie für Geister. Gekrönt wird es durch die Bitte dessen, der die Sünde aller Welt auf sich nimmt und als wahrer Mensch und wahrer Gott in der allergrößten Pein am Kreuz bittet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“
Im Testament des Heiligen Geistes ist es Joseph Weißenberg, der seine himmlische Krone niedergelegt hat, „um aus dem Allerschlechtesten etwas Gutes zu machen“, dass auch „nicht einer verloren geht“, weder die von Gott abgefallenen Engel, die er zu besiegen und zu bekehren gekommen war, noch alle seine irdischen Schwestern und Brüder, die er als der treue Hirte bis zu seinem letzten Atemzug ins Herz geschlossen hatte.

„Mein Werk ist umsonst, wenn die Liebe nicht größer wird“, ist für einen jeden von uns heiligernster Auftrag, sein Liebeswerk fortzusetzen. Und dann ruft er alle ehemals verlorenen Söhne und Töchter wieder ins Vaterhaus: „Ich möchte, dass ihr alle einst wieder an meiner Tafel sitzt!“

Zum 7. Februar: „Tausend Worte ergeben noch keine Tat“ – zum Geburtstag Frieda Müllers, bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 Oberhaupt der Johannischen Kirche

Von Rainer Gerhardt

„Tausend Worte ergeben noch keine Tat.“ Mit diesem Lebensmotto machte Frieda Müller deutlich, dass nicht Reden, sondern Handeln zählt. Mit ihrem Eintreten für Mitmenschlichkeit, Religionsfreiheit und Toleranz erwarb sich die am 7. Februar 1911 in Berlin geborene Tochter des Gründers der Johannischen Kirche Joseph Weißenberg (1855-1941) weit über den Kreis der Mitglieder und Glaubensfreunde der Johannischen Kirche hinaus Anerkennung, Respekt und Sympathie.

Am 7. Februar jedes Jahres jährt sich der Geburtstag Frieda Müllers, vom 28. April 1932 bis zu ihrem Tod am 10. Juni 2001 Oberhaupt der Johannischen Kirche.

Zu ihren unübersehbaren und bleibenden Lebensleistungen gehören der Wiederaufbau der Johannischen Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die Errichtung eines sozialen Werkes, das Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen einmal als „Synonym für Mitmenschlichkeit“ bezeichnete. Sie sah ihr Amt als Kirchenoberhaupt auch immer als das der dienenden Seelsorgerin, und in ihren Sprechstunden kamen im Laufe der Jahrzehnte Tausende, die Trost und Ausrichtung suchten und fanden.

In den Jahren der deutschen Teilung bewahrte sie unermüdlich die Einheit der Johannischen Kirche. Ihrem Eintreten ist es zu verdanken, dass trotz der Trennung durch Mauer und Stacheldraht alle kirchlichen und sozialen Arbeitskreise zusammenarbeiteten und die privaten Kontakte der Kirchenmitglieder beständig zunahmen. Mit Vertretern anderer Glaubensrichtungen und Weltanschauungen pflegte sie einen offenen und ehrlichen Kontakt, und ihr Berliner Temperament, ihr Humor aber auch ihre Geradlinigkeit hinterließen großen Eindruck. Dank dieses Wirkens ist die Johannische Kirche heute eine aufgeschlossene, tolerante Gemeinschaft mit großem sozialem Engagement.

Frieda Müller stellte ihr Leben schon frühzeitig in den Dienst am Mitmenschen, der aus ihrer Sicht immer der christliche Nächste war. An der Seite Joseph Weißenbergs lernte sie schon in jungen Jahren in den Arbeiterbezirken des Berliner Nordens die vielfältigsten seelischen und sozialen Nöte kennen. Sie wurde Joseph Weißenbergs engste Mitarbeiterin und unterstützte seine religiöse Reformbewegung, die 1926 zur Gründung der Johannischen Kirche führte. Darüber hinaus förderte sie sein Siedlungsprojekt „Friedensstadt“: Seit 1920 wurde 30 Kilometer südlich von Berlin die damals größte Privatsiedlung Deutschlands errichtet, und in nur 15 Jahren entstand eine neue Heimat für 500 Menschen.

1932 berief Joseph Weißenberg seine Tochter zu seiner Nachfolgerin. Nur drei Jahre später wurde die Johannische Kirche vom NS-Regime verboten und ihr Vermögen beschlagnahmt. In die Friedensstadt zog die SS ein und vertrieb die Bewohner. Joseph Weißenberg wurde im Alter von 80 Jahren verhaftet und zu Zuchthausstrafen verurteilt. Frieda Müller wurde in diesem Zusammenhang wiederholt verhaftet und von der Gestapo vernommen.

Im Sommer 1935 wurde sie aus der Mark Brandenburg ausgewiesen und gezwungen, nach Eldena in Pommern zu ziehen, wo sie unter Gestapo-Aufsicht stand. Da sie keine Stellung annehmen durfte, meldete sie sich zum weiblichen Arbeitsdienst. Die Gestapo erlaubte ihr später, eine Ausbildung für Heilmassage an der Universitätsklinik in Berlin zu absolvieren. Dort legte sie im Jahre 1939 ihr Staatsexamen ab. Danach durfte sie in diesem Beruf selbständig arbeiten, sie war darüber hinaus in der Krüppelfürsorge bei einem Arzt im Berliner Arbeiterviertel Wedding tätig.

Als Rote-Kreuz-Schwester widmete sie in den folgenden Kriegsjahren einen großen Teil der freien Zeit der Versorgung und Betreuung der in Berlin ankommenden Verwundeten-Transporte.

Den anderen Teil der freien Zeit verwendete Frieda Müller zur Aufrechterhaltung des Kontaktes zu den Gliedern und Gemeinden der verbotenen Johannischen Kirche. Trotz polizeilicher Überwachung hielt sie die Verbindung zu den Amtsträgern und Gemeinden, taufte, konfirmierte und traute, und war vielen Menschen in der Zeit des Krieges und der Not Halt und Trost. Sie besuchte wann immer es ging Joseph Weißenberg in Schlesien, wohin er nach Verbüßung der Zuchthausstrafe verbannt wurde. So war sie in seinen letzten Lebenstagen bei ihm und empfing sein Vermächtnis: „Haltet den Glauben hoch!“

Unmittelbar nach Kriegsende begann Frieda Müller den Wiederaufbau der Johannischen Kirche buchstäblich aus dem Nichts heraus. Die „Friedensstadt“ war inzwischen von der Sowjetischen Armee besetzt worden, und die Kirche verfügte weder über eigene Räume noch über finanzielle Mittel. Besonders erschwert war der Neuanfang dadurch, dass sich ein großer Teil der Johannischen Gemeinden in den deutschen Ostprovinzen befunden hatte, die nun von der Vertreibung betroffen waren. Frieda Müller erwirkte in zahllosen Verhandlungen mit den Besatzungsmächten die Wiederzulassung der Kirche in den einzelnen Besatzungszonen und den Sektoren Berlins. In unermüdlichem Einsatz hat sie in Berlin, in der Bundesrepublik und in der DDR die Kirchengemeinden wieder gegründet und das Gemeindeleben organisatorisch und inhaltlich geprägt. Besonders am Herzen lag Frieda Müller die karitative Kirchenarbeit. Anknüpfend an das kirchlich-soziale Siedlungsprojekt Joseph Weißenbergs, gründete sie 1946 ein soziales Hilfswerk, aus dem 1954 das Johannische Aufbauwerk als Sozialwerk der Johannischen Kirche hervorging. Diese Organisation (seit 1990 „Johannisches Sozialwerk e.V.“) hat in den Jahren seines Bestehens eine Vielzahl von Einrichtungen geschaffen, in denen Menschen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, Weltanschauung oder Nationalität Hilfe gewährt wird.

Schon Joseph Weißenberg forderte 1926 seine Anhänger zur „Überbrückung der Konfessionen durch die Liebe“ auf. So suchte – und fand – Frieda Müller immer wieder einen Weg zu ihren Mitmenschen, auch wenn die äußeren Umstände eher das Gegenteil vermuten ließen. Das war zu Zeiten der DDR so, als sie sich intensiv um die Belange der Kirchenmitglieder im Osten kümmerte, und die dortigen Regierungsvertreter ihr nicht ihren Respekt versagten, weil „Frieda Müller sagt, was sie denkt und handelt, wie sie spricht“. Mit Vertretern anderer Kirchen und Religionsgemeinschaften pflegten sie und ihre Mitarbeiter aufgeschlossene Kontakte.

In einem Alter, in dem andere ihren wohlverdienten Ruhestand genießen, zog Frieda Müller mit 65 Jahren von Berlin in die Fränkische Schweiz. Dort übernahm unter ihrer Leitung das Johannische Sozialwerk die Trägerschaft für ein familiengegliedertes Kleinstheim, ein Seniorenerholungsheim sowie einen Kindergarten. Darüber hinaus erwarb die Johannische Kirche in Waischenfeld-Eichenbirkig eine Landwirtschaft. Auf dem dortigen Gut Schönhof werden seit 35 Jahren Tiere artgerecht gehalten und hochwertige Feldfrüchte biologisch erzeugt. Mit der Rekonstruktion eines über 250 Jahre alten Wohn-Stall-Gebäudes, das jetzt als Landgasthof fungiert, leistete die Johannische Kirche einen anerkannten Beitrag zur Erhaltung der fränkischen Kulturlandschaft.

1976 hatte Bundespräsident Walter Scheel die besonderen Verdienste von Frieda Müller durch Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse, gewürdigt, das der seinerzeitige Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, überreichte. Auch der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband ehrte Frieda Müller durch seine höchste Auszeichnung, die goldene Ehrenplakette „für hervorragende soziale Arbeit“.

Wegweisend war auch ihr Verhältnis im Land Brandenburg zu den Vertretern der sowjetischen Garnison Glau, die auf den Flächen der 1920 gegründeten Siedlung Friedensstadt entstand. Nach 60 Jahren militärischer Fremdnutzung durch SS sowie Roter Armee erhielt die Johannische Kirche im Juni 1994 ihre Siedlung zurück. Dass sich die Übergabe so reibungslos vollzog, ist auf Frieda Müllers herzliches Verhältnis zu den militärischen Stellen zurückzuführen. Wenn sie die Soldaten der russischen Armee als Freunde bezeichnete, war das keine Floskel, sondern Ausdruck gelebter Mitmenschlichkeit.

1994 schloss sich für Frieda Müller mit der Rückgabe der Friedensstadt an die Johannische Kirche ein Lebenskreis. Einst von den Nationalsozialisten aus dem Lebenswerk ihres Vaters vertrieben, konnte sie nun bis zuletzt richtungsweisende Ratschläge geben, wobei sie das Augenmerk immer auf die unmittelbaren seelischen und materiellen Nöte der Menschen legte.

Vier Monate nach ihrem 90. Geburtstag verstarb Frieda Müller am 10. Juni 2001, in Gößweinstein. Kurz vorher erreichte sie am 8. Juni 2001 die Nachricht, dass die Johannische Kirche nach zehnjährigem Bemühen die Genehmigung zur Errichtung eines eigenen Friedhofes in der Fränkischen Schweiz erhalten hatte. Dieses Anliegen verfolgte Frieda Müller bis zu ihrem letzten Atemzug, und auf diesem neuen johannischen Gottesacker wurde sie – wie es immer ihr Wunsch war – am 16. Juni 2001 bestattet.

Zum 3. Februar 1946: Der erste Gottesdienst nach dem Zweiten Weltkrieg

Von Johannes Falk

Es gab noch keine SMS, keine E-Mail, kein Internet, kein Handy und in und um Berlin kein Telefon, ausschließlich für die Besatzungsmächte und für ganz wenige deutsche Behörden,  dennoch verbreitete sich die Nachricht durch „Mundfunk“ und die gute alte Postkarte unter vielen, vielen johannischen Chris­ten geradezu wie ein Lauffeuer: Unsere Kirche darf wieder Gottesdienste halten!

Das war Anfang Januar 1946. Die bri­tische Militärregierung hatte als erste der Alliierten in ihrem Berliner Sektor johannische Gottesdienste ge­nehmigt. Noch fehlte ein Andachtsraum im zerbombten und zerschossenen Berlin. Doch eines Tages war er gefunden. Eine Schulaula in der Lassenstraße 18, in Berlin-Grunewald. Diese schöne Aula mit Orgel-Empore, in einem altehrwürdigen Gymnasium aus der Gründerzeit des Villenviertels Grunewald, beherbergte nicht nur die ersten Gottes­dienste nach Kirchenverbot und Zweitem Weltkrieg. Bis zum Erwerb des St.-Michaels-Heimes 1957 erlebten wir hier ab dem 3. Februar 1946 Gottesdienste, Gemeindeabende, Chorkonzerte, Theateraufführungen, ungezählte Taufen, Konfirmationen, ers­te Abendmahlsfeiern, den ersten Kindergottesdienst, Prediger­einsegnungen, die Wiedergründung der Schule für Geisteswissenschaft, die Uraufführung der Johannischen Passion. Das ging bis November 1957: Fast 12 Jahre Nachkriegs-Kirchengeschichte auf engstem Raum!

Ich lebte damals als Flüchtling aus Stettin bei meinen Eltern in einer Notunterkunft am Rande der von Russen besetzten Siedlung Glau. Als Dreizehn­jähriger erlebte ich meinen ersten Gottesdienstbesuch so:

Es war im bitterkalten Nachkiegs­winter 1945/46 an einem Sonntagmorgen im Februar. Es mag zwischen vier und fünf Uhr früh gewesen sein. Das Thermo­meter zeigte weit unter 10 Grad minus. In stockfinsterer Nacht war eine Gruppe von etwa 10 bis 15 Personen auf dem Fußmarsch zur nächsten Bahnstation. Abenteuerlich mutete der Anblick dieser zum Schutz gegen die klirrende Kälte in dicke Mäntel oder Jacken gehüllten Ge­stalten an. Fast nur Augen und Nasen­spitzen lugten unter Mützen, Kopftüchern und Schals hervor. Einige trugen einen Rucksack mit Proviant: kleine Kartoffel-Mohrrübenküchlein, mit etwas Mehl zusammengehalten, vielleicht einige Scheiben trocken Brot. Ein Königreich für ein Butterbrot!

Nach zweieinhalb bis drei Stunden war der Bahn­hof endlich erreicht. Die kleine Gruppe – auch ich war dabei – kam aus Glau und musste auf dem Hinweg am johannischen Friedhof vorbei über Klein Beuthen nach Ludwigsfelde laufen. Blies dir eisiger Wind ins Gesicht, wurde der Weg län­ger und beschwerlicher. Dann kamen etwa 45 Minuten Fahrt mit dem Vorortzug, wenn er denn planmäßig fuhr, und du in der meist total überfüllten Bahn einen Platz bekamst: vielleicht auf dem Trittbrett oder der Plattform. Weiter ging es eine gute Stunde mit der S-Bahn mit mehrmaligem Um­steigen. Zum Schluss gab es noch einen zwanzig Minuten langen Fußweg vom Bahnhof Halensee.

Dann fandest du dich vor einem großen, fast unversehrt ge­bliebenen Schulgebäude wieder, zu dem viele Menschen gleich dir hineilten. Nur die von Bomben und Gra­natsplittern beschädigte Fassade und die provisorisch reparierten Fenster erinnerten an den vor kurzem beendeten Krieg. Die großen Fenster der Schulaula waren mit schwarzem Material verhangen. Es war ein Kino für britische Soldaten.

Wir empfanden ein unbeschreib­liches Glücksgefühl, dabeizusein, im fremden, zerbombten, teilweise unvorstellbar zerstör­ten Berlin einen Ort der Andacht zu besuchen, Schwester Friedchen aus der Nähe zu sehen oder gar be­grüßen zu können, bekannte Gesichter wiederzusehen, neue kennenzulernen. Manche der Gottesdienstbesucher wa­ren einen ganzen Tag oder sogar mehrere Tage mit der Bahn unter­wegs gewesen...

