Liebe Geschwister, liebe Gäste und Freunde,
wir kommen zusammen, um unsere Kirche und Gemeinschaft, unsere Geschichte und unseren Geburtstag zu feiern. Die Johannische Kirche wird 100 Jahre!
Wir möchten unsere Gläser erheben und uns freuen, an diesem Jubiläum Anteil haben zu dürfen und dem Jubiläum durch unser Dasein eine Besonderheit zu verleihen. Nicht zufällig erheben wir jetzt gemeinsam unser Glas. Wir alle sind ein Teil der Gemeinschaft, der Geschichte: der vergangenen und der, die noch geschrieben wird. Herzlichen Glückwunsch und zum Wohl!
Was bedeutet uns ein solcher Geburtstag? Was bedeutet es einem jeden und einer jeden von uns persönlich, Anteil am Geschehen dieses Jubiläums nehmen zu können? Was drücken wir als eine Stimme der Johannischen Kirche aus? Nehmen wir wahr, dass wir vom Geist Gottes bewegt werden? Werden wir innerlich von den Himmelskräften im Herzen erreicht? Oder ist Müdigkeit, Hoffnungslosigkeit, Traurigkeit in uns groß geworden? Wenn ja, dann soll diese Jubiläums-Feierlichkeit uns die Möglichkeit geben, wieder neu miteinander zu arbeiten, uns einander kennenzulernen und zu reifen, uns miteinander zu freuen.
Unser Meister Joseph Weißenberg ließ an das Heilinstitut den Spruch schreiben: Zwei Lebensstützen brechen nie, Gebet und Arbeit heißen sie. Gleich werden wir ein Gebet sprechen und darin unseren Dank ausdrücken, dass wir eine Heimat haben, in der wir unseren Glauben leben, ihn erfahren oder ihn erneuern und reifen lassen dürfen.
Alle Vor- und Nachbereitungen und die Durchführung solcher Geburtstagsfeierlichkeiten bringen viele Menschen zusammen, die anderen wiederum Freude bereiten möchten. Diese Arbeit ist herausfordernd, aber schenkt neue Möglichkeiten.
Nun wird durch ein Jubiläum nicht alles leichter, und nicht alle Menschen können zueinander finden. Aber es ist wieder eine Möglichkeit, bewusst darauf zu achten, dass dies bei uns geschehen darf. Wir könnten uns damit zufriedengeben, uns gedanklich und räumlich voneinander zu entfernen – und uns dann wundern, dass die Welt immer wieder in Kampf und Streit ausbricht. Nein! Anders handeln zu wollen, ist unsere Aufgabe. Dazu helfen Anlässe wie dieses Jubiläum, bei dem wir miteinander arbeiten, feiern und in die Zukunft blicken – optimistisch in die Zukunft blicken: glaubensfroh und glaubensvoll.
Die Friedensstadt möge ein Ort sein, wie viele andere Orte auf dieser Erde auch: Ein Ort, in dem Menschen sind, die Gotteskraft in sich spüren und mit dieser tätig werden, in dem am Frieden gearbeitet und dieser gelebt wird. Warum wollen wir das? Weil wir daran glauben und es spüren, dass Gott in allen Menschen ruht und wir alle von ihm geliebt und gesehen sind.
Wie feiert man einen 100. Geburtstag würdig?
Die Geschichte der Johannischen Kirche spiegelt einen Teil der Geschichte unseres Landes und der Welt wider. Die damalige Kirchengründung war in politisch turbulenten Jahren getrieben durch Uneinigkeit und Auseinandersetzung, vor allem in Glaubensfragen.
Mit großer Euphorie sind Menschen Joseph Weißenberg gefolgt und haben davon berichtet, wie sie für den Glauben an Gott neu begeistert wurden. Ihr Glaube wurde belebt, praktisch belebt durch das, was Joseph Weißenberg vorgelebt, gelehrt und aufgebaut hat. Nach einer ersten Aufbauzeit, Schaffung von Strukturen, Gründung von Gemeinden, nach ersten Jahren der Wortverkündigung, wurde der Nationalsozialismus in Deutschland groß, auch bei Anhängern und Mitgliedern der Evangelisch-Johannischen Kirche.
Joseph Weißenberg wandte sich ab 1934 an die Regierenden und ermahnte sie zur Umkehr und Hinwendung zu Gott. Im Folgejahr wurde die Kirche bis Kriegsende 1945 verboten und ihr Eigentum enteignet. Ab 1946 konnte die Kirche neu aufgebaut werden, und das soziale und praktische Wirken wurde wieder an unterschiedlichen Orten aufgenommen. Leider nicht mehr in der Friedensstadt, die für viele Jahrzehnte verschlossen blieb. Es erfolgte die Trennung der Kirche in Ost und West, und durch den Mauerbau wurde dieser Zustand zementiert. Wie vieles andere in Deutschland, was eigentlich zusammengehörte, mussten die Menschen in Ost und West den Weltgeschicken folgen.
Welch eine Freude damals wie heute, dass die Wiedervereinigung unseres Landes wahr werden durfte. Jetzt wurden zwei gewachsene Strukturen der Kirche zusammengeführt, die Jahrzehnte mit jeweils anderen Rahmenbedingungen für sich funktionieren mussten. Es gelang gut, dass sich die Mitglieder der Kirche ohne große Vorurteile zu einer Gemeinschaft formten. Dass sich die Menschen wertschätzend und auf Augenhöhe begegnen konnten, lag vor allem an der praktischen Aufgabe Friedensstadt. In der Friedensstadt lebten rund 50 Jahre Menschen aus anderen Kontinenten und Ländern, mit anderen Sprachen und anderen Gebräuchen. 1994 durfte die Friedensstadt wieder durch die Mitglieder der Johannischen Kirche belebt werden. Die Vision Joseph Weißenbergs von einer Stadt des Friedens konnte erneut belebt werden.
Was alles in den 100 Jahren passiert ist, an ganz persönlichen Dingen, die jeder von uns erlebt hat oder von den Menschen, die schon heimgegangen sind, ist unvorstellbar vielfältig, erschütternd, traurig, herzzerreißend sowie begeisternd, freudebringend und berührend.
Alle Gefühle, die wir als Mensch empfinden können, finden sich in diesen 100 Jahren innerhalb unserer Kirchengeschichte und der Gemeinschaft, die diese ausmacht, wieder.
Die Johannische Kirche möchte auch zukünftig ein Zuhause sein für alle Menschen, die sich unter Gottes Schutz und Segen wiederfinden möchten. Das bedeutet, den Nächsten und die Nächste zu lieben. Damit leben wir die Botschaft Jesu Christi: Liebe deinen Nächsten, liebe deine Feinde.


















