Ein Brief Joseph Weißenbergs aus dem Jahr 1905

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Ja, meine lieben Geschwister, nicht bloß leere Phrasen möchte ich euch geben, sondern ernste und liebevolle Ermahnungen, zu kämpfen gegen alle unreinen Begierden der Liebe zu Gott und den Menschen.

Nach den vielen Erfahrungen, die ich und tausend andere schon gemacht haben und von denen der geistig Geweckte fest überzeugt ist, hat jeder Mensch eine unsterbliche Seele, die in Verbindung mit dem Nervengeist den Körper beherrscht und eine ätherähnliche Substanz ist, die den Körper durchdringt wie Wasser den Schwamm.

Wie sich jedoch der Körper eines Kindes erst zu größeren Fähigkeiten entwickelt, so entwickelt sich auch die Seele, um die in ihr schlummernden Kräfte richtig gebrauchen zu können. Da aber der Mensch in Bezug auf seine Gedanken und sein Wollen freien Willen hat, so kann er die Richtung selbst bestimmen, nach welcher er sich ausbilden will. Je mehr Ernst und Eifer er hat, desto mehr wird er Meister in seinem Fach.

Kommen Versuchungen, und er gibt sich einer Leidenschaft willenlos hin, so wird dieselbe immer stärker, bis sie seiner Herr ist und den Körper und die Seele zu Grunde richtet. Bekämpft aber der Mensch jede Leidenschaft und strebt nur nach Gutem, nach Liebe und Wahrheit, so wird er immer zufriedener, glücklicher und gottähnlicher werden. Die Seele wird endlich Meister höherer Kräfte und Fähigkeiten. Eine ganz reine Seele ist ein lebendiger Spiegel, in dem sich alles klar abspiegelt, was sie wissen will. Daher auch die Viel- oder Allwissenheit Christi und anderer, gottähnlicher Menschen.

Der Mensch ist ein lebendiger Filtrierapparat. Von dem, was er isst und trinkt, bleiben diejenigen Substanzen in ihm, die derjenigen Eigenschaft, Tugend oder Untugend, entsprechen, die ihn noch am meisten beherrscht. Der Körper ohne die Seele wäre tot; nur die Seele fühlt, sieht, riecht und so weiter durch die äußeren Sinneswerkzeuge. In unvollkommenem Zustande fühlt sie die üblen Folgen einer Leidenschaft nach des Leibes Tode viel mehr als zuvor; wohingegen jene Seele, deren ganzes Streben Vollkommenheit und Gottähnlichkeit war, ein viel höheres Glücksgefühl in sich spürt, wenn sie von ihrem Fleische getrennt ist.

Zornige Seelen fühlen nach dem Tode eine schreckliche Hitze, lieblose eine ebensolche Kälte. Hochmütige sehen vor sich riesige Berge, die sie übersteigen müssen. Schlechte und Sinnliche sehen sich in tiefstem Schmutz und Morast, aus dem sie nicht mehr herauskommen können. Träge und Denkfaule fühlen eine schreckliche Müdigkeit, Mörder und Selbstmörder sehen sich als Totengerippe oder in Tiergestalt. 

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