Später ging es denselben Weg zurück. Und es war wieder stock­dunkel, wenn man todmüde, durchge­froren und hungrig wie ein Wolf zu Hause ankam. Doch selbst durch­gelaufene, schmerzende Füße konn­ten nichts, aber auch gar nichts von dem Glücksgefühl mindern: Die Kirche war wieder da!

Es war der allerschönste Sontagsausflug, den wir jemals erlebt hatten.

Zum Kirchenverbot am 17. Januar 1935: „Ist das Werk aus Gott, so wird’s bestehen“

Von Rainer Gerhardt

Sich zum Christentum zu bekennen ist für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit. Glaube und noch mehr eine Kirchenzugehörigkeit geraten manchmal sogar unter Rechtfertigungsdruck: Warum bist du Christ? Warum bist du katholisch, evangelisch oder johannisch? Was bringt dir der Glaube? Oder: Wenn es einen Gott gibt, warum kann er so viel Leid zulassen?

Die letzte Frage haben am 17. Januar 1935 vielleicht auch viele Menschen gestellt, als sie vom Verbot der Johannischen Kirche durch das NS-Regime hörten – sowohl Anhänger dieser Kirche als auch andere. Für die einen war diese Nachricht vielleicht eine Genugtuung, für andere gar kein Gedanke wert, manche stürzte sie in tiefste Glaubenszweifel und führte zu einer Abwendung vom Glauben. Andere jedoch nahmen ein schweres Schicksal der Glaubenstreue an und auf sich.

Diesem Gewaltakt vorausgegangen war 1934 eine von der NS-Presse inszenierte Verleumdung und Hetze, deren Ungeist sich auch in heutiger Zeit wiederfinden lässt. Das Verbot der damaligen Evangelisch-Johannischen Kirche nach der Offenbarung St. Johannes war auch eine Reaktion des  NS-Regimes auf das Verhalten Joseph Weißenbergs, der ein Patriot und kein Nationalist war und dessen Meinung zu den neuen Machthabern am 1.1.1933 in der Zeitung Der Weiße Berg veröffentlicht wurde: „Auch Hitler wird nicht das deutsche Volk aus der Bedrängnis herausführen, bis auch er sein Ich in die Hände des Höchsten gelegt hat, bis er aus tiefstem Herzensgrunde beten kann: Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe.“

„Dein Wille geschehe“; dies haben am Abend des 17. Januars 1935 auch viele johannische Christen gebeten, und nicht wenige hatten bei diesen Worten mit sich zu kämpfen. Die Jahre des Kirchenverbotes haben nicht nur großes Leid über die Menschen gebracht, sie waren auch angefüllt von tiefen und stärkenden Glaubenserlebnissen. Nicht wenige, die diese Jahre durchlitten hatten, empfanden diese Zeit deshalb als wertvolle Zubereitung. Dies drückte Kirchenoberhaupt Frieda Müller bei einer Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag des Kirchenverbots unter anderem mit folgenden Worten aus:

„Ist das Werk aus Gott, so wird’s bestehen. Ist’s nicht von Gott, wird’s untergehen. – An einem solchen Tage wie heute, wo uns der Meister alle zusammenführt und wir erkennen dürfen, unter welch einer weisen Führung wir leben, trotz aller Wirren dieser Zeit, wollen wir unsere Herzen aufschließen zum Danken für alle Tage, die er uns durch harte Zeiten gehen ließ, um ihn immer mehr zu finden und ihn in uns aufzunehmen, damit unsere Unvollkommenheit – denn unser Wissen ist Stückwerk – sich seiner Weisheit unterordnet und sie annimmt.“

Jahreslosung 2021: Einer trage des anderen Last – „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Von Siegrun Mauske

Die Herrnhuter Brüdergemeine, die die Tageslosungen auswählt, überlässt die Auswahl der Jahreslosung – ein Bibelvers – der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen. Seit 1934 wird von den katholischen, evangelischen und freikirchlichen Delegierten mit Blick auf den Menschen unserer Zeit und dessen Situation ein Leitvers für das Jahr ausgewählt. Im Jahr 2019 hieß er „Suche Frieden und jage ihm nach“, 2020 „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Für das Jahr 2021 ist es ein Vers aus dem Lukas-Evangelium: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Barmherzigkeit sagt etwas aus über Erbarmen und Herzzeigen. Der gute Hirte ist ein Bild für Barmherzigkeit. Jesus nennt ihn den Vater, der gnädig mit uns umgeht, auch wenn wir das nicht verdient haben. Er nimmt uns aus Liebe an und schließt uns in seine Arme. Gott kommt nicht als Richter in den Blick, der Versagen und Schuld aufrechnet. Dazu passt die großartige Geschichte, die von einem Vater erzählt: Er wartet auf seinen Sohn, der vor Jahren davon gegangen ist, mit allem Vermögen, das ihm zustand. Der hat es durchgebracht, ohne sich damit eine neue Existenz aufzubauen. Jetzt ist dem Sohn nichts mehr geblieben – nur noch die Erinnerung an das Zuhause und an den Vater. Aber wie wird der reagieren, wenn der missratene, verlorene Sohn als mittelloser Versager zurückkommt? Der Vater geht dem Sohn entgegen. Sein Versagen hält er ihm nicht vor. Er wird wieder in seine Rechte eingesetzt – ein gnädiger Vater.

Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet, heißt es in der Bergpredigt, die Hinweise gibt, was zu tun ist, um Barmherzigkeit leben zu können: Verdammt nicht, vergebt. „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ Schließlich wird uns ein volles Maß an Güte und guten Gaben gegeben, und der Herr begegnet uns in seiner vorurteilsfreien Liebe.

Was lehren uns diese Aussagen aus der Bergpredigt: Mit dem Maß, mit dem wir messen, werden wir selbst gemessen. Wir können also auf Selbstrechtfertigung und gegenseitiges Verurteilen verzichten. Die Zuwendung, die wir erfahren, sollen wir weitergeben und auch gnädig mit denen umgehen, die uns scheinbar etwas schuldig geblieben sind. So weicht die Angst im Miteinander. Der Blick weitet sich, es kann Nähe zum anderen gewonnen werden. Barmherzig sein, vergeben geht dem voraus, dass dieses „Richtet nicht“ Sinn macht und sich erfüllt. Das können wir mitten im Alltag leben und erleben. Da geht es nicht nur um Geschichten wie die vom barmherzigen Samariter. Die Not des anderen wahrnehmen, anhalten, aufhelfen, die Wunden versorgen, ein Quartier besorgen – das ist ein Nächster, der das Notwendige tut, ja barmherzig ist.

Ein anderes Beispiel gibt der Soldat Martin, der spätere Bischof von Tours, der für einen Bettler in kalter Winternacht seinen Mantel teilt. Es geht dabei um mehr als um die milde Gabe. Barmherzigkeit macht Schluss mit dem berechnenden „Wie du mir, so ich dir“, dem abweisenden „Was geht mich das an?“ oder dem vorwurfsvollen „Selber schuld“.

Verständnis und Barmherzigkeit können von uns ganz einfach jeden Tag gelebt werden: Jemanden im Vorbeigehen anlächeln, Trost und Freude schenken, das erfreut und tut gut. Es füllt den „eigenen Tank“ auf. Es gehört dazu, uns selbstkritisch zu fragen, wie oft wir mit Kritik richten, obwohl wir selbst auf Vergebung angewiesen sind und nicht besser sind als die, die wir verurteilen. Man will den Balken im eigenen Auge oder die eigene Blindheit nicht wahr haben. Es ist schwer möglich, aus eigenem Antrieb den Teufelskreis der Vergeltung zu durchbrechen und Böses mit Gutem zu überwinden.

Jesus hat nicht Schuld abgerechnet und gerichtet. Er starb für unsere Schuld am Kreuz. Einer seiner letzten Sätze: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Der Balken im eigenen Auge, die eigene Schuld, ist es, die die Sicht versperrt und für das Eigentliche und den anderen blind macht, und auch Gott in seinem Wesen und der Art, wie er uns erreichen will, nicht erkennen lässt. Mit sehenden Augen sehen sie nicht, weil die Herzen verstockt sind, so sagt es Jesus sinngemäß.

Auch die Erlebnisberichte mit Joseph Weißenberg zeigen Begegnungen auf, die Zeugnis ablegen von einer helfenden, heilenden Kraft, von der Betroffene berührt wurden. Noch heute ergreift uns diese Barmherzigkeit, wenn wir zum Beispiel an den Bericht von Oskar Renner denken, der zum Meister ging und dort in der Küche jemanden beim Essen antraf. Dieser sagte dann auf Geheiß des Meisters, dass er ihn als Wärter mit einem Tritt in die Gefängniszelle befördert hatte. Inzwischen war er ein Bettler. Nicht nur Essen erhielt er bei Joseph Weißenberg, auch noch einen Anzug und einen Hut zum Erstaunen der Anwesenden. – Das geht über das menschliche Verstehen hinaus, denn hier erleben wir eine Liebe, die verändern und verwandeln möchte und Menschen im Herzen berührt. Einmal mehr bestätigt sich das Wort, dass durch Wohltun und Liebe geistige Kräfte mobilisiert werden, die an den Funken Gottesgeist in unserer Seele anknüpfen und etwas in Bewegung bringen.

Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen: Der Mensch ist zu unmenschlichen und grausamen Taten fähig. Unsere Zeit ist geprägt von einer kalten Berechnung, von Prestige und Gerangel. Hass- und Gewaltnachrichten sind mehr als reichlich vorhanden. Ein Klima in der Gesellschaft ist unbarmherzig, das Ausgrenzungen duldet, wenn wir an Ausländer, Andersfarbige denken, die immer wieder im Fokus stehen. Es wird oft weggeschaut. Machtgier, Konkurrenzkampf, Druck vom Mithalten-Können, ein Immer-mehr-haben-Wollen lassen das Herz auf der Strecke bleiben. Wäre Barmherzigkeit unser Leitmotiv, würden das Elend anderer oder die Ausbeutung von Rohstoffen, die die Umwelt zerstört oder der Müll unserer Wegwerfgesellschaft, der uns erstickt, unser Herz berühren.

Wir Menschen sehnen uns nach Herzlichkeit, nach anderen in unserer Nähe, nach Liebe, Geduld und Verständnis. Barmherzig ist jemand, der sein Herz bei den Armen hat, mit den Einsamen, Unglücklichen, Kleinen und Schwachen mitempfindet und helfend zur Seite steht.

2020

Jahreswechsel: Mut und Zuversicht für das neue Jahr

Von Johannes Molch

Das Leben erscheint wie eine Gratwanderung. Doch was kann das bedeuten? Zum Jahreswechsel denkt so mancher darüber nach, an welcher Station seines Erdenlebens er wohl sei und wie es weitergehen soll. Allein die eigene Sicht vermag den Sachstand nur ungenügend erfassen. Die Stimmen des Gewissens und der Freunde und Wegbegleiter verhelfen da zu einem eher realistischen Bild, im günstigsten Fall zu mancher Einsicht. Das will allerdings angenommen werden, denn erst dann folgen ganzherzige Taten, Korrekturen, Änderungen. Und spürbare Hilfe gibt’s dann auch.

Wer schafft es schon, seinen Weg unbeirrt an der Hand Gottes vorwärts zu gehen? Die ständige Gewissheit der richtigen Entscheidung ist dem Menschen nicht gegeben. Doch hindurchglauben kann er sich, und dabei bleiben Segen und Führung nicht aus. Letztlich sind doch die Reifeprozesse das eigentliche Vorwärts, auch wenn der Weg manchmal lang und schwer erscheint, das Ziel auch mal aus dem Blick gerät.

Da braucht jeder Mensch Mut und Zuversicht, Glaubensstärkung und Lebenskraft, damit Gottes Licht, Liebe und Himmelsfröhlichkeit allzeit als sichere Führung spürbar bleiben. Das Innehalten gibt da Gelegenheit für eine Standortbestimmung, die wichtig für die eigene Orientierung ist, aber auch für die Abstimmung mit allen anderen Wanderern. Dann wird aus meinem Weg unser Weg und somit der Gottesweg. Wer wollte den nicht gehen?

Der Grat eines Weges ist immer oben, auch wenn es nebenan höhere gibt. Der Einzelne ist jeweils da, wo er jetzt wirklich sein kann. Wunschdenken und sehnsüchtige Blicke nach anderswo mag es geben, das kann auch motivieren. Tatsächlich hilft jedoch nur der eigene, beherzte, nächste Schritt. Der muss selbst getan werden und auch jedem Nächsten zugestanden werden. Da helfen oft nur der Glaube und das Vertrauen in des Herrgotts Führung.

Doch gerade darin liegt das große Potenzial für ein erfülltes Menschenleben im Sinne der Erlösung und des damit verbundenen Gottesfriedens. Es gibt nicht nur den einen Weg, von dem der Mensch auch nur ein winziges Stück sehen und erahnen kann. Die Gratwanderung eines Gotteskindes ist ein Arbeitsfeld voller Seligkeit, wenn nur des ewigen Vaters Nähe gesucht wird und erhalten bleibt. Dann geht es allzeit sicher vorwärts und aufwärts, selbst wenn der Mensch einmal zurückgeht oder abgleitet. Gott sieht es und er hilft – immer! Zu den uns geschenkten Hilfsmitteln gehören dabei auch das Gebet, die Überwindung, jeder Nächste, die Geduld und das unbeirrte Dennoch.

Auf manch scharfem Grat, auf den der Einzelne auftragsgemäß gesandt wird oder sich andererseits aus unbedachtem Leichtsinn begibt, ist Mut nötig. Übermut kann allerdings zu Fall bringen oder gar einen tiefen Absturz zur Folge haben. Die Gottesnähe und der Schulterschluss mit anderen geht dann verloren. Auch der Nächste verliert möglicherweise den Halt, da ihm plötzlich die Sicherung fehlt, der er vertraut hat. Das Mitein­ander wurde also vernachlässigt, vielleicht sogar missachtet, weil das eigene Ich aus der Liebe wich. Somit hat es Folgen für viele. Für andere hilfreich sein gibt übrigens auch Halt für den eigene Weg. Alles ist nur gemeinsam zu bewältigen, auch schwierig erscheinende Wegstrecken auf einsamer Höhe.

Wohl schon jeder hat einmal nach einem mühsamen Aufstieg auf einem Gipfel gestanden, erfreut, es endlich geschafft zu haben. Dann werden der Ausblick und die Weite genossen, die Arme weit ausgestreckt. Gesicht und Seele lächeln, für einen Augenblick wird dankbar Glück und Freiheit empfunden. So kann es auch sein, wenn eine wichtige Aufgabe im Leben erfüllt werden durfte. Rückblickend hat sich dann alle Mühe gelohnt. Das wird, wenn überhaupt, oft erst deutlich, wenn ein Ergebnis offenbar wird. Doch auch eine Offenbarung will angenommen, verkraftet und verstanden werden.

Das Gipfelerlebnis kann und soll stärken, denn es geht ja weiter. Nur äußerlich geht es zunächst wieder abwärts. Ein Mensch kann sich erworbene Himmelskraft ganz zu Eigen machen, um sie für weitere Aufgaben einzusetzen. Gott setzt dazu Zeiten, und der Mensch lebt nach dem Kalender, nach der – inneren – Uhr, nach seinem Empfinden. Dann mag so mancher seine innere Stimme hören: „Nun hast du das weite Land gesehen, seine Schönheit, seine Vielfalt. Und du hast Teil daran. Bis hierher bist du treu gefolgt, hast dich führen lassen, hast auf deinen Nächsten geachtet. Frisch gestärkt geh nun ans Werk. Schau hin, höre zu, es ist alles bereit. Tu das Deine mit Freude, und erinnere dich an das gemeinsame Ziel. Wir sehen uns bei deinem nächsten Gipfelbesuch.“

Wahrhaft Mut und Zuversicht sind jedem Erdenwanderer zu wünschen, nicht nur für ein neues Kalenderjahr. Besonders in Stunden, wo alles verdunkelt erscheint, braucht jeder eine Laterne, die Licht für den nächsten Schritt spendet. Dieses Licht sollen sich besonders die Menschen untereinander sein. Sie können das auch zu jeder Zeit, wenn nur die Nähe zum Vater gesucht wird, wenn das innere Gotteslicht frei leuchten darf. Dann wird es in jeder Lebenssituation Trost und Ausrichtung geben, und der Gottesweg, der weit über das hinausreicht, was irdisch erfassbar ist, wird erkennbarer.

