"Tausend Worte ergeben noch keine Tat"

Am 7. Februar jedes Jahres jährt sich der Geburtstag Frieda Müllers, bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 Oberhaupt der Johannischen Kirche

Frieda Müller
Frieda Müller (7.2.1911 - 10.6.2001) - Oberhaupt der Johannischen Kirche

"Tausend Worte ergeben noch keine Tat." Mit diesem Lebensmotto machte Frieda Müller deutlich, dass nicht Reden, sondern Handeln zählt. Mit ihrem Eintreten für Mitmenschlichkeit, Religionsfreiheit und Toleranz erwarb sich die am 7. Februar 1911 in Berlin geborene Tochter des Gründers der Johannischen Kirche Joseph Weißenberg (1855-1941) weit über den Kreis der Mitglieder und Glaubensfreunde der Johannischen Kirche hinaus Anerkennung, Respekt und Sympathie.

Am 7. Februar jedes Jahres jährt sich der Geburtstag Frieda Müllers, vom 28. April 1932 bis zu ihrem Tod am 10. Juni 2001 Oberhaupt der Johannischen Kirche.

Zu ihren unübersehbaren und bleibenden Lebensleistungen gehören der Wiederaufbau der Johannischen Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die Errichtung eines sozialen Werkes, das Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen einmal als "Synonym für Mitmenschlichkeit" bezeichnete. Sie sah ihr Amt als Kirchenoberhaupt auch immer als das der dienenden Seelsorgerin, und in ihren Sprechstunden kamen im Laufe der Jahrzehnte Tausende, die Trost und Ausrichtung suchten und fanden.

In den Jahren der deutschen Teilung bewahrte sie unermüdlich die Einheit der Johannischen Kirche. Ihrem Eintreten ist es zu verdanken, dass trotz der Trennung durch Mauer und Stacheldraht alle kirchlichen und sozialen Arbeitskreise zusammenarbeiteten und die privaten Kontakte der Kirchenmitglieder beständig zunahmen. Mit Vertretern anderer Glaubensrichtungen und Weltanschauungen pflegte sie einen offenen und ehrlichen Kontakt, und ihr Berliner Temperament, ihr Humor aber auch ihre Geradlinigkeit hinterließen großen Eindruck. Dank dieses Wirkens ist die Johannische Kirche heute eine aufgeschlossene, tolerante Gemeinschaft mit großem sozialem Engagement.

Frieda Müller stellte ihr Leben schon frühzeitig in den Dienst am Mitmenschen, der aus ihrer Sicht immer der christliche Nächste war. An der Seite Joseph Weißenbergs lernte sie schon in jungen Jahren in den Arbeiterbezirken des Berliner Nordens die vielfältigsten seelischen und sozialen Nöte kennen. Sie wurde Joseph Weißenbergs engste Mitarbeiterin und unterstützte seine religiöse Reformbewegung, die 1926 zur Gründung der Johannischen Kirche führte. Darüber hinaus förderte sie sein Siedlungsprojekt "Friedensstadt": Seit 1920 wurde 30 Kilometer südlich von Berlin die damals größte Privatsiedlung Deutschlands errichtet, und in nur 15 Jahren entstand eine neue Heimat für 500 Menschen.

1932 wurde Frieda Müller zum Oberhaupt der Johannischen Kirche berufen

1932 berief Joseph Weißenberg seine Tochter zu seiner Nachfolgerin. Nur drei Jahre später wurde die Johannische Kirche vom NS-Regime verboten und ihr Vermögen beschlagnahmt. In die Friedensstadt zog die SS ein und vertrieb die Bewohner. Joseph Weißenberg wurde im Alter von 80 Jahren verhaftet und zu Zuchthausstrafen verurteilt. Frieda Müller wurde in diesem Zusammenhang wiederholt verhaftet und von der Gestapo vernommen.

Im Sommer 1935 wurde sie aus der Mark Brandenburg ausgewiesen und gezwungen, nach Eldena in Pommern zu ziehen, wo sie unter Gestapo-Aufsicht stand. Da sie keine Stellung annehmen durfte, meldete sie sich zum weiblichen Arbeitsdienst. Die Gestapo erlaubte ihr später, eine Ausbildung für Heilmassage an der Universitätsklinik in Berlin zu absolvieren. Dort legte sie im Jahre 1939 ihr Staatsexamen ab. Danach durfte sie in diesem Beruf selbständig arbeiten, sie war darüber hinaus in der Krüppelfürsorge bei einem Arzt im Berliner Arbeiterviertel Wedding tätig.

Als Rote-Kreuz-Schwester widmete sie in den folgenden Kriegsjahren einen großen Teil der freien Zeit der Versorgung und Betreuung der in Berlin ankommenden Verwundeten-Transporte.

Den anderen Teil der freien Zeit verwendete Frieda Müller zur Aufrechterhaltung des Kontaktes zu den Gliedern und Gemeinden der verbotenen Johannischen Kirche. Trotz polizeilicher Überwachung hielt sie die Verbindung zu den Amtsträgern und Gemeinden, taufte, konfirmierte und traute, und war vielen Menschen in der Zeit des Krieges und der Not Halt und Trost. Sie besuchte wann immer es ging Joseph Weißenberg in Schlesien, wohin er nach Verbüßung der Zuchthausstrafe verbannt wurde. So war sie in seinen letzten Lebenstagen bei ihm und empfing sein Vermächtnis: "Haltet den Glauben hoch!"