Der feste Glaube kann vieles gewiss machen, er kann sogar eine innere Sicherheit verleihen, die nicht von dieser Welt ist, sich aber hier spürbar auswirken kann zum Segen für viele. Doch auch die dunklen Wolken so mancher schweren, zunächst unverständlichen Lebenssituation sollen dem ewigen Licht weichen, damit der Blick frei wird und bleibt. Da hilft oft nur die Fröhlichkeit aus dem Himmelsquell, die vielen noch so fremd und fern auf der Gratwanderung ihres Lebens erscheint. Darum: Lerne auf dem Grat auch fröhlich und dankbar tanzen! Und wisse: Du bist nicht der erste Mensch, der das tut – und kann!

Weihnachten: Eine stille Nacht – lichte Freunde geleiten uns zur Krippe

Von Detlef Nagel

Die Weihnachtsgeschichte lesen wir immer wieder gern. Irgendwie klingt sie anheimelnd, war es so aber bestimmt nicht. Ein ungefähr 150 Kilometer langer und anstrengender Weg von Nazareth nach Bethlehem Ephrata liegt hinter Maria und Joseph. Wegen der zahlreichen Menschen, die ebenso wie Maria und Joseph nach Bethlehem kommen, um an einer verordneten Volkszählung teilzunehmen, gibt es dort zunächst keine Übernachtungsmöglichkeit für sie, und Maria befindet sich kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes. Endlich erfolgt die Unterbringung, zwar nur in einem Stall, aber immerhin nicht auf der Gasse ohne Dach über dem Kopf.

Nach der Geburt liegt das Baby in einem provisorisch hergestellten Bett, in einer Futterkrippe. Die im Stall befindlichen Tiere haben als erste Geschöpfe des Höchsten das Kind empfangen und begrüßen dürfen. Dann kommen die Hirten, immer noch erschrocken und tief beeindruckt vom Erscheinen der Engel auf dem Felde, wo sie ihre Schafherde hüteten. „Friede auf Erden“ und „Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ Sie hatten sich sofort auf den Weg gemacht und entgegen ihrem Verantwortungsgefühl für die Herde alles stehen und liegengelassen.  Aufgeregt und angespannt sehen sie auf das Kind in der Krippe und das Elternpaar.

Dann schwinden alle Ängste, Sorgen und Nöte durch die friedvolle und kraftspendende Ausstrahlung des Kindes in der Krippe. Die Liebe Gottes dringt in ihre Herzen und lässt sie beglückt wieder zu den Schafen zurückkehren. Die waren in der Zwischenzeit natürlich auch behütet und versorgt und waren vollzählig erhalten.

Auch die Weisen aus dem Morgenland erleben die Kraft der Liebe Gottes beim Erblicken des Kindes. Die Anstrengung der tagelangen Reise voller Gefahren und Beschwerlichkeiten ist wie weggeblasen, und die Dankbarkeit über das Christkind wandelt sich in Glückseligkeit. Sie überbringen ihre kostbaren Geschenke, beten das Kind an und treten voller Kraft und Freude über diese Begegnung mit dem Christkind ihre von Gott gelenkte Rückreise an.

Für beide, Hirten und Weise, hat sich das Leben durch dieses Begegnen mit dem Jesuskind nachhaltig verändert.

Ähnliche Situationen erleben wir auch noch heute, wenn wir beispielsweise uns in einer Notlage befinden und dann dem Herrn dank Jesus Christus oder Joseph Weißenberg besonders nahe sind. Dann schwinden Ängste, Sorgen, Nöte, Zweifel, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit. Sein Geist strahlt auch heute noch den gleichen Segen, Frieden und dieselbe Geborgenheit und Sicherheit aus.

Der tiefe Glaube in uns scheint dann für einen Moment unerschütterlich, die Erdenwelt um uns herum verliert ihre Bedeutung. Doch dann kommen wieder neue Anfechtungen und die Nähe des Herrn muss neu gesucht und gefunden werden, auch, um der geistigen Welt die Richtung anzuzeigen, wo Friede, Wärme, Heimat und Licht zu finden sind. Wir werden durch diese geistige Arbeit, wenn wir sie immer wieder angehen, selbst zu Ruhepolen und Frieden ausstrahlenden Menschen, bei denen sich wiederum andere Geschöpfe und Geister wohl fühlen und die Nähe des Herrn empfinden.

Zwei Geistfreundworte wollen uns das Fest der Weihnacht verständlicher machen:

„Meine lieben Freunde! Was feiern wir am Heiligen Abend? Die Geburt Jesu! Es ist die Geburt des Sternensohnes, die Geburt des Sohnes Gottes, der aus der großen Ordnung der in Gottes Gesetz leuchtenden Sterne hervortritt, um auf dieser Erde geboren zu werden. Diese Geburt bringt für die Erde eine Zeitenwende. Mit ihr tritt Heiliger Geist auf diese Erde, ein Geist, den diese Erde nicht kennt, ein Wesen, das allen Kindern Gottes auf dieser Erde verloren gegangen ist und zwar in einem solchen Ausmaß, dass die Erde als Stern kalt und öde und lieblos, vom Leben ausgeschlossen ist. Das muss man in seiner vollen Tragweite erfassen und dann weiß man auch, dass es auf den Geist ankommt, der aus diesem Kind heraus in das einzelne Menschenherz strahlt.“ –

„Möchte jetzt auf dem Weg zur Weihnacht nur das eine große Wünschen in euch noch Platz haben: ,Herr, lass Ruhe einziehen, dass ich den Nächsten lieben kann. Lass Ruhe einziehen, dass alle widersprüchlichen Gedanken doch weichen möchten, und gib, dass ich endlich so vergeben kann, wie es der Geist der Weihnacht braucht.‘ Wenn jeder jedem vergibt, dann zieht der Frieden ein, den der Herr meint. Wenn jeder jedem vergibt, dann wird eine große Ruhe kommen, kein Kampf wird mehr unter euch sein. Das ist das, wovon gesagt ist, dass es Licht der Weihnacht ist, das über alle flutet gleichermaßen, wo alle sich freuen können, weil jeder sich freut. – Geist der Weihnacht, du verwandelst alles, wandle die Herzen!“

Vor 100 Jahren wurde in Glau der Grundstein für die „Friedensstadt“ – Heil und Halt in der Gemeinschaft

Von Rainer Gerhardt

Mitglieder und Freunde der Johannischen Kirche in Blankensee gedachten kurz vor Jahresfrist des 100-jährigen Bestehens der Friedensstadt Weißenberg nahe Trebbin. Dieses Siedlungswerk spiegelt in ganzer Tragweite die Entwicklungen, Verwerfungen, Katastrophen aber auch Hoffnungen und Möglichkeiten wieder, die gerade auch Brandenburg in dieser Zeit geprägt haben.

Der Religions- und Sozialreformer Joseph Weißenberg (1855–1941) und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter legten am 19. Dezember 1920 den Grundstein für das erste Wohngebäude eines Siedlungswerkes, das seitdem den programmatischen Namen „Friedensstadt“ trägt. Nach den katastrophalen Erlebnissen des Ersten Weltkrieges und als Gegensatz zur Massenverelendung in den Berliner Mietskasernen entstand am Fuße der Glauer Berge eine Genossenschaftssiedlung, in der Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft Wohnraum, Arbeit und einen Halt für ihr Leben finden konnten – in christlicher Gemeinschaft.

In nur 15 Jahren wurde auf märkischem Sandboden eine Heimstatt für 400 Menschen errichtet, trotz Inflation und Weltwirtschaftskrise. Die Friedensstadt verfügte 1935 über eine moderne und ausbaufähige Infrastruktur, über ein vorbildliches Altersheim und nannte eine beliebte Gastronomie ebenso ihr Eigen wie unterschiedliche Wohnraumformen. Die Bewohnerinnen und Bewohner entwickelten eine florierende Landwirtschaft und versorgten sich mit Gärten und Stallungen weitgehend selbst.

Das letzte eingeweihte Gebäude war 1934 eine Schule, doch über deren Turm wehte bereits die Hakenkreuzfahne. Die Nationalsozialisten setzten dem genossenschaftlichen Siedlungswerk ein jähes Ende, 1935 wurde die Johannische Kirche (damals Evangelisch-Johannische Kirche nach der Offenbarung St. Johannes) verboten, Joseph Weißenberg und enge Mitarbeiter verhaftet und in Schauprozessen verurteilt. Die Friedensstadt wurde von der Waffen-SS besetzt und deren Bewohner nach und nach vertrieben.

Das Ende des Krieges erlebten auch die Mitglieder der Johannischen Kirche als Befreiung vom Nationalsozialismus und Möglichkeit, ihr religiös-soziales Wirken wieder aufnehmen zu können. Es war ein Offizier der sowjetischen Besatzungsmacht, der das große Gotteshaus zurückgab – mit den Worten: „Beten Sie auch für Russland!“

Die benachbarte Friedensstadt blieb indes von der Sowjetischen Armee als Garnison bis 1994 besetzt. Kurz vor seinem Tod in schlesischer Verbannung gab Joseph Weißenberg 1941 seiner Tochter und Nachfolgerin Frieda Müller (1911–2001) mit auf dem Weg: „Wir bekommen alles wieder, aber lass dir die Zeit nicht lang werden.“ Diese Worte wurden für johannische Christinnen und Christen zu einer unerschütterlichen Zuversicht, eines Tages wieder in die Tore der Friedensstadt einziehen zu können.

Ansatzweise war dies Dank privater Freundschaftsbande möglich. Wieder war es ein sowjetischer Offizier, der den ersten Besuch von Kirchenoberhaupt Frieda Müller und ihrer Nachfolgerin Josephine Müller (1949–2019) in der Garnison ermöglichte. Aus gegenseitiger Achtung entstand Vertrauen. Da die Genossenschaftler 1944 den Nationalsozialisten mutig den Verkauf der Siedlung verweigert hatten, war die Rechtslage eindeutig. Nach der Wende gab es bereits erste Gebäudesicherungs- und Instandhaltungsmaßnahmen in der Garnison. 1994 erfolgte der Abzug der sowjetischen Truppen aus der Friedensstadt. Josephine Müller erhielt im März die Siedlung vom russischen Generalleutnant Swetkow zurück. Im Juni 1994 bestätigte das Bundesvermögensamt die Eigentumsübergabe.

Seit über 26 Jahren wird die Friedensstadt im Sinne ihres Erbauers wieder aufgebaut. 2020 als das Jahr des 100-jährigen Bestehens sollte von vielen Festen und Veranstaltungen begleitet werden, doch die Pandemie stellte dies auf den Kopf. Vielen ist noch einmal klar geworden, wie segensreich dieses Gemeinwesen gerade in Zeiten der Krise ist, wenn Solidarität und Gemeinsinn aber auch Disziplin im Sich-Fügen in Unvermeidliches das Zusammenleben prägen. Stefan Tzschentke, Oberhaupt der Johannischen Kirche, sagt zum Jubiläum: „Vor 100 Jahren entzündeten Joseph Weißenberg und seine Mitstreiter mit dem Bau der Friedensstadt ein Licht in dunkler Zeit, und alle Stürme der Welt konnten es nicht zum Erlöschen bringen. Heute möchte sich die Friedensstadt einreihen in viele andere Lichtpunkte unseres Landes und unserer Region, die diese heller, bunter, lebenswerter und friedvoller machen wollen.“

Adventszeit: Werde ein Licht! Das Geschenk der Liebe braucht kein Geld

Von Paul Schuchardt

Auch in diesem Jahr werden wir Weihnachten feiern, wenn auch äußerlich etwas anders als sonst. Doch das Wesentliche des Weihnachtsgeschehens vollzieht sich in unserem Inneren. Jesus wird geboren. In einem Stall in dem kleinen Dorf Bethlehem im jüdischen Land kommt er in die Welt. Das geschieht vor Menschenaugen. Doch ist das alles? Was ist da wirklich geschehen?

Über Jahrhunderte lebten die Menschen in Angst. Sie fürchteten sich vor den Mächtigen der Welt, vor den Geistlichen und vor Gott. Die Würdenträger stellten Regeln und Gesetze auf, wie man gottgefällig zu leben hat und sie predigten: Es wird dem schlecht ergehen, der sie nicht einhält, Gott wird ihn strafen und verdammen.

Doch manche erinnerten sich an Prophetenworte, dass ein Messias, ein Erretter kommen wird, der ihnen Trost und Hilfe in ihrer Not geben wird. Aber auch sie erwarteten einen, der ihnen äußeren Ruhm und unbezwingbare Herrschaft über ihre Feinde bringen wird.

Nun wird der Christus geboren und ist so ganz anders. Er spricht die Herzen an. Er bringt die Botschaft der bedingungslosen Liebe Gottes in die Menschenwelt. Ein Engel ruft die Hirten mit den Worten: „Fürchtet euch nicht!“, denn die Engel wissen um die Furcht der Menschen vor dem mächtigen Gott. Nun erleben die Menschen einen, der vom himmlischen liebevollen Vater spricht, der alle seine Kinder liebt. Dieser Vater will nur eines, dass die Liebe in uns Menschen wächst.

Jeder Mensch hat ein solches Licht in seiner Seele. Aber Angst mauert dieses Licht ein und lähmt. Deshalb wird zu allen Zeiten von denen, die über andere herrschen wollen, den Menschen Angst gemacht. Doch diese harte Kruste um das Licht in der Seele bricht auf, wenn wir erleben, dass jeder, der es nur will, bei Gott liebevoll aufgenommen ist. Dann beginnt die Seele des Menschen zu leuchten. So wird aus Angst Glaubensmut, aus Gegeneinander Gemeinschaft, aus Misstrauen Vertrauen, aus Feindschaft Freundschaft. Die Menschen, die sich Jesus zuwenden und sein Wesen erleben, verändern sich. Voller Freude verkünden sie die frohe Botschaft, dass der Heiland geboren ist, der etwas ganz Neues bringt, über das man sich nur freuen kann. Dieses Erleben, dass ich von Gott geliebt bin und damit einen Wert habe, der nicht zerstörbar ist, ermutigt zu einem neuen Leben.

So ist es auch heute. Weihnachten wird sein, wenn wir diese bedingungslose Liebe des Christus spüren und dadurch das Licht in unserer Seele ebenfalls zu leuchten beginnt und damit die Liebe in uns wächst. Wohl alle Menschen sehnen sich nach Liebe ohne Bedingungen, nach Angenommen-Sein und Wertschätzung. Oft suchen wir das in Äußerlichkeiten, in Titeln, Ruhm und Ehre und wollen es unter Einsatz vieler Mittel erzwingen. Doch Liebe lässt sich nicht kaufen oder erhandeln.

Jedes Jahr haben wir die Gelegenheit, das Weihnachtsgeschehen neu zu verstehen und Liebe zu schenken. Dieses Geschenk braucht kein Geld. Schenken wir einem anderen Zuwendung, Achtung, Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Anerkennung, Geborgenheit, das wird ihm und uns selbst guttun und uns vieles mit neuen Augen sehen lassen.

Die Welt bekommt ein anderes Gesicht. Es ist vielleicht das Gesicht deines Nächsten, der dir neu zu vertrauen beginnt, weil er in dir das Licht der Liebe des Christkinds erkennt.

Adventszeit: Der Weg zur Krippe – die verzeihende Liebe zählt

Von Siegrun Mauske

Die Tage sind kürzer, es wird zeitig dunkel, eine stille Zeit meldet sich an, die lichtvolle Adventszeit. In dieser Zeit Advent findet man nach innen gerichtete Worte, Erlebnisse, die Trost und Hoffnung vermitteln, immer wieder als etwas Beglückendes. Man blättert in Weihnachtsgeschichten und fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. So sind es zum Beispiel auch diese Worte von Schwester Friedchen, einst als Weihnachtsgruß versendet, die mir in die Hände fielen und mich ansprachen, da sie Ausrichtendes zum Inhalt haben:

„Wie alle Jahre wieder pilgern wir nach Bethlehem in den Stall zu seiner Krippe und bitten inniger denn je: Schenke Frieden der Welt und uns. Gib Heimat den Heimatlosen. Fülle alle Herzen mit deiner großen, verstehenden Liebe, die alle Menschen eines werden lässt im Vergeben und Verzeihen. Reiche deinem Nächsten die Hand, damit das Böse schwindet. Gebt Gott die Ehre. Er ist unser aller Vater und liebt seine Kinder aller Glaubensrichtungen. Es gibt verschiedene Wege zu Gott, aber nur ein Haus Gottes, wo ein jeder aus einem anderen Fenster schaut in seine Glaubensrichtung. Auf dem gemeinsamen Weg – auch hier gibt es nur eine Krippe zu Bethlehem – finden wir uns alle wieder und singen gemeinsam mit den himmlischen Chören: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen. Von Gottes Kraft und Liebe erfüllt schreiten wir zur Tat, schenken Liebe, Freude und bitten: Lass Feinde Freunde werden, damit es in die Welt strahlt und Frieden wird. Jedes Licht hilft in einer dunklen, zerrissenen Welt, baut Brücken, nicht nur mit Worten. Lasst Taten sprechen, wo alle im gemeinsamen Vaterunser zusammenfinden unter dem Lichterbaum der Ewigkeit.“

„Schenke Frieden“, diese uralte Bitte klingt nötiger denn je. Dieser Friede beginnt im Herzen, der auch den anderen einbezieht. Wo es aber ungerecht wird, erkaltet die Liebe, erlischt das Licht. Das ruft Unzufriedenheit, ja Unfrieden auf den Plan. Und alle Umkehr fängt damit an, dass ich den anderen sehe, ihn einbeziehe und mit seinen Fragen nicht allein lasse und Anstehendes geklärt und bereinigt wird. Verzeihen können wird zu einem Schlüssel, der Türen zu neuen Räumen öffnet. Advent will uns etwas von der vorurteilsfreien, verzeihenden Liebe Gottes nahebringen. Wir dürfen davon in dieser lichtvollen Zeit nehmen.

Licht lässt den Weg, eine Situation, auch Ungeordnetes besser erkennen und macht die Schritte sicherer. Licht ist Wärme, die wohltut und verständnisvoller werden lässt. Wenn wir uns mit dem Lichterstrom dieser Zeit, seiner Liebe verbinden, werden wir die Krippe finden, aber auch den Nächsten verstehen und annehmen können. Jener Funke Gottesgeist in unserer lebendigen Seele kann so angetan werden und etwas zum Leuchten bringen um uns herum. Das bringt Sicherheit und macht Mut für die nächsten Schritte. Dabei zu erkennen, wo man selbst steht, lässt zudem leichter den anderen finden und ihn verstehen. Der Weg zu Gott geht mit und für den Nächsten.

Viele solcher Funken, die da zum Leuchten gebracht werden und sich verbinden, bilden eine Lichterkette, die wiederum vielen zur Orientierung wird, gleichsam einem Hoffnungsstrahl. Kraft wächst aus solcher Zuversicht, die dem Unguten, der Ohnmacht, dem Zerstörerischen Paroli bietet. Gemeinsamkeiten trotz mancher Unterschiede von einem zum anderen werden gefunden, die uns helfend, bewahrend unterwegs sein lassen und Mitmenschlichkeit ermöglichen. Dazu fordert uns die Weihnachtsbotschaft auf: „Ehre sei Gott in der Höhe, und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Ein solches Bekenntnis wird zum Segen.

Reformationstag: Reformieren, aber was? – Frei sein in Verantwortung vor Gott

Von Siegrun Mauske

Sagen und tun, was man möchte, wie einem ums Herz ist, unabhängig von Vorgaben und Erwartungen anderer, dahinter verbirgt sich ein Freiheitsbedürfnis, denn Einengung bedeutet eine gewisse Unfreiheit. Reformen sind nötig, um aus einer Starrheit herauszuführen – eine Reformation, die mehr denn Revolution bedeutet. Es geht um das Durchdringen von Normen und Vorgaben bis hin zur Liebe Gottes, die dem Leben Ziel und Halt gibt und das Leben in Verantwortung vor Gott leben lässt, auch, in der Freiheit Neues zu erfahren und zuzulassen. Es meint kein Leben, das verantwortungslos und frei von Sorgen ist, sondern eine innere Freiheit, die bestimmend ist.

Was mache ich zum Beispiel mit der mir geschenkten Zeit? Da stehe ich selbst in der Verantwortung gegenüber dem Nächsten und Gott, die mich immer wieder mein Sein mit all dem, was auf mich einwirkt, hinterfragen lässt. Niemand kann das Gewissen des anderen sein, das mich unmittelbar mit Gott verbindet und das tun lässt, was geboten ist.

Jesus, der am Sabbat heilte, der mit Frauen sprach, zum Zöllner ging, hat Grenzen seiner Zeit überschritten. Gottesmänner zu allen Zeiten haben es vorgelebt, menschenfreundlich mit einer vorurteilsfreien Liebe umzugehen, die weit über Normen der jeweiligen Zeit hinausging. In der Liebe Gottes liegt die erneuernde Kraft, wie es das Gebot der Nächstenliebe beschreibt. Und: „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“, heißt es im Korintherbrief. Es geht um eine innere Freiheit, die nach außen gelebt wird und frei vom Urteil anderer ist, sich aber mit den Fragen der Zeit auseinandersetzt. Selbst wenn bestimmte Dinge beschränkend oder einengend sind, ist Verantwortung und das Einstehen für die Freiheit des anderen gefragt. Erneuerung, Freiheit und Verantwortung, darum wird es bei einer jeden Reformation gehen.

Reformation wird als eine Erneuerung begriffen, als ein Hinfinden zu den eigentlichen, ursprünglichen Kräften, auch als ein Weg mit der Seele. Es ist die Bereitschaft zur inneren Auseinandersetzung, zur Umkehr und Neubesinnung hin zur Gesundung der Seele. Wir denken gern an den Weg Martin Luthers, der gerungen hat, den gnädigen, gerechten Gott zu finden, und wie man ihm gerecht wird. Er fand die Antwort im Wort Gottes. Auch hier hat er um jedes Wort gekämpft, um es in Reinheit und Wahrheit zu übersetzen und allen als Speise für die Seele zugänglich zu machen. Worte, die helfen wollen, als das Licht auf unserem Weg und der Liebe Raum zu geben. Worte Gottes als Hilfe auf dem Weg des Werdens wollen mit dem Herzen gelesen werden, um dann zu wissen, was vernünftigerweise zu tun ist. Nur das tiefe Bewegen des Wortes, der laufende Umgang damit, dass man es sozusagen umwälzt, lässt uns im Alltag damit etwas anfangen, weil das Wort uns erfasst und in uns etwas in Bewegung bringt. Dies wird ein Licht aufgehen lassen und Herz und Gewissen berühren, hin zu einem gottwohlgefälligen Tun. Darin bin ich frei, um dann das zu tun, was meiner Erkenntnis entspricht.

Der Mensch wird gerecht ohne des Gesetzes Werk, allein durch den Glauben. Man darf auf Gottes Güte vertrauen und muss ihn nicht gnädig stimmen, um als etwas zu gelten. Glauben ist Vertrauen, ich kann mich in Gottes Liebe fallen lassen. Wer Gott vertraut, hat den Segen, auch um in der Welt zu bestehen und sie mitzugestalten. Das eigentliche Ziel ist die Zuwendung zum Nächsten. Aus Dankbarkeit für Gottes Liebe werde ich selbst zu jemandem, der Liebe weitergibt, weil er mein Nächster ist, dem ich Gutes ohne Nebengedanken tue. Das alles meint Luther mit der „Freiheit eines Christenmenschen“, womit er sich intensiv beschäftigt hat. Das ist Ausdruck reformatorischen Geistes, der sich auch in seinen 95 Thesen findet und einen ungeahnten Aufbruch in Gang setzte.

Ich bin also frei vor Gott, frei von Bevormundung oder religiösen Zwängen, denn Gott liebt mich vorbehaltlos. Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Es gilt darauf zu setzen, dass Gottes Wort wirkt und dieses auf dem Boden von Gottvertrauen wächst und Frucht bringt, wenn man mutig, klar und mit viel Herz für Ihn einsteht. Es geht um die Freiheit der Gedanken, der Worte, des Geistes. Das darf mich aber nicht verführen, über andere zu herrschen und sie zu unterdrücken. Reformation meint Erneuerung und Veränderung und dennoch Bewahrung. Es geht sozusagen um Wurzeln, die Flügel verleihen. Es ist stets ein sich Hinwenden zu dem, der Liebe ist, ein Weg, der immer neu Weichen stellt, wie einst. Es ist ein immerwährender Prozess, der sich in unserer Zuwendung zum Nächsten, zu Aufgaben, in unserer Liebe zeigt. Es gilt vor Gott nicht, uns zu beweisen, denn irgendein Tun allein ist nicht der Zugang zur Freiheit, zu uns selbst oder zu Gott. Frei sein für etwas taugt – für Gott und für den Nächsten. Und Wahrheiten brauchen Mutige, die sie aussprechen.

Erntedank: Danket dem Herrn, denn er macht alles gut

Von Friedhard Werner

Es ist Erntedank. Wofür danken wir in diesem Jahr? Trotz Viruspandemie hat uns der Herr gut durch das Jahr geführt, hat uns Früchte des Feldes und des Gartens geschenkt, die eben nicht so ganz selbstverständlich, ganz nebenbei gewachsen und gereift sind. Nahrungsmittelknappheit und Hunger sind in unserem Land ausgeblieben, wenngleich sie auch mit Bekanntwerden der Pandemie befürchtet wurden und es Bevorratungskäufe gab.

Im Grunde müssen wir in diesem Jahr mehr danken als in anderen Jahren. Gottes Güte und Liebe sind mit uns, und wir wollen dafür auch weiterhin bitten und täglich danken. Für uns gilt, trotz gegenwärtiger Einschränkungen, nicht undankbar zu werden. Sehen wir die kleinen Wunder jeden Tag neu, die trotz Klimawandel geschehen, dass beispielsweise aus einem winzigen Samenkorn ein Keim sprießt und eine Pflanze entsteht, ist nichts Gewöhnliches und Normales. Besonders dann, wenn das, was man immer hat, in Gefahr ist oder genommen wird, lernt man das Gewohnte erst schätzen. Es kommt dann zu einem Umdenken in uns Menschen, die Sicht auf die Dinge des Lebens ändert sich – auch das ist eine gute Frucht, die in uns geistige Reife bringt.

Wir danken dem Herrn für das, was wir haben und nicht für das, was wir gern hätten. „Sei dankbar für Weniges, so wirst du für würdig befunden, Größeres zu erhalten.“ Dieses sinngemäß zitierte Wort aus einem unserer kirchlichen Bücher gibt die Möglichkeit, unser Schicksal anzunehmen, mit Einschränkungen und unliebsamen Veränderungen im Leben klar zu kommen und immer wieder auf Gott zu hoffen, der alles am Ende gut macht.

Wir können es in der Schöpfungsgeschichte nachlesen, wie weislich er alles auch für uns Menschen erdacht hat und wie er über seine Werke sprechen konnte: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war alles sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.“

Wir dürfen weiter hoffen und glauben, dass er es auch mit unserer ganzen Erde zum Guten führen will, auch mit jedem Menschen trotz der negativen globalen Veränderungen. Wir selbst müssen das aber auch wollen. Wir sind daher angehalten, uns als seine Geschöpfe zu erkennen und in seinem Geist der Liebe zu handeln, um das Gute in jeden geschenkten Tag vom Himmel herabzuziehen. Nutzen wir die Möglichkeit aus, uns als Halm eines großen Ährenfeldes zu verstehen, das nur gemeinsam den Ertrag bringt, wenn wir uns in unseren Gemeinden zum Altar begeben. Dass wir es in diesem Jahr überhaupt dürfen, ist schon etwas Besonderes. Zu unserem Dank muss immer auch gehören, dass wir nur im Miteinander die Reife erzielen, die vor Gott zählt. So wie er sich klein gemacht hat und selbst Mensch geworden ist, dienstbar war allen Menschen gegenüber, ist es auch unsere Aufgabe. Welch eine gute Ernte können wir erzielen, wenn uns der Gemeinschaftssinn treibt und die Dankbarkeit uns für jeden Tag erhalten bleibt. Dann können wir auch von Herzen in die wunderschönen Erntedanklieder einstimmen und unser Lob und unseren Dank dem Herrn schenken. Er macht alles gut.

Kirchentagswoche und Geburtstag Joseph Weißenbergs: Aus Schlechtem versuchen, Gutes zu machen

Von Johannes Franke

Wir kommen vom 13. August, einem Tag, der uns – ähnlich wie Karfreitag – unter anderem lehren möchte, dass, was im ersten Moment für die Menschen wie eine Niederlage aussieht, im Geiste einen großen Sieg bedeuten kann. Nun stehen wir vor der Kirchentagswoche. Die Woche, in der normalerweise johannische Christen von vielen Orten kommend zusammen in die Friedensstadt und nach Berlin eilen, um johannische Gemeinschaft zu erleben, ein religiöses Heimatgefühl zu empfinden, die neu Konfirmierten in die Gemeinschaft aufzunehmen, sich ganz innig mit dem Meister verbunden zu fühlen und vieles mehr.

Doch in diesem Jahr ist alles anders. Die Kirchentagswoche kann nicht wie gewohnt stattfinden. Einiges von dem, was wir liebgewonnen und geschätzt haben an dieser Woche, wird es in diesem Jahr nicht geben. Das kann Verunsicherung und auch Traurigkeit in uns auslösen.

Doch der Geburtstag unseres lieben Meisters Joseph Weißenberg ereignet sich auch in diesem Jahr am 24. August. Und auch in diesem Jahr schallt uns an diesem Tag sein Wahlspruch – der auch auf seiner Gedenkstätte niedergeschrieben ist – entgegen: „Ich will aus dem Allerschlechtesten etwas Gutes machen!“

So kann uns diese Kirchentagswoche zu der Erfahrung verhelfen, dass auch die Corona-Epidemie letztlich unter diesem Ausspruch steht. Wollen wir unserem Meister zu seinem Fest die Freude machen, dass wir uns ernsthaft bemühen, seine Nachfolge auch in dieser Hinsicht anzutreten. Wollen auch wir versuchen, diesen Ausspruch zu einem Teil unseres Denkens, Redens, Schreibens und Handelns werden zu lassen, dass auch wir uns bemühen aus allem Schlechten, was uns begegnet, etwas Gutes zu machen. Das bedeutet in vielen Bereichen harte Arbeit.

Wir erleben jetzt, dass der oft gesagte Spruch: „Das haben wir schon immer so gemacht, und es hat nicht schlecht funktioniert“, nur noch selten zu hören ist. Vieles ist im Wandel und muss in diesen Zeiten neu gedacht werden. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, denn wenn wir uns fragen, wie wir ein gemeinschaftliches kirchliches Erleben in diesem Jahr ermöglichen oder erleben können, dann befassen wir uns auch mit dem Wesentlichen dieses Erlebens. Die Aufgabe, zum Kern, zum Eigentlichen, zum Wesentlichen des Glaubens und des Lebens vorzudringen, haben wir schon mehrfach von geistiger Seite vernommen. Somit sind wir auch, und vielleicht sogar ganz besonders in dieser Zeit, von Gott behütet und geführt. So hält auch diese Zeit ihre Erkenntnisse für uns bereit und kann uns zur Reife dienen, wenn wir sie in diesem Sinne nutzen.