Unmittelbar nach Kriegsende begann Frieda Müller den Wiederaufbau der Johannischen Kirche buchstäblich aus dem Nichts heraus. Die "Friedensstadt" war inzwischen von der Sowjetischen Armee besetzt worden, und die Kirche verfügte weder über eigene Räume noch über finanzielle Mittel. Besonders erschwert war der Neuanfang dadurch, dass sich ein großer Teil der Johannischen Gemeinden in den deutschen Ostprovinzen befunden hatte, die nun von der Vertreibung betroffen waren. Frieda Müller erwirkte in zahllosen Verhandlungen mit den Besatzungsmächten die Wiederzulassung der Kirche in den einzelnen Besatzungszonen und den Sektoren Berlins. In unermüdlichem Einsatz hat sie in Berlin, in der Bundesrepublik und in der DDR die Kirchengemeinden wieder gegründet und das Gemeindeleben organisatorisch und inhaltlich geprägt. Besonders am Herzen lag Frieda Müller die karitative Kirchenarbeit. Anknüpfend an das kirchlich-soziale Siedlungsprojekt Joseph Weißenbergs, gründete sie 1946 ein soziales Hilfswerk, aus dem 1954 das Johannische Aufbauwerk als Sozialwerk der Johannischen Kirche hervorging. Diese Organisation (seit 1990 "Johannisches Sozialwerk e.V.") hat in den Jahren seines Bestehens eine Vielzahl von Einrichtungen geschaffen, in denen Menschen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, Weltanschauung oder Nationalität Hilfe gewährt wird.

"Frieda Müller sagt, was sie denkt und handelt, wie sie spricht"

Schon Joseph Weißenberg forderte 1926 seine Anhänger zur "Überbrückung der Konfessionen durch die Liebe" auf. So suchte – und fand – Frieda Müller immer wieder einen Weg zu ihren Mitmenschen, auch wenn die äußeren Umstände eher das Gegenteil vermuten ließen. Das war zu Zeiten der DDR so, als sie sich intensiv um die Belange der Kirchenmitglieder im Osten kümmerte, und die dortigen Regierungsvertreter ihr nicht ihren Respekt versagten, weil "Frieda Müller sagt, was sie denkt und handelt, wie sie spricht". Mit Vertretern anderer Kirchen und Religionsgemeinschaften pflegten sie und ihre Mitarbeiter aufgeschlossene Kontakte.

In einem Alter, in dem andere ihren wohlverdienten Ruhestand genießen, zog Frieda Müller mit 65 Jahren von Berlin in die Fränkische Schweiz. Dort übernahm unter ihrer Leitung das Johannische Sozialwerk die Trägerschaft für ein familiengegliedertes Kleinstheim, ein Seniorenerholungsheim sowie einen Kindergarten. Darüber hinaus erwarb die Johannische Kirche in Waischenfeld-Eichenbirkig eine Landwirtschaft. Auf dem dortigen Gut Schönhof werden seit 35 Jahren Tiere artgerecht gehalten und hochwertige Feldfrüchte biologisch erzeugt. Mit der Rekonstruktion eines über 250 Jahre alten Wohn-Stall-Gebäudes, das jetzt als Landgasthof fungiert, leistete die Johannische Kirche einen anerkannten Beitrag zur Erhaltung der fränkischen Kulturlandschaft.

1976 hatte Bundespräsident Walter Scheel die besonderen Verdienste von Frieda Müller durch Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse, gewürdigt, das der seinerzeitige Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, überreichte. Auch der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband ehrte Frieda Müller durch seine höchste Auszeichnung, die goldene Ehrenplakette „für hervorragende soziale Arbeit“.

Wegweisend war auch ihr Verhältnis im Land Brandenburg zu den Vertretern der sowjetischen Garnison Glau, die auf den Flächen der 1920 gegründeten Siedlung Friedensstadt entstand. Nach 60 Jahren militärischer Fremdnutzung durch SS sowie Roter Armee erhielt die Johannische Kirche im Juni 1994 ihre Siedlung zurück. Dass sich die Übergabe so reibungslos vollzog, ist auf Frieda Müllers herzliches Verhältnis zu den militärischen Stellen zurückzuführen. Wenn sie die Soldaten der russischen Armee als Freunde bezeichnete, war das keine Floskel, sondern Ausdruck gelebter Mitmenschlichkeit.

1994 schloss sich für Frieda Müller mit der Rückgabe der Friedensstadt an die Johannische Kirche ein Lebenskreis. Einst von den Nationalsozialisten aus dem Lebenswerk ihres Vaters vertrieben, konnte sie nun bis zuletzt richtungsweisende Ratschläge geben, wobei sie das Augenmerk immer auf die unmittelbaren seelischen und materiellen Nöte der Menschen legte.

Vier Monate nach ihrem 90. Geburtstag verstarb Frieda Müller am 10. Juni 2001, in Gößweinstein. Kurz vorher erreichte sie am 8. Juni 2001 die Nachricht, dass die Johannische Kirche nach zehnjährigem Bemühen die Genehmigung zur Errichtung eines eigenen Friedhofes in der Fränkischen Schweiz erhalten hatte. Dieses Anliegen verfolgte Frieda Müller bis zu ihrem letzten Atemzug, und auf diesem neuen johannischen Gottesacker wurde sie – wie es immer ihr Wunsch war – am 16. Juni 2001 bestattet.