Darüber hinaus gibt es noch andere Dinge, die uns diese Zeit im Besonderen lehren kann. Die schnelle Veränderung, die wir in verschiedenen Lebensbereichen erleben, zwingt uns zu einer gewissen Flexibilität und Spontaneität. Das sind Eigenschaften, die man in erster Linie mit der Jugend verbindet, die aber mit dem Streben nach immer besserer Organisation und einem möglichst reibungslosen Ablauf, vom Alter unabhängig, Gefahr laufen verloren zu gehen. Eine möglichst gute Vorbereitung ist natürlich erstrebenswert und erleichtert vieles. Dennoch kann es passieren, dass der Anspruch – sowohl aus einem selbst als auch von außen – manche guten Impulse und Inspirationen mitunter schon im Keim erstickt, weil Bedenken oder Zweifel direkt mit bei der Hand sind. Wenn Ansprüche zunehmend in dieser Weise lähmend wirken, ist ein gesundes Maß, das eine gewisse Qualität sichert, in Gefahr. Die Umstände dieser Tage zwingen uns aber nun wohl oder übel eine gewisse Flexibilität oder auch Spontaneität auf. Es liegt an uns, was wir daraus machen.

Wir können mit den Umständen und ihren Ergebnissen hadern und uns nach der gefühlten Sicherheit und Verlässlichkeit vergangener Tage sehnen. Oder wir versuchen, auch diese Dinge im Sinne des Meisters anzunehmen, indem wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Vielleicht können wir dann eines Tages auf diese Zeit zurückblicken und feststellen, dass wir aus dieser Zeit für uns gelernt haben, ein besseres Gleichgewicht aus Planung und Offenheit für Inspiration und den Geist der Stunde gefunden zu haben. Dann wäre auch diese äußerlich schwere Zeit letztlich wiederum in einen Sieg aus geistiger Sicht verwandelt worden.

So liegen auf dem Weg, den Gott uns führt, immer wieder Erkenntnisse für uns bereit, die uns offenbar werden, wenn wir lernen, alles, was uns begegnet, in dieser Weise zu prüfen.

Wollen wir in der Zeit auf dem Weg zu seinem Fest versuchen, uns dem Denken und Handeln unseres lieben Meisters anzunähern. Wollen wir versuchen, aus Gottes Hand alles immer wieder mit dankbaren Herzen, frischem Mut und Zuversicht anzunehmen. Wollen wir auch versuchen, uns der vermeintlich schlechten Dinge anzunehmen und zu prüfen, was wir daraus Gutes machen können. Was wir daraus lernen können und wie wir alles immer wieder unserem Nächsten zum Nutzen und Gott zur Ehre einsetzen können. Dann wird uns Gott aus Gnade immer wieder Möglichkeiten offenbaren, und wir dürfen den Meister dadurch erfreuen.

Leben in der Krise: Wann wachen wir auf? – Jeder hat einen Teil Verantwortung für das Ganze

Von Paul Schuchardt

Leben in einer Krise, ist das eher bedrohlich oder hoffnungsvoll? Was hat uns diese Zeit zu sagen? Wird nur etwas hineininterpretiert in die besondere Lage, in der sich jetzt die ganze Welt befindet?

Krise – ein Wort aus dem Griechischen, es bedeutet: Entscheidung, entscheidende Wendung. Wir erleben in dieser Zeit alles wie durch eine Lupe: Immer mehr Menschen stellen sich die Frage, in welchen Zusammenhängen sie eigentlich leben, in welchen Abhängigkeiten sie stehen. Menschen entwickeln in Zeiten von Kontaktbeschränkungen neue Formen von Öffentlichkeit und finden neue Wege, miteinander in Beziehung zu treten. Inmitten aller Beschränkungen entsteht eine neue Freiheit, die Möglichkeiten eröffnet, aus dem Erprobten, Konventionellen auszuscheren. Wir staunen über die kreativen Ideen, die Menschen nutzen, um spontan mit anderen in Kontakt und Austausch zu kommen, Hilfen in Notlagen anzubieten, etwas Neues zu wagen, was wegen befürchteter eigener Nachteile bisher eher vermieden wurde. Viele Menschen entdecken und erleben vielfach unmittelbar, wie sehr ihr eigenes Wohlergehen, aber auch das der großen Gemeinschaft von eigenem, verantwortungsvollem Handeln abhängt.

Andererseits werden durch den Abbau von hektischer Betriebsamkeit Ungerechtigkeiten im Zusammenleben der Menschen und Völker viel stärker bemerkt. Die Art und Weise, wie wir mit anderen Menschen, mit Tieren, der Natur und unserer ganzen Umwelt umgehen, kann nun deutlicher wahrgenommen werden – wenn wir dem nicht ausweichen, wegsehen oder uns als unbeteiligt betrachten. Diese Zeit bietet eine große Chance, aus eigener, authentischer Erfahrung zu lernen und damit nachhaltige Veränderungen zu bewirken. Wenn auch manche immer noch der Meinung sind, dass nach dieser Krisenzeit alles weitergehen soll, wie es vorher war, wächst die Hoffnung bei vielen Menschen, dass diese Zeit der Anfang von neuen Entwicklungen im Zusammenleben auf dieser Erde ist. Es ist zu offensichtlich ins Bewusstsein gerückt, wie stark wir durch unser eigenes Verhalten bisher das Leben auf der Erde gefährdet haben.

Manchmal holt uns ein Schicksal, was uns bekannt wird, aus der Ecke heraus, dass wir vor allem selbst beschützt und behütet sein wollen. Kürzlich sahen wir einen Fernsehbericht über eine ägyptische Familie, die auf einem kleinen Boot auf dem Nil lebt. Das Boot mit einer Zeltplane war die einzige Bleibe der Eltern und ihrer Kinder. Jeden Tag fuhren sie auf den Strom, um einige Fische zu fangen – das war ihr Essen. War der Fang gut, verkauften sie einen Teil, um sich etwas kaufen zu können, was sie unbedingt brauchten. Die Kinder konnten nicht zur Schule gehen, dafür war kein Geld vorhanden. Wir waren erschüttert über die Perspektivlosigkeit dieser Menschen: Wir haben keine Ahnung, wie viele Menschen so leben müssen!

So können wir uns fragen, wann wachen wir auf? Wann verstehen wir, dass wir alle etwas verändern müssen angesichts der misslichen Lage so vieler Menschen, Tiere und der ganzen Umwelt? Jeder Einzelne kann etwas verändern. Oft ist dann jedoch zu hören: Was kann ich kleiner Mensch schon tun? Das entscheiden doch ganz andere, die da oben. Damit habe ich nichts zu tun.

In dieser Krise wird jedoch für jeden erkennbar, dass jeder Mensch einen Teil der Verantwortung für das Ganze hat. Dennoch denken, reden und handeln wir so oft wider besseres Wissen. In unserem Alltag können wir anfangen, das Licht was in uns ruht, wieder leuchten zu lassen: Wach sein, ein Mensch sein, der weiß: Wie ich mit dem Nächsten umgehe, wirkt unmittelbar auch auf mich selbst. Wenn ich einen anderen schlecht mache, schade ich meiner eigenen Seele. Wenn ich einem anderen etwas Gutes tue, ist das Balsam für meine eigene Seele. Der liebevolle Kern in meiner Seele kann nur gut leben und wirken, wenn er Liebe, die von mir verschenkt wird, erlebt. Es sind Dinge, die wir oft gehört haben, die wir wissen. Mich haben Worte des Propheten Jesaja zu dem, was wesentlich ist und helfen kann, sehr berührt. Es lohnt, besonders seine Worte in Jesaja 58,6-7 nachzulesen und sie sich zu Herzen zu nehmen. Diese Worte sind etwa 2.700 Jahre alt und immer noch aktuell. Und – wie es sein wird, wenn wir wirklich etwas ändern wollen und beginnen es zu tun, das beschreibt Jesaja in den Versen 8-12, denn: Gott hilft! – Wann wachen wir auf?

Zum 15. Juli: In Gedenken an Josephine Müller – eine Schwester für uns alle

Von Rainer Gerhardt

„Kirche ist das, was der Einzelne ausstrahlt, inwieweit der Einzelne Gott durch sich wirken lässt.“ Josephine Müller. – Wenn wir von einem lieben Menschen Abschied genommen haben, wird uns dessen Bedeutung für uns, für unser Leben zutiefst bewusst. Wir erinnern uns an Begegnungen, Gespräche, Blicke, Gebete, gemeinsame Zeit unseres Lebens. Gedanken wie diese – verbunden mit einer sehr großen Dankbarkeit – bewegen uns in diesen Tagen um den 15. Juli, den Geburtstag unseres am 30. Dezember 2019 heimgegangenen Kirchenoberhaupts Josephine Müller. Vor einem Jahr konnten wir noch in großer Gemeinschaft mit ihr im Waldfrieden ihren 70. Geburtstag feiern. Der Abschiedsgottesdienst für Schwester Josephine am 11. Januar markiert bis auf weiteres die letzte Großveranstaltung dieses Jahres, zu der wir zusammenkommen konnten.

Schwester Josephine ist ein Oberhaupt „zum Anfassen“ gewesen, immer auf gleicher Höhe der Augen und des Herzens mit ihrem Gegenüber. Wer zu ihr in die Sprechstunde ging, bekam das Gefühl vermittelt, alle Zeit der Welt zu haben, um Kummer und Sorgen, aber auch Dank vortragen zu können. Manche ihrer Antworten waren nicht immer gleich verständlich, mit der Zeit wurde aber klar, was sie intuitiv angesprochen hatte. Zu manchem harten Wort sagte sie später, dass es ihr darum ging, deutlich zu machen, dass der Mensch – also wir, die wir zu ihr gingen – nicht noch einmal den Treueschwur Gott gegenüber brechen sollte.

Schwester Josephine hatte nicht nur einen Blick für das Wesentliche, für das Große und Ganze, sondern auch für das Detail. Das Wohl des einzelnen Menschen lag ihr immer am Herzen. Hier fragte sie nach und ließ nicht locker, bis eine gute Lösung gefunden wurde. Ebenso tief war ihr Empfinden für das Schicksal der Tiere oder der ganzen Schöpfung Gottes.

Missbrauch der Natur, Tierquälerei, Lebensmittelverschwendung, Energievergeudung – auf all diese Dinge blickte sie mit großer Sorge und setzte ein persönliches Beispiel, ein „Dennoch“ entgegen, getreu dem Wort: „Wir können keine Welt ändern, es sei denn, dass ein jeder in sich selbst zur Erkenntnis der Wahrheit kommt und sich bessert.“ Zum Thema Lebensmittelverschwendung sagte sie: „Möchten wir nicht einmal für alles hungern müssen, was wir an Essen weggeworfen haben.“

Mutig, konsequent und vorbildlich ging sie uns im Werk unseres Meisters Joseph Weißenberg voran. Von Finanznöten ließ sie sich nicht umwerfen, auch wenn diese wohl so manche schlaflose Nacht mit sich brachten. „Das Geld bringen die Geister“, aber es muss gut und gewissenhaft verwaltet werden, war ihre Antwort auf so manche bange Frage. – Ihr Vertrauen zum Meister wurde sicherlich zeitlebens herausgefordert, aber hier hielt sie unerschütterlich stand wie ein Fels, aber nicht einer aus Stein, sondern ein Fels aus Liebe.

Ihre Demut im Glauben und ihre Bescheidenheit, wenn es um ihre eigene Person ging, haben Menschen tief beeindruckt. Gerade jene, die weit entfernt leben und ihr nur wenige Male begegneten, haben die Größe ihres Glaubens und ihres liebevollen Wirkens deutlich und dankbar erkennen können. – Wesentlich war für sie das Amt, das der Mensch trägt und das im Sinne einer theokratischen Ordnung gelebt wird, wie von ihr das Amt des Oberhauptes. Diesem Amt galt alle Ehre und Treue, aber ihr, die sie es über Jahrzehnte getragen hatte, gilt unsere Dankbarkeit und Liebe.

Persönliche Begegnungen mit ihr haben viele tief beeindruckt. Ein Vaterunser in ihrer Nähe beten zu dürfen, war etwas Besonderes, denn wie intensiv Schwester Josephine die Worte „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe“ betonte, zeugte von tiefstem Gottvertrauen.

Den Auftrag zur „Überbrückung der Konfessionen durch die Liebe“, den der Meister Joseph Weißenberg an seine Kirche bereits 1926 gerichtet hatte, setzte Schwester Josephine konsequent um. Eine „Öffnung der Kirche“ hieß für sie aber nicht, dass nun alle weggehen, denn irgendjemand von uns muss die Menschen begrüßen und annehmen, die der Meister uns zuführt. Dafür müssen wir im Glauben, im eigenen Bekenntnis authentisch und erlebbar sein und bleiben, damit das Wesen des johannischen Christentums erkennbar werden darf. Bei Schwester Josephine ist dies immer erkennbar gewesen. Das darf bleiben.

So danken wir an diesem 15. Juli für eine Frau, für „unsere Fine“, die als Oberhaupt der Johannischen Kirche eine Schwester für uns alle gewesen ist. Beispielhaft drücken dies ihre folgenden Worte aus: „Möchte das einfache, unkomplizierte liebevolle Handeln unsere treibende Kraft sein.“

Das Vaterunser: Herr, lehre uns beten – Mit dem Vaterunser im Herzen handeln

Von Verena Wittke

„Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.“ Diese Bitte eines Jüngers an den Heiland, beschrieben im Lukas-Evangelium, rührt an. Was mag ihn wohl zu dieser Bitte bewegt haben?

Versetzen wir uns einmal zweitausend Jahre zurück und begleiten den Heiland und einige seiner Anhänger auf ihrem Weg durch das Land. Es ist Abend geworden, die Männer beschließen zu rasten. Sie entzünden ein Feuer, sie lagern sich darum, vielleicht haben sie etwas zu essen dabei. Wie schon einige Male zuvor verlässt Jesus die Gruppe seiner Gefährten und zieht sich in den Schutz eines Felsvorsprungs zurück, kniet nieder und beginnt zu beten. Er tut es ganz still, sodass die Jünger seine Worte nicht hören, und doch nehmen sie den andachtsvollen Frieden wahr, den ihr Meister ausstrahlt, während er Zwiesprache hält mit seinem Vater. Sie empfinden: Da spricht ein Kind mit seinem Vater, dessen Güte und unerschütterlicher Liebe es gewiss ist. Sie erleben es als etwas Besonderes, obwohl sie sicher von Kindesbeinen an Gebete als wesentlichen Bestandteil jüdischen Glaubenslebens kennengelernt haben. Und so bitten sie ihn: „Lehre uns beten.“ Ich bin sicher, auch Jesus hat diese Bitte sehr berührt, und so setzt er sich zu ihnen und lehrt sie: „Wenn ihr betet, so sprecht: Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. Gib uns unser Brot immerdar. Und vergib uns unsre Sünden, denn auch wir vergeben allen, die uns schuldig sind. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel.“ Er gibt ihnen ein Gebet, das bis heute Christen in aller Welt und in allen Sprachen sprechen, wenn sie sich mit dem Strom Gottes verbinden möchten. Doch sind es natürlich nicht die Worte allein, die einen Menschen die Nähe des himmlischen Vaters empfinden lassen. Ein Gebet kann nur dann zu einem Zwiegespräch mit dem Herrn werden, wenn jedes Wort aus tiefstem Herzen gesprochen werden kann: „Du bist mein Vater, dein Name sei gelobt! Dein Friede komme auf diese Erde, deinem Willen möchte ich folgen, denn du willst das Beste für mich. Lass dein Wort mir geistige Speise sein und erhalte mich in meinem Leben. Vergib mir das, was ich Unrechtes tue, und auch ich will all jenen vergeben, die mich kränken. Hilf mir, das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Gute vom Bösen zu unterscheiden und alles Ungute abzulegen. Denn du bist mein ewiger und allmächtiger Vater. Diese Bitte möchte ich in Christi Namen vor dich bringen. Amen.“ Wahrhaft ein Geschenk des Himmels oder, wie wir es im Dritten Testament lesen können, ein Schlüssel für jene Welt, mit dem den Himmel aufschließen kann, wer ihn gut gebraucht.

Auch wir johannischen Christen sprechen das Vaterunser – am Morgen, zur abendlichen Feierstunde, in den Gottesdiensten oder auch, wenn wir ein Geburtstagskind in ein neues Lebensjahr begleiten oder unser Tagewerk beginnen. Und doch: Wie viele dieser Gebete sind wirklich mit dieser Hingabe des Kindes an den Vater gesprochen, wie es Jesus vorlebte? Wie oft empfinden wir wahrhaft den himmlischen Vater, wenn wir beten „Vater unser“? Joseph Weißenberg wies mit dem öfter vom ihm gesprochenen Lehrgedicht auch auf die Millionen von Gebeten hin, die kommen und die der Herr nicht erhört. Verklingt nicht so manches auch unserer Gebete ungehört, weil wir eben nicht mit dem Herzen dabei sind? Tragen wir nicht eine ebensolche Sehnsucht in uns, wie sie in der Bitte der Jünger spürbar wird? Auch wenn die Zeit, in der wir jetzt stehen, in der einen oder anderen Hinsicht anstrengend und manchmal sogar schmerzhaft ist, bringt sie doch auch Gutes in uns auf den Weg und lehrt uns, neu die Kraft des Gebets zu erfassen. Weil der Heiland verspricht: „So ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er’s euch geben“, dürfen wir darauf vertrauen, dass jedes wahre und ernstlich gesprochene Gebet lichte Helfer an jene Orte oder zu jenen Menschen ruft, die der Hilfe bedürfen. Dies mag uns besonders bewusst sein, wenn wir derzeit jeden Abend in unserer Feierstunde noch ein weiteres Vaterunser beten für die Menschen in allen Ländern dieser Erde, für den Frieden, die Besonnenheit und die innere Ruhe in Gott. Doch entbindet das Gebet uns nicht von der Verantwortung, auch selbst zu einem solchen Helfer zu werden im praktischen Tun, in unserem Alltag: Gebet und Arbeit – beten und liebevoll am Nächsten handeln. Mit dem Vaterunser im Herzen handeln lässt uns Eigenes überwinden, den anderen als Gotteskind annehmen und als kleines Licht Trost und Heimat auf dieser dunklen Erde verbreiten.

Pfingsten: In Gott geborgen – Glaube schenkt uns Kraft und Zuversicht

Von Erhard Marek

„Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer, und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen, und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen.“

So können wir es zu Beginn des zweiten Kapitels der Apostelgeschichte in der Heiligen Schrift lesen. Das Weitere sei kurz erzählt: Die Menschenmenge war verwundert und irritiert. Waren die Menschen, die da mit „anderen Zungen“ predigten, nicht einfache Leute aus Galiläa? Wie konnten sie dann in anderen Sprachen reden? Dann trat Petrus auf mit den anderen Jüngern und predigte den Menschen von Jesus Christus und der Kraft Gottes mit dem Ergebnis, dass sich „bei dreitausend Seelen“ taufen ließen. Das ist wohl der Grund, weshalb wir heute das Pfingstfest als die Geburtsstunde der christlichen Kirche bezeichnen.

Kirche – was fällt mir spontan dazu ein? Gottesdienst, Gemeinde, Gemeinschaft, Freundschaft, Hilfe geben und empfangen, Gespräche, Kraft, Fröhlichkeit... Sicherlich gibt es noch viel mehr Gedanken dazu, aber die erwähnten allein sind doch wichtige Punkte in unserem Leben.

Durch die Auswirkungen der Coronapandemie sind zurzeit viele Dinge nicht möglich. Aber vielleicht verstehen wir dadurch einige Dinge anders, als wir es „normalerweise“ gewöhnt waren. Die Kirche braucht nicht uns, sondern wir brauchen die Kirche! Oder lasst mich einen Schritt weiter gehen: Der liebe Gott braucht nicht uns, sondern wir brauchen ihn!

In der johannischen Glaubenslehre gibt es verschiedene wunderschöne Worte über die Kirche: „Die Kirche wird von Gott geschaffen. Ihr sollt sie auf dieser Erde erhalten, den Menschen nutzbar machen und in Wort und Werk vorleben. Nicht nur hineingehen in die Kirche: Die Kirche soll in euch sein. Die Kirche sollt ihr leben, denken, fühlen. Mit der Kirche im Herzen sollt ihr handeln.“ Oder ein anderes: „Eine Kirche hat so viel Kraft, wie ihre Mitglieder Liebe zum Nächsten haben.“

Wir können zurzeit nicht „hineingehen in die Kirche“, das war für uns selbstverständlich, ist es aber nicht! Das Treffen mit Freunden, miteinander zu reden, fröhlich zu sein, war für uns selbstverständlich, ist es aber nicht! Trotzdem können wir aber dankbar und glücklich sein, dass wir per Telefon oder Computer an Gottesdiensten teilhaben können, dass wir am Karfreitag das Heilige Abendmahl des Geistes als Kraftquelle erleben durften, dass wir per Telefon Kontakte pflegen können und uns gegenseitig informieren und helfen können. Es gibt viele Menschen in der Welt, die diese Möglichkeiten nicht haben. Oder denken wir an die Zeit des Kirchenverbotes von 1935 bis 1945: Damals war es nur unter großer Gefahr möglich, mit anderen Kirchenmitgliedern Kontakte zu pflegen und zu erhalten.

Wir haben jetzt die Chance zu begreifen, dass viele „selbstverständliche“ Dinge in unserem Leben in Wahrheit ein Geschenk Gottes sind. Durch die Coronapandemie können wir wieder Dankbarkeit und Demut lernen und hoffentlich in unserem Herzen behalten.

Ein Gedanke bewegt mich noch zum Schluss dieses Artikels. Unser Meister hat davon gesprochen, dass alles im Leben Magnetismus ist. Ich verstehe das so, dass die Gedanken, die ich in meinem Kopf bewege, eine entsprechende geistige Welt anziehen, denn „Gedanken sind Gewalten, sind Gestalten“. Fühle ich mich in Gottes Hand sicher, werde ich Sicherheit verbreiten. Bin ich fröhlich, werde ich Fröhlichkeit verbreiten. Denke und handle ich in Liebe für die anderen, werde ich Liebe verbreiten. Aber habe ich Angst, denke nur an mich, oder ist mir alles egal, werde ich dann eine entsprechende geistige Welt anziehen und mich damit umgeben. Ich glaube, dass wir in dieser Zeit eine Menge in und an uns bewegen können. Wenn wir das mit Gott tun, wird es für uns alle der richtige Weg sein. Bleiben wir weiterhin sicher, fröhlich, einander zugewandt und in Gott geborgen!

Pfingsten: Ein großes Pfingstfest – Heiliger Geist wirkt über Abstände hinweg

Von Rainer Gerhardt

„Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen … und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen.“

Das urchristliche Pfingstgeschehen, von dem die Bibel hier in der Apostelgeschichte berichtet, war ein Erlebnis in einer großen Gemeinschaft, und es mündete in ein besonderes Ergebnis: in die Gründung der christlichen Kirche. Weiter heißt es: „Die nun sein Wort gern annahmen, ließen sich taufen; und wurden hinzugetan an dem Tage bei dreitausend Seelen.“

3000 Menschen – von Versammlungen in dieser Größe können wir in diesen Tagen nur träumen. In der Johannischen Kirche wird das Pfingstfest traditionell in großer Gemeinschaft gefeiert; Mitglieder – wir sprechen von Geschwistern – aus nah und fern kommen zusammen. So groß können wir Pfingsten in diesem Jahr nicht begehen, aber wird es deswegen kleiner? – Keineswegs!

Das Wesentliche am Pfingstfest ist nicht das, was wir sehen können, sondern das, was wir nicht sehen, aber erspüren oder glauben können: der Heilige Geist Gottes. Dieser hat Wunder bewirkt: Menschen spürten eine Kraft, die sie befähigte, ihren Glauben nicht nur hinter verschlossenen Türen zu zelebrieren, sondern in aller Öffentlichkeit zu leben. Aus einer Einmütigkeit heraus befähigte sie die Kraft Gottes, Barrieren der Sprache und des Verständnisses zu überwinden. Das Zeugnis von Jesus Christus, von seinem Wirken, seinem Opfertod und seiner Auferstehung sprach Menschen in ihrem Innersten an und machte sie zu gläubigen Nachfolgern – 3000 an einem Tag!

Dieser Heilige Geist ist nicht an Raum und Zeit gebunden – damals ebenso wenig wie heute. Deswegen kann und will er auch in dieser Zeit in uns und durch uns wirken, auch und gerade wenn wir nicht in großer Gemeinschaft zusammenkommen können, sondern uns nur im kleinsten Kreis versammeln.

Unsere Einmütigkeit wird doch nicht allein durch unser Beisammensein gelebt, sondern durch unsere innere Verbindung zueinander. Gute Gedanken überwinden Raum und Zeit ebenso wie der Heilige Geist, denn sie speisen sich aus derselben Kraft: aus der Liebe Gottes.

Ja, wir vermissen das gemeinschaftliche Beisammensein, das Erleben von Pfingsten in der Gemeinde Gottes.

Das lässt uns das Geschenk der Gemeinschaft vielleicht auch wieder neu wertschätzen.

Geistfreunde haben uns vor kurzem gesagt: „Gerade in dieser Zeit, in dieser Fastenzeit des Geistes, in der euch etwas genommen wird, was für euch immer selbstverständlich war: die Gemeinschaft – in dieser Zeit lernt ihr zu erkennen, was für euch wirklich von Bedeutung ist und was nicht. Jeder von euch trägt dazu bei, dass etwas besser werden kann. Jeder von euch kann entscheidend dazu wirken, dass die Liebe wahrhaft größer wird und fest in der Gemeinschaft!“

So dürfen wir auch zu diesem Pfingsten darauf vertrauen, dass wir die Kraft Heiligen Geistes erleben, die mit diesem Fest verbunden ist, denn sie fließt uns über alle Grenzen und Barrieren und Abstände hinweg zu.

Das ist das Wunder von Pfingsten, und es ist einfach wunderbar!

Christi Himmelfahrt: Zeit der Vorbereitung – Was uns Christi Himmelfahrt vermittelt

Von Paul Schuchardt

Jesus Christus verabschiedet sich von den Jüngern und kehrt heim in das Himmelreich. Dieses Ereignis nennen wir Christi Himmelfahrt. Es lohnt sich, etwas genauer hinzuschauen, was da geschehen ist.

Nach seiner Auferstehung hat Jesus vierzig Tage lang Gemeinschaft mit den Jüngern. Er redet mit ihnen vom Reich Gottes und lässt sie erleben, dass er nicht tot ist, sondern tatsächlich lebt. Es wird den Jüngern zu einer Gewissheit, was sie sich zuerst überhaupt nicht vorstellen konnten. Die Freude darüber wird unter ihnen immer größer. Und dann kommt der Tag des scheinbaren Abschieds. Jesus spricht mit ihnen und gibt ihnen einen klaren Auftrag und eine Verheißung. Sie sollen in Jerusalem versammelt bleiben und darauf warten, bis sich das an ihnen erfüllt, was er ihnen vom himmlischen Vater verheißen hat.

Doch die Jünger fragen ihn dennoch, ob er denn nun das alte Reich Israel wieder aufrichten würde. Immer noch beherrscht sie der Wunsch, alten Glanz und Gloria wiederzubekommen. Doch Jesus spricht zu ihnen von einer ganz anderen Aufgabe. Es geht gar nicht darum, wieder alte Formen zu erreichen. Es geht um etwas ganz Neues: Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und damit zu meinen Boten, zuerst in Jerusalem, dann in ganz Judäa und Samaria und schließlich auf der ganzen Erde.

Sie werden ihm ziemlich fassungslos nachgeschaut haben, als er vor ihren Augen in den Himmel aufgenommen wurde. Zwei Engel, so berichtet es die Bibel, erinnern sie, dass sie nun nicht ständig sehnsuchtsvoll in den Himmel schauen sollen, sondern das tun sollen, was Jesus gesagt hat. So gehen sie nach Jerusalem und es wird berichtet: „Diese alle waren stets beieinander einmütig mit Beten und Flehen samt den Weibern und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.“ Damit folgt eine stille Zeit, und niemand weiß, wie lange sie dauern wird. Sie wird zu einer Zeit besonderer Vorbereitung, einer inneren Reinigung, einer Zeit, in der der Glaube wächst.

Mich erinnert das alles sehr an die Situation, die wir jetzt gerade überall erleben. Es ist etwas für uns alle Unerwartetes geschehen. Die ganze Welt wird in eine gewisse Stille geführt. Es wird im wahrsten Sinne des Wortes überall ruhiger. Kürzlich las ich in einem Bericht, dass die Seismologen beispielsweise auf der Zugspitze wesentlich präzisere Messungen vornehmen können, weil der von Menschen verursachte Lärm so stark reduziert ist, wie man es noch nicht erlebt hat. Selbst der Berg wird stiller.

Viele fragen danach, wann denn diese Zeit endlich vorbei ist, wann wieder das alte Leben fortgesetzt werden kann. Aber es gibt auch andere, die schon verstehen, dass das Leben nach diesem Einschnitt etwas anders sein wird, als es vorher war. Eine stille Zeit kann der Anfang zu etwas Neuem sein. Es gibt Menschen, die bewusst in eine stille Zeit gehen, wenn sie eine Veränderung in ihrem Leben bewirken wollen. Was finde ich, wenn ich in mir stiller werde? Es ist wie das Schauen in einen Wasserspiegel. Erst wenn das Wasser ruhig geworden ist, kann ich mein Spiegelbild erkennen.

Manche sehen jedoch solche Ereignisse auch als eine Strafe Gottes an, als eine Folge sündhaften Verhaltens von Menschen. Doch ich frage, woher will man das wissen? Der Gott, der Liebe ist, führt uns zu neuen Einsichten und Erkenntnissen. Sie werden uns geschenkt, wenn wir zu einer Einmütigkeit finden. Die Welt ist nicht etwas Feindliches, sondern das Arbeitsfeld, in dem wir als Zeugen der Liebe Gottes wirken sollen.

„Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur“, so war der Auftrag Jesu Christi, und: „Jeder wird erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“

So geht es nicht um Abschottung und Sicherung einer Macht vor einer feindlichen Welt, sondern um den Glauben an Gottes Liebe und Kraft sowie darum, genau das zu leben. Dazu schenkt uns Gott heiligen Geist. Er wird Ängste in uns überwinden und das Vertrauen stärken, weil wir erleben, dass Gottes Liebe die Kraft ist, die alles Kranke heilen kann. Lasst uns die jetzige stille Zeit nutzen, dass uns diese Kraft geschenkt werden kann wie damals den Jüngern Jesu.

Osterfest: Der Herr lebt! – Der Auferstandene will uns aufrütteln

Von Rainer Gerhardt

Das diesjährige Osterfest ist so ganz anders, als wir es geplant, gedacht oder erhofft haben. Statt gemeinsame Gottesdienste und Treffen im großen Kreis unserer Lieben zu erleben, werden wir das Wort Gottes in kleiner Gemeinschaft per Telefon oder Video vernehmen und anschließend in sehr überschaubarer Runde essen und den Tag verbringen. Das soll Ostern sein?

„Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ DAS ist Ostern, das ist die Botschaft, die uns erfreuen, aber auch aufrütteln soll.

Im Moment sind eine große Anzahl von Menschen von einem kleinen Virus aufgerüttelt worden. Alte Gewissheiten müssen neuen Einsichten weichen, Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Sein auf Erden werden gestellt. Was gestern war, ist heute völlig anders, und ob es morgen wieder so wie gestern sein wird oder anders bleibt, das ist ungewiss.

In der Ungewissheit sehnen wir uns nach Gewissheit, suchen sogar nach alten Gewissheiten, die wir fast schon vergessen und abgeschrieben haben. Und auf einmal wird auch der Glaube wieder entdeckt – nicht als Opium fürs Volk, sondern als Trost und Stärke.

Der momentane Verlust von Gemeinschaft und Nähe macht uns deren Bedeutung wieder bewusst und kann uns ihren Wert neu erkennen und schätzen lassen. Das ist ein inneres Karfreitagsgeschehen, wie es unendlich stärker die Anhänger Jesu vor 2000 Jahren erleiden mussten. Doch in dem Moment, als sie in der tiefsten Dunkelheit gefangen waren, erstrahlte ihnen das Osterlicht: Der Herr lebt!

Diese Nachricht rüttelte sie auf und gab Mut und Kraft zur Nachfolge. Lassen auch wir uns aufrütteln – nicht von einem kleinen Virus und seinen großen Folgen, sondern vom Herrn!

Kirche in Zeiten der Not: Gerade jetzt ist Gottvertrauen wichtig

Von Rainer Gerhardt

Das öffentliche Leben kommt zurzeit in Deutschland und anderen Ländern weitgehend zum Stillstand, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Nach der Schließung von Grenzen, von Kitas, Schulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen sowie von Kultureinrichtungen und Gastronomiestätten haben die Bundesregierung und die Bundesländer Anfang der Woche weitere Einschränkungen beschlossen.

Nachdem der Berliner Senat am vergangenen Samstag bereits Versammlungen mit mehr als 50 Personen untersagt hatte, musste am Sonntag, dem 15. März, die Andacht im johannischen Gemeindehaus in Berlin-Kaulsdorf ausfallen. Im St.-Michaels-Heim fand sie mit geringerer Teilnehmerzahl statt. Der Gottesdienst im Waldfrieden konnte durchgeführt werden, da im Land Brandenburg noch andere Bestimmungen galten. Mittlerweile ist aber das Abhalten von Gottesdiensten bundesweit untersagt. 

Kirche in Zeiten der Not – wie kann sie überhaupt noch stattfinden, wenn wir nicht mehr zusammenkommen dürfen? Im Matthäus-Evangelium sagt Jesus Christus: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Gemeinschaft mit dem Herrn – und das ist Kirche – können wir auch im kleinen Kreis pflegen. Gebete und Gedanken sind nicht an Raum und Zeit gebunden.

Die Kirchenleitung nimmt die Entwicklung ernst und sucht mit den vielen Verantwortlichen nach Wegen, wie das Hören von Gottes Wort, der Empfang der Sakramente, die seelsorgerische Betreuung, die religiöse Unterweisung sowie die praktische Unterstützung von Hilfsbedürftigen ermöglicht werden können.

Am vergangenen Sonntag nutzten sehr viele die Möglichkeit, sich telefonisch in die Gottesdienste im St.-Michaels-Heim und im Waldfrieden einzuwählen. Ebenfalls übertragen werden täglich um 17 Uhr die in der Friedensstadt durchgeführten Abendgebete, und auch die Abschiedsfeiern auf unserem Friedhof in der Friedensstadt können per Telefon mitverfolgt werden. Die Einwahlnummern sind in jeder Weg und Ziel auf Seite 2 veröffentlicht. An weiteren Übertragungsmöglichkeiten wird gearbeitet.

Die Johannische Kirche hat aufgrund der besonderen Situation für dieses Jahr Ausnahmereglungen für das Spenden des Abendmahls (siehe Seite 3) und des Sakraments der geistigen Heilung herausgegeben. Diese Kraftquellen sind geistiger Natur, die weltliche Durchführung ordnet sich dem unter. Auch hier sind aber wieder Änderungen möglich – je nachdem, wie sich die Situation entwickelt.

In unseren Gemeinden haben wir ein gutes Netzwerk, wir kennen einander und helfen uns gegenseitig. Wichtig ist, dass diese Informationen aktuell bleiben. Wer ein Sakrament, einen Zuhörer, eine praktische Hilfe braucht, kann sich immer an seinen Missionshelfer oder an den Gemeindeführer wenden. Mit der ganzen Gemeinde kann und soll geholfen werden.

Für das Jubiläumsjahr „100 Jahre Friedensstadt“ wurde in 2020 eine Vielzahl von Veranstaltungen geplant. Diese werden nun mit dem 19. Dezember 2020, dem Jahrestag der Grundsteinlegung, beginnen und dann im Jahr 2021 durchgeführt. Das gibt Planungssicherheit für unsere Organisationsgruppen, Gemeinden und Gäste. Über all diese Entwicklungen und Veränderungen wird umgehend und fortlaufend informiert. 

Trotz dieser Verschiebung wollen wir gerade die jetzige Zeit nutzen, um als johannische Gemeinschaft dem Meister Joseph Weißenberg Dank zu sagen für dieses Geschenk seiner Stadt und für das in uns gesetzte Vertrauen.

Kirche in Zeiten der Not heißt nicht, dass eine Kirche von allem verschont wird, sondern dass sie an der Hand des Herrn durch diese Not geführt wird. „Krankheit ist Geist“, und deshalb gilt es auch zu erkennen, welcher Geist mit dieser Krankheit verbunden ist. Not zu erleben ist eine Prüfung unseres Glaubens und damit auch immer eine Chance, dass dieser kräftiger werden kann. Es ist eine Zeit, an unserer Unsicherheit zu arbeiten: Wo stehe ich für Gott und zu meinem Nächsten? Heilsam, weil segenbringend bleibt das Gebet, die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Wir dürfen den Herrn dabei immer auch um Schutz für uns, für unsere Lieben und alle unsere Mitmenschen bitten, und in diese Gebete möchten wir auch alle Ärzte, Pfleger und Forscher einschließen.

Der Meister hat uns auf Zeiten wie diese vorbereitet und uns geistige Hintergründe erklärt. Die von ihm gesendeten Geistfreunde haben schon vor fast 20 Jahren am 17. August 2002 gesagt:

„Der Herr ist der Hirte! Und mit diesem Wissen müsst ihr euch nicht fürchten. Es wird euch an nichts mangeln! Meine Lieben, haltet zusammen! Alles ist Schulung. Alles, was ihr seht, alles, was ihr hört, alles, was ihr tagtäglich durchlebt, ist Schulung von Gott. Wie viel wichtiger ist eine Zeit, in der mit Nachdruck geschult wird, im Vergleich zu einer Zeit, in der alles wie von selbst läuft. Der Herr hat nicht zum Vergnügen sich einst erschaffen diese Welt. Es ist ein Übungsstern, und eure Übung ist: Gott lieben und euren Nächsten wie euch selbst. Ihr wisst, dass er sich mit Irdischem nicht ehren lässt, dass er nur eure Liebe will. Und alles, was euch widerfährt, soll diese Liebe stärker machen und soll euer Erkennen stärker machen: was wichtig ist und was nicht.

Der Herr bleibt bei euch und stützt euch und führt euch, auch durch Zeiten der Not, so dass ihr sagen könnt: ,Der Herr ist mein Hirte‘, es hat mir niemals gemangelt, und es wird mir an nichts mangeln! Trete einer für den anderen ein, wenn die Zeiten kommen, dass der Starke dem Schwachen helfen muss, der Reiche dem Armen etwas abgibt. Dass die Gemeinschaft nach außen hin erkennbar wird als seine Gemeinschaft, seine Nachfolger in Christo Jesu!“

Bekenntnistag am 6. März: Aus tiefstem Herzen bekennen – Gott baut auf uns

Von Verena Wittke

Seit Beginn des Christentums bekennen Christen ihren Glauben. Sie bekennen, was den strahlenden Kern ihres Glaubens ausmacht, wonach sie ihr Leben und Handeln ausrichten wollen. Ein frühes Bekenntnis, unter dem sich Christen sammelten, finden wir im Brief des Paulus an die Gemeinde in Philippi: „Jesus Christus ist der Herr!“

Wir johannischen Christen werden am 6. März, dem Tag des Heimgangs unseres Kirchengründers und Meisters Joseph Weißenberg, zum Bekenntnisgottesdienst zusammengerufen. Wenngleich wir in dieser Zeit auch der Verfolgung und der schweren Zeit Joseph Weißenbergs in der Verbannung gedenken, möchte uns doch vor allem das Versprechen, das wir mit seinem Heimgehen verbinden, gegenwärtig sein: „Wenn ich im Fleische nicht mehr unter euch bin, werde ich im Geiste zehnmal stärker unter euch wirken.“

Wenn wir gemeinsam unseren johannischen Glauben – an die Dreieinigkeit Gottes und an Gottes Offenbarungen durch Mose, Jesus Christus und Joseph Weißenberg – bekennen, verbinden wir uns nicht nur mit den lichten Kräften der Ewigkeit, sondern erneuern auch unsererseits unser Versprechen, für Gott einzutreten und zu einem willigen Werkzeug in seiner Hand zu werden. Mutig mit Gott für Gott!

So ist die Zeit um den Bekenntnistag auch eine Zeit, die eigene Position zu bestimmen: Wo stehe ich? Wie werde ich ein brauchbares Werkzeug? Von welchen unnützen, eigensinnigen und eitlen Gedanken muss ich mich noch trennen, damit in mir Raum entsteht, in dem der göttliche Funke Liebe zur Flamme werden kann? Und: Darf ich ihm schon Fels sein oder bin ich noch haltloser Sand? In einem Choral heißt es „Du baust auf Gott, das ist schon recht, doch wisse, Gott baut auch auf dich.“ Ich habe bei diesen Zeilen immer das Gleichnis des Heilands vor Augen, von dem das Evangelium des Matthäus berichtet:

Der Heiland gab den Menschen in seinen Predigten viele Hinweise und Mahnungen für ein Leben, das sie näher zu Gott führen kann. Er sprach davon, dass diejenigen, die seinen Worten in ihren Herzen und ihrem Leben wahrhaft Raum gäben, einem klugen Manne glichen, der sein Haus auf Fels baute, so dass es trotz Sturm und Unwetter bestehen blieb. Diejenigen aber, die seine Worte hörten und keine Taten daraus erwachsen ließen, verglich er mit einem törichten Menschen, der sein Haus auf Sand baute und erleben musste, wie es im Unwetter zerstört wurde.

Wer wollte sich schon als einen solchen törichten Menschen sehen? Wer wollte sich gar selbst mit einem Bauwerk vergleichen, das bei Regen und Sturm, bei den ersten heftigen Anforderungen des Lebens den Grund verliert und zusammenstürzt? Und doch muss ich mich wohl fragen, ob ich wirklich ein so verlässlicher und treuer Helfer in seinem Werk zu sein vermag, wie Gott es sich wünscht? Ob aus meinem Handeln seine Liebe spricht oder ob ich meine Kraft eher eigennützig und zu meinem Vorteil einsetze? Ob ich Trost bringe und zur Heilung beitrage oder ob ich selbst verletze? Trete ich voller Freude für seinen Namen ein oder fürchte ich noch die Meinung der Menschen? Vertrete ich wahrhaft glaubwürdig, woran ich glaube? Wie tröstlich und ermutigend in dieser bisweilen schmerzhaften Selbstüberprüfung ist es zu spüren, dass der Meister mich liebevoll annehmen will, wie ich bin: „Wie schön es ist, Joseph Weißenberg auf seinem Weg zu folgen! Und dann seht ihr auch seinen klaren Blick, wie er euch durchschaut, wie er genau weiß, was er an euch hat, heute, jetzt, morgen, bis zu eurem Lebensende.“

Ausrichtung, Mahnung und Hilfe bekommen wir durch unsere geistigen Freunde auch auf unserem Weg durch diese Tage und durch dieses Leben: „Möchte euch der 6. März und euer Bekenntnis weiter geradeaus führen, dass ihr reift und wachst in dem, was seines Geistes ist. Der Funken Liebe, der euch so viel bedeuten soll und der ihm so viel bedeutet, lasst ihn größer werden! Stellt den Stolz des Wissens ganz nach hinten und nehmt aus seiner Hand an, was an Kraft und an Freimachendem durch euch fließen soll! – Alle seid ihr Werkzeuge, alle, wo immer ihr steht auf dieser Erde, denn ihr seid Weißenberger, und das ist eine Auszeichnung vor dem Geist! Aber der wahre Weißenberger, der muss ein Vertreter des Geistes der Wahrheit sein. Und so arbeitet nun daran, heute und die restliche Zeit eures Lebens, soviel ihr noch davon habt. Nutzt eure Zeit aus, wahrhaft, klarer, mutiger zu werden, aufzutreten für den Herrn! Und fürchtet euch nicht vor Menschen. Es ist immer angesagt, nur Gott zu fürchten und sonst nichts auf der Welt!“

Möchten wir aus tiefstem Herzen unseren johannischen Glauben bekennen und daraus die Kraft schöpfen, mit unserem Leben Zeugnis abzulegen für seine Liebe!

Zum 7. Februar: Kirchenoberhaupt Frieda Müller – Vorbild und Liebe

Von Siegrun Mauske

Frieda Müller, einstiges Oberhaupt der Johannischen Kirche und Vorsitzende des Johannischen Sozialwerks, die am 10. Juni 2001 heimging, ist allen Johannes-Christen und vielen darüber hinaus in bleibender Erinnerung. Wir gedenken ihrer anlässlich ihres Geburtstages am 7. Februar.

Es war ihre Menschlichkeit, die als Trost, Hilfe und Hoffnung beim anderen ankam. Das brachte ihr auch Respekt, Sympathie und Anerkennung bei Glaubensfreunden und Behörden ein, mit denen sie tun hatte. Ein Schwergewicht ihrer Arbeit lag zunächst in der Sammlung der Kirchenglieder und dem Wiederaufleben kirchlichen Lebens nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg, nach Verbot und Verfolgung. Und es war stets das über die Kirche hinausgehende soziale Engagement aus christlicher Verantwortung, das sie umtrieb. Das entsprach ihrem Lebensmotto: „Tausend Worte ergeben noch keine Tat.“ Eng damit verbunden war jenes Anliegen ihres Vaters Joseph Weißenberg: „Haltet den Glauben hoch.“ Anspornend und fröhlich steuerte sie das Kirchenschiff, das offen, tolerant und sozial sein sollte.

Auch nach der Teilung Deutschlands hat sie die gemeinsame Kirchenarbeit und die Verbindung zum Ostteil des Landes intensiv unter großem persönlichem Einsatz aufrechterhalten. Sie war einfach da. In Franken galt ihr Bemühen, eine gesunde, tierfreundliche Landwirtschaft als ökologische Einheit ins Leben zu rufen und einen „Gottesacker“ zu schaffen, den Friedhof auf Gut Schönhof, eine Begegnungsstätte zwischen Diesseits und Jenseits, die Erlösung schenkt. Genauso ging es mit vielen Initiativen vorwärts, wenn wir an die inzwischen zurückerhaltene Friedensstadt (1994) denken, in der Schwerpunkte der Arbeit gesetzt wurden und die soziale Strecke ihren festen Platz hat.

Immer ging und geht es um eine Gemeinschaft, die glaubensstark, einander beistehend Frieden stiftet, der im Herzen seinen Anfang hat. Es geht um ein freundschaftliches Verstehen, um gemeinsam mit der Führung der Kirche Anstehendes zu bewegen. Immer ging und geht es darum, das hochzuhalten, was die Lehre Joseph Weißenbergs ausmacht, wenn wir zum Beispiel nur einmal an das Sakrament der geistigen Heilung denken oder auch, was gemeinschaftliches Erleben uns schenken möchte. Auch die Gebetserfahrung wird stets zu einem neuen Erleben werden, wenn es denn ein Zwiegespräch mit Gott ist. Glauben ist kein Haben, dafür gilt es im täglichen Gebet und Tun einzustehen, ein Beispiel zu geben und zu lauschen, was mir meine geistige Führung sagt. Mit all dem, was mich bewegt, soll ich im Gespräch mit dem anderen bleiben. Der Herr segnet uns, dass wir zu einem Segen werden. Auch das Vorbild von Schwester Friedchen hat uns immer wieder dazu ermuntert, mit allen Kameraden hier und im Jenseits zusammenzustehen.

Eine Frage an sie bei einem Interview, was sie sich vom Wirken Joseph Weißenbergs als Beispiel genommen hat, beantwortete sie so: „Er hat es verstanden, seine Mitarbeiter in der Kirche und in der Siedlung (Friedensstadt) für die Arbeit so zu begeistern, dass sie freudig, freiwillig und gern bei ihm arbeiteten. Das habe ich mir zum Vorbild genommen.“ Für all das ist Danke zu sagen und ihre Arbeit weiter mit Leben zu füllen.

Jahreslosung 2020: Gott vertrauen – „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Von Siegrun Mauske

Eine Geschichte, die zu Gottvertrauen aufruft, das gleichermaßen den Gemeinschaftsgeist und auch das Verantwortungsgefühl für das Anvertraute befördern kann, wird uns im Markus-Evangelium, Kapitel 9, beschrieben. Hier stoßen wir auf einen Satz, der zum Nachdenken auffordert, der uns etwas zu sagen hat, gerade in dieser gegensätzlichen Aussage: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Das ist auch die Jahreslosung 2020, die durch das Jahr trägt und uns immer wieder beiseite nimmt. Das sind wichtige Anliegen auch in unserer Zeit. In dem Kapitel der Bibel wird erzählt, wie Jesus einen Jungen heilt. Der Junge wird von dämonischen Mächten geplagt und zu Boden geworfen. Niemand kann ihn heilen, auch die Jünger nicht. Dann wendet sich der Vater des Jungen an Jesus und bittet diesen um Hilfe. Er hat wenig Hoffnung und sagt: „Kannst du aber was, so erbarme dich unser und hilf uns.“ Jesus erklärt, dass „alle Dinge dem möglich sind, der da glaubt“. Daraufhin gesteht der Vater seine Zweifel und sagt diesen Satz: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Jesus handelt und befreit den Jungen von seinem Übel.

In der Geschichte steckt die Aufforderung, sich mit Gott auf den Weg zu begeben, denn Glaube richtet auf, macht mutig, stark und tröstet. Aber den Glauben hat man nicht einfach, auch nicht automatisch beim Kirchgang. Glaube ist ein Geschenk, kein „Haben“, es ist etwas dafür zu tun und der Glaube will immer wieder neu mitten im Alltag erlebt und gestärkt werden. Glauben können ist Gnade, heißt vertrauen und ist erlebte Kraft. Es ist ein Fürwahrhalten all dessen, was man nicht sehen und erklären kann. Das heißt: Wir hoffen darauf, dass Gott mitgeht zu allen Zeiten, auch wenn uns Fragen und Zweifel bedrängen. In uns rumoren ja öfter Gedanken wie: Warum sind wir so unruhig und besorgt? Wo ist Gott, wo bleibt das Gottvertrauen? Wenn es darauf ankommt, verlieren wir oft den Boden unter den Füßen. Dabei haben wir doch schon oft Gottes Nähe und Hilfe erlebt. Da taten sich neue Wege auf, Heilungen für Leib und Seele, für unser Miteinander. Ja, wir wissen uns in Gottes Hand, dennoch geschieht es immer wieder, dass uns etwas von der Kraft des Glaubens trennt.

Da gibt es die anschauliche Geschichte, wie es mit Glauben, Zweifeln und Vertrauenkönnen aussieht. Da ist ein Mensch, der oft mit Gott hadert, ihm schon vielfach versprochen hat, sich zu ändern und es mit den Glaubensdingen ernster zu nehmen. Als er eines Tages unterwegs ist, stolpert und sich einem Abgrund gegenübersieht, kann er sich gerade noch an einem Ast festhalten. Da barmt er wieder in seiner Not, was schon oft versprochen war: „Hilf mir Gott, ich werde mich ändern.“ „Dir kann man schwer glauben“, so Gottes Antwort. „Doch bestimmt diesmal.“ Gott spricht: „Lass los, ich werde dich auffangen.“ Seine Antwort: „Ich bin doch nicht verrückt.“ Diese Haltung kennen wir, wenn der Verstand etwas anderes sagt als das Gewissen, das Vertrauen zu Gott. Vertrauen schließt ein, sich zu trauen und auch loslassen zu können.

Das erging bereits den Menschen so, die mit Jesus unterwegs waren. Unglaubliches hatten sie mit ihm erlebt, doch oft machte sich schon bei der nächsten Herausforderung große Hilflosigkeit breit. Der Vater in Markus’ Erzählung erreicht in seinem verzweifelten Schrei genau diesen Punkt: Er gesteht sich ein, dass er aus eigener Kraft nichts tun kann, noch nicht einmal mehr glauben. Er erkennt, dass nicht nur sein Sohn der Hilfe bedarf, sondern auch er selber. „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Diese scheinbar widersprüchliche Aussage, dieses Gefühl taucht in solchen Momenten auf, und Vertrauen und Zweifel stehen sich gegenüber. Es zeigt die innere Zerrissenheit. Der Vater in diesem Beispiel erkennt die eigene Not, das eigene Unvermögen und sieht in Jesus den, der ihm noch helfen kann. Zwischen Glauben und Unglauben steht die Bitte: Hilf mir! Jesus benennt die Situation: „O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? wie lange soll ich euch tragen?“ „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Der Vater wagt diesen Sprung des Glaubens im Vertrauen darauf, dass Jesus ihn auffängt. Es meint einen Glauben, der seine Kraft nie aus sich selber bezieht. Glaube bedeutet loslassen, sich Gott anvertrauen, manchmal entgegen aller scheinbaren Vernunft und Logik. Losgehen, sich fallenlassen in seine Arme, in sein Führen. Das ist die Brücke von „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Dabei kommt einem die Bitte der Jünger von einst in den Sinn, um die Verbindung zu Gottes Kraft wieder herzustellen, um die Lücke, die der Zweifel aufreißt, zu schließen. Es ist der Graben zwischen Vertrauen und Zweifeln, zwischen Kämpfen und Aufgeben, zwischen Verzagen und Hoffen. Darum die Bitte: „Herr, lehre uns beten!“ Es geht um dieses Bedürfnis, diese Herzenshaltung, dieses Ringen und Flehen, um jenes Gespräch mit dem himmlischen Vater. Wir wissen, durch rechtes Beten können Wunder erreicht werden. „Halte mich, Gott, ich lasse los!“ Das ist Suche und Bitte zugleich nach einer Lösung, nach einem neuen Anfang von einem jeden.

Zum Heimgang von Kirchenoberhaupt Josephine Müller: Bescheidenheit, Mut und Konsequenz prägten ihr Wirken im Werk Joseph Weißenbergs

Von Rainer Gerhardt und Detlef Nagel

„Kirche ist das, was der Einzelne ausstrahlt, inwieweit der Einzelne Gott durch sich wirken lässt.“ „Möchte das einfache, unkomplizierte, liebevolle Handeln unsere treibende Kraft sein.“

Mit Worten wie diesen, die ihrem gelebten Vorbild entsprachen, hat sich Schwester Josephine Achtung, Vertrauen und Zuneigung weit über den Kreis der Mitglieder der Johannischen Kirche hinaus erworben.

In ihrem lebenslangen Wirken für das christliche Werk Joseph Weißenbergs bleibt eine Ära besonders im Gedächtnis: der 25-jährige Wiederaufbau der Friedensstadt von 1994 bis 2019.

Die Bemühungen um die Rückgabe der einst von den Nationalsozialisten enteigneten und später von der Roten Armee besetzten Siedlung Joseph Weißenbergs nahmen unter der Leitung ihrer Mutter Frieda Müller gleich nach Kriegsende ihren Anfang. Jedoch machten es erst die Wende in Deutschland 1989/1990 und die staatliche Einheit möglich, dass sich die Worte des Meisters erfüllen konnten: „Wir bekommen alles wieder ...“

Die Rückgabe der Friedensstadt ist vor allem mit zwei Daten verknüpft: 29.3.1994 und 14.6.1994.

Am 29. März 1994 verabschiedeten sich die russischen Truppen in der Friedensstadt mit großem militärischem Zeremoniell. – Vor Beginn der Feierlichkeiten versammelte sich Schwester Josephine mit Predigern und Kirchenmitgliedern in der Kirche des Waldfriedens vor der Büste Joseph Weißenbergs, um gemeinsam zu beten. Zuvor sprach sie folgende Worte:

„Zum Einzug in die Friedensstadt möchten wir am heutigen Tag unserem Herrn und Meister danken, wenn wir erneut den Schlüssel für die Friedensstadt in Empfang nehmen dürfen.

Lieber Meister! Wir bitten Dich: Schenke uns Kraft aus der Höhe und segne unser Tun für die kommenden Aufgaben, um die ersten Schritte in Deine Friedensstadt mit Zuversicht und Freude, Ausdauer und Geduld im Glauben gemeinsam mit unseren geistigen Freunden gehen zu dürfen. Möchten wir sehende Augen bekommen für die Nöte der Menschheit und Gefahren erkennen und abwehren lernen, schon im Ansatz. Möchte uns recht bewusst werden, dass Dein Geschenk der Friedensstadt uns die letzte Chance bietet, auf Gott unser Leben auszurichten, und die für uns, und damit für die gesamte Menschheit, eine Entscheidung abverlangt, die die Umkehr oder den Untergang dieses Sterns zur Folge hat.

Möchte der himmlische Friede, der auch den Weltfrieden miteinbezieht, durch unsere Nächstenliebe auf die Erde gezogen werden können, indem wir Dein teuerstes Gut, Deine Friedensstadt, verwalten lernen im Sinne Gottes, ohne egoistisches Gedankengut, nur in dem einen Gedanken: vom Ich zum Wir zu kommen, Dein Kind sein zu wollen, das sich nur von Deiner Liebe führen lassen möchte und von nichts anderem, was Trennung schafft, dass wir nicht Deinem Heils- und Erlösungsgeschehen im Wege stehen, sondern Freundschaften in Deinem Geiste aufbauen helfen, die über das irdische Leben hinweg Gültigkeit haben ins Jenseits hinein, dass es einmal dazu kommen darf, dass es werde: Ein Hirt und eine Herde!“ –

Zum Abschluss der offiziellen Feierlichkeiten übergab der russische Generalleutnant Wjatscheslaw Zwetkow Schwester Josephine das Garnisonsgelände symbolisch in Form eines Schlüssels. Er sagte dabei: „Gestatten Sie mir, dass ich den Schlüssel unserer Kaserne in Ihre heiligen Hände übergebe.“

Über die zukünftigen Aufgaben der Friedensstadt äußerte Schwester Josephine: „Die Hoffnung ist, dass sich in der Friedensstadt Weißenberg in der Gemeinschaft vieler Menschen, die guten Willens sind, und unter Ein­beziehung heutiger Erkenntnisse Lösungen für drängende Fragen und Probleme der Menschen erarbeiten lassen. Friedensstadt soll Hilfe sein zur Genesung einer kranken Welt. Ein­richtungen mit Kurcharakter mögen der Besinnung auf die Werte des Lebens dienen. Arbeit, die im Dienst am Nächsten verrichtet wird, vermittelt Freude und Kraft. Über dieser Stadt steht das Wort: ,Friede dem, der kommt, Freude, dem der hier verweilt, Segen dem, der weiterzieht.‘„ –

Am 14. Juni 1994 setzte Schwester Josephine ihre Unterschrift unter das Übergabeprotokoll, das die Rückgabe des Siedlungsgeländes durch das Bundesvermögensamt regelte. Damit war die Friedensstadt juristisch wieder Eigentum der Johannischen Kirche. Ein Vertreter des Bundesvermögensamtes sagte anlässlich der Übergabe: „Wir können froh darüber sein, dass das, was früher einmal als Friedensstadt geplant war, was durch Naziterror kurzfristig aber nachhaltig zerstört wurde, in Zukunft wieder eine Friedensstadt werden kann.“

Schwester Josephine hat den Wiederaufbau der Friedensstadt im Großen wie im Kleinen vorangetrieben und begleitet. Dabei hat ihr besonderes Augenmerk auf den Menschen, aber auch auf den Tieren und der gesamten Schöpfung Gottes gelegen. Intensiv förderte sie die Zusammenarbeit mit den Gemeinden der Kirche sowie mit Einrichtungen des St.-Michaels-Heims, das einst „Schlüssel zur Friedensstadt“ genannt wurde.

Ein weiterer Schlüssel für die Friedensstadt ist für Schwester Josephine die von Geschwistern der Urgemeinde gelebte Freundschaft zu russischen Offizieren der Garnison Glau gewesen. Durch diese freundschaftlichen Kontakte waren überhaupt erst Besuche von Schwester Friedchen und Schwester Josephine in der Friedensstadt möglich, und die dort von ihnen gesprochenen Gebete durften durch Gottes Gnade viel bewegen.

Auf den Tag genau 25 Jahre nachdem das Gelände der Garnison Glau durch Vertreter der Russischen Armee an die Johannische Kirche zurückgegeben worden war, pflanzte Schwester Josephine am Freitag, dem 29. März 2019, in der Friedensstadt zum Dank für die Rückgabe und anlässlich des Jubiläums vor dem Frieda-Müller-Haus eine Birke am Standort des ehemaligen Ehrenmals der Garnison. Sie sagte dabei unter anderem:

„Dank unserem Meister, der seine Friedensstadt auch in dunklen Zeiten immer geführt hat und auch während der Besatzungszeit durch die sowjetische Garnison einen Schutz über sie legte, weil sie dadurch unantastbar blieb. Möchte diese Birke als ein Zeichen für unsere freundschaftliche Verbundenheit zum russischen Volk stehen.“

Neben allen anderen vielfältigen Arbeitsfeldern unter dem Dach der Johannischen Kirche hat sich Schwester Josephine auch sehr um Gut Schönhof bemüht. Ihre Liebe und Fürsorge, ihre fürbittenden Gebete galten den dortigen Menschen und Tieren und der gesamten Schöpfung wie Feldern, Äckern, Gewässern und Pflanzen. Schon im Jahr 1985 rief sie die Prediger für ein Wochenende zum Schönhof, um einen Arbeitseinsatz durchzuführen. Verschiedene nachwachsende Bäume wurden umgepflanzt. Während das „starke Geschlecht“ sich um die größten Exemplare bemühte, auch, um sich gegenseitig kräftemessend zu beweisen, kümmerte sie sich hauptsächlich um die kleinen, scheinbar schwächsten Gewächse. In ihrer Arbeitsmontur scheute sie sich nicht, in der Erde auch mit den Händen herumzugraben, um selbst die kleinsten Bäumchen nicht eingehen zu lassen. Heute gibt es jährlich dieses Arbeitswochenende der Prediger auf dem Hof. Schwester Josephine war immer gern mit dabei und verrichtete die verschiedensten handwerklichen Arbeiten.

Die Tiere lagen ihr sehr am Herzen, so dass sie sich nicht nur bei ihren Aufenthalten nach dem Wohl der Tiere erkundigte und selbst Vorschläge zu Verbesserungen machte, sondern sich darüber hinaus auch von Berlin aus besonders um schwache und kranke Tiere bemühte, indem sie intensive Telefongespräche mit den Mitarbeitern führte.

In der von Schwester Josephine mitformulierten und autorisierten Präambel für Gut Schönhof aus dem Jahr 2001 heißt es unter anderem: „Das Ziel ist, durch natürliche, ökologische Arbeits- und Herstellungsweisen Produkte zu erzeugen, die zur Gesundung der Menschen führen. Dazu gehört auch, dass die Schöpfung bewahrt wird und die Tiere als Helfer und Freunde der Menschen gesehen werden.“ „Nur durch gemeinsames Beten und Arbeiten der Mitarbeiter und Freunde von Gut Schönhof und im Erforschen des göttlich-geistigen Naturgesetzes wird der Weg zur natürlichen Heil- und Lebensweise, zur Heilung durch Heiligung beschritten.“

In ihrer Liebe zum gesamten Hof schrieb Schwester Josephine mehrere aufmunternde Briefe an alle. Zu einem Jahresanfang äußerte sie folgende Bitte: „Möchte der Meister sein Werk weiterhin segnen, die Tiere und alle Kreatur schützen und in uns dankbare Mitarbeiter vorfinden, die lhm und dem Werk in Frieden dienen